Mürrisch in Moorbrück

Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegte sich Bengram Sohn des Borgrim durch den Moorbrücker Sumpf. So lebensabweisend sich die Umgebung auch zeigte, welche seit den Magierkriegen dämonisch verseucht war: Hier war der Prospektor in seinem Element. Unwegsames Gelände, unsicheres Terrain, wilde Tiere, immer die Augen offen nach möglichen Schätzen und sonstigen Fundstücken – das war seine Berufung! Den ganzen Tag lang war er noch keiner Menschenseele begegnet. In seinem Rucksack hatte er eine kleine Auswahl an Pflanzen verstaut, die er in den letzten Stunden gesammelt hatte. Er schnaufte kurz durch. Um den besten Gewinn zu machen, sollte er sie möglichst rasch weiterverkaufen, denn frisch waren sie mehr wert. Also müsste er sich doch bald wieder unter Leute begeben… das rief schmerzhafte frische Erinnerungen hervor – genau das, was er eigentlich mit seinem Verweilen hier im Sumpf hatte verdrängen wollen. Mit einem Mal wurde er tieftraurig.
Doch was war da? Hatte er vor sich ein Geräusch gehört? Bengram wurde mucksmäuschenstill. Um die Armbrust zu spannen, war es zu spät, aber er hatte eine Nahkampfwaffe immer griffbereit. Aufmerksam wartete er ab, was da wohl um den Hügel kommen würde…
Als er erkannte, wer es war, wollte er seinen Augen kaum trauen! Xandresch Sohn des Xologrim, sein älterer Vetter und ebenfalls Prospektor! Was für ein Zufall, mitten hier im tiefsten Sumpf auf einen Verwandten zu treffen! Xandresch hielt eine gespannte Armbrust und suchte mit leicht zusammengekniffenen Augen das Gebiet vor sich ab. Bengram erhob sich langsam und winkte ihm zu. Rufen galt als schlechter Stil, denn man wusste nie, ob der andere nicht einer Beute auflauerte, die durch Lärm vertrieben würde. Als er Bengram erkannte, riss Xandresch erstaunt die Augen auf und bewegte sich auf ihn zu, so schnell es der trügerische Boden und die kurzen Beine erlaubten.
Die beiden umarmten sich herzlich. “Bengram! Das ist ja eine Überraschung. Was führt Dich denn hier nach Moorbrück?” Der Angesprochene seufzte. Aber es half ja nichts! Also erzählte er Xandresch von der traurigen Überraschung, die ihn in nach einer komplizierter Anreise in Ferdok erwartet hatte: Sein Freund Ardo vom Eberstamm war tot – und er zwar brutal ermordert worden! Auf die Nachricht musste sich Xandresch erst einmal hinsetzen. Er starrte in die Luft und schüttelte mehrmals ungläubig den Kopf. Dann holte er eine Schnapsflasche hervor und nahm einen tiefen Zug. Danach reichte er sie weiter an seinen Vetter, und während dieser trank, erklärte Xandresch: “Ardo war auch mein Freund. Wir kannten uns aus meinen ersten Jahren als Abenteurer.” Viel mehr Worte wollte er nicht verlieren. Er schloss die Augen einen Moment. Dann fragte er leise: “Was hast Du bislang herausfinden können?” Bengram war erstaunt. “Nichts weiter. Ich bin nach ein paar Tagen einfach weitergezogen.” Plötzlich wurde Xandresch aufbrausend. “Warum hast Du denn nicht ermittelt?” “Ich kenne doch niemanden in Ferdok außer Ardo!”, versuchte sich Bengram zu verteidigen. “Das ist doch kein Grund!”, entgegnete Xandresch vorwurfsvoll. “Wenn man keinen kennt, dann lernt man eben Leute kennen! Als ich damals…” Mitten im Satz stoppte er und hielt den Finger an den Mund. Beide spitzten die Ohren. Tatsächlich, da war ein Geräusch zu hören! Mehrmals knackten einige trockene, verdorrte Äste auf dem Boden. Die zwergischen Vettern beschlossen, ihren Streit zu unterbrechen, und machten sich kampfbereit. Und tatsächlich kamen einige Untote angewankt.
