Isnasotarer Stammtisch - Die Bundschänke
Die Bundschänke
Twergentrutz (Stadt) in der Sendschaft Twergentrutz, Ingerimm 1047 BF
Der Angroscho Murgrim fühlte sich elend und das hatte auch einen einfachen Grund. Schon fast den halben Tag lang hatte es ununterbrochen geschüttet und mittlerweile glaubte er sein ganzer Körper wäre von der Nässe durchgeweicht. Dabei hatte die Reise eigentlich gut begonnen. Gemeinsam mit dem jungen Gigrim Arnulf von Hartsteig war er von Sindelsaum aus auf die Reichsstraße bei Heimthal marschiert. Von dort aus war es weiter nach Efferd in Richtung Anpforten und so in Richtung des Greifenpass gegangen. Trotz Arnulfs Befürchtung hatte sie auf der Reichsstraße keine Zöllner belästigt und so waren Sie den Gebirgspass entlang gewandert. Trottweiher, die größte Ortschaft hatten sie durchquert dann an dem Bergdorf Kammhütten vorbei in Richtung des Weilers Passweiser. Hier hatte der Zwerg darauf bestanden sich einmal die Schänke der Stollen, mit der längsten Theke anzusehen. Von dort aus waren sie dann bei Passwacht in Richtung Firun nach Twergentrutz abgebogen.
Bis dahin hatte sich noch nicht gefehlt, die Anstiege waren zwar schweißtreibend und Murgrims Alter hatte ihm mehr zu schaffen gemacht, als er zugeben wollte, doch sie hatten trotzdem gut Strecke bereits hinter sich gebracht. Als sie doch dann nur noch einen halben Tagesmarsch von Twergentrutz entfernt waren, hatte sich der Himmel plötzlich zugezogen und dann regnete es unaufhörlich. Es war zwar kein eisiger, windgepeitschter Schauer, doch diese Gabe Efferds hatte dem Zwerg mittlerweile mehr zugesetzt als der bisherige Weg über Fels und Stein. Auch der Knappe war ziemlich durchnässt, ging aber stur weiter und deshalb konnte der Zwerg nicht nachlassen, „Wäre ja noch schöner wenn ein Mensch weiter geht und ein Sohn Angroschs zurückbleibt, wo kommen wir denn da hin.“ dachte er sich und stapfte entschlossen weiter.
Als sie dann endlich in Twergentrutz angekommen waren, war die Sonne immer noch hinter den dunklen Wolken verborgen, doch Murgrim war sich sicher, dass es mittlerweile Abend war. „Gibt es hier in der Siedlung einen Ort wo man sich aufwärmen und etwas zu essen bekommt?“ erkundigte er sich bei Arnulf und dieser nickte. „In der Nähe des Ingerimmtempels steht die Bundschänke. Hier haben wir schon öfter übernachtet, wenn wir das Trutzfest besucht haben.“ „Dann bring uns hin.“ meinte der Angroscho erfreut und gemeinsam schritten sie zu einem langgezogenen Gebäude aus Fachwerk, welches sehr zentral im Marktdorf stand. Auf dem hölzernen Schild außerhalb des Gebäudes erkannte Murgrim einen Bierkrug über dem ein Ifirnsweiß abgebildet war. „Das sieht ja gar nicht so schlecht aus.“ dachte sich der Angroscho und gemeinsam mit seinem Gefährten trat er ein.
Im Inneren des Gebäudes war bereits das Herdfeuer geschürt worden, so dass es beim dortigen Ofen angenehm warm war. Erfreut gingen Mensch und Angroscho dort hin um ihre nassen Sachen zu trocknen. In der mit Holz verkleideten Schankstube war noch nicht viel los. Murgrim bemerkte einen Tisch mit offensichtlich einheimischen Burschen in Arnulfs Alter, die gerade beim Bier würfelten. Am anderen Ende des Raumes saßen drei Zwerge beim Abendessen und schimpften wie er, über das Efferdwetter. Kurz nachdem sie ihre Sachen aufgehängt hatten, kam ihnen eine junge Schankmagd entgegen. „Seit willkommen Meister Angroscho und auch ihr junger Herr. Wir in der Bundschänke freuen uns euch hier begrüßen zu dürfen. Möchten die Herrschaften etwas zu trinken?“ Erfreut nickte Murgrim und meinte, „Zu etwas Warmen zu Essen würden wir auch nicht nein sagen.“ Die Magd lächelte nur und eilte gleich zurück in die Küche.
