Blut, das bindet, Blut, das trennt - Von Blut und Wasser

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Texte der Hauptreihe:
K3. Von Blut und Wasser
Autor: Lindholz, Kunar

Die Baronie Rohalssteg im Frühling 1032 nach Bosparans Fall

Etilian betrachtete das Haus eine ganze Weile. Genau genommen unterschied es sich nicht sonderlich von den restlichen Gebäuden, die es umstanden: Weiße Wände, die von Balken aus dunklem Eichenholz durchzogen waren, bildeten ein stabiles Fachwerk. Das Dach war mit Schieferschindeln gedeckt und die Petunien in den Fensterkästen zeigten bereits ihre Blüten. Sie würden sicherlich in ein paar Wochen schon wie feuerrote Gobelins an der Fassade hinabfallen.
Hinter dem Haus vermeinte er kurz weißes Gefieder zu erblicken und ein leises Gegacker mischte sich für einen Moment unter das muntere Rauschen der Hils, die keine zehn Schritt zu seiner Rechten von einer Brücke überspannt wurde. Schnitzereien, die Schutzzeichen von Ingerimm und Travia umspielten, waren am stabilen Türrahmen angebracht und gingen passgenau in aufwändige Steinmetzarbeiten an der senkrechten Seite der Türschwelle über. Diese offenbar zwergische Arbeit war die einzige Besonderheit, die der aus Darpatien stammende Adlige ausmachen konnte. Ein ganz normales Haus, wie es viele Dörfler bewohnten, die zu ein wenig Wohlstand gekommen waren.
Und genau darin lag das Problem. Als ihm der Registrargreve beschrieben hatte, dass Boronwyn vom Kargen Land ein Haus in Kargen bewohnte, hatte er noch gar nicht weiter darüber nachgedacht, doch jetzt fragte er sich, ob er hier überhaupt vorstellig werden sollte. Sicherlich würde es den Bewohnern einiges abverlangen, zwei weitere Personen zu beherbergen und mit Nahrung zu versorgen. Saria und er würden sich natürlich sobald wie möglich nach einer bezahlten Arbeit umsehen, doch wer konnte schon sagen, wie schnell sich eine Beschäftigung finden würde? Auf der anderen Seite war ihr weniges Erspartes fast verbraucht. Sie könnten natürlich die Pferde verkaufen... wie aus Protest schnaubte der dunkelbraune Warunker, den er locker an den Zügeln hielt.
"Kann ich Euch helfen?" erklang eine weibliche Stimme hinter dem Ross, und als sich Etilian ein wenig überrascht umsah, erblickte er am Kopf des Tieres das freundlich lächelnde Gesicht einer Frau. Einige dunkle Strähnen, unter die sich erstes Silber mischte, lugten unter einer weißen Haube hervor, was jedoch ihrer Schönheit keinen Abbruch tat. Sie trug eine helle Leinenbluse mit einer gleichfarbigen Schürze über einem braunen, wollenen Rock. Dunkle, einfache Lederstiefeletten gegen den Dreck der Straße und ein mit Weißkohl, etwas Speck und einigen Rüben gefüllter Weidenkorb rundeten das Bild ab. Neugierig musterten ihn Augen von der Farbe stürmischer See.
"Die Zwölfe zum Gruß, gute Frau", begann er und "Die Zwölfe zum Gruß, werter Herr", erwiderte sie, woraufhin der ehemalige Darpatier fortfuhr: "Ich suche seine Wohlgeboren Boronwyn Foldan vom Kargen Land. Oder viel eher seine Gattin, ihre Wohlgeboren Avesinda Maldonada..."
Etwas irritiert bemerkte Etilian, wie sich für einen Augenblick ihre Mundwinkel nach unten zogen, als wäre sie nicht gut auf die Person dieses Namens zu sprechen.
