Bewährungsprobe am Trolleck - Kriegsrat am Trolleck

Aus KoschWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Trolleck im Ingerimm 1033 nach Bosparans Fall

Am nächsten Morgen geschah es wie der Graf befohlen hatte.
Die Hörner riefen zum Sammeln und die Truppen begaben sich in Marschformation. Glücklicherweise war die Nacht ruhig gewesen, doch angesichts der Vorkommnisse des vergangenen Tages blickte mehr als einer der Waffenknechte mit Sorge auf die Zukunft des Feldzuges. Manch besorgter Blick traf auch Graf Wilbur, als er Platz auf der schwankenden Pferdesänfte bezog. Der Graf wirkte blass und die schaukelnde Trage sorgte nicht gerade dafür, die Zuversicht des Heeres zu heben.

Zumindest verlief der restliche Anmarsch ereignislos. Als jedoch das Trolleck in Sicht kam, sank der Mut zahlreicher Kämpfer wieder.
Alle drei Burgen lagen auf steilen Felshängen und wirkten jede auf ihre Weise schwer einzunehmen. Immerhin ging es nur gegen die Burg Zwietrutz. Ein einziger Pfad führte zur Burg hinauf. Kurz vor dem Torhaus verbreiterte sich dann der Pfad ein wenig und ließ Raum für ein paar Streifen Graß, die am Rand des Weges wuchsen. Ein einzelner Karren mochte hier mit Mühe und Not heraufkommen, doch für mehr war eindeutig kein Platz.
Der Pfad wurde noch dazu von einem Turm überragt, von dem aus die Verteidiger die gräflichen Truppen mit Pfeilen überschütten konnten, bevor sie überhaupt auf Höhe des Tores waren. Nachdem der Pfad überwunden war lag ein etwa zehn Schritte breiter Streifen zwischen Aufstieg und Torhaus. Zur rechten der Angreifer würde die Mauer aufragen und zur linken der Abgrund. Ein idealer Ort für die Verteidiger, um die Anstürmenden weiter zu schwächen. Wenn das Torhaus dann endlich gefallen wäre würde immer noch der Bergfried zwischen den Angreifern und dem Sieg stehen.
Über der Zwietrutz, wie auch über den anderen beiden Burgen wehte das Banner des jeweiligen Burgherrn.
Hohn und Spott regnete auf das gräfliche Heer nieder, als die Truppen begannen den Zugangsweg zur Burg zu versperren. Die Belagerung würde auch mit wenigen Leuten aufrecht erhalten werden können, gab es doch nur den einen Pfad, der zur Burg hinauf führte. Der Berg auf dem die Zwietrutz lag war zwar sicherlich nicht unerklimmbar, aber für ein Heer mit Belagerungsgerät und unter Feindbeschuss doch ein Ding der Unmöglichkeit.
Während die Knechte die Zelte aufschlugen, bezogen die Hügelländer Spießgesellen Aufstellung am Burgweg und postierten auch Wächter ums restliche Lager. Boten wurden zu den beiden anderen Burgen entsandt, um die jeweiligen Burgherren über die Anwesenheit und Ziele des gräflichen Heeres zu informieren. Derweil ließ Graf Wilbur seine Gefolgsleute zum Rat in seinem Zelt rufen.
Hernobert von Falkenhag lenkte sein Ross durch das Getümmel im Lager zum Zelt des Grafen, als er Rufe hörte. Einige der Bewaffneten zeigten auf die Burg Trolleck. Der dorthin entsandte Herold hatte sich auf wenige Schritte dem Torhaus genähert, als er samt Pferd von einem Bolzenhagel niedergestreckt wurde. Hörner und Geschrei erschallten von der Burg, das Banner wurde eingeholt und ein neues aufgezogen: Es zeigte einen weißen Bären auf schwarzem Grund. Das Banner wurde jedoch von einem roten Bastardbalken entstellt.
Polter von Pirkensee, der an Hernoberts Seite geritten war, fluchte hörbar. Überrascht drehte sich Hernobert zu Polter um und schaute ihn fragend an.
