Nisper Gewisper - Fragen und Antworten

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Nispe, 1032

Die Selbstsicherheit des falschen Dieners war mittlerweile deutlicher Verzweiflung gewichen. Kalte Schweißperlen standen auf seinem bleichen Gesicht, seine Augen weit geöffnet und zwischen den Gästen hin und her zuckend.
Im Gegensatz dazu wirkte Ritter Gero nun wieder deutlich entspannter. Er war dem Kastellan von Bardostein dankbar, dass er ihm mit dieser klaren Aussage zur Seite sprang... gerade rechtzeitig um nicht zum Gespött der Leute zu werden.
Gero wischte sich die nun auf seine Stirn getretenen Schweißperlen mit seinem Tuch vom Gesicht, nickte Bardo dankbar zu und wandte sich etwas gedämpft an den Ritter von Steenback.
"Stordan, Du hast Recht gehabt!"
Er klopfte ihm auf die Schulter, seine Augen waren etwas wässrig geworden.
"Alter Freund, Du hast Deinem Grafen das Leben gerettet!"
Dann schritt er zu Korisande, die ganz in der Nähe saß, und sprach ebenfalls leise.
"Noch jetzt macht Ihr den Lanzerinnen alle Ehre! Ihr habt mit Eurem Körpereinsatz Euren Lehnsherren vor dem Tod bewahrt! Könnt Ihr Euch etwas Edleres vorstellen?"
Bevor die Angesprochenen etwas erwidern konnten, ertönte eine Stimme aus der Menge:
"Einen Moment! Was ist denn nun wahr: War Euer Missgeschick Absicht oder nicht?"
Gero hatte nicht hinübergesehen, meinte jedoch, dass es Angbart von Salzmarken-See war, der gefragt hatte. Holdwin, der nach Stordans Enthüllung einen zufriedenen Gesichtsausdruck angenommen hatte, wurde wieder ernst und versuchte, den Sprecher unter den Gästen auszumachen.
Gero dreht sich wieder zu allen um und antwortete: "Also gut, da unser Gastgeber - und offensichtlich nicht nur er - es schon geahnt hat: Das Unwohlsein war gespielt! Mir geht es gut."
Die kritische Stimme setzte nach: "Woher wusstet Ihr, dass der Wein vergiftet war?"
"Das konnte ich nicht wissen, es war nur eine Ahnung. Stordan hatte mir vor kurzer Zeit noch seine Meinung geschildert, dass dem jungen Grafen Gefahr drohe. Unter diesem Eindruck war ich übervorsichtig geworden und hatte das für mich seltsame Gebahren des Dieners gleich verdächtig gefunden. Nennt es eine Gunst Hesindes, die Gnade der rechzeitigen Erkenntnis, oder ein Zwinkern Phexens, Glück zur rechten Zeit, wie es Euch beliebt."
Ob er alle von der Wahrheit überzeugt hatte? Zumindest diejenigen, deren Gesichter er sehen konnte, nickten langsam, nachdem sie kurz überlegt hatten.
Zur Überraschung aller schritt der Enkelsohn des letzten schetzenecker Grafen als erster auf Ferk zu. Von oben sah er auf den eingeschüchterten Schlacks herab:
„So, so, ein falscher Diener, der unserem werten Grafen das Leben rauben wollte. Was für eine traurige Gestalt!“
Sein schiefes Lächeln und seine halb geschlossenen Augenlider waren schwer zu deuten. Verachtete er den Verbrecher ob seiner Missetat oder doch eher die Unfähigkeit des Täters? Dann wandte sich der Junker an Kastellan Bardo:
„Welcher Gerichtsbarkeit ist der Wurm zu unterstellen? Der gräflichen oder der kaiserlichen? Ich bin in Begleitung von vier Söldlingen hier, die sich sicher gerne bereit erklären, dem erfolglosen Attentäter angemessenes Geleit bis zum einem passenden Kerker zu gewähren. Es wäre mir ein Vergnügen Euch diese Mannen in Dienst zu stellen und deren Auftrag zu begleichen. Wollt ihr mir diese Freude gönnen?“
Von seiner Sitzgelegenheit aus meldete sich Alderan von Sindelsaum zu Wort.
