Die Zweite Neufarnhainer Tafel - Festliche Vorbereitungen

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1033, Neufarnhain

Dort angekommen erlebten sie gemeinsam mit den zurückgebliebenen Neufarnhainern bange Augenblicke, blieben einige der anderen Jagdgesellschaften doch mittlerweile mehr als ein Stundenglas über das vereinbarte Fristende des kleinen Wettbewerbs aus.
”Sicherlich versuchen sie noch, prächtigere Trophäen zu erlangen, um den Siegerpokal ihr Eigen nennen zu können”, versuchte Reto von Tarnelfurt im Gespräch mit Rainfried von Grimsau einen Scherz.
”Na, auf den Gedanken hätte ja jeder kommen können”, grummelte Rainfried ”dann hätte ich mir persönlich auch mehr Zeit genommen und wäre dem Rotwild nachgeeilt.”
Tatsächlich ärgerte es den Grimsauer ein wenig, dass Reto das gelungen war, was ihm selber versagt geblieben war. Reto hatte bei seiner Ankunft nicht lange gezögert und hatte seine Beute in die Hände des Gerberehepaars gegeben. Sollte die Festgesellschaft noch etwas von dem Wild haben, so mussten sich die Eheleute sputen, um das Tier aus seiner Decke zu schlagen. Außerdem hatte dieser Auftrag den interessanten Nebeneffekt, dass Reto den Bockbuschs über die Schultern schauen konnte und sich über die Qualität ihrer Arbeit ein Bild machen konnte, ohne dass Edelbrecht dabei war oder ihn irgendetwas anderes ablenkte.
Nur wenig später war Rainfried in nicht allzu guter Laune zurückgekehrt, hatte Firun ihm doch – wie es schien – seine Gunst verwehrt. Reto hatte sich daher rasch zu ihm gesellt, nachdem er sich von der Gewissenhaftigkeit der Bockbuschs überzeugt hatte, und seitdem versucht sein Gegenüber aufzumuntern. Doch allmählich machten sich auch in ihm Zweifel breit: Sollte das lange Ausbleiben der anderen vielleicht doch etwas mit den Wolfsspuren zu tun haben, die Erborn und er draußen entdeckt hatten?
Gerade wollte er zu einer Entgegnung ansetzen, als von der Palisade aufgeregte, laute Rufe zu ihnen herüberdrangen und das Tor aufgestoßen wurde. Endlich schienen die anderen zurückzukehren. Doch was mussten Rainfried und Reto erblicken, als sie näher kamen?
Mit schmerzverzerrten Gesicht stützte sich Edelbrecht von Borking, der leicht humpelte, auf den Weber Cordo Sauerbrodt und Ritter Roban Grobhand von Koschtal, während die Maga Danja energisch auf ihn einredete. Die Zwerge unterdessen trugen drei Wolfskadaver mit sich, die sie unter der Anleitung Olgoschs und Etoschs unweit der Gerberhütte fallen ließen.
”Zum letzten Mal, Wohlgeboren, es wäre mir ein Leichtes, Eure Wunden mittels eines simplen Balsam Salabunde zu schließen und euer Leiden zu lindern, wenn Ihr nur nicht so stur wäret”, erklärte die aufgebrachte Danja Edelbrecht gerade zum wiederholten Male.
”Und ich habe Euch gesagt, dass das gar nicht in Frage kommt, gebt Euch damit zufrieden”, schimpfte Edelbrecht ”eher lasse ich mir das Bein abnehmen, als dass eine dahergelaufene Galottanerin sich daran zu schaffen macht!”
Hilfesuchend blickte Danja Roban an, der jedoch nur resigniert mit den Schultern zuckte. Erst als Reto und Rainfried, die nun bei ihnen angelangt waren, nach den Ereignissen der vergangenen Stunden fragten, ergriff er das Wort und klärte sie in einigen knappen Sätzen auf.
”Dadurch werden wir uns aber nicht von unserem eigentlichen Vorhaben abbringen lassen”, stöhnte Edelbrecht auf, dem der diensteifrige Leubold Garnelinger zwischenzeitig einen Schemel besorgt hatte, auf dem er sich niederließ.
”Lass Firuna in meine Unterkunft kommen, Leubold, sie wird wissen, was zu tun ist. Nun zu etwas Wichtigerem, wie ist es euch beiden denn ergangen?” wandte er sich an Reto und Rainfried.
Als beide vom Ausgang ihrer Jagd berichtet hatten, nickte Edelbrecht leicht.