Langsam kehrte die Wärme zurück in Murgrims Glieder und nachdem er später den ersten Schluck aus seinem Bierkrug genommen hatte, ging es ihm schon wieder besser. Doch dann fiel ihm auf, dass die Burschen mit ihrem Würfelspiel aufgehört hatten und nun untereinander angeregt flüsterten und dann immer wieder auf ihren Tisch deuteten. Murgrim war erfahren genug um zu bemerken, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte und sah dann zu seinem Begleiter. Arnulf hatte seinen Umhang und sein Gambeson ausgezogen und trug oben nun lediglich noch den Wappenrock seiner Familie. „Kennt man euer Haus in der Gegend gut Arnulf?“ erkundigte sich Murgrim ohne die Runde am anderen Tisch aus den Augen zu lassen. „Naja, Großvater ist in der Gegend ziemlich bekannt. Aber der Rest von meiner Familie eher nicht. Warum fragt ihr?“ Doch es war schon zu spät.
Die Gruppe von Burschen hatte sich nun erhoben und war zu ihrem Tisch gegangen. „Sieh mal an,“ begann ihr Anführer ein stämmiger Kerl mit einem Wuschelkopf und einer ziemliche großen Zahnlücke, „was macht ein Hartsteiger hier in Twergentrutz?“ Überrascht sah ihn Arnulf an, doch bevor er antworten konnte, meinte ein weiterer der Burschen, „Solche wie der werden hier nicht bedient. Das ist Schwurbundgebiet. Adlige Schinder sind hier nicht willkommen.“ Murgrim spürte wie die Situation angespannt wurde und er meinte drauf hin, „Wir sind nur einfache Wanderer auf der Durchreise. Wir haben keinen Streit mit euch und wir wollen auch keinen Ärger.“ „Fresse Kurzer, wir reden mit dem Kerl hier!“ meinte der stämmige Bursche und baute sich vor Arnulf auf. „Verzieh dich dorthin wo du herkommst und sag deinem Opa er braucht sich hier gar nicht mehr blicken lassen. Nun erhob sich auch Arnulf, das Gesicht gerötet und er war fast einen halben Kopf größer als der Bursche vor ihm. Doch seine Freunde umringten ihn, so dass es sechs zu eins stand. Murgrim erhob sich auch und eilte zu Arnulf, „Komm Junge, wir sind hier wohl nicht willkommen. Sollen die doch unter sich trinken.“ Arnulf und der Bursche sahen sich einen Moment lang drohend gegenseitig an und nach diesem Blickwechsel, der für Murgrim eine halbe Ewigkeit dauerte, meinte der Knappe gepresst, „Ihr habt wohl Recht Meister Siebenrüb.“ Dann drehte er sich um und ging ruhig in Richtung des Angroscho.
„He Blaublütiger, ihr habt nicht ausgetrunken!“ erschallte es da hinter ihm und als sich Arnulf umdrehte, schüttete ihm einer der Burschen mit einer roten Knollnase, sein zuvor erworbenes Bier mitten ins Gesicht. Das war ein Fehler und Murgrim spürte sofort, dass dies ein großes Problem wurde. Einen Moment stand Arnulf noch still, während das gute Bier an ihm heruntertropfte. Dann erkannte der Zwerg wie sich die Halsschlagader des Knappen scharf abzeichnete, sein Kopf die Farbe einer Tomate annahm und in seinen Augen zahlreiche rote Äderchen hervortraten. Mit einem Brüllen, das Murgrim an einen wütenden Bären erinnerte, warf sich der Knappe auf die sechs Burschen und begann mit der Kraft eines Ogers auf diese einzuschlagen. Derjenige, der ihm das Bier ins Gesicht geschüttet hatte, sandte er mit einem mächtigen Schwinger quer durch den Raum, bevor er sich der Anderen annahm. Selbst ihre Überzahl schien ihn nicht mehr zu interessieren und wie von Sinnen prügelte er auf die Kerle ein. Wann auch immer einer aus der Twergentrutzer Gruppe einen Treffer landete, schien das den Knappe nicht wirklich zu stören und stattdessen wütete er umso mehr.
Murgrim hatte solch einen Wutanfall schon einmal gesehen, aber da war er noch Koch bei den Kor-Knaben gewesen. Unter den Zwergen war es bekannt als entflammte Lebensesse und die Menschen, vor allem die Thorwaler nannten dies Blutrausch oder Walwut. Dem Zwerg war sofort klar, dass dies furchtbare Konsequenzen für die Beteiligten haben konnte, wenn er den Knappen nicht bald wieder beruhigte. Eiligst wandte er sich an die anderen Angroschim im Raum, „Brüder zu Hilfe!“ Das ließen diese nicht zweimal sagen. Es handelte sich dabei um breitschultrige Erzzwerge, Minenarbeiter so wie es Murgrim einschätzen konnte. Zu Viert warfen sie sich hinterrücks auf den wütenden Arnulf und mit geballter Kraft gelang es ihnen, den jungen Hartsteiger von den Füßen zu reißen. Während zwei der Erzzwerge seine Arme am Boden fixierten und ein dritter seine Beine festhielt, nahm ihn Murgrim in den Schwitzkasten. Nun galt es das richtige Mittelmaß zu finden, denn einerseits musste der Angroscho ihm die Luft soweit abschnüren, dass seine Wut verrauchte, andererseits durfte er ihn auch nicht erwürgen.