„Euer Angebot in allen Ehren, Wohlgeboren, aber zufällig befindet sich die Garnison der Gräflichen Landgendarme ganz in der Nähe. Selbst wenn der Gefangene an die Kaiserin zu überstellen ist, so sind diese Reiter, doch wohl die naheliegendere Wahl.“
Den Gefangenen an Reto abzugeben erschien Alderan keine gute Idee, und sein Vorschlag war nicht einmal so abwegig.
Ehe Bardo antworten konnte, traten derweil auch andere der Anwesenden an den nun offen Beschuldigten heran um ihn missbilligend zu mustern und dem Hausherren ihrerseits geeignete Vorschläge zur weiteren Verfahrensweise zu machen.
"Potzblitz, ein zweiter Mordanschlag innerhalb von zwei Tagen?"
Stordans gemurmelten Worten war nicht zu entnehmen, ob diese Worte eine Aussage oder eine Frage darstellen sollten. Mit eng zusammengekniffenen Augen blickte er zwischen Gero und Reto hin und her. Dann wandte er sich an den jungen Kastellan.
"Werter Herr von Bardostein. Der Junker von Bodrin-Hardenfels hat euch ein großzügiges Angebot gemacht. Nehmt es an, wenn ihr die Sache schnell aus der Welt geschafft haben wollt. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass dieser feige Anschlag auf dem Boden einer Reichspfalz geschah. Auch wird wohl niemand hier im Raume glauben, dass der Diener auf eigene Faust gehandelt habe. Ich halte es daher für angemessen, dieses Subjekt hier einzusperren und ihn alsbald der Reichsgerichtsbarkeit zu übergeben.“
„Dann werden wir sicher herausfinden, wer dem jungen Herrn Grafen durch sein erzwungenes Ableben die Krone rauben wollte."
Den letzten Satz raunte Stordan, sodass nur die umstehenden Ritter, der Junker und der Kastellan ihn hören konnten.
Nun endlich meldete sich Bardo selbst zu Wort: „Da der feige Anschlag auf kaiserlichem Grund und Boden geschah, halte auch ich die Reichsgerichtsbarkeit in diesem Fall für zuständig, allerdings bin ich in der Juristerei nicht allzu bewandert, weswegen mich mein Urteil täuschen kann. Daher würde ich die Sache dem Grafen selbst zur Entscheidung oblegen, schließlich hatte der feige Hund es auf sein Leben abgesehen und – was ungleich schwerer wiegt – ist er der höchste anwesende Adlige und somit vor Praios der Entscheidungsträger, wenn die Zuständigkeiten strittig sind. Also Hochwohlgeboren, möget Ihr entscheiden, ob der Attentäter Eurer Gerichtsbarkeit unterstellt werden soll oder aber der des Kaiserreiches. In letzterem Fall jedoch müssten wir nicht auf ein Machtwort der Kaiserin warten. Als ihr Sachwalter auf dieser Pfalz bin ich bevollmächtigt auch hier Gericht zu halten und es wäre mir eine Freude diesen Tunichtgut einer gerechten Strafe zuzuführen und die Wahrheit ans Licht zu fördern.“
Jetzt wandte Bardo sich an den Junker von Bodrin Hardenfels.
„Euer Angebot ist in der Tat großzügig und legt Zeugnis von eurer Sorge um die Sicherheit des Verdächtigen ab, gerade da dieser ja für die Zurtageförderung der wahren Hintergründe ja unzweifelhaft von essentieller Bedeutung ist. Ich werde es jedoch schweren Herzens ausschlagen müssen, da ich das Leben des Unseligen nur ungern groben Mietlingen anvertrauen will, die womöglich in ihrer gerechten Empörung über die schändliche Tat bereits vor einem praiosgefälligen Prozess den Missetäter bestrafen würden. Allerdings müssen wir zugeben, dass wir überhaupt ein wenig verwundert sind, dass ihr Euch in Begleitung von gleich vier Söldnern hierher begeben habt. Rechnetet ihr mit einem Überfall von Seepiraten oder befürchtetet ihr hier, auf kaiserlichem Grund und Boden einer bewaffneten Übermacht gegenüberzustehen? Ich muss euch sicher nicht darauf hinweisen, dass ein solcher Akt durchaus als Aggression gegenüber den Vertretern des Reiches gewertet werden könnte, aber ich will angesichts der Tatsache, dass heuer ja tatsächlich ernste Gefahr drohte darüber hinwegsehen und euch dagegen für eure bemerkenswerte und kaum zu erklärende Weitsicht beglückwünschen."
