Dohlenfelder Thronfolgestreit - Die Wahl der Mittel

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Texte der Hauptreihe:
K20. Die Wahl der Mittel
K28. Sieg
K95. Kajax
F25. Epilog
Autor: Reichskammerrichter, Geron, weitere
Nordmarken, 1032

Fiona von Tandosch stand im Hintergrund und hatte das Verhalten der Anwesenden beobachtet. Ein glimmendes Mohacca-Stäbchen hing in ihrem Mundwinkel, ihre Hände zogen, gleich einem selbstständigen Lebewesen, immer wieder einen Lederriehmen über eine Dolchklinge. Mit jeder Zug wurde die Kinge noch etwas schärfer, auch wenn dies fast nicht mehr möglich schien, wirkte die Klinge als ob sie seit Jahren geschärft wurde.
Als sie sich der Mitte der Versammlung näherte, lächelte sie innerlich über das Verhalten der kriegsunerfahren Adligen. Während hier wichtige Dinge besprochen wurden, organisierte der tandoscher Waffenmeister das Lager. Wenn die Besprechung beendet war, würden die Almadaner Reiter stehen, die Schanzarbeiten sich in vollem Gang befinden und das al'Anfaner KOR-Wappen im Wind flattern.
Fionas Gesicht war bei den Gedanken unbewegt geblieben. Mit einem Zucken des Mundwinkels ließ sie die Reste des Mohacca-Stäbchens auf den Boden Fallen, trat die Glut aus, steckte den Dolch weg und wicktelt den Lederriehmen um ihren linken Unterarm.
„Seine Hochgebohren von Sindelsaum hat Recht, wir müssen die Burg unter Beschuss nehmen. Aber sie muss nicht zerstört werden, wir haben genug Kämpfer hier, um einen Dauerbeschuss aufrecht zu erhalten, Tag und Nacht. Auf der Burg werden sie lernen müssen, mit gesenktem Kopf Brände zu löschen. Nicht lange, und ihre Aufmerksamkeit hat soweit nachgelassen, dass ein Enterkommando über die Mauer kommt und das Tor öffnet. Wenn wir jetzt einen Boten losschicken, kann ein Enterkommando aus Tandosch zügig hier sein.“
Einem Wolf gleich, der überlegt, wie lange er noch mit dem Reh spielt, musterte Fiona den eisensteiner Baron.
„Was Angronds Witwe angeht, es wäre gesünder, ihr nehmt von derlei Gedanken Abstand zu nehmen.“
Rajodan, der wohl mehr Schlachten und Belagerungen miterlebt hatte als die Tandoscherin Sommer zählte, blickte Fiona nach ihren letzten Worten finster an. Mochte sie sich selbst für einen Wolf halte, verkannte sie die Lage gänzlich. Noch ehe sie die ersten Schritte im Rampenlicht der Adelsgesellschaft zaghaft gemacht hatte, als die Differenzen zwischen den benachbarten Baronen schon tief waren, hatte Rajodan sie als einfache Beute zum Schaden ihres Vaters ausgemacht.
Bisher hatte es jedoch keinen Grund gegeben, keinen Anlass, Handlungen folgen zu lassen. Würde sie sich ihm nun aber in den Weg stellen, kein Korgeweihter und kein tandoscher Piraten Pack würden sie schützen können.
„Das hat Euch nicht zu interessieren. Das ist ein Handel der Euch nichts angeht!“ waren die Worte Rajodans, welche an Schärfe jener der Klinge Fionas bei weitem übertraf. Er erkannte jedoch an, dass sie hinsichtlich Angrond gleicher Ansicht waren.
„Euer Handel interessiert mich nicht.“
Fiona fraget sich, ob der alte Mann nicht sehen wollte oder nicht sehen konnte, wie dünn das Eis war, auf dem er sich bewegte. Sie lächelte ihm zu, doch erreichte das Lächeln nicht ihre Augen.
„Ich bin es gewohnt, denen den Rücken frei zu halten, die mit mir kämpfen, es war ein guter Rat.“
Frylinde von Sturmfels hatte sich bisher, wie es ihre Art bei solchen militärischen Planungen war, zurückgehalten. Doch nun konnte sie nicht mehr schweigen. Kaum hatte Fiona ihren Satz beendet, wandte sie sich an Baron Rajodan, bevor dieser erneut das Wort ergreifen konnte:
„Von welchem ‚Handel’ sprecht Ihr, Euer Hochgeboren?“
Hagens Mutter war bemüht, ihre Missbilligung der vermeintlichen Gedankengänge des Eisensteiners nicht allzu offen zu zeigen, doch eine gewisse Unterkühlung ihrer Stimme ließ erahnen, was sie von diesem Verbündeten ihres Sohnes und von dessen Vorstellungen hielt. Ihr war absolut klar, dass der Eisensteiner eigene Ziel verfolgte, und ihn vor allem seine bittere Feindschaft zum Hause Quakenbrück ins Lager Hagens getrieben hatte.