Kurz zögerte er fortzufahren, doch dann besann er sich und sprach weiter: "Mein Name ist Etilian von Lindholz-Hohenried, und ich würde gerne eine Familienangelegenheit mit ihr besprechen."
"Nein, das gibt es doch nicht!" rief daraufhin sein Gegenüber aus und kam ihm dabei so schwungvoll entgegen, um seine Hände zu umfassen, dass ein Knollensellerie derart heftig am Rand des Weidenkorbes empor wippte, dass es ein Wunder war, dass das runde Gemüse sich nicht in den Schlamm des von Karrenspuren durchzogenen Weges verabschiedete.
"Ich bin Avesinda vom Kargen Land. Komm doch herein!"
Aus dem Haus erklang dumpf eine Stimme.
"Was gibt es denn, meine Liebste? Sind die Skretiner etwa schon da? Das ging schnell!"
Nun hörte man sich nähernde Schritte und wenige Momente später erschien ein ganz in schwarz gekleideter Mann in der Tür. Für die etwa 50 Götterläufe, die sein Leben zählte, hatte er sich erstaunlich gut gehalten. Haare und Bart waren schwarz; allein der Ansatz eines Bauches zeigte das typische Kennzeichen nahe wohnender Hügelzwerge.
Boronwyn vom Kargen Land blickte zunächst überrascht, bald aber freundlich auf den ihm noch unbekannten Mann. Seine Frau erklärte ihm nun: "Stell Dir vor, er ist ein Lindholz!"
Boronwyn war einige Augenblicke völlig baff.
"Ja, ist denn das die Möglichkeit! Verwandte meiner Frau!"
Mit einem Arm wies er ins Haus hinein.
"Komm herein, guter Mann, und Travias Segen mit Dir! Dass ich das noch erleben darf... es ist schon so lange her, dass wir Kontakt hatten."
Etilian wurde durch einen geschmackvoll eingerichteten Flur geführt. Einige der Gegenstände, die zur Zierde dienten, kamen ihm etwas ungewöhnlich vor. War das Zwergenarbeit?
Avesinda bot ihm Hausschuhe an, bevor sie sich selbst Pantoffeln anzog. Boronwyn geleitete ihn in ein Zimmer, das offenbar häufig benutzt wurde, um Besucher zu empfangen. Man stellte ihm einen sehr gemütlich aussehenden, weinrot gepolsterten Sessel hin. Etwas an dem Mobiliar erschien ihm merkwürdig. Die Proportionen waren ungewohnt. Viele der Möbelstücke waren sehr breit, dafür sehr niedrig ausgelegt. Boronwyn hatte seine schweifenden Blicke bemerkt.
"Ja, so sieht es hier aus im Kosch! Wer zwergische Freunde bewirten will, der muss auch ordentliche Tische und Stühle für sie haben, damit sie sich wohlfühlen! Apropos Zwerge, wir bekommen ja nachher noch Besuch. Die Dornenstrauchs kommen vorbei und wahrscheinlich auch der alte Grambart. Vielleicht sogar einer von den Pilzangers!"
Während er redete, beeilte er sich, ein Gedeck vor Etilian aufzubauen. Avesinda und ihr Mann tischten dem etwas verblüfften Darpatier flugs eine kleine Mahlzeit auf!
"Iss nur, iss! Und wo ich gerade die Dornenstrauchs erwähnte... wenn das kein Anlass ist, ein Fläschchen Brombeerwein zu öffnen!"
Schnell waren die Flasche entkorkt und die Gläser gefüllt.
"Auf dieses hervorragende Treffen!", strahlte Boronwyn und erhob sein Glas zum Anstoßen.
Etilian stieß mit den beiden an. Süß glitt der Wein seine Kehle hinunter und für einen Moment breitete sich das Aroma von reifen Brombeeren in Mund und Nase aus. Eine wohlige Atmosphäre erfüllte den Raum und er war sichtlich erleichtert, so freundlich empfangen zu werden. Schließlich war dies nicht unbedingt zu erwarten gewesen, wo man sich doch unbekannt war.