Reto-Hlûthars Antwort auf diese Worte des Kastellans war ein schräges Lächeln und ein recht abfälliger Blick. Zum Grafen gewandt fügte Bardo hinzu:
„Lasst euch ruhig Zeit mit eurer Entscheidung über das weitere Schicksal des Verdächtigen. Bis ihr weise entschieden habt, werden wir ihn an einem sicheren Ort hier auf Pervalia festhalten und dafür sorgen, dass er nicht entfliehen kann, bis über seinen Richter entschieden ist.“
Bei den letzten Worten gab er dem bleichen Vitus, den er bereits zuvor instruiert hatte, einen Wink, so dass dieser den mittlerweile völlig in sich zusammengesunkenen Ferk in einen engen Haltegriff nahm und fortführte.
Bardo war mit sich zufrieden. Zwar hatte er sich mit einigen Bemerkungen, die hintergründig durchblicken ließen, dass er ihm nicht traute, wohl den Hardenfelser zum Feind gemacht, doch manchmal musste man einfach eine schnelle Entscheidung treffen, auf wessen Seite man sich stellen sollte, und bislang hatte Bardo hier immer einen guten Riecher bewiesen.
Andererseits hatte er die Initiative dem Grafen zugespielt und damit dafür gesorgt, dass dieser in seiner Schuld stand.
Er schätzte, dass der Graf nicht überhastet entscheiden, sondern zuvor den Rat seiner Vertrauten einholen würde. Bis dahin hätte er den Attentäter auf jeden Fall in seiner Gewalt und es wäre doch gelacht, wenn er in dieser Zeit keine weiteren Informationen aus ihm herausholen könnte. Vitus hatte da gewisse Mittel und Wege ...
Gero kam noch eine Idee: "Falls es gewünscht wird, kann ich gerne die Wächter Rohals verständigen! Selbst wenn sie keine Befragung vornehmen sollen, so könnten sie doch zumindest feststellen, ob bösartige Magie im Spiel ist!"
Er blieb bewusst etwas schwammig und beließ es bei einem allgemeinen Angebot, ohne sich sogar konkret an Bardo oder den Grafen zu wenden. Falls Hochwohlgeboren einverstanden war, wäre auch eine Untersuchung des Grafens selbst möglich... genau das, was er mit Korisande und Stordan besprochen hatte.
Als Gero die Magier ins Spiel brachte, kam Graf Wilbur offenbar eine Idee, die ihn zu beflügeln schien:
„Wir werden unseren Truchsess Voltan rufen lassen! Er versteht sich darauf die Wahrheit aus Lügnern zu ziehen und weilt zudem auf dem nahen Schloss Grauensee ... es wird kein Stundenglas dauern ihn zu holen“, entschied der Graf, dem die Aussicht seinen treuen Berater an seiner Seite zu wissen, neue Standfestigkeit schenkte.
Diese Konkretisierung seines Vorschlag hatte Gutes wie Schlechtes, befand der Ritter vom Kargen Land. So aufgelöst wie der falsche Diener aussah, würde er sich nicht in einer Stunde so fassen, dass er der Macht eines kompetenten Magiers widerstehen könne. Auch wäre es leichter, Helfer zu schnappen, wenn die Befragung schnell vonstatten gehen würde und diese so nicht mehr rechtzeitig gewarnt würden. Allerdings wäre damit Geros Idee, den Grafen auf Magie zu untersuchen, nicht am selben Abend zu machen.