"Das Banner kenne ich. Es wehte über dem Heer, dass die Firntrutz belagerte und um ein Haar Erbprinz Anshold auf dem Gewissen gehabt hätte. Ulfbald, oder so ähnlich nennt sich der Schurke. Ist angeblich der Bastardspross eines der Adelshäuser dort im Norden. Aber was bei allen Niederhöllen macht der Schurke hier mitten im Herzen des Kosch?"
Hernobert wusste darauf keine Antwort, doch auch auf Burg Zwietrutz wurde nun das Banner mit dem Bären aufgezogen. Wie konnte die Bande es nur geschafft haben, zwei der drei Burgen am Trolleck einzunehmen?
Immerhin kam der zweite Herold heil aus der Burg Porquidstreu heraus geritten. Gefolgt wurde der Herold von einer Schar Reiter unter dem Banner des Hauses Treublatt. Die Wimpel der Häuser Püscheln, Vardock und Rüpeln wehten ebenfalls im Wind.
Während die Mehrzahl der Reiter auf Burg Trolleck zuhielt und in respektvollem Abstand Aufstellung bezog, folgte der Wimpel des Hauses Vardock dem Herold in Richtung des Feldlagers. Den Ritter Trest von Vardock kannte die Mehrzahl der anwesenden Edlen. Hier wäre eine Täuschung also nicht möglich. Das ausgerechnet der unbeliebte Ritter vor dem Grafen sprechen würde, würde vielen der Anwesenden nicht schmecken, aber in solchen Zeiten konnte man mit der Wahl seiner Verbündeten nicht wählerisch sein. Voller Unruhe wendete Hernobert sein Pferd, um vor dem Vardocker beim Zelt des Grafen zu sein.
Der Graf wirkte immer noch blass und saß ermattet in seinem Stuhl, dennoch war auf seinem Gesicht eine gewisse Entschlossenheit zu sehen. Wenngleich er das Zelt nicht verlassen hatte, war er doch von den Geschehnissen unterrichtet worden, die sich im Freien zugetragen hatten.
Die Spannung im Zelt war kaum zu ertragen. Kein Wort wurde gesprochen, bis die Leibwache des Grafen schließlich die Zeltplane öffnete und Trest von Vardock ins Innere einließ.
Der Vardocker sah aus, wie man ihn kannte. Gut gelaunt verbeugte sich der Mittvierziger, wobei eine eindrucksvolle blonde Lockenpracht sein Gesicht umrahmte. Kriegerisch mit Plattenrüstung und Wappenrock angetan, sah er aus, als wäre er direkt einem Kindertraum entsprungen.
Nach Trests pompöser Verbeugung warf er seine Haare zurück und rief lauter als es nötig gewesen wäre:
"Es ist mir eine Freude, dass seine Hochwohlgeboren uns hier mit seinem Heer zur Hilfe eilt. Viel zu lange schon treiben die Schurken hier ihr Unwesen. Wäre es nicht um die vielen Befestigungsanalagen gewesen, die mein Vorfahr Rondralrik auf Porquidstreu hat anbringen lassen, wir wären nun auch Gefangene dieser Bande."
Vogt Hernobert maß den Vardocker abschätzig, doch hakte er sofort nach:
"Wir haben auf dem Weg einen Gefangenen gemacht und der berichtete uns von gar hundert Vogelfreien, die hier ihr Unwesen treiben sollen. Woher bei den Zwölfen taucht hier mitten im Kosch auf einmal eine solche Armee auf?"
Verlegen blickte Trest zu Boden.
"Der Grund ist in Wengenholm zu suchen." druckste Trest, auf einmal gar nicht mehr so selbstsicher, herum. "Die meisten Gefangenen sind nach Heisenbinge in den fürstlichen Steinbruch gebracht worden. Das hat den Steinbruch ziemlich überfüllt. Eichbart, des Vogtes Robans Bruder hält dort Wacht, aber eines Nachts hat irgendjemand ihm und seinen Leuten was ins Essen gemischt. Die Gefangenen müssen davon gewusst haben, denn genau in dieser Nacht haben sie den Aufstand gewagt und konnten in großer Zahl entfliehen.