Frylinde wollte sich jedoch nicht in einen Streit mit dem Baron verwickeln, sondern fuhr sogleich an sämtliche versammelte Adeligen gewandt fort: „Ich würde an dieser Stelle doch gerne noch einmal daran erinnern, dass dieses Unternehmen im Interesse meines Sohnes, des zukünftigen guten Herrschers über Dohlenfelde, wenn irgend möglich nicht mit einem Blutbad enden sollte – weder unter unseren Truppen noch unter Angronds Sippschaft. Hagen möchte schließlich dieses Lehen weder als Schlächter noch als Brudermörder oder Verschacherer von Familienmitgliedern erringen.“
Dem Widerspruch, der manch einem Anwesenden auf den Lippen lag, kam sie erneut schnell zuvor: „Wie gesagt: Mögen die Zwölfe geben, dass solch ein letzter Ausweg nicht notwendig sein wird, und dass Angrond und seine Frau und Kinder letztlich auf all ihre falschen Ansprüche verzichten! Wenn Ihr meint, dass wir für eine effektive Belagerung Dohlenhorsts und eine Zermürbung der Burgbesatzung mehr Leute benötigen, würde ich mich anbieten, als vormalige Baronin Dohlenfeldes nach Altengrund zu reiten. Ich bin mir sehr sicher, dass mir einige wackere Frauen und Männer zur Durchsetzung von Bernhelms Testament ihre tatkräftige Hilfe bei der Belagerung nicht verwehren werden.“
Frylinde hoffte, mit ihren Worten den aufkeimenden Konflikt zwischen dem alten Eisensteiner und der jungen Tandoscherin entschärft, oder zumindest vertagt, zu haben. Zudem schadete es nie, ab und zu die Mordlust ihrer Rondra und Kor zugeneigten Standesgenossen zu dämpfen und an erwünschte andere Ausgänge dieses Unternehmens zu erinnern.
Und Frylinde freute sich, mit dem Baron zu Sindelsaum einen besonnenen Verbündeten zu haben, an den sie sich nun direkt wandte:
„Hochgeboren Erlan, Eure Geschütze werden uns gute Dienste leisten, dessen bin ich mir sicher. Ich unterstütze jedoch weniger Euren Vorschlag des, verzeiht mir die kriegstechnisch unbedarfte Wortwahl, ‚großflächigen Einebnens’ der Burg, sondern vielmehr deren zielgenauen Beschuss, wie Ihre Hochgeboren Fiona vorgeschlagen hat.“
Bei diesen Worten skizzierte Frylinde mit einigen raschen Kohlestiftstrichen einen Grundrissplan Burg Dohlenhorsts auf ein recht kleines Stück Papier und fuhr dann fort: „Die Burg wurde von einem erzzwergischen Baumeister errichtet und weist meiner Kenntnis nach keine echte Schwachstelle auf – mit einer Ausnahme: Der Geschützturm der Vorburg ist zu massiv für einen Beschuss. Der Mauerabschnitt direkt efferdwärts des Geschützturms ist jedoch trotz mehrerer Ausbesserungen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten das Sorgenkind des freiherrlichen Baumeisters Dorrim Sohn des Dabrom. Dorrim forderte bereits vor fünfzehn Jahren den vollständigen Abriss und Neubau dieses Mauerabschnittes, da er ansonsten ‚für die Sicherheit der Burg nicht garantieren könne’.
Doch mein Gatte, Boron habe ihn selig, und später mein Stiefsohn Angrond verwehrten Dorrim Jahr für Jahr die nötigen Mittel, da diese für die Instandsetzung der Via Ferra nötiger gebraucht wurden.“
Frylinde machte eine Pause. Ihr Blick schweifte ins Leere, offensichtlich versuchte sie Erinnerungen an Bernhelm und bessere Tage zur Seite zu schieben.