Schwerer wog, dass man die Hintergründe des Attentates so perfekt vertuschen konnte, falls Voltan hinter diesem Anschlag stecken sollte... ach was, was dachte er sich? Rein theoretisch war es natürlich nicht auszuschließen, aber Gero befand, dass der Magier nicht verdächtiger war als jeder andere Adelige mit möglichen Ansprüchen auf den Grafenreif. Er selbst hatte doch abgelehnt, Voltan automatisch für einen Intriganten zu halten.
Zu schade, dass der falsche Ferk ihn im Rededuell besiegt hatte! So konnte es gut sein, dass dieser auch nach seiner Entlarvung sich für überlegen gegenüber Gero hielt und nicht bereitwillig plaudern, sondern sich verschließen würde.
Doch sein Sohn kam ihm zuvor. Bei der Ankündigung war auch ihm klar geworden, dass der direkte Zugriff auf Ferk in einer Stunde enden würde. Mochten Bardo von Bardostein, Voltan von Falkenhag und die aufgezählten Soldaten und Helfer den verhinderten Giftmörder noch so gut bewachen und befragen - das würde er sich doch nicht nehmen lassen!
Also baute er sich vor dem Diener auf, der immer noch von Stordans Leuten festgehalten wurde, Seine imposante Gestalt und die Tatsache, dass er diesen frechen Kerl bereits körperlich in die Schranken gewiesen hatte, mochte ihm helfen, etwas zu erfahren.
"Also, Du hast es gehört: In einer Stunde ist der Vogt höchstpersönlich da! Und wenn er, eine hochstehende Persönlichkeit, wegen eines Dieners belästigt wird, wird er ganz bestimmt keine gute Laune haben! Das macht ein magisches Verhör sicherlich nicht angenehmer. Was dabei geschehen wird, mag keine Gültigkeit vor einem Reichsgericht haben - aber die Schmerzen und das unangenehme Gefühl, unter verschiedenen Zaubern zu stehen, werden Dir deswegen nicht erspart bleiben! Deine einzige Chance, dem zu entgehen, ist hier und jetzt die Wahrheit zu sagen. Also, rede: Wer hat Dich angeheuert? Wie lauten Deine Kontaktpersonen?"
Holdwin funkelte den Diener an.
Dem falschen Diener schwirrte der Kopf. Die blanke Angst kroch ihm beim Anblick Holdwins und dem Gedanken an Voltan von Falkenhag durch Mark und Bein ... er war gestellt, das wusste er ... sie hatten das Gift auf der Scherbe und es mochte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie auch den Ring mit den Resten des Pulvers finden würden. Doch noch immer floss die kalte Rachlust durch seine Adern – zumindest einen Teilerfolg konnte er noch erreichen.
Mit dem Mut der Verzweiflung wagte er wie ihm Wahn zu kichern und laut seine Stimme zu erheben:
„Ihr wollt ausgerechnet nach Truchsess Voltan von Falkenhag rufen lassen? Nun, das spricht für Eure ‚legendäre Weitsicht’ und Euer ‚ungeheures Regierungsgeschick’, Hochwohlgeboren ... Denn ER war es, der mich schickte um Euch zu töten!“
„Bei den Heiligen Zwölfen!"
Stordans Stimme überschlug sich fast. Hatte er etwa mit seiner Vermutung gegen diesen intriganten Magier doch Recht gehabt? Gebannt starrte er auf den Diener und verlor so Junker Reto aus den Augen, was sich als Fehler erweisen sollte...
Korisande hatte während der letzten Minuten schweigend auf einem Stuhl gesessen und von einem zum anderen geschaut, während sich die anderen Adligen in Verdächtigungen und Befragungen ergingen. Was wusste sie schon von so solchen Dingen?
Der Diener, das stand fest, war weder leicht zu durchschauen noch leicht einzuschüchtern. Sie schaute zu ihm herüber. Sagte er jetzt die Wahrheit? Oder versuchte er nur, seinen Kopf im letzten Moment aus der Schlinge zu ziehen, bevor er unter einer magischen Befragung ohnehin alles preisgeben musste?