”Dann steht der Sieger der Jagd ja fest. Ich gratuliere dir, Reto, und werde dir heute Abend gerne vor allen anderen den Pokal überreichen. Bitte entschuldigt mich jetzt, ich muss mich kurz ein wenig ausruhen. Vielleicht nutzt ihr ja die Gelegenheit, um selber auch noch ein wenig zu ruhen oder um euch frisch zu machen?!”
Daraufhin erteilte Edelbrecht Etosch noch rasch einige Anweisungen für den bevorstehenden Abend und verschwand, so schnell ihn sein verletztes Bein laufen ließ, in seiner Kate.

Nachdem sie sowohl die Wölfe als auch die Kaninchen abgeliefert hatten, standen Olgosch und Ingramosch noch etwas beisammen. Die daheimgebliebenen Mitglieder der Familie Sauerbrodt begrüßten stürmisch Cordo und Jalosch, sichtlich erleichtert, dass ihnen nichts passiert war. Durchaus angemessen, befand Olgosch, schließlich hätte leicht einer von ihnen heute sein Leben lassen können. Da fiel ihm ein ... es wäre eine gute Gelegenheit, den jungen Grambart zu prüfen. Vielleicht hatte ihm die Begegnung mit den Wölfen ja die Flausen ausgetrieben?
"Nun, Ingramosch, hast Du heute etwas gelernt?"
"Oh ja!", antwortete dieser mit leuchtenden Augen. Das gefiel Olgosch schon nicht. Was dieser junge Zwerg doch für Vorstellungen vom Leben haben musste - so als ob es ein lustiges Abenteuer wäre!
Doch da sprach Ingramosch ruhig weiter und ganz anders, als es der Sohn des Ogrim erwartet hätte: "Wenn es zum Kampf kommt, kann man sich glücklich schätzen, einen Ambosszwerg dabei zu haben! Denn dieser ist ein guter Anführer, dessen Anweisungen man folgen sollte."
Olgosch wartete noch einen Moment ab, ob Ingramosch nicht direkt darauf eine spitze Bemerkung machen oder einfach lachen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Er hatte es tatsächlich so gemeint, wie er es gesagt hatte! Und während der junge Angroscho sich als bereit zu lernen erwiesen hatte, war er, Olgosch, doch etwas vorschnell mit seinem Urteil gewesen. Bei Angrosch, wie ungerecht er doch gewesen war! Er sollte Angrosch bitten, ihn zukünftig vor Hochmut zu bewahren ...
Ingramosch bemerkte, wie Olgosch geistesabwesend in die Gegend starrte.
"Was ist los? Habe ich etwas Falsches gesagt."
"Nein, Junge. Lass uns am Schrein beten gehen. Es war eine gute Jagd. Dafür soll man dankbar sein."
Als Cordo sah, wie die beiden Zwerge zum Schrein gingen, klopfte er Jalosch auf die Schulter und sagte: "Sohn, der Zwerg hat recht gesprochen. Auch wir zwei sollten Ingerimm danken."
So standen sie schließlich zu viert am Schrein. Die beiden Zwerge legten jeder eine Münze hinein und auch Cordo, wobei für ihn selbst das bereits eine stattliche Summe war. Nun richtete jeder gemäß der jeweiligen Tradition seine Gedanken an den Herrn der Schmiede und den Vater aller Zwerge. Es war eine ruhige Szene nach all der Aufregung, und Olgosch schloss für einige Zeit die Augen. Als alle ihr Gebet beendet hatten, wandte sich Olgosch an Cordo.
"Und jetzt lasst uns gemeinsam die Kaninchen fertigmachen."
Der Weber brummte zustimmend.

Dwarrin, der sich in Robans Jagdgesellschaft befunden hatte, nutzte die Gelegenheit, um seinen Freunden im ”Findling” von den neuesten Ereignissen zu berichten. Doch groß war sein Staunen, als er die Tür des Wirtshauses öffnete und den dahinter liegenden Schankraum mit Fässern angefüllt vorfand. Zwischen diesen flitzten die Drillinge Ram-, Rum- und Romlosch hin und her und verschlossen sie mit hölzernen Deckeln, nachdem sie noch einen letzten prüfenden Blick hineingeworfen hatten.
”Was geht denn hier vor?” fragte Dwarrin überrascht.
”Nichts, nichts”, entgegnete Ramlosch und kicherte diabolisch dabei, ”wir füllen nur unsere Biervorräte wieder auf.”
”Ihr tut bitte was?”
”Du hast schon richtig gehört.”