Sechs Dutzend mögen entkommen sein. Anstatt sich aber in alle Winde zu zerstreuen, sind sie beisammen geblieben und haben es irgendwie geschafft, die Burg Trolleck zu erobern. Es muss im Handstreich passiert sein, denn auf Porquidstreu haben wir den Schaden erst gesehen, als am nächsten Morgen der Ritter Angwart von Zwietrutz rüber zur Burg Trolleck ritt um seinen Nachbarn Thorgal zu besuchen und dort gefangen genommen wurde. Mit einem Mal kam ein riesiger Haufen aus der Burg raus und ist dem Angwart rüber nach Zwietrutz. Da hat die Besatzung die Tore geöffnet, um ihren Herrn nicht zu gefährden. Seitdem ziehen sie immer wieder los, um Überfälle zu verüben, aber nach Fürstenhort trauen sie sich meist nicht rein. Vogt Roban hat einige Ritter zusammengerufen, um meine Burg zu verstärken und so konnten wir die Bande abschrecken.
Für einen Gegenangriff waren wir aber nicht zahlreich genug, zumal wir nicht einfach so in eine andere Baronie marschieren können. Immerhin konnten wir ein paar Überlebende des Bergbanners retten, die aus dem Hinterhalt entkommen waren. Der Rest sitzt jetzt aber in den Kerkern von Trolleck."
Trest blickte betreten in die Runde. Von seinem stolzen Auftritt war wenig geblieben.
"Ich muss euch warnen: Sie halten die Besatzung der Zwietrutz und die Überlebenden des Bergbanners als Geiseln und sie haben mehrmals weitere Gefangene gebracht. Die werden nicht zurückschrecken, ihre Geiseln zu Boron zu schicken."
Graf Wilbur schaute schockiert und verunsichert drein. Die Entschlossenheit war aus seinen Augen gewichen und hatte dem Blick eines Kindes in einer viel zu großen Rolle Platz gemacht. Trotz seiner siebzehn Lenzen war Graf Wilbur eindeutig überfordert. Eine starke Räuberbande hatten sie erwartet, aber das überstieg alle Befürchtungen!
"Dann muss es uns ebenfalls gelingen, eine der Burgen im Handstreich zu nehmen", schlug Roban Grobhand von Koschtal vor. Den Marsch ans Trolleck hatte er nahezu schweigend zurückgelegt, in seine eigenen Gedanken vertieft, und die drehten sich im Moment vor allen Dingen um eins: Vergeltung!
Man hatte Answein umgebracht, seinen Lehrer, einen seiner wenigen Vertrauten, der ihm in den letzten Jahren wie ein Vater gewesen war.
Das man ihn erschossen hatte wie einen Strauchdieb, einen Geweihten im Ornat, dafür würde jemand bezahlen, und diese Rechnung würde in Blut beglichen werden!
Roban blickte in die Runde. Einige Leute schienen im gern zustimmen zu wollen, doch las er in den Augen überall die gleiche Frage: ein Handstreich, aber wie?
"Weiß jemand von einem geheimen Fluchttunnel in die Burgen?" schlug der Koschtaler auf gut Glück vor. "Wenn wir davon Kenntnis erlangen könnten, müsste es möglich sein, mit einigen Kämpfern bei Nacht nach Zwietrutz vorzudringen, die Gefangenen zu befreien, und, so Rondra es will, sogar noch die Wachen am Torhaus zu überwinden und die Tore zu öffnen."
In einigen Blicken lag Zweifel. So etwas konnte möglich sein, doch das Risiko war groß, sowohl für die Streiter, die in die Burg wollten, wie auch für die Gefangenen. Es war nicht auszuschließen, dass mit einer derartigen Aktion die Zahl der Gefangenen nur noch vergrößert wurde. Oder die Zahl der Boronsräder, die man würde aufstellen müssen.
"Habt Ihr denn bereits Kenntnis von einem Fluchttunnel respektive dessen Ausgang", fragte Trest von Vardock mit abfälligem Lächeln in Richtung des arg zerlumpt aussehenden Roban.
