Blut, das bindet, Blut, das trennt - Blutsbande

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Texte der Hauptreihe:
K2. Blutsbande
Autor: Lindholz

Die Reichsstadt Angbar im Frühling 1032 nach Bosparans Fall

"Aber wenn ihr am Fürstengarten seid, dann...", der Wirt zögerte einen Augenblick in seinem Wortschwall und kratzte sich über die dunkelblonde Augenbraue.
'... dann habe ich mich sicher hoffnungslos verlaufen.' setzte Etilian den Satz geistig fort, sagte aber stattdessen: "Ich werde es schon finden. Habt Dank!"
Der kleine, wohlgenährte Besitzer der Herberge "Letzter Krambold" lächelte ein wenig hilflos und nickte. Offenbar hatte selbst er den roten Faden in seiner Wegbeschreibung verloren, während der er - so schien es Etilian - sämtliche bedeutende Gebäude der Stadt einbezogen hatte; unabhängig davon, ob sie sich auch nur im entferntesten auf der Route zur alten Zitadelle befanden. Seltsam, dass sich so viel Stolz auf das eherne Angbar nicht auch in einem gewissen Bedürfnis niederschlug, das eigene Haus in Ordnung zu halten.
Der braunhaarige Adelige verließ die heruntergekommene Wirtschaft. Gekleidet war er in Hemd und Hose aus Leinen, leichte Lederstiefel und eine Weste aus mit Stickereien versehenem Wildleder. Die Kleidung passte überraschend gut und hatte seinen Geldbeutel weniger belastet als befürchtet, besonders wenn man bedachte, dass er sie in Steinbrücken, wo seine Robe endgültig den Geist aufgegeben hatte, auf die Schnelle hatte kaufen müssen.
Nachdem er schon kurz nach seiner Abreise aus Gôrmel von einer Gruppe Soldaten aufgehalten worden war, die offensichtlich einen Dieb suchten, war er froh gewesen, Angbar überhaupt in so kurzer Zeit erreicht zu haben. In Angbar angekommen war es recht schwer gewesen, eine preiswerte Unterkunft zu finden und so hatte er sich ohne lange zu überlegen - es war schon später Abend gewesen - im Letzten Krambold eingemietet. So müde, wie er gestern Nacht gewesen war, nachdem er endlich seinen Warunker versorgt hatte, hätte er sich fast überall zur Ruhe legen können. Er war aus dem Krieg Schlimmeres gewohnt als ein Bett mit ein paar Untermietern.
Etilian trat auf die Reichsstraße und blickte sich suchend um. Schließlich sprach er eine jüngere Frau an, die ein Gestell mit gebranntem Steingut auf ihrem Weg zum Markt kurz abgestellt hatte um zu verschnaufen, und ließ sich von ihr den Weg beschreiben. Der ehemalige Darpatier schritt die breite Straße entlang und erreichte nach kurzer Zeit den Platz des Feuers. Dort verharrte er eine ganze Weile; blickte die beeindruckenden von Feuer gekrönten Basaltsäulen hinauf, die vor dem Tempel der Ewigen Flamme in den Himmel ragten, bis ihn ein gereizter Kutscher anfuhr, woraufhin Etilian, mehr wie ein Jungspund vom Lande als ein über dreißigjähriger Blaublütiger, betroffen aus dem Weg sprang. Erst mit etwas zeitlicher Verzögerung erinnerte er sich an seine Herkunft, straffte sich und wand sich nach Süden nachdem er noch einen letzten Blick auf die eingemeißelten Namen der Kaiser des mächtigen Neuen Reiches warf.
Vorbei führte sein Weg zwischen den dicht gedrängten, zweistöckigen Gebäuden mit den verzierten Giebeln und Blumenkästen. Den Weg hinauf am Brauhaus der Stadt mit seinem markanten Geruch nach Hopfen und Malz vorbei. Dann ging es weiter die ansteigende Straße empor erst gen Efferd, dann gen Praios und wieder gen Rahja, bevor ihn nur noch wenige Schritte vor der alten, beeindruckenden Festungsanlage aus Zwergenhand trennten. Etilian ging zu dem Tor, welches von Wachen gesichert war.
"Die Zwölfe zum Gruß. Was ist euer Begehr?" wurde er von einer jungen Frau gefragt, deren Gesicht hinter einem blank polierten Schaller verborgen lag, der das Licht der aufgehenden Praiosscheibe reflektierte.
"Die Zwölfe zum Gruß", erwiderte er. "Ich bin Etilian von Lindholz-Hohenried. Ich wünsche Einblick in das fürstliche Adels-Archiv zu nehmen."
Die Wache musterte ihn nun etwas genauer und sagte dann mit einem Nicken: "Ihr wendet Euch am besten an den Registrargreven, hoher Herr. Das Archiv ist ziemlich groß und nicht sehr übersichtlich. Ich werde nach jemandem schicken, der Euch dort hinführt."
Während Etilian sich bedankte, gab die Frau einem ihrer Kollegen auf der Innenseite ein Handzeichen, der die Professionalität seiner Kollegin ein wenig untergrub indem er ungeniert in einen Gebäudeeingang hineinbrüllte: "Enno, herkommen!"