Doch an diesem Tag war Angrosch mit ihm und nachdem er den Knappen eine kurze Zeit gewürgt und gleichzeitig gut zugeredet hatte, da kam langsam wieder Vernunft in seine Augen zurück. Schließlich antwortete ihm der junge Wengenholmer, indem er seinen Kopf nickte, als ihn Murgrim zum wohl zehnten Mal fragte, ob er ihn hören konnte. Vorsichtig löste der Angroscho seinen eisernen Griff und Arnulf konnte wieder Luft schnappen. Murgrim gab ihm ein paar Atemzüge und fragte dann, ob er sich wieder beruhigt hatte. „Ja.“ kam es von Arnulf schwach und der Zwerg löste seinen Griff um dessen Hals vollständig. Dann gab er seinen Mitstreiter ein Zeichen, so dass sie ihn ebenfalls wieder lösten. Arnulf setzte sich nun hin und meinte, „Ohje, so hab ich mich schon lange nicht mehr gehen lassen.“ Der Händler blickte in den Raum und seiner Meinung nach, ähnelte es hier einem richtigen Schlachtfeld. Tische und Stühle waren umgeworfen worden, Krüge rollten über den Boden und zwei der Twergentrutzer lagen, wohl ohnmächtig, am Boden.
Kurz darauf stürmte auch schon der Besitzer der Wirtschaft mit 10 kräftigen und bewaffneten Leuten im Schlepptau hier hinein. Er musste nach Verstärkung gesucht haben, kaum das die Schlägerei begonnen hatte, dachte Murgrim. Dann erblickte er bei Einem von ihnen das Zeichen der Ingerimmkirche auf dessen Schürze. Der Mensch war ein kräftiger Mann der Berge mit einem roten Bart, in dem man schon einige graue Strähnen sehen konnte. Er trug einen wuchtigen Hammer mit sich, schien aber wie der Rest auch erleichtert zu sein, dass er ihn hier nicht benutzen musste. „Väterchen,“ meinte der Angroscho rasch, „mein Freund hat sich nun wieder im Griff, die Situation hat sich aufgelöst.“ „Aufgelöst??“ fauchte ein etwas untersetzter, schon ein wenig älterer Mann neben diesem los. „Ihr habt meine Wirtschaft zertrümmert und zwei Leute bewusstlos, sowie vier Andere blutig geschlagen. Ich fordere Wehrgeld und ...“ „Beruhige dich Ettel Weitwurf, deine Version der Geschichte kenne ich schon. Jetzt will ich mal die der Reisenden hören.“ meinte der Geweihte streng. Murgrim war etwas erleichtert, denn es schien so, als würde dieser Mann noch immer die gute Koscher Art der Rechtsprechung wertschätzen. Daher erzählte er dem Mann alles was sich hier zugetragen hatte.
Nachdem er geendet hatte, seufzte der Mann, welcher sich als Uriel Flammbart vorgestellt hatte, hörbar auf. „Das alles wegen einer Angelegenheit, bei welcher dieser Hartsteiger nicht mal involviert war. Ihr seit doch alle Narren.“ Der Mann der sich Ettel nannte brummte ungehalten, „Kannst du den Jungs etwa einen Vorwurf machen? Es ist noch nicht mal einen Mond her, als ich die Nachricht vom Tod meines Bruders, Geldrichs Vater hier,“ und er zeigte auf den untersetzten Burschen mit der Zahnlücke, „erhalten habe. Gefallen bei einem Einsatz, den die Hartsteiger begonnen haben.“ Verwirrt sahen sowohl Arnulf als auch Murgrim zu den Geweihten. „Ettel hier ist der Bruder von Hasmut Weitwurf.“ Und dann begann er ihnen alles zu erklären.
Nachdem er geendet hatte meinte Murgrim, „Nun ist mir Einiges klarer. Aber dennoch kann Arnulf, der doch nicht mal dabei war, nichts für den Tod von Hasmut. Das wäre doch Sippenhaft und sollte hier eigentlich schon lange nicht mehr betrieben werden!“ Uriel nickte bestimmt und meinte, „Alte Angewohnheiten ist hier nur schwer aus den Leuten herauszubringen. Aber ich denke wir werden eine Lösung für diese Angelegenheit finden.“
Schließlich einigte man sich unter Uriels Vermittlung auf eine Entschädigungszahlung an den Wirt und eine Entschuldigung von Seiten der arg geprügelten twergentrutzer Burschen. Der Geweihte bot anschließend den beiden Reisenden Obdach in seinem Tempel an. Als sie die Wirtschaft verließen, entschuldigte sich Flammbart noch einmal für das üble Verhalten seiner Schäfchen. Er führte sie zu seinem Heim und hier konnten dann Zwerg und Mensch ungestört übernachten, während sie Uriel von sich und ihrer Reise berichteten.