Der Angesprochene kniff die Augen zusammen und zog einmal scharf die Luft ein. Seine Fäuste ballten sich so fest, dass die Knöchel weiß hervor traten. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie Reto von Tarnelfurt und Boronar vom Kargen Land ganz leicht den Kopf schüttelten.
Roban trat einen Schritt auf Ritter Trest zu und rang sich ein Lächeln ab, dass eher ein Zähnefletschen erinnerte.
"Noch nicht, Herr von Vardock", zischte er wütend. "Aber während ich danach suche, könnte jemand den Baron von Bärenfang fragen, ob er etwas darüber weiß. Und Ihr könnt die Zeit nutzen, um Eure Rüstung noch mal zu polieren oder Eure Löckchen zu bürsten!"
Ohne ein weiteres Wort stapfte Roban hinaus. Zwar hatte er keine Ahnung, wo man nach dem Ausgang eines Fluchttunnels suchen sollte, aber alles war besser, als weiter in der Gegenwart dieses geleckten Affen verweilen zu müssen!
"Euer Wohlgeboren von Koschtal?" hörte der Ritter von Hohentrutz eine Stimme hinter sich, als er gerade zwischen den ersten Zelten hindurch schreiten wollte.
Gereizt fuhr Roban herum und es war vielleicht mehr die Überraschung, Etilian von Lindholz-Hohenried zu sehen, als Selbstbeherrschung, die ihn davon abhielt sein Gegenüber anzufahren. Stattdessen fragte er:
"Was ist, Heiler?"
Er fragte sich, ob der Darpatier ihm aus dem Zelt des Grafen gefolgt war oder hier auf ihn gewartet hatte.
"Wenn es Euch nicht stört, würde ich Euch gerne zum Kloster begleiten", erwiderte Eilian während er näher kam.
"Zum Boronkloster?" fragte Roban. Er war sich noch gar nicht bewusst gewesen, dass er vorhatte, dort hin zu gehen. Doch genau genommen war es kein dummer Gedanke, dort zu beginnen.
"Falls es irgendwo Wissen oder Aufzeichnungen über einen verborgenen Tunnel zu einer der Burgen gibt, dann werden sicher die verschwiegenen Mönche es hüten", bestätigte der Heilkundige seine Überlegungen und fuhr fort: "Die Versorgung einer Höhenburg während einer Belagerung ist ihr größter Schwachpunkt. Ich bin sicher, unsere Aussichten sind nicht schlecht."
Roban musterte den Darpatier abschätzend. Völlig unbeschlagen schien der in militärischer Sicht wohl nicht zu sein.
"Wir wissen nicht, wie viele Vorräte auf Zwietrutz lagern", gab er zu bedenken, "aber die Idee mit dem Kloster ist gut!"
Er nickte einige Male, als müsse er sich selbst von den eigenen Worten überzeugen. Die Idee Etilians war wahrhaftig besser als seine eigene – offen gestanden hatte er nämlich keinen blassen Schimmer gehabt, wo er mit der Suche nach dem Tunnel beginnen sollte. Und das mit den Aufzeichnungen im Kloster leuchtete sogar ihm ein, also sollte man es zumindest versuchen.
Kurze Zeit später ritten Roban und Etilian durch das Dorf zu Füßen des Boronklosters. Wuchtig ragte der Bau über ihnen auf.
Die Form des gebrochenen Rades, welches den eigentlichen Tempel auszeichnete, war von hier aus kaum zu erahnen. Zu sehr verdeckten Nebengebäude und die fünf hoch aufragenden Türme den Sakralbau. Selbst in strahlendem Sonnenschein hätte das Kloster wohl nicht viel von seiner düsteren Aura eingebüßt.
Jetzt, während sich schwere, graue Wolken über den Himmel schoben, konnte man sich der Ausstrahlung des Ortes kaum entziehen. Und so schwiegen die beiden Adligen während ihre Pferde die Straße hinauftrabten, die durch den ersten der Türme hindurch auf den Felsen hinaufführte, dessen fester Untergrund, dem Kloster ein unnachgibiges Fundament verlieh.