"Ein ganz hervorragender Wein! Ich danke Euch sehr für die Gastfreundschaft."
"Ach, das ist doch eine Selbstverständlichkeit, schließlich sind wir eine Familie, oder?" winkte Boronwyn sofort ab und fuhr dann fort: "Wie schon gesagt, ist es eine ganze Weile her, dass wir etwas aus Almada gehört haben. Und die jetzige politische Lage macht es nicht unbedingt besser. Es würde uns freuen, wenn Du ein wenig erzählen könntest, was sich in all den Jahren dort ereignet hat."
"Geht es... geht es meiner Mutter gut?" fragte Avesinda zögerlich. Für einen Augenblick wirkte die Frau, deren Augen eben noch vor Freude gestrahlt hatten, so, als würde sie nur mit Mühe die Tränen zurückhalten.
'Wenn Du auch nur aus dem Haus gehst, um diesen Mann zu treffen, habe ich keine Tochter mehr. Und Du keine Familie!' noch immer hörte sie wie damals die sich hysterisch überschlagende Stimme ihrer Mutter. Wenn jemand nun - nach all den Jahren - aus Almada hierher kam, mussten es nicht unbedingt gute Nachrichten sein, die ihn in den Kosch führten.
"Ich denke, hier liegt ein Irrtum vor." Der Darpatier lächelte entschuldigend. "Mein Vater ist Magnus von Lindholz-Hohenried, Ritter zu Hohenried in der Baronie Westerklotz."
Als er die fragenden Gesichter bemerkte, setzte er nach: "Das ist in Darpatien", woraufhin sich der Ausdruck auf den Zügen der Eheleute in wirkliches Erstaunen verwandelte.
"Oh ja, ich erinnere mich, dass meine Mutter mir einmal berichtete, dass es eine unsere Vorfahrinnen ins Darpatische verschlagen hat. War es meine Ururgroßtante? Ach, ist ja auch nicht so wichtig. Es ist uns auf jeden Fall eine Freude, dass Du hier bist. Das 'Du' stört Euch doch nicht, oder?" fragte Avesinda ein wenig verspätet. Wenn man so viel Zeit mit unkomplizierten Angroschim verbrachte, vergaß man leicht, dass bei manchen adligen Familien selbst Eltern und Kindern sich nicht so vertraulich ansprachen. Doch zu ihrer Erleichterung schüttelte ihr Gegenüber schmunzelnd den Kopf und verneinte, während er von dem Brot brach und etwas von dem köstlichen kalten Braten aß, den die Gastgeber in Windeseile herbeigezaubert hatten.
"Ich hoffe, Du hast Zeit, ein wenig zu verweilen. Unsere zwergischen Freunde würden sich sicherlich freuen, Dich ebenfalls kennenzulernen, und dann gibt es auch etwas Richtiges zu essen", versprach Boronwyn. Etilian, an die Kost auf Feldzügen und die liebevollen, aber dennoch bescheidenen Mahlzeiten im Orden der drei göttlichen Schwestern gewöhnt, wusste kaum, was er sagen sollte ob so viel Koscher Gastlichkeit und beließ es daher bei einem einfachen "Sehr gerne".
Dies veranlasste Boronwyn, seiner Frau ein Lächeln zuzuwerfen, welches diese erwiderte, bevor sie sich ihrem Gast mit der Frage zuwandte: "Du bist ganz alleine hier im Kosch?"
Der braunhaarige Mann verneinte.
"Meine Schwester ist mit mir gereist. Sie ist derzeit in Gôrmel."
Eine Ahnung ließ das Lächeln des Gastherren verblassen.
"Was ist geschehen?"
Auch Etilian wurde ernst und nach einer kurzen Pause, in der er sich selbst dazu zwingen musste, die Enttäuschung aus seiner Stimme herauszuhalten, sprach er weiter.