„Und wenn er lügt?“, fragte sie, lauter als sie es beabsichtigt hatte.
Die List des Dieners fruchtete bei Holdwin, in dessen Gesicht sich Zorn mit Überraschung mischte. Sein Vater benötigte ebenfalls einen Moment, um das Gehörte zu verarbeiten. Doch die Bemerkung der ehemaligen Ferdoker Lanzerin lenkte seine Gedanken wieder in die richtige Richtung.
"In der Tat, ein gewichtiger Einwand!" brachte Gero nun vor.
"Eben noch war der falsche Diener kaum mit Worten zu beeindrucken, nun kann er sich scheinbar kaum fangen!"
Doch es war schwer zu beurteilen, ob die vergifteten Worte nicht bei einigen der Anwesenden bereits ihre Wirkung entfalteten. Die ganze Verschwörung würde sich wohl kaum heute abend aufklären lassen.
"Werte Edle, da nun eine konkrete Anschuldigung gegen einen magischen Würdenträger im Raum steht, wir aber nicht entscheiden können, ob sie der Wahrheit entspricht oder eine besonders durchtriebene Finte darstellt, erinnere ich an meinen Vorschlag, die Wächter Rohals einzuschalten! Die Weißmagier sind über jeden Verdacht erhaben, einen anderen Magier bei einer Intrige zu unterstützen. Zudem stehen sie weltlicher Macht neutral gegenüber und sind nur Recht und Ordnung verpflichtet. Es ist zutiefst beschämend, dass wir den Truchsess überhaupt verdächtigen müssen, aber es ist wohl genau das, was der feige Hund" - hier warf der Ritter vom Kargen Land einen abschätzigen Blick zu Ferk - "beabsichtigt hat."
"Die Wächter Rohals stehen jedoch Eurem Haus nicht gerade neutral gegenüber!", warf jemand der Anwesenden ein. Erneut war nicht zu erkennen, wer es gewesen war; die Person stand wohl absichtlich im Hintergrund.
"Ihr spielt darauf an, dass meine Tochter ihnen angehört. Aber sie bekleidet nur einen niedrigen Rang und zudem wird es sicherlich genügend andere Magier geben, die eine Untersuchung durchführen können. Um die letzten Zweifler zu beruhigen: Natürlich kann auch ich mich einer magischen Untersuchung unterziehen, ob ich lüge oder etwas verschweige!"
„Ihr habt völlig Recht, Wohlgeboren Korisande!“, unerwartet trat der Graf vor – in einer Entschlossenheit, die er bisher nicht zur Schau gelegt hatte, „dieser feige Attentäter beschuldigt nicht nur einen väterlichen Berater und Lehrmeister, sondern einen meiner treusten Vasallen! Ich werde es nicht dulden, dass dem Wort eines Verbrechers mehr Gewicht geschenkt wird, als der Ehrbarkeit eines Sprosses mit gräflichen Vorfahren, der nicht nur das Leben von Bergkönig Gilemon gerettet hat, sondern auch Uns seit Jahren aufrecht zur Seite steht. Wir werden ja sehen, was Truchsess Voltan zu Eurer Anschuldigung zu sagen hat, wenn er in einem Stundenglas hier angekommen ist. Wenn eine Prüfung durch die Rohalswächter nötig sein sollte, soll man auch nach ihnen schicken lassen – doch zweifeln Wir nicht an der Unschuld unseres Gefolgsmanns.“
Die umherstehenden hatten ihre Augen weit geöffnet. So hatten sie Wilbur vom See noch nie erlebt – kraftvoll und ohne zu Zögern trat er für seinen Vasallen ein. Er sprach so, wie es keiner der Anwesenden bisher von ihm kannte ... er sprach wie ... nun, ein wahrer Graf!