Dann fuhr sie fort: „Drei Hemmnisse sehe ich: Erstens weiß Angrond um diese Schwachstelle seiner Burg. Zweitens müssten die Angreifer, bevor sie an der Bresche wären, eine gut 50 Schritt hohe, äußerst steile Felswand hinaufklettern, an der nur wenige Vorsprünge und Wurzeln Halt bieten. Drittens wäre ein Sturmtrupp, selbst wenn alles gelingen würde, danach nur in der Vorburg.“
Frylinde ging einen Schritt vom improvisierten Kartentisch zurück überließ den militärisch Gebildeten das Feld. Sie wandte sich an den Baron zu Sindelsaum:
„Hochgeboren, auf eine eben von Euch gemachte Bemerkung sollten wir bei Gelegenheit und einem Glas Wein oder einer Tasse Tee noch einmal näher eingehen: Ihr machtet am Rande darauf aufmerksam, dass Erde – also elementarer Humus – Rotzenkugeln – also elementares Erz – viel besser absorbiert als Steinmauern – ebenso elementares Erz. Das ist aus magietheoretischer Sicht äußerst spannend, ich dachte noch nie darüber nach. Die übliche Lehre, wie etwa von Paramanthus von Havena und seinen Schülern vertreten, geht davon aus, dass Erz als härtestes aller Elemente grundsätzlich am besten gegen alle anderen Elemente abschirmt – die beiden Ausnahmen, dass der beste Schutz gegen Feuer Wasser ist, und auch die Kälte des Eises durch das Erz hindurchdringt, sind alchimistisch recht gut erklärbar, ich erwähne nur das Stichwort der Sekundäraffinitäten. Nun behauptet Ihr aber, dass gegen Erz nicht das harte Element Erz am besten schirmt, wie ich es eigentlich immer annahm – man denke nur an das Stahlschwert und die gegen es schützende stählerne Rüstung –, sondern das deutlich weichere Element Humus.
Welche elementare Eigenschaft des Humus absorbiert die Festigkeit und Undurchdringlichkeit des Erzes? Ist es seine Kerneigenschaft, das Leben, das gegen das unbelebte Erz schützt? Hat es etwas mit dem interessanten naturphilosophischen Phänomen zu tun, dass selbst feinste Wurzeln härtesten Fels sprengen können – wobei ich hier immer das Zusammenspiel des Humus mit dem Wasser und dem Eis betonen möchte. Wisst Ihr zufällig näheres über den von Euch angesprochenen Zusammenhang? Gibt es darüber gar theoretische Schriften? Ich könnte mir vorstellen, dass die Akademie zu Festum hierzu Forschungen unternahm. Ist Eure These empirisch abgesichert? Habt Ihr selbst gar Forschungen unternommen, oder handelt es sich vielmehr um eine Arbeitshypothese? Ihr habt mein Interesse geweckt! Vielleicht sollten wir über ein entsprechendes Symposium im Salminger Hesindetempel nachdenken, Ihre Hochwürden Sephira wäre sicherlich davon angetan!“
Erlan blickte sowohl Finoa, als auch Rajodan nachdenklich an. Beide waren aus seiner Sicht merkwürdige Verbündete. Die eine psychisch instabil und der andere ein kühler und gnadenlosen Schacherer.
Frylindes Worten lauschte er aufmerksam.
„Natürlich werden wir nicht die ganze Burg einebnen, sondern gezielt Breschen schlagen. Ich muss jedoch darauf bestehen, zu Beginn die feindliche Rotze auszuschalten. Der Geschützturm mag zu massiv sein, doch wird es dort drinnen verdammt ungemütlich, wenn wir ihnen ein paar Feuertöpfe auf das Dach schießen. Diesen schwachen Mauerabschnitt einzuschießen halte ich nur bedingt für eine gute Idee. Der Aufstieg über die Felswand ist zu lang, als dass es gut gelingen kann.
Stattdessen empfehle ich das Tor einzuschießen und das Torhaus ebenfalls unbrauchbar zu machen. Auch hier wird der Sturm einige Leben kosten, aber nicht so viele wie ein Sturmangriff ohne jede Vorarbeit. Unter der Deckung von Armbrustern und Geschützmannschaften wird der Sturm auch weniger Leben kosten. Es ist jedoch zu überlegen, ob wir die schwache Mauer dennoch einschießen sollen, schlicht um den Feind zu täuschen und durch einen Scheinangriff abzulenken. Dabei könnten wir zu Beginn ersteinmal scheinbar unkoordiniert die Burg beschießen und uns dann auf die Mauer konzentrieren. Mit einigen wenigen Salven wäre das Torhaus dann sturmreif und wir würden die schwachen Kräfte Angronds weiter aufspalten.
