Der Tote mit dem Salm

Der Tote mit dem Salm
Deutliche Worte eines Advokaten zu einem ungeklärten Mord
ANGBAR, Peraine 1047 BF. Wie der KOSCH-KURIER in seiner letzten Ausgabe berichtete, kam es bei der Belagerung von Burg Bärenstieg zu einigen denkwürdigen Ereignissen; eines davon scheint nun auch Nachwirkungen bis nach Angbar zu haben.
Wie zu hören war, wurde in diversen Gasthäusern der Stadt besonders ein Artikel aus der letzten Ausgabe intensiv besprochen, nämlich jener über den noch ungeklärten Mord im Lager der fürstlichen Truppen. Dies war Grund genug für die Schriftleitung, einen ihrer Schreiber auszusenden, um der Sache nachzugehen.
Rasch stellte sich heraus, dass in über einem halben Dutzend Gaststätten an ebenso vielen Abenden der Advokatus Vitus von Wittenstein seine Einschätzungen zu dem Vorfall gut hörbar zum Besten gegeben hatte. Am folgenden Abend gelang es unserem Chronisten, rechtzeitig in der Taverne „Dickbarsch“ zu sein und den genannten Rechtsgelehrten zu befragen. Der Mittfünfziger geht seiner Profession hauptsächlich rund um den Angbarer Neumarkt nach. Er ist der Sohn des langjährigen Bürgermeisters von Rhôndur, Eckard von Wittenstein. Es war nicht schwer, ihn dazu zu bringen, seine Einschätzungen erneut kundzutun. Allerdings kommt der KOSCH-KURIER nicht umhin zu bemerken, dass jener dies in einer Lautstärke tat, bei der auch die Gäste an den umliegenden Tischen problemlos alles verstanden.
Vitus von Wittenstein bezog sich jedenfalls auf den gewaltsamen Tod des Hellebardenträgers Krumbold Auersheimer, eines Mitglieds der Auersbrücker Schwurschar, und äußerte sehr deutlich – mehrfach fiel das Wort „lächerlich“ –, dass er es für Unsinn halte, dass die Alttreuen hinter dem Mord stecken sollten. Auf Nachfrage, warum er dieser Ansicht sei, holte der Advokatus dann recht weit aus. Kern seiner Argumentation war, dass die Salminger gar keine Alttreuen seien und sich mit der Familie Nadoret – bekanntlich führende Mitglieder der Alttreuen – gar seit langer Zeit in Feindschaft befänden. Viel wahrscheinlicher wäre es doch wohl, dass jemand die Familie von Salmingen diskreditieren wolle – zum Beispiel wegen der Ernennung des neuen Rondrageweihten in Wengenholm.
Jedenfalls, so fuhr der Advokatus in Form von „Ratschlägen“ fort, müsse man sich die Sache noch einmal genauer ansehen. Das Ganze werfe alles andere als ein gutes Licht auf „diese Schwurscharen“. Der Tote sei eigentlich kein Opfer, sondern ein mieser Verbrecher, der mindestens in die Heisenbinge gehört hätte – schließlich habe er sich damit gebrüstet, immer wieder Adlige getötet zu haben. Ein endgültiger Beweis seiner Schlechtigkeit sei gewesen, dass er damit geprahlt habe, eine junge Knappin erschlagen zu haben.
Abschließend gab Vitus von Wittenstein die deutliche Empfehlung in Richtung des Grafen, sich doch „diese Schwurscharen“ einmal etwas genauer anzusehen. Es sei ernsthaft zu bezweifeln, dass es gut für den Frieden im Kosch ist, wenn eine solche Truppe nun auch noch Zugriff auf die Einnahmen einer ergiebigen Mine haben sollte.