Der erste war wohl ein toter Abenteurer, der vermutlich erst kürzlich dem Sumpf und seinen Gefahren zum Opfer gefallen war, denn das Gesicht war noch gut zu erkennen. Er trug ein Lederwams und Lederkappe und hatte ein Zweihandschwert gezogen. Dahinter kam ein deutlich zerfallenerer Zombie, von dessen einfacher Kleidung noch ein zerrissenes Leinenhemd zu erkennen war. Er taumelte vorwärts, die bloßen Hände nach vorne gerichtet. Als letztes marschierte ein Skelett heran, das Helm und Eisenrüstung trug. Es hatte eine größere Waffe geschultert. Die alte Streitaxt sah weniger scharf als schartig aus, war aber dennoch gefährlich, denn selbst kleinere Wunden konnten sich entzünden, was bei rostigen Waffen umso wahrscheinlicher war.
“Jetzt zählt’s!”, rief Xandresch. “Die mit den langen Waffen zuerst. Kümmere Du Dich um den Leichnam, ich nehme mir diesen aufmüpfigen Knochenhaufen vor.” Gesagt, getan: Gemeinsam stellten sie sich den übernatürlich wiederbelebten Angreifern. Bengram war selbst überrascht, wie ruhig er wurde. Mit äußerster Gelassenheit spannte er seine Armbrust, zielte auf die Überreste des unglücklichen Abenteurers, die auf ihn zutaumelten, und jagte ihm den ersten Schuss mitten in den Kopf. Der Getroffene fiel wie ein nasser Sack nach hinten um. Der Prospektor wollte kein Risiko eingehen, zog seine Nahkampfwaffe und setzte mit ein paar schnellen Hieben nach. Das Ziel kam nicht mehr dazu, wieder aufzustehen, geschweige denn selbst einen Schlag auszuteilen. Als klar war, dass dieser Untote ihm keinen Ärger mehr bereiten würde, sah sich Bengram blitzschnell um.
Aus dem Brustkorb von Xandreschs Gegner ragte ein Bolzen, doch das schien dem Skelett wenig auszumachen. Beide waren in einen erbitterten Zweikampf verwickelt. Das Skelett schlug langsam, aber mit voller Wucht zu, während Xandresch immer wieder einen Satz zur Seite machte. In dem trügerischen Sumpf war es nicht sicher, einfach einen Schritt nach hinten zu gehen. Endlich unterlief der Ambosszwerg seinen Gegner und zertrümmerte ihm mit einem Schlag von unten den Schädel. Augenblicklich fielen die Knochen leblos zu Boden.
Blieb der letzte der Untoten. Er war der langsamste und hatte bislang hinter den beiden anderen gestanden. Nun rückte er vor und versuchte mit seinen fauligen Händen nach den Prospektoren zu greifen. Diese bedrängten ihren Widersacher von zwei Seiten. Da sie eine größere Reichweite hatten, war es kein Problem, ihn auf Abstand zu halten. Schließlich zwangen sie ihn zu Boden und setzten seinem Unleben ein Ende.
Die Vettern atmeten kurz durch, stellten fest, dass ihnen nichts passiert war, und lächelten sich zu. “Na, das hält einen doch gut in Übung”, feixte Xandresch, der ihren Streit von vorher anscheinend ganz vergessen hatte. “Das ist ein Pfeifchen wert.” In kürzester Zeit hatte er Tabak ausgepackt und bließ schließlich Ringe aus Rauch in die Luft. Bengram gönnte sich ebenfalls eine Pfeife. Während sie dasaßen und die Ruhe nach dem Kampf genossen, fragte er schließlich: “Und was machen wir nun?” “Wir sollten abwarten, was sich in Ferdok ergibt”, stimmte Xandresch deutlich versöhnlichere Töne an. “Wir können noch eine Weile hierbleiben. Neuigkeiten kommen immer den Großen Fluss hinunter. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Es ist schon richtig, wir von der Wettertrutz-Sippe können auch in die Stadt ziehen, aber hier draußen sind wir doch zu Hause.” “Da sprichst Du mir aus dem Herzen! So wollen wir es machen. Aber hast Du schon das neueste von der Familie gehört? Vetter Bram hat sich in den Kopf gesetzt, Schreiber für den Kosch-Kurier zu werden. Er will dafür sogar im Ferdoker Hesindetempel ausgebildet werden, sobald dieser offiziell eingeweiht ist.” “Potzblitz!”, verschluckte sich Xandresch und fing an zu husten. “Bram Sohn des Schrax als Schreiblering? Also, das kann ja etwas werden! Da suche ich lieber nach ein paar alten Ruinen hier in Moorbrück...”