Unruhig im Ugdan-Hafen

Es war ein ganz gewöhnlicher Tag im Ugdan-Hafen von Ferdok. Hier, wo sich die Rakula in den Großen Fluss ergoss und die Reichsstraße VI endete, war die Grafenstadt gleich auf zweierlei Wegen mit der großen weiten Welt verbunden. Gelegen in der Mitte Aventuriens, kannte praktisch jeder den Namen der Stadt ob ihres Bieres, das das wohl berühmteste des ganzen Kontinents war.
Entsprechend herrschte geschäftiges Treiben. Angestellte der Handelshäuser trugen unablässig Waren zwischen Schiffen, Wagen und Kontoren. Bunt gemischtes Volk trieb sich im Hafen herum. Reiche Leute schritten ebenso an den Anlegestellen entlang wie zwielichtige Gestalten. Betrunkene taumelten ziellos durch die Gassen. Alles schien seinen gewohnten Gang zu laufen.
Nur eine Gestalt fiel ein wenig aus diesem Rahmen. Ein einzelner Zwerg stand an einem Kai, schaute auf den Fluss und seufzte tief, ohne dass es jemand anderes bemerkte. Das Leben um ihn herum ging weiter, aber er selbst stand still. Äußerlich schien er die meiste Zeit ruhig und gefasst, doch im Inneren war er tieftraurig. Sein Freund Ardo vom Eberstamm war ermordet worden! Und das kurz bevor er, Bengram Sohn des Borgrim, die Stadt erreicht hatte, um ihn endlich wiederzusehen!
Zum wiederholten Mal machte er sich Vorwürfe und fragte sich: War es ein Fehler gewesen, über den Avesweg statt der Ferdoker Landstraße anzureisen? Hätte er nicht früher ankommen können? Nein, gestand er sich ein, es wäre ohnehin alles gesperrt gewesen wegen der Mordserie, welche derzeit Ferdok erschütterte.
Der Stadtteil, der als Grafenstadt bekannt war, war derzeit für gewöhnliche Leute wie ihn nicht zugänglich. Die Felsbeißer-Bruderschaft hatte kurzerhand das Zwergenviertel komplett abgeriegelt. Doch die Ermittlungen der Ferdoker Büttel liefen nur schleppend voran...
Der Prospektor bemerkte, wie sich seine Gedanken im Kreis bewegten. Er musste vorankommen! Doch was war sein nächster Schritt? Die große Stadt war nicht seine Welt.
Die Leute guckten ihn seltsam an mit seiner wetterfesten Kleidung und der geschulterten Armbrust. In Fuhrmannsheim wimmelte es nur so von Gaunern. Eine harmlos aussehende junge Menschenfrau in einfacher Kleidung wäre ihm fast zu nahe gekommen. Seine scharfen Sinne hatten ihm geholfen, sie rechtzeitig als Diebin zu erkennen!
Nach dieser Begegnung war er in den Ugdan-Hafen gegangen. Hier fiel er noch am wenigsten auf. Das schien ihm ein passender Ort für einen Angroscho zu sein, der viel unterwegs war. Unter anderem hatte er bereits einen Jägersmann durch die Straßen stapfen gesehen.
Er überlegte. Es war zu früh, um zu seiner Familie zurückzukehren. Am liebsten wollte er in die Natur ziehen, fern von all den Menschen. Das war die Umgebung, in der er sich auskannte!
Im Süden der Grafschaft Ferdok gab es eine Baronie namens Moorbrück. Der dortige Sumpf verhieß so manches Abenteuer. Der Prospektor strich sich durch den Bart und nickte sich selbst zu. Ja, das sollte er machen! Hier schien er vorerst alleine nichts ausrichten zu können. Aber am Lagerfeuer würde er auf seinen alten Freund trinken.