Im von mehreren aus Stein gemauerten Gebäuden umstandenen Innenhof der Anlage angekommen, banden Roban und Etilian ihre Reittiere an. Zu ihrer Linken befand sich eine unebene Treppe, die zu einem höher gelegenen Teil des Klosterbaus hinaufführte. Rechter Hand öffnete sich ein breiter Durchgang, über den man jedoch eher in die Randbereiche des Gebäudekomplexes geleitet zu werden schien. Blieb nur noch eine breite hölzerne Tür, die dem Torturm gegenüber lag.
In stummer Übereinkunft traten die beiden auf diesen Durchgang zu, doch offenbar war ihre Ankunft nicht unbemerkt geblieben: Aus dem Inneren des Gebäudes trat eine in schwarz gewandete Gestalt, noch bevor sie nahe genug gekommen waren, um anzuklopfen. Die Robe des schon ein wenig in die Jahre gekommenen Mannes wurde von einem silbernen, im Sturzflug befindlichen Raben verziert.
Im Kern hatte Etilian diese Darstellung Golgaris immer etwas irritiert, schien ihr doch etwas gieriges und Besitz ergreifendes anzuhaften, was nicht so recht zu dem sanften Hinübergleiten in die andere Welt passen wollte, welches sich viele doch für ihren Lebensabend herbeisehnten.
"Boron zum Gruß, Euer Gnaden" eröffnete Etilian das Gespäch, was sich erwartungsgemäß recht einseitig entwickelte. Sein hageres Gegenüber nickte lediglich, schenkte den beiden Adligen aber immerhin ein freundliches Lächeln als Zeichen des Willkommens.
Roban hielt sich bedeckt. Der Darpatier konnte mit Worten eindeutig besser umgehen als er selbst, und für eine große Klappe gab es kaum einen unpassenderen Ort als diesen. Zudem weckte das Kloster Erinnerungen, alte und neue, aber keine besonders Guten.
In Tobrien hatte er manch guten Kameraden auf Golgaris Rücken steigen sehen. Er selbst hatte nach seiner Rückkehr der Dienste eines Seelenheilers der Boron-Kirche bedurft, und erst gestern war Answein über das Nirgendmeer aufgebrochen.
Auf die Frage, ob man etwas über einen geheimen Tunnel wisse, winkte der Geweihte die zwei Adligen wortlos in die Tempelhalle. Während Etilian dem Boroni in Richtung der Sakristei folgte, ließ Roban sich vor dem Rabenbildnis auf die Knie sinken. Er hatte noch ein paar Worte an den Herrn des Totenreiches zu richten, Dank und Bitte gleichermaßen. Der Heiler würde schon die passenden Fragen stellen.
Etilian ließ Roban gewähren und folgte dem Boroni weiter durch einen nur spärlich erleuchteten Gang. Schließlich hieß ihn sein schweigsamer Begleiter, vor einer Tür zu warten und schlüpfte durch ebendiese.
Gerne hätte sich der Heiler die Wartezeit etwas verkürzt, doch sah er sich vergeblich nach etwas um, was seine Aufmerksamkeit zu fesseln vermochte. Steine und Fugen waren für ein solches Unterfangen nicht genug.
Phex sei Dank musst er nicht lange ausharren. Die Tür öffnete sich wieder und der Boroni hieß ihn mit einer Geste einzutreten.
In der mit liturgischen Objekten und Paramenten gefüllten Kammer erwartete ihn ein weitere Diener des Totengottes. Kein Zeichen verriet einen Rang, doch vermutete Etilian, es mit einem Abt zu tun zu haben und grüßte ihn entsprechend mit einer Verbeugung und den Worten: "Euer Ehrwürden."
"Boron zum Gruß. Ich bin Malchias von Schnellenbrück, einer der Äbte von Trolleck", erwiderte der ältere Mann und sah ihn auffordernd an. Am liebsten hätte sich der braunhaarige Edelmann erkundigt, wieso es denn mehrere Äbte gäbe, doch der Blick seines Gegenübers hielt ihn dazu an, sich auf das Wesentliche zu beschränken.