"Hohenried ist verloren. Dort gibt es nichts mehr, was Mensch und Tier ernähren könnte. Meine Schwester wurde schwer verletzt."
Beruhigend hob er die Hände, als er die ehrliche Sorge in den Gesichtern von Boronwyn und seiner Angetrauten sah.
"Sie wird sicher bald vollkommen genesen sein, aber dennoch verlangt es uns nicht danach, wieder in eine Heimat zurückzukehren, die verloren ist. Doch wissen wir nicht, wohin wir uns wenden sollen."
Die unausgesprochene Frage hing für einen Augenblick im Raum.
Boronwyn überlegte laut: "Es hat viele aus Tobrien, Weiden und Darpatien in den Kosch verschlagen, seit die Dämonenanbeter im Osten herrschen. Umgekehrt haben sich die Reihen der Adeligen auch hier gelichtet - die Götter haben uns in den letzten Jahren so manche harte Prüfung auf den Weg gegeben! In diesen schweren Zeiten ist es wichtig, an die Familie zu denken, gerade wenn es einen selbst nicht so sehr getroffen hat wie andere."
Etilian blinzelte kurz, nicht ganz verstehend.
"Du musst wissen", erklärte Boronwyn, "dass ich nie mehr als dieses Haus besessen habe. Ein eigenes Lehen habe ich nicht. Das der Familie gehört meinem älteren Bruder Gero, der als Familienoberhaupt drüben in Valpos Horn wohnt, am Ostufer des Angbarer Sees. Dennoch sind Deine Schwester und Du herzlich eingeladen, eine Zeit bei uns zu wohnen. Viel Platz und viel Luxus haben wir nicht zu bieten, aber ein Dach über dem Kopf, das schon!"
Der Darpatier überlegte sich, wie es werden würde, zu viert in dem Haus zu wohnen. Sicher war das mehr, als sich die meisten einfachen Bürger leisten konnten.
Und dennoch... es missfiel ihm, seinen Verwandten auf der Tasche zu liegen. Er war Söldner, der sich sein Auskommen verdiente, kein Bittsteller! Die Vorstellung, sich längere Zeit aushalten zu lassen, ging gegen seine Ehre.
Avesinda hatte aus seinem überlegenden Gesichtsausdruck wohl geschlossen, was er dachte, und wandte ein: "Seid wenigstens unsere Gäste, solange wie es den traviagefälligen Regeln des Gastgebers und des Gastes entspricht. Jemandem mit dem Namen Lindholz hier zu beherbergen, das wäre einfach sehr schön, nach so vielen Jahren."
Sie war sichlich bewegt. Das konnte Etilian schon eher annehmen, zumal es keinen Grund für seine Schwester geben würde, nach ihrer Genesung noch in Gôrmel zu bleiben.
"Das werden wir gerne tun und danken Euch. Allerdings wollen wir so bald wie möglich wieder auf eigenen Beinen stehen. Ihr müsst wissen, dass wir in Darpatien unsere Fähigkeiten im Kriegshandwerk eingesetzt haben."
"Ja, also das ist doch...", Boronwyn suchte einen Moment nach den richtigen Worten, "...eine hervorragende Basis für einen Neuanfang! Tüchtige Leute können darauf hoffen, es zu etwas zu bringen! Krieg haben wir zwar nicht im Kosch, aber waffenfähige Leute werden immer gebraucht! In der nördlichsten Grafschaft Wengenholm gibt es immer wieder Ärger mit Räuberbanden. Und drunten in Moorbrück gibt es genug zu tun! In den Sümpfen gibt es gefährliche Tiere, und Untote soll es dort auch haben! Vor einiger Zeit hat die Bande des Räubers Ronkwer die Bewohner einer ganzen Siedlung ausgelöscht! Dann erzählt man sich von einem seltsamen Ungeheuer..."
Avesinda unterbrach den Redefluss ihres Mannes.
"Denke an Deinen Neffen Boromil!"
