Du und all mein Glück - ’S ist gar nicht so schwer

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Oberangbar, 6. Rondra (Brig-Lo Tag) 1042

Inzwischen ging es auf der Wiese laut und munter zu, denn es hatte sich auch ein paar Fahrende eingefunden. Nadyana strahlte vor Freude.
Dort stand ein Gaukler auf einem Bein und jonglierte mit bunten Bällen. Das ging so hoch und runter und hin und her, dass man kaum mit den Augen folgen konnte.
Ein Stückchen weiter sah man eine Frau, die ließ einen Bären im wahrsten Sinne des Wortes nach ihrer Pfeife tanzen. Er hatte einen braunen Pelz und brummte munter im Takt. Unter Linde hockte ein Märchenerzähler im weichen Grase; er hatte einen langen grauen Bart und einen dicken Turban auf dem Kopf, und an dem Turban leuchtete ein Turmalin. Mit dunkler Stimme erzählte er das Märchen von Shanja, der Tochter des Kalifen, die ein böser Djinn entführt hatte. Vor ihm saßen die Leute, Alte und Junge, und lauschten mit aufgesperrten Mündern, wie er die Speisen am Hofe des Kalifen beschrieb, die mit Benbukkel, Kurkurma und Goldstaub gewürzt waren.
Am anderen Ende des Platzes tanzte ein Mädchen auf einem Seil, und ein Knabe mit feuerroten Haaren machte Handstand. Nur einen Bänkelsänger gab es nicht auf der Wiese. Natür-lich! Wer würde es auch wagen, in Oberangbar aufzutreten, wo der Herr Wolfhardt wohnte. So dachte jedenfalls Nadyana.

Brinessa verrollte die Augen. Das alles war schon ziemlich schlicht und bäurisch, befand sie im Stillen. Der Gaukler war alt und hatte nur vier Bälle; andere konnten das Kunststück mit sechs oder sieben, und manche ließen sogar Dolche oder Fackeln durch die Lüfte fliegen. Der grimmige Bär war nur ein kleiner, dicker Hollerbär, der viel zu langsam für den Takt der Flöte war. Der so genannte Haimamud hatte sich ganz offensichtlich die Wangen mit Erde gebräunt, damit er aussah wie ein Tulamide; das Märchen ging ganz anders, die Tochter des Kalifen hieß ja Nedime, und gefangen hatte sie ein böser Zauberer. Die Seiltänzerin war nicht so schlecht, doch schwebte sie nur einen halben Schritt über dem Boden und würde sich beim Sturz nur ein paar blaue Flecke holen – kein Grund, den Atem anzuhalten. Und der Bub mit den roten Haaren machte bloß Faxen. Nun ja, es war auch kein Wunder: Die wirklich guten Gaukler gingen nach Ferdok oder Angbar. Wer hier auftrat, tat es vermutlich, weil er Angst vor der Konkurrenz hatte.
Und dann der Baron! Wie gab er sich leutselig, hob ständig grüßend die Hand und nannte diesen oder jenen beim Namen. Wie das die Leute freute! Das war ein ständiges Hüteziehen und Verbeugen, ein »Travia zum Gruß, Herr Baron!« und »Auf Euer Wohl, Herr Wolfhardt!« Gewisslich hatte er jedem zuvor einen Heller zugesteckt, damit sie so taten. Zuhause war es freilich nicht besser, so dachte sie gerechterweise. Aber dort war man eben zuhause.

Es muss schön sein, fand Nadyana, in diesem Städtchen zu wohnen. Wie hübsch und nett und fröhlich alles ist! Und wie freundlich der Baron! Freilich, wenn das meine Untertanen wären, dann würde ich auch so leutselig sein und immer »Travia sei mit euch!« sagen. Plötzlich riss sie eine Stimme aus ihren Gedanken. »Möchten Eure Hochgeboren vielleicht die Zukunft erfahren?« Nadyana schaute auf. Es war eine alte Frau, die das gesagt hatte. Mit einer Stimme wie Krähengekrächze. Sie trug ein buntes Kopftuch, an dessen Rändern Münzen klingelten und blinkten. »Es kostet nicht viel! Aus der Hand zwei Heller und vier für einen Spruch aus der Kugel!« Sie öffnete den Mund zu einem Grinsen; viele Zähne hatte sie nicht mehr.
»Ach«, meinte Nadyana verwirrt, »ich bin ja gar nicht hochgeboren. Die Baroness ist dort drüben ...«
»Könnt’s immer noch werden, Jungfer!«, meinte die Alte und grinste noch breiter. »’S ist gar nicht so schwer.«
»Was bist denn du für eine?« rief Immo und feixte. »Die olle Krötenhex’ vom Koschgau?« Die Alte kniff die Augen zusammen. »Schau an! Schau an! Wie heißt es so schön: Kinder und Narren sagen die Wahrheit!«
»Ich bin aber kein Kind mehr!«, sagte Immo trotzig und stemmte die Arme in die Hüften. »Dann gebt Acht, dass Ihr kein Narr werdet!«, meinte die Alte.
Nadyana wurde es unheimlich in ihrer Nähe. »Komm«, sprach sie zu Immo und zog ihn am Arm, »da stoßen welche ins Horn. Ich glaube, jetzt gibt es Wettkämpfe.«

Und es gab Wettkämpfe.
Es gab den Rolorosch, den Findlingswurf der Angroschim.
Es gab das Stockfechten der Jugend; da hätte Immo gerne mitgemischt, aber das schickte sich nicht.
Es gab das »Buntwildschießen« mit Pfeil und Bogen auf farbenfroh bemalte Scheiben in Gestalt von Rehen, Hirschen und Hasen; das schickte sich für einen Waidmann, befand der Junker von Garnelhaun und spannte seinen Bogen. Und er gewann.
Es gab ein Festmahl, und es gab ein großes Feuer, darin verbrannte man die bösen Erzdämonen.
Und es gab Tanz und Musik und Frohsinn und Gelächter.
Ach, es gab so viel des Schönen! Nur der Stunden gab es zu wenige ...