"Mein Name ist Etilian von Lindholz-Hohenried. Ich bin im Gefolge des gräflichen Heerbanns hier, dessen Anwesenheit hier im Trolleck Euch sicher nicht entgangen ist", stellte sich der Heiler vor. Mit einem Nicken deutet der Abt sein Verstehen ebenso an, wie die Aufforderung fortzufahren.
Etilian räusperte sich kurz und überlegte, wie er seine Bitte am besten vortragen könnte. Seiner Schwester wären die Worte sicher leichter von den Lippen gegangen.
"Wir wollten uns erkundigen, ob Euch geheime Tunnel bekannt sind, die in eine oder beide besetzte Burgen führen oder ob es in diesen Hallen Schriften geben könnte, die von der Lage solcher Fluchtwege berichten", führte er schließlich aus.
Abt Malchias zeigte weiterhin keine Regung. Überhaupt rührte er sich kaum, schien jede seiner Bewegungen mit Bedacht und bewusst auszuführen. Leider verschloss diese bewundernswerte Selbstbeherrschung dem ehemaligen Darpatier jegliche Einsicht darüber, wie der Boroni seine Bitte bewertete. So schwiegen sie beide eine Zeit lang, bis der Geweihte sich schließlich erkundigte: "Ist dies eine Bitte des Grafen?"
Etilian zögerte. Wie dumm, nicht selbst daran gedacht zu haben, eine entsprechende Erlaubnis seiner Hochwohlgeboren einzuholen!
Dennoch antwortete er wahrheitsgemäß: "Nein."
Der Boroni musterte den Heiler mit den müden Augen. Dann erwiderte Malchias von Schnellenbrück: "Falls ein solcher Gang existieren sollte und der Öffentlichkeit bekannt werden würde, könnte dies die Verteidungsmöglichkeiten der betroffenen Feste schwächen. Und der Hüter solchen Wissens trägt somit die Verantwortung für das Leben all jener, die jemals den Schutz jenes Ortes bedürfen. Nicht nur der jetzigen, sondern auch all jener Bewohner und Flüchtlinge, die noch kommen werden, solange jene Steine stehen."
Die dunklen Augen des Abtes bohrten sich regelrecht in Etilian als er weitersprach: "Solch eine Entscheidung zu treffen , sollte nicht leichtherzig geschehen und nur Demjenigen obliegen, der ebenfalls das Wohl für alle Menschen hier trägt."
Etilian nickte und verbeugte sich: "Ich werde dem Grafen berichten. Habt Dank, Euer Ehrwürden."
Kurz danach verließ der Adlige die Sakristei und wartete darauf, dass Roban seine Andacht beendete.
Allzu lang musste er nicht warten, bis der Koschtaler das Boronsrad vor der Brust schlug, sich erhob und berichten ließ, was ihre Frage ergeben hatte.
"Schlaues Kerlchen, dieser Abt", meinte er mit einem schiefen Lächeln. "Könnte ja wirklich jeder hier antanzen und dumme Fragen stellen. Also, lassen wir die Hufe kreisen, damit Hochwohlgeboren uns nen Wisch mit seiner Erlaubnis ausstellen kann."
Etilian blinzelte einige Male verwirrt. Robans Wortwahl war nicht gerade das, was man von einem Ritter erwartete, aber im Kern traf es wohl seine eigenen Überlegungen.
Noch für einen Moment hielt Roban inne, blickte noch einmal zu der Rabenstatue zurück. Möglicherweise würde er Boron bald selbst gegenüber treten und sich anhören dürfen, was in seinem Leben alles falsch gelaufen war. Aber bis dahin würde er sein Bestes geben, dem Schweigsamen reichlich Kundschaft zu verschaffen.

Derweil hielt Graf Wilbur weiterhin Kriegsrat mit seinen Getreuen. "Auf Burg Zwietrutz sind nach unserer Beobachtung weniger Gefangene", führte Trest von Vardock aus.
"Wenn Hochwohlgeboren verhindern wollen, dass diese bei einem Angriff als lebende Deckung von diesem Abschaum verwendet werden, so spräche das eindeutig für diese Burg!"