„Wohlgesprochen, Hochwohlgeboren. Auch ich glaube nicht, dass der ehrenwerte Truchsess etwas mit der Sache zu tun hat. Selbst wenn man einen Augenblick die völlig abwegige Tatsache zugrundelegen würde, dass Herr Voltan dem jungen Grafen nach dem Leben trachte, so hätte er als Magier und durch seine Position als enger Vertrauter wahrlich andere Mittel und Wege ihrer Hochwohlgeboren zu schaden. Zudem hat dieses Subjekt schon mehrfach erwiesen, dass seine Worte nicht von praiosgefälliger Lauterkeit sind. Daher sehe ich keinen Grund ihm zu glauben und bevor er die Gedanken der Gesellschaft mit weiteren seiner Lügen vergiftet, werde ich ihn, wenn es dem Grafen beliebt“ – er warf Wilbur einen zustimmungsheischenden Blick zu – „an einen sicheren Ort bringen lassen.“
Daraufhin gab er Vitus ein Zeichen, dass er den Delinquenten in den Kerker des Turmes Bardostein werfen möge.
Alderan hielt sich aus den hitzigen Wortgefechten heraus. Auch er war nicht davon überzeugt, dass Voltan hinter der Sache steckte, ebenso wenig wie der junge von Bodrin. Der Truchsess würde seine gute Position gefärden, sollte er den Grafen nun ermorden und hätte sicherlich bessere Möglichkeiten.
Von Bodrin traute er eine solch heimtückische Tat nicht zu. Er war dafür schlicht zu ehrenvoll.
Es musste sich um einen Feind des Kosch handeln, der unbedingt die Grafschaft erschüttert sehen wollte. Es kamen vielleicht irgendwelche verrückten Schetzenecker in Frage, aber auch der Name Charissia schoss ihm durch den Kopf. Sie war schon lange inaktiv gewesen und vielleicht rührte sie sich nun wieder.
„Erlaubt an dieser Stelle, noch einmal mein Angebot zu wiederholen: Lasst den Schurken zusätzlich durch die Söldlinge in meiner Gefolgschaft bewachen, bis Magister Voltan ihn vernehmen kann“, wandte sich Junker Reto mit einer angedeuteten Verbeugung erneut an den Grafen.
„Wer weiß, ob dieser falsche Diener nicht noch einen Komplizen hat, der ihm half, sich in Eure Haushaltung einzuschleichen, verehrter Kastellan – verzeiht die klaren Worte. Dies sind hingegen Kämpen mit gutem Leumund, die ich zu Gratenfels und Angbar in Sold nahm, um mich mit ihnen dem Kriegszug des Grafen Jallik anzuschließen. Diese braven Haudegen können folglich in keinerlei Schurkenreien verwickelt sein, zumal mein Freund Kordan von Pirkensee hier sie befehligen könnte, wenn dies Euer Wunsch ist.“
„Schetzenecker Truppen sollen hier für Ruhe sorgen? Pah!“
Der alte Steenbacker Ritter spuckte vernehmbar vor sich aus.
„Das können wir grade noch alleine.“
Es war nur allzu deutlich geworden, dass Stordan dem Junker nicht besonders freundlich gesonnen war, doch diese Worte mochten den Bogen überspannt haben.
Ohne auf eine Antwort des Angesprochenen zu warten, richtete der Herr von Steenback seine Worte an den Grafen: „Erlaubt, mein Graf, euch denjenigen als Bewachung des Schurken anzuempfehlen, dessen Treue und Liebe zu seinem Landesherren er so kürzlich erst unter Beweis stellen konnte. Lasst meinen Diener Nottel den Schurken bewachen. Er ist kräftig und zuverlässig.“
Wie um Bestätigung für sein Vorhaben einzuholen, blickte der alte Mann auch zu denjenigen Adligen, die er schon vorher in sein Vertrauen gezogen hatte, besonders zu Bardo und Korisande. Beide hatten für einen kurzen Moment den Eindruck, dass Stordan ihnen zuzwinkerte. Ob der alte Fuchs wieder etwas plante? Oder wollte er nur mit Macht verhindern, dass Bodrin-Hardenfels seinen Plan ausführen konnte, den Täter durch seine Leute bewachen zu lassen?
Eines war jedenfalls klar: Stordan brauchte ihre Hilfe! Jetzt!