”Ich dachte, der Grobhänder hätte alles ausgetrunken?”
”Hat er auch; nun sagen wir mal, wir haben das Problem gelöst und doch noch neue Bestände aufdecken können.”
Dwarrin runzelte die Stirn, das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Er ging auf eines der wenigen noch offenen Fässer zu, um sich von dem Gehörten selbst zu vergewissern. Tatsächlich! Aus dem bauchigen Inneren kam ihm der würzige Geruch des ”Neufarnhainer Zwergenbräus” entgegen und sein eigenes Spiegelbild zeichnete sich auf der nassen Fläche ab.
”Das ist ja unglaublich”, stieß er hervor und drehte sich abrupt um. Sein Blick fiel dabei auf Rumlosch, der sich gerade hinter seinem Rücken hatte vorbeischleichen wollen. Erschrocken blieb der Angroscho stehen und warf seine Arme hinter sich, als ob er etwas vor Dwarrin verbergen wollte.
”Rumlosch, was hältst du vor mir versteckt?” Dwarrins Gesichtszüge wurden praiosinquisitorisch ernst.
”N…n…nichts, wieso, Dwarrin?” entgegnete Rumlosch leicht gequält.
”Versuch nicht, mich zu hintergehen, Freundchen! Seid ihr etwa an meinen Privatbeständen gewesen?”
”Bei Angroschs Bart, natürlich nicht Dwarrin, was denkst du nur von uns?” kam Romlosch seinem Bruder zur Hilfe.
”Nun gut, dann muss es eine andere Erklärung für euer seltsames Verhalten geben, könnte es vielleicht sein, dass ...”, mitten im Satz hielt Dwarrin inne, nur um sich rasch auf Rumlosch zu werfen, ihn niederzuringen und ihm den verborgenen Gegenstand aus den Händen zu winden. Wie gelähmt betrachteten die anderen Drillinge das Schauspiel, das sich ihnen bot, und Ramlosch wurde sichtbar rot, als Dwarrin einen langen Schlauch in den Händen hielt.
Allmählich dämmerte es Dwarrin. Entsetzt schaute er die Drillinge an.
”Soll das etwa bedeuten, dass ihr? Ihr habt doch nicht etwa?”
Wie drei reuige Sünder schauten Rum-, Ram- und Romlosch zu Boden und nickten betreten. Wut keimte in Dwarrin auf.
”Wisst ihr, was man unter dem Berge, in unseren heimischen Stollen mit solchen Leuten wie euch machen würde? Grubenwürmer-Putzen wäre eine noch viel zu geringe Strafe für Übeltäter wie euch, ihr, ihr…”
”Schon gut, Dwarrin”, wagte Rumlosch einen ersten zaghaften Einwand, ”aber was hätten wir denn machen sollen. Die Gäste freuen sich doch immerhin auf einen guten Tropfen unseres Gerstensafts und wir haben dank dem Grobhänder ja nun einmal kaum noch etwas anzubieten. Was ist da nahe liegender als…”
”Wage nicht, es auszusprechen”, fauchte Dwarrin ”oder ich vergesse mich!”
”Könntest du nicht vergessen, was du hier gesehen hast?” wand Ramlosch ein.
”Das Beste wäre, ich würde euch sofort Etosch Gabelbart melden, der würde schon wissen, was man mit euch macht. Aber um des lieben Friedens Willen gehe ich jetzt da zur Tür raus und wenn ich in einem halben Stundenglas zurückkehre, dann will ich, dass mir keines dieser unsäglichen Fässer wieder begegnet. Verstehen wir uns?”
Wieder nickten die Drillinge und Dwarrin machte, dass er so schnell wie möglich aus der Panscherwerkstatt verschwand.

”Galottanerin!”
Danja schnaubte vor Wut, nachdem sich die Jagdgruppen zerstreut hatten.
”Was bildet sich dieser von Borking eigentlich ein, mich auf eine Stufe mit Paktierern und Ketzern zu stellen! Da bietet man großmütig seine Hilfe an...”
”Halt die Pike flach!”
Roban hatte seinen mageren Karnickel einem der Neufarnhainer in die Hand gedrückt, damit er wenigstens eine Suppe für das Festessen beisteuern konnte.
”Du hast deine Hilfe nicht nur großmütig angeboten, sondern Edelbrecht regelrecht bekniet, ihn heilen zu dürfen! Du weißt ja, wir Koscher ...”