"Ihr sagtest doch auch, wenn ich mich recht entsinne," erwiderte Hernobert von Falkenhag, "dass Ihr selbst von Eurer Burg die Ereignisse in der Umgebung gut verfolgen konntet. Warum soll es den Räubern auf Burg Trolleck anders gehen? Sobald eine der beiden Burgen angegriffen wird, werden die Gefangenen von den Zinnen beider hinabgestoßen!"
Dem Grafen war sichtlich unwohl bei dem Gedanken, auf diese Weise tapfere Männer und Frauen opfern zu müssen. Aber er wusste auch, dass die Verantwortung auf ihm lastete und er nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen konnte.
"Ich teile die Ansicht des Erbvogtes", nickte Gero vom Kargen Land, "und gebe Folgendes zu bedenken: Der Aufmarsch zu Burg Zwietrutz fällt schwieriger aus und wird daher länger dauern. Wenn wir den Geiseln eine Chance geben wollen, so sollten wir die Burg angreifen, die leichter einzunehmen ist!"
Tarosch Sohn des Thrain brummte: "Wahrscheinlich wird auch der schnellste Vorstoß zu langsam sein, um alle Gefangenen zu retten. Aber wir binden mehr Verteidiger, wenn wir schnell an den Mauern der Burg sind. Es wird in keinem Fall leicht, jedoch gebe ich zu bedenken, dass wir uns gegen Burg Trolleck besser formieren können."
Die Debatte wogte noch eine Zeitlang hin und her.
Schließlich entließ Wilbur seine Berater: "Habt Dank für Eure Worte. Wir werden uns jetzt zurückziehen, um eine Entscheidung zu fällen."
Nachdenklich verließ Gero das Zelt, neben ihm sein Neffe Boronar, der sich die ganze Zeit über nicht geäußert hatte. Jetzt schien er an einen fernen Ort zu starren, während er nachdenklich vor sich hin sprach.
"Es gäbe vielleicht eine Möglichkeit, die Gefangenen zu retten."
Ruckartig drehte sich Gero zu ihm um. Ruhig redete Boronar weiter.
"Der Ritter Grobhand von Koschtal hat recht, aber vielleicht anders, als er denkt. Wir müssen beide Burgen versuchen, durch eine List zurückzuerobern. Dass wir gleichzeitig eine angreifen, scheint unvermeidlich."
Gero schnaubte ungläubig. "Du hast doch gesehen, wie die Familie aus Schetzeneck auftritt. Das sind keine besonnenen Gesellen, die wollen immer mit dem Kopf durch die Wand! Und denen traust Du so ein schlaues Unternehmen zu?"
"Die Idee ist nicht schlecht, nur muss sie von den richtigen Leuten ausgeführt werden."
"Bist Du von Sinnen? Das ist doch ein Alveranskommando! Der Ansturm selbst wird schon schwer genug und bietet Dir genügend Gelegenheiten, Dich als Held zu erweisen!"
"Warte doch erst einmal ab, was Balinor von Drabenburg uns zu Burg Zwietrutz zu erzählen hat. Er erinnert sich vielleicht, welche Felsflanke leichter zu erklimmen ist und wo sich, wenn überhaupt, ein geheimer Ausgang befinden könnte."
"Ich bleibe beim Grafen! Ich bin hierhin gekommen, um guten Rat zu geben!"
"Und ich bin hierhin gekommen, um zu handeln."
Während sich Boronar zum Baron von Bärenfang begab, blieb Gero mit seinen Gedanken allein zurück.
Sein Neffe war ein guter Kerl, aber er sah nicht wie sein Onkel, dass sein Plan auf zu vielen Bedingungen aufsetzte. Zum einen mussten beide Burgen tatsächlich so einnehmbar sein, wie er es geschildert hatte.
Zum anderen musste mindestens eine Burg ohne einen direkten Angriff erobert werden.
Zu Geros Verwunderung kehrte Boronar eine Weile später mit dem Baron zurück.
"Was ich zu sagen habe, ist in größerer Runde besser aufgehoben! Der Graf möge entscheiden, ob er diesen Plan überhaupt gutheißt!"