"Ach ja richtig, der gute Greifbert, wie ich ihn immer nenne! Der siedelt dort mit fünf anderen Rittern. Ein neues Lehen, das unsere Familie bekommen hat!"
Etilian fragte nach: "Also ein neues Rittergut, für das es noch viel Arbeit gibt?"
"So ist es! Neuvaloor lautet sein Name. Erst kürzlich war Boromil hier und hat mit meiner Unterstützung drei Zwerge aus der Umgebung bewegen können, dort hinzuziehen. Deren Familien kommen heute zu Besuch."
"Und Graf Wilbur..." warf Avesinda ein.
"Ja, natürlich! Auf den Grafen des Angbarer Sees ist bei einem Fest in der Umgebung ein Attentat verübt worden, das nur mit viel Beistand der Götter vereitelt wurde! Mein Bruder kann Euch mehr erzählen, er war ja selbst an der Rettung des Grafen beteiligt. Adelige Leibwächter - das könnte seiner Hochwohlgeboren sehr nützen. Zumal Ihr neu im Kosch seid und daher unverdächtig, mit dem noch nicht ermittelten Drahtzieher etwas zu tun zu haben. Ihr hättet sicher ein gutes Auskommen am Grafenhof, vor allem, da zwei alte Grafschaften zusammengelegt worden sind."
"Nicht zu vergessen der Fürstenhof!", fiel es nun Avesinda ein. "Es gibt doch nach wie vor einen darpatischen Gesandten. Wie war noch sein Name? Von Firunslicht?"
"Wertimol von Firunslicht, so heißt er! Tja, mein lieber Etilian, wie Du siehst, gibt es so manche Möglichkeit für Euch. Euer Plan ist also gar nicht schlecht, und die Unterkunft in der ersten Zeit wird das Haus vom Kargen Land sicherlich übernehmen. Sollte es Euch hier zu eng werden, dann wird man Euch auf Valpos Horn gerne unterbringen. Man hat dort bestimmt Platz für zwei weitere Personen. Boromil ist ja ausgezogen, und man hat öfters einzelne Gäste."
"Aber jetzt lass unseren Verwandten wieder zu Wort kommen. Wir haben ihn ja geradezu überschüttet mit Vorschlägen und Informationen, da soll er erst einmal sagen, was ihm gefällt", lachte Avesinda. Die Eheleute sahen Etilian freundlich und erwartungsvoll an.
"Ich habe mich bereits nach dem Gesandten Darpatiens erkundigt. Er scheint zur Zeit außer Landes zu weilen, wie man mir berichtete. Und ich würde mich nur ungern an seine Gemahlin wenden und sie in die Verlegenheit bringen, eine Entscheidung treffen zu müssen ohne sich mit ihrem Gemahl besprechen zu können."
Er stockte kurz und lächelte das Paar dankbar an.
"Ich hätte nicht gedacht, dass es für uns so viele Möglichkeiten gibt. Ich denke, ich sollte das mit meiner Schwester besprechen. Vielleicht könnt Ihr... kannst Du mir ein wenig mehr berichten? Wenn das Gut Eures Anverwandten bedroht ist, wäre es meiner Schwester und mir sicher eine Ehre, unsere Fähigkeiten in den Dienst der Familie von Kargen Land zu stellen."
"Nun, ich muss zugeben, dass mein Neffe keine konkrete Bedrohung erwähnt hat. Jedoch ist das Moor ein heimtückischer Ort, der sein gefährliches Antlitz oft erst dann enthüllt, wenn es schon zu spät ist. Sicherlich werden die sechs Neusiedler oder Vogt Gerling früher oder später eine helfende Hand benötigen. Reich werdet Ihr dort aber sicherlich nicht. Viel mehr als ein Dach über dem Kopf kann Dir und Deiner Schwester wohl nur selten geboten werden. Wie heißt sie überhaupt, Deine Schwester?" fragte Boronwyn und der Darpatier antwortete kurz "Saria", doch es lag so viel Zuneigung in diesem einen Wort, dass Avesinda und ihrem Mann sofort klar war, dass mehr als Not oder Verpflichtung die beiden zusammenhielt.