Bardo war abgelenkt: Er hatte eben von draußen ein schwaches Hornsignal vernommen. Der Kastellan hatte einen pauspackigen Burschen zum Turmbläser ernannt, doch offensichtlich hatte der Bursche ebensolche Schwierigkeiten bei der Beherrschung seines Instruments wie bei der richtigen Anwendung des Perricumer Marinecodes. Sollte er kurz nach draußen schlüpfen, um nch dem Rechten zu sehen?
Einige Weile lang herrschte Stille, bei den Adeligen des Angbarer Sees ebenso wie bei den wenigen anwesenden Schetzeneckern. Erst dann sprach der Graf, zunächst zögerlich, dann zunehmend fester:
„Habt Dank für Eure Angebote und Euren Rat. Wohl dem, der solche Vasallen, die nicht zögern, ihre Dienste anzubieten, auch ohne dass man sie fragen muss. Doch bin ich Graf der Hügellande – nicht allein von Schetzeneck, nicht von der Seegrafschaft.“
Der zartgliedrige Wilbur blickte in die Runde, ließ seinen Blick eine Moment auf dem kraftstrotzenden Bodrin-Hardenfels und dem ungebeugten Steenbacker verharren.
„Dass sollten alle wissen und beherzigen, die mir Rat spenden. Auch wenn aus edlen und erfahrerenen Mündern kommt, wie dem Euren, Gevatter Stordan“, fügt der Graf hinzu.
Wer ihn kannte, konnte bei den letzten Worten ein leichtes Zittern heraushören – war er zu weit gegangen?
„Bravo, trefflich gesprochen, Hochwohlgeboren. Hoch der Graf!“ kam es von der Tür her, und viele Adeligen fielen ein, bevor sie noch die Blicke wandten, um zu sehen, wer da gesprochen hatte. Eine Gasse entstand, durch die der Mann langsam nach vorne schritt. Er trug einen anthrazitgrauen Mantel mit eingewobenen Silberfäden in Kragen und Saum, darunter ein edles Wams in ebensolcher Farbe, blau-grüne Hosen und hohe Stiefel aus fremdartigem Leder. Das schulterlange schwarze Haar und der elegante Bart verrieten jenen, die nur seinen Bruder gekannt hatten, wer er war – der Stab in seiner Hand allen übrigen.
„Ihr bedürft meiner Dienste?“ fragte der Neuankömmling, als er vor den Grafen trat.
„„Deshalb das Signal! Es sollte ein Schiff melden“ fuhr es Bardo von Bardo durch den Kopf. Es war wahrlich noch keine Stunde her, dass Graf Wilbur nach seinem Truchsess und Hofzauberer hatte schicken lassen, doch war Voltan von Falkenhag schon hier. Der Graf war von dessen unversehenen Erscheinen wenig überrascht, aber manch anderen im Saal brachte es zu der Überzeugung, dass auch die übrigen Gerüchte über den Magus wahr sämtlich sein müssten.
"In der Tat", sprach Wilbur vom See mit fester Stimme. "Ein falscher Diener, der sich hier eingeschlichen hatte, wollte mich vergiften. Und jetzt erdreistet sich der Schuft, sich einer Befragung zu widersetzen, und nennt unverfrorener Weise Euch als Drahtzieher."
Falls Voltan von Falkenhag irgendetwas mit diesem Anschlag zu tun haben sollte, musste er fürwahr ein brillianter Schauspieler sein, denn er blieb die Ruhe selbst. Er machte eine geschmeidige Handbewegung.
"Lasst diesen Kerl nur meine Sorge sein. Er wird reden, ganz sicher."
Das Lächeln, mit dem er die letzten Worte ausgesprochen hatte, ließen manchen Anwesenden frösteln.
"Doch gestattet mir die Frage: Wie hat es sich denn genau zugetragen?"