Dieser Einschätzung des Barons stimmte Gero zu. Zunächst war jedoch zu Wilbur vom See kein Durchkommen. Die Wachen versperrten den Weg; schließlich hatte sich Hochwohlgeboren ausdrücklich zurückgezogen.
Dann aber erschien der fürstliche Hofherold und ließ sich Boronars Idee berichten. Während er mit ernster Mine zuhörte, nickte er einige Male.
"Das sollte Hochwohlgeboren erfahren und beurteilen! Allerdings erscheint mir das wenig sinnvoll, solange der Ritter Grobhand von Koschtal nicht anwesend ist. Außerdem sollten die anderen Ratgeber ihre Einschätzung abgeben - und vielleicht will sich jemand an diesem Vorhaben beteiligen, wenn es machbar ist."
Das Gespräch wurde durch die überaus eilige Rückkehr Etilians und Robans unterbrochen.
Ihre Pferde erst kurz vor dem Lager zügelnd preschten die beiden heran und sprangen vor dem Zelt des Grafen aus den Sätteln. Während die Wachen den Grafen informierten, gab Hernobert von Falkenhag Anweisungen, den Rat erneut zusammenzurufen. Wilbur vom See wirkte etwas überrascht, war aber nach einem Blick auf den Vogt, der ihm bekräftigend zunickte, bereit, alle zu empfangen.
Endlich war Roban zurück, Reto hielt überhaupt nichts von einem offenen Angriff egal gegen welche der beiden Festen. Hoffentlich kam Roban mit guter Nachricht zurück.
"... auch wenn Abt Malchias es nicht ausdrücklich bestätigt hat, bin ich davon überzeugt, dass er von einem Zugang in mindestens eine der Festungen weiß, die wir aus Feindeshand befreien müssen", beendete Etilian seinen Bericht vom Gespräch mit dem Ratssprechers des Boronklosters. Ein leises Raunen erfüllte das Zelt, als die blaublütigen Anwesenden das Gehörte leise diskutierten.
Der neben all den Gerüsteten geradezu schmächtig wirkende Etilian blickte den jungen Grafen an, doch dieser schien noch unschlüssig. Vermutlich hatte er sich gerade mit seinen Beratern abgesprochen und war verunsichert, wie er diese neuen Möglichkeiten in ihre bisherigen Pläne einbinden konnte.
Auch wenn sich der Heiler nicht sicher war, ob es anmaßend war, führte er deshalb weiter aus: "Vielleicht möchten Ihre Hochwohlgeboren persönlich mit dem Abt sprechen? Seine Ehrwürden würde ohne Zweifel auch ein Schreiben akzeptieren, doch wird er sein Wissen sicher völlig beruhigt mit uns teilen, wenn er Eurer ansichtig wird und sieht mit welche großer Bedacht und Sorge um das Leben Eurer Untertanen Ihr Eure Entscheidungen fällt."
"Außerdem würde es weniger auffallen, wenn sich ein Trupp Bewaffneter von unserem Lager zum Kloster zieht, wenn man Euch in deren Mitte sehen würde. Unsere Bewegungen lassen sich vor dem Feind in den Burgen über uns leider nur schlecht verbergen, aber wenn wir in den Abendstunden aufbrechen, fällt es ihnen vielleicht nicht auf, dass nur ein Teil der Kämpfer mit Euch zurückkehren, während die übrigen in Richtung des Zugangs aufbrechen", ergänzte Reto von Tarnelfurt.
Und tatsächlich nickte Graf Wilbur zustimmend nachdem er sich mit einem raschen Seitenblick rückversichert hatte: "Wir werden den Abt aufsuchen und, so er uns einen Weg in die Feste Zwietrutz oder Burg Trolleck zu weisen vermag, unsere Pläne auf angemessene Weise abändern. Zudem werden wir seine Ehrwürden bitten, dass man im Kloster für jene Messen halten möge, die ihr Leben einsetzten, um das Recht wiederherzustellen in diesen Landen. Unser genaues Vorgehen werden wir verkünden, nachdem wir mit seiner Ehrwürden gesprochen haben."