Avesinda fragte sich, was für eine Frau das wohl war, die von ihrem Bruder so verehrt wurde und war schon versucht, ihn zu bitten, mehr von dieser ihr unbekannten Verwandten zu erzählen. Doch Boronwyn sprach bereits weiter und so verschob sie die Frage auf später.
"Wenn es euch um einen guten Verdienst geht, und ich finde daran nichts Schändliches, dann würde ich mich an Deiner Stelle an den Grafenhof wenden."
Der braunhaarige Adlige wog den Kopf nachdenklich hin und her. Er hatte kein gutes Gefühl dabei. Sicherlich hätte der Graf einen Magier oder Geweihten an seinem Hof, der, aus Sorge um seinen Herren, einen genaueren Blick auf ihn und seine Schwester werfen könnte. Diese Vorstellung gefiel ihm nicht, denn sie beide trugen Geheimnisse mit sich, die er nicht sofort einem Fremden anvertrauen wollte. Sie mussten erst einmal selbst damit umzugehen lernen.
So erwiderte er ausweichend: "Ich weiß nicht recht. Sicherlich gibt es Männer und Frauen in der Grafschaft, denen diese Ehre viel eher zustehen würde. Erzählt mir doch lieber etwas von dem Grafen von Wengenholm. Für welche Zwecke benötigt seiner Hochgeboren denn Kämpfer? Handelt es sich um Gesetzlose, die sein Land bedrohen?"
"In der Tat, da liegt einiges im Argen. Da treibt etwa Ulfried der Blutige mit seiner Bande sein Unwesen. Finsterzwerge bereiten ebenfalls Probleme. Im Grunde kann Graf Jallik jeden tapferen Recken gut verwenden. Arbeit ist dort noch für Jahre vorhanden!"
"Vergiss jedoch nicht zu erwähnen", schaltete sich nun Avesinda wieder ein, "dass Wengenholm eine arme Grafschaft ist. Viel zahlen kann der Graf nicht im Vergleich zu dem, was man bei seinem Stand erwarten würde."
Boronwyn überlegte und nickte dann.
"Du hat Recht, meine Liebste. Das hatte ich nicht bedacht. Selbst wenn wir berücksichtigen, dass es unseren geschätzten Verwandten nicht darum geht, reich zu werden - es gibt hier im Kosch sicherlich ebenso ehrenvolle Aufträge, bei denen man mehr verdient."
"Was ist denn mit dem Fürsten?", schlug Avesinda nun vor. "Die fürstlichen Truppen hat es doch sehr ausgedünnt in den letzten Jahren. Da kämen erfahrene Kämpen gerade recht."
Boronwyn wog die Idee seiner Frau ab.
"Ja, vielleicht wäre das etwas für Dich und Saria, Etilian. Es gibt verschiedene Einheiten und sicherlich Bedarf, egal, um welche Einheit es sich handelt. Kannst Du Dir so etwas vorstellen?"
"Nun, ich denke, wir würden uns dort sicher schnell einfinden können. Ich würde meine Fähigkeiten jedoch lieber in den Dienst des Vogtes von Moorbrück stellen. Auf diese Weise wären wir in der Nähe Eures Neffen und könnten vielleicht gelegentlich aushelfen, um uns ein wenig für Euren freundlichen Empfang zu revanchieren. Wenn meine Schwester keine Einwände hat, werden wir unser Glück wohl zuerst dort versuchen. Ich hoffe nur, wir können ihn von unserem Wert überzeugen. Ist der Vogt ein schwieriger Mann?" fragte Etilian.
"Schwierig? Naja, eher nicht, würde ich sagen..."
Boronwyn überlegte.