Einen Moment lang war Wilbur wieder unsicher, doch dann berichtete der junge Graf, was sein Truchsess wissen musste. Geschickt vermied er dabei, den wahren Grund für seinen Ausflug auf dem Boot zu nennen. Er erwähnte lediglich, dass er dem Empfang Bardo von Bardosteins beiwohnen wollte, aufgrund einer plötzlichen Brise jedoch über Bord gegangen sei. Seine geschätzte Nachbarin, Korisande von Lutzenstrand, sowie ein Diener Ritter Stordan Steener von Steenbacks, die beide jeweils in einem anderen Boot in der Nähe gewesen seien, hätten ihn gerettet. Am nächsten Morgen sei er dann zusammen mit ihnen eingetroffen.
Als ihm allein gekühlter Wein gereicht werden sollte, habe er Getränke für alle geordert. Als er mit den Gästen anstoßen wollte, sei er mit der ehemaligen Ferdoker Lanzerin zusammengestoßen und habe so seinen Wein verschüttet. Später habe sich jedoch herausgestellt, dass dieser Zwischenfall bewusst von Gero vom Kargen Land eingefädelt worden war, da dieser Diener und Wein nicht traute. Zuerst hatte jedoch Stordan Steener von Steenback den Verdacht geäußert, dass ihm, Wilbur, Gefahr drohe. Es sei dem schnellen Eingreifen Bardo von Bardosteins und dessen Vertrauten zu verdanken, dass der Attentäter tatsächlich überführt werden konnte.
Der Magier hörte sich alles geduldig an und sprach dann: "Hochwohlgeboren dürfen sich glücklich schätzen, solch treue Koscher als Nachbarn zu haben!"
Er wandte sich nun Bardo zu.
"Von Bardostein, Aufmerksamkeit ist die wichtigste Tugend eines Gastgebers, und Ihr wart es im richtigen Moment. Ich hätte allerdings Euren Vertrauten gerne einmal gesprochen, er scheint über Kenntnisse zu verfügen, die mich neugierig machen."
Er ging zu Korisande und Steener.
"Lutzenstrand und Steenback... die beiden verfeindeten Geschlechter vereint im Kampf für den Grafen. Sehr tapfer - und sehr interessant..."
Einen Moment schien er zu überlegen, dann widmete er sich schließlich Gero.
"Das Oberhaupt der alten Magierfamilie mit einem wahren Geistesblitz. Sehr angenehm."
"Freut Euch nicht zu sehr! Er war bereit, auch Euch zu verdächtigen!", rief da Angbart von Salzmarken-See dazwischen. Voltan zog die Augenbrauen überrascht hoch.
"Tatsächlich?"
"Nun, als der Schuft Euch als Auftraggeber nannte, schlug ich vor, die Wächter Rohals für eine magische Befragung einzusetzen."
Von Falkenhag reagierte amüsiert und winkte ab.
"Ach so. Es hätte mich auch gewundert, wenn der Ritter vom Kargen Land, der selbst als etwas unheimlich gilt, auf eine plumpe Denunziation etwas gibt!"
Nun wurde Voltan plötzlich sehr ernst, als er zu allen Anwesenden sprach.
"Ich verspreche Euch, dass ich den verhinderten Giftmörder zum Sprechen bringe. Er wird mir Namen nennen! Und sollte irgendeiner der hier Anwesenden mit ihm etwas zu tun haben, dann seien ihm die Zwölfe gnädig! Doch sollen sich die Drahtzieher nicht in Sicherheit wiegen, etwa weil sie Mittelsmänner angeheuert haben, um den Auftragsmörder zu werben. Vielleicht erwische ich ja auch die.... man kann nie sicher sein, was ein Magier so alles herausbekommen kann. Damit aber diejenigen, die ein feiges Mordkomplott geschmiedet haben, sich in der Zwischenzeit ihrer Haut nicht sicher sein können, werde ich solange Stillschweigen über meine Erkenntnisse bewahren, bis es zu spät sein wird, um dem Arm des Gesetzes zu entkommen! So soll Heimtücke durch List geschlagen werden. Was meint Ihr, Euer Hochwohlgeboren?"
"Bravo, so soll es geschehen! Bringt Getränke, ich möchte mit allen Anwesenden darauf trinken!"
Erneut erschallten Jubelrufe.
"Lang lebe Graf Wilbur! Hoch! Hoch!"