Der Junge von vielleicht 8 Jahren führte Etilian durch einen ersten, in tiefen Schatten liegenden Innenhof in dem außer den Wachen und einer neugierigen, älteren Frau am Fenster niemand zu sehen war. Nach rechts führte ein weiterer Weg, doch der Knabe ging vor ihm geradeaus durch einen offen stehenden Bogen, der sich wie ein steinerner Tunnel durch das trutzige Gebäude der Hauptburg zog. Der Edle fielen die zahlreichen Schießscharten ins Auge, die sich den Tunnel entlangzogen, um jene Narren, die sich in feindlicher Absicht hineingewagt hatten, mit einem Bolzenhagel zu überziehen.
Unbewusst wanderte Etilians Blick danach wieder zu den leicht spitz zulaufenden Ohren, die unter dem dunkelblonden Schopf vor ihm hervorlugten, zurück. Wer wohl die Mutter des Jungen war? Er überlegte kurz, die Frage zu stellen, doch dann öffnete sich schon der große, siebeneckige Innenhof der Zitadelle vor ihnen. Auch dieser Hof lag noch im Dunkeln, doch das Sonnenlicht tauchte bereits die steinerne Wand zu seiner rechten bis zum Erdgeschoss in Morgenlicht und würde bald auch dem Boden einen helleren, einladenderen Ton verleihen. Aus den Kasernenbauten zu seiner Linken war bereits deutlich die Stimmen der Soldaten zu hören, die nach dem morgendlichen Exerzieren ihr Frühstück einnahmen und drei Mägde, zwei wohlgenährte und eine dunkelhaarige mit einer Hakennase, klatschten am Brunnen während sie gemächlich den Eimer in die Tiefe hinabließen.
"Hier entlang, Herr"´, sagte Enno und deutete auf eine Treppe, die zu einem mit herrlichen Steinmetzarbeiten verzierten Portal empor führte.
Nachdem sich Enno an der Tür verabschiedet hatte, konnte Etilian sich das Innere eines Archivs ansehen, das er sich ganz anders vorgestellt hatte: Zwar gab es auch Bücher, dicke mit Staub bedeckte Wälzer, aber der Hauptteil der Regale war mit Steintafeln gefüllt. Diese waren mit einem hölzernen Rahmen mit Griff verkleidet und ruhten senkrecht in jeweils einer Vertiefung, die mit ihrem Gegenstück am oberen Tablar eine Art Schiene bildete. So konnten die Tafeln eng nebeneinander gelagert werden ohne dass sie durch Abrieb Schaden nahmen. Der darpatische Adlige ging an den Regalreihen entlang auf eine schweres, aber niedriges Pult zu, welches am hinteren Ende des Raumes unter einem schmalen Fenster stand, durch das ein wenig vom Blau des Himmels zu sehen war. Auf dem Pult lagen mehrere, teiweise mit Schrift bedeckte Tafeln neben einem kleinen Hammer und einem schmalen Meißel, die dazu dienten, die zahllosen Namen und Stammbäume aller koscher Adligen in Stein zu verewigen. Vom Registrargreven fehlte jedoch jede Spur.
Eine Weile sah sich Etilian ratlos um, doch gerade als er es wagen wollte in den Wald aus Stein und Holz einzutauchen, hörte er rechts von sich ein schweres Schnaufen und halb hinter einem Bücherstapel, den die Gestalt vor sich hertrug, verborgen erschien ein älterer Zwerg auf der Bildfläche. Der Graubärtige, sein Haupthaar ordentlich im Nacken gebunden, damit es ihn nicht bei seiner Arbeit störte, wuchtete die Werke auf das Pult, bevor er sich seinem Besucher zuwandte. Dieser wollte gerade den Mund öffnen, wurde jedoch sofort von einer energischen, tiefen Stimme gestoppt.
"Nein, nein! Sagt nichts, ich komme schon darauf."
Durchdringende, strahlend blaue Augen musterten den Adligen hinter zwei kleinen Brillengläsern, die mit einem bronzenen Gestell verbunden waren.
Wie eine Kuriosität auf einem Jahrmarkt kam sich Etilian vor als er beäugt, umwandert, von allen Seiten gemustert wurde, sich herabbücken sollte, damit man sein Gesicht besser erkennen konnte. Dreimal wiederholte sich das Prozedere, und dreimal wollte er sich endlich erklären, nur um mit energischen Handzeichen und einem fast schon knurrend klingendem Laut zum Schweigen gebracht zu werden.
Dann endlich seufzte der Mann des kleinen Volkes enttäuscht und gab zu: "Irgendetwas an Euren Zügen kommt mir bekannt vor, aber ich komme einfach nicht darauf. Echsenschiss auch! Oh, entschuldigt, Herr."
Der Zwerg räusperte sich.
"Also, würdet ihr mir Euren Namen verraten?"
"Ich bin Etilian von Lindholz-Hohenried. Und ich wollte...", setzte der Darpatier an, wurde jedoch sofort wieder unterbrochen, als der Zwerg die Faust in seine Handfläche schlug.
"Aber natürlich, Avesinda vom Kargen Land, geborene Lindholz. Dass ich darauf nicht gekommen bin... hätte ich gleich an den Händen sehen müssen! Ihr Gigrim macht es einem auch nicht leicht, muss man sagen."
Der Zwerg nickte, wie um sich selbst zu bestätigen, heftig mit dem ergrauten Haupt. Etilian wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte, doch sein Gegenüber ließ die Pause ohnehin nicht lang werden.
"Nun, dann schauen wir mal, was wir sonst noch über Euch herausfinden, was?"
Zielgerichtet schritt die kleine Gestalt zwischen den Gängen davon, und dem Adligen fiel es schwer, im Halbdunkel zwischen den Regalen nicht den Anschluss zu verlieren.
"Ihr könnte ja unterwegs schon einmal erzählen, was Ihr wissen wollt."