"So genau kenne ich ihn nicht, aber er ist wohl ein recht tüchtiger Mann mit guten Manieren."
"Er hat es immerhin geschafft, dass er vom gräflichen Gesandten zum Vogt befördert wurde! So dumm kann er nicht sein!", erinnerte Avesinda.
"Du hast wie so oft recht, meine Liebe", wandte sich Boronwyn an seine Frau, bevor er Etilian in die Augen sah.
"Und deswegen gehe ich davon aus, dass er den Wert von tapferen Söldnern zu schätzen weiß. Die sechs Neusiedler mögen ja noch so tüchtig sein, aber der Sumpf und seine Kreaturen können gar nicht genug Gegner bekommen!"
Er nickte nun bekräftigend.
"Ja, ich meine ebenfalls, dass Moorbrück für Euch beide die Chance für einen Neuanfang sein kann. Gerade ist dort viel in Bewegung, und sowohl seine Durchlaucht als auch seine Hochwohlgeboren werden mit erhöhter Aufmerksamkeit auf diese Baronie blicken. Wenn Ihr Euch bewährt, mögt Ihr manches andere Angebot bekommen."
"Aber brecht nicht gleich dorthin auf!", mahnte Avesinda. "Stattet dem Haus vom Kargen Land am Angbarer See wenigstens einen kurzen Besuch ab. Ich bin sicher, mein Schwager und seine Familie werden sich freuen!"
"Ja, grüß meinen Bruder herzlich von mir!"
Die Eheleute sahen ihren Gast freundlich an. Etilian nickte. Die Beschreibung des Vogtes klang nach einem Mann, der Einsatz zu schätzen wusste, und da sie zur Zeit kaum etwas anderes anzubieten hatten, erhoffte er sich viel von dieser Begegnung. Zuvor jedoch das Gut derer vom Kargen Land aufzusuchen war nicht nur eine Sache der Höflichkeit, sondern auch eine der Vernunft: Vielleicht konnte man von dort sogar eine Empfehlung mit nach Moorbrück bringen.
"Ich werde zuerst nach Gôrmel zurückkehren. Vielleicht fühlt sich meine Schwester schon gesund genug, um mich zu begleiten und es ist sicherlich von Vorteil, wenn sie sich gleich selbst ein Bild von der Lage machen kann. Sie hat von diesen Dingen ohnehin ein tieferes Verständnis als ich."
"Darf ich fragen, womit Du Deinen Sold verdient hast, Etilian?" fragte Boronwyn neugierig. "Verzeih mir, wenn ich mich irre, aber Du siehst nicht so aus, wie man sich einen Söldner üblicherweise vorstellt."
Der Mann aus Darpatien musste grinsen.
"Das habt Ihr... ich meine... das hast Du ganz richtig erkannt. Aber eine Söldnereinheit braucht ebenso jemanden, der sich um die Wunden der Verletzten kümmert. Auch mit Vergiftungen und Krankheiten kenne ich mich ein wenig aus; denen des Körpers wie jenen des Geistes."
"Sicherlich gerade in jenen dunklen Grenzlanden gern gesehene Fähigkeiten, doch auch hier am Rande eines Moores nicht zu verachten", stimmte Boronwyn zu. "Aber ich hoffe doch, dass du es nicht so eilig hast, dass du nicht noch mit uns zu Abend essen kannst?"
"Und ein Bett für die Nacht lässt sich sicher auch auftreiben", warf Avesinda ein. Wie es Etilian schien, ergänzten die beiden sich recht häufig in ihren Gedanken. Der Kargener nickte zustimmend.
"Es wäre uns eine Freude wenn du bleibst."
"Und es wäre mir eine Freude zu bleiben."
Der ehemalige Darpatier dankte seinen Gastgebern und hob sein Glas.
"Auf die Zukunft. Mögen die Götter uns Glück schenken."
"Auf die Zukunft!" stimmten Avensinda und Boronwyn ein.