”Weiß ich!” schnappte die Magierin zornig. ”Haltet nichts von Zauberei, seht in jedem arkan Begabten gleich einen potentiellen Schwarzmagier und seid ohnehin von Präjudizien geprägt, was jeden ... Außerkoscher”, sie spuckte das Wort regelrecht aus, ”angeht, also so ziemlich jeden, der nicht aus eurer scheinbar heiligen Heimat kommt!”
”Vorsicht mit deinen Worten!”
Der Ritter sprach leise und langsam, Grund genug für Danja, sich mit ihrem Urteil über das Koscherland tatsächlich zu mäßigen.
”Du warst etwa so penetrant mit deinem Angebot wie eine Moorbrücker Stechmücke. Das erste ‚Nein‘ Edelbrechts hätte genügen sollen. So hatte man den Eindruck, als ob du ihm in den...”
Roban ersetzte die letzten Worte durch ein Räuspern und grinste breit. Danja schnaufte noch einige Male unwillig, ehe sie ihr eigenes Verhalten noch mal überprüfte.
Zugegeben, in der Absicht, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen und damit die Erlaubnis zur Examinatio des Steinkreises zu bekommen, war sie womöglich über das Ziel hinaus geschossen. Dennoch, eine Titulierung, wie sie der Herr von Borking benutzt hatte, war durch nichts zu rechtfertigen.
”Ihr Koscher könntet ruhig etwas mehr wie dieser freundliche Herr aus dem Süden sein – wie hieß er gleich?”
”Rainfried von Grimsau”, sagte Roban seltsam tonlos. ”Und der ist auch ein Koscher, auch wenn sein Haus Verwandtschaft in Almada hat. Koscher bleibt Koscher.”
”Wie dem auch sei, der Herr von Grimsau ist ein rechter Kavalier, galant, höflich und unvoreingenommen gegenüber meinem Stand!”
Danjas Worte klangen provokant, beinahe vorwurfsvoll.
”Voreingenommen ist er von deinen ...”, erneut ersetzte Roban Worte durch ein Räuspern. ”Außerdem ist er ein glühender Verehrer Rahjas, und als solcher garantiert hinter jedem Rock her. Oder jeder Robe!”
”So! Ist er das?”
Danja lächelte den Ritter an, als könne sie kein Wässerchen trüben.
”Wohl ein Grund mehr, mich auf den versprochenen Tanz zu freuen!”

Edelbrecht trat ins Halbdunkel seiner Kate und schloss die Tür. Er überlegte, ob er einen Fensterladen öffnen und den Nebel einlassen oder lieber eine Kerze entzünden sollte, da hörte er ein Scharren vom Tisch her. Eine dunkle Gestalt in einem Umhang hatte ihren Stuhl zurückgeschoben und erhob sich langsam. Edelbrecht griff nach seiner Waffe. Wer zum Henker hatte sich da unbemerkt in sein Heim geschlichen?
”... zum Gruss, 'r Wohlgebor'n!", murmelte die Gestalt, bevor sie ein Hustenanfall schüttelte. Edelbrecht atmete auf. Zwar konnte er die Züge des Mannes noch immer nicht erkennen, aber diese nuschelnde Stimme hatte sich ihm bestens eingeprägt.
"Bolzer Spatenschwingh! Was treibst du denn hier?"
"Nu ja, der Vogt schickt mich, der Herr Gerling. Soll seine Grüsse ausricht'n und Geschenke bringen, weil er ja nu nich selbst kommen kann. Eure Wachen ham mich eingelassen und ich dacht, ich wart am besten mal hier."
Der Moorbrücker Torfstecher, der die Neusiedler-Edlen vor einem Jahr durch das Moor zu ihren Siedlungsplätzen geführt hatte, griff unter den Tisch und fischte einen großen Lodenrucksack hervor.
"Wenn's recht is, übergeb ich Wohlgeboren gleich die Sachen und mach mich auf den Heimweg ..."
Er machte ein paar Schritte auf Edelbrecht zu und wollte ihm den Sack aushändigen.
"Aber nicht doch!” wehrte Edelbrecht ab. ”Wir feiern heute unseren Jahrestag, und wer wäre da willkommener als du? Du wirst mit uns tafeln und kannst uns dann in fröhlicher Runde ausrichten, was der alte ... was Morwald Gerling uns ausrichten lässt."
"Vor all den Leuten?", maulte Bolzer etwas wehleidig, doch aus dieser Nähe konnte Edelbrecht nun deutlich in seinem Gesicht lesen, dass er sich auf einen ordentlichen Braten und einen guten Schluck freute.