Bezüglich eurem wissenschaftlichen Interesse, so verweise ich auf die praktischen Erfahrungen der Angbarer Sappeure und zahlreiche interessante Überlegungen in Murgim Kupferblatts Buch, doch dies lässt sich wohl wirklich besser in kleiner Runde besprechen. Ich möchte aber Angrond dennoch zumindest davon überzeugen, dass er die Zivilisten aus der Burg lässt. Zum einen schonen wir so viele Leben, und zum anderen wird diese ritterliche Geste unserer Ehre zuträglich sein. Wenn er schon nicht Herolden reden will, dann vielleicht mit einem Baron. Ich werde selbst zu ihm gehen.“
Erlan verstummte und lies die Mitteilung sacken.
Aus Rajodans Sicht war die Zeit des Redens vorbei, es musste gehandelt werden. Hagen und Angrond hatten dafür zwei Jahre zeit gehabt. Angrond hatte zudem das erste Gespräch abgelehnt. Was mehr?
Wieder hatte der Eisenteiner in Erlans Ausführung nur die Worte „Verhandeln“ und „Aufschieben“ herausgehört. Obgleich der Sindelsaumer von Sturmangriffen sprach, so klang es in des Eisensteiners Ohren nicht danach, als wolle der Koscher dies entschlossen genug. Wohl lag im mehr daran, das Leben der Gemeinen zu schonen, als das eigentlich Ziel konsequent zu verfolgen.
„Wie viel Bedenkzeit wollt ihr Angrond geben, sich zu entscheiden ob er Euch empfängt oder Eure noch nicht erkennbaren Schanzarbeiten bewundern darf, ehe Ihr mit der Umsetzung des Planes beginnen wollt? Und wie lange, meint Ihr, wird die Vorbereitung des Angriffes dauern?“
Ohnehin würde beides in Rajodans Augen zu lange dauern und Zeitverschwendungen sein. Seine Worte klangen demnach auch mehr missbilligend als das sie eine genaue Antwort erwarteten.
Gemessen an den Wetterverhältnissen würde sich das Ganze vermutlich auch deutlich hinziehen. Schon zur Belagerung der Burg Draustein hatte sich gezegt, dass einer der stärksten Verbündeten der Rebellen der albernische Regen war. Auch hier konnte sich das Wetter im Boronmond als Nachteil erweisen und sowohl Feuertöpfen als auch Schanzarbeiten den Schrecken nehmen, und Rotzen schnell unbrauchbar machen.
Nur Frydlinde sah den blanker Hass in Fionas Augen, sowie die Hand, die auf halbem Wege zum Dolch verharrte und nur mühsam wieder gesenkt wurde. Langsam entfernte sich Fiona aus dem Mittelpunkt der Versammlung, lehnte sich wieder an eine Zeltstange und rollte mit zitternden Fingern ein neues Mohacca-Stäbchen.
Unverständliche und unangemessene Reaktionen von wenig von Hesinde gesegneten Standesgenossen waren Frylinde nichts Neues, dies war seit Jahrhunderten das Schicksal des bildungsbeflissenen Hauses Salmingen. Sie entschied sich, die junge Tandoscherin möglichst zu ignorieren.
Was auch immer Fiona in Tobrien erlebt haben mochte – es rechtfertige wohl kaum das Verlieren der Contenance. Was sollte sie, Frylinde, da sagen, deren Familie in Tobrien 1019 BF eine ganze Baronie verloren hatte? Sie, Frylinde, deren Stieftochter seit der Trollpfortenschlacht als verschollen galt – und die dort hoffentlich den Tod gefunden hatte, wo doch viel Schlimmeres denkbar war? Sie, Frylinde, deren geliebter Bruder beim Angriff Galottas in den Trümmern des Kaiserpalastes zu Gareth sein Leben gelassen hatte? Und nicht zuletzt Sie, Frylinde, deren Zwillingsschwester eine finstere borbaradianische Schurkin war und den halben Kosch verheert hatte – und anschließend auch noch in den Tod ihres geliebten Gatten Bernhelm verwickelt war?
Sie, Frylinde, deren Stammlehen im DSA-Computerspiel „Drakensang“ verwurstet wurde?
Wer hatte wohl mehr unter den Ereignissen der letzten Jahre gelitten? Wer hatte mehr verloren?
Eine unbeherrschte junge Frau aus einer Flusspiratenfamilie, die womöglich Dinge mit eigenen Augen gesehen und erlebt hatte, die ihr beschränkter Verstand und ihr nicht sehr tiefgründiges Wissen vom Wesen der Welt nicht zu verarbeiten in der Lage war?
Oder sie, die Hochadlige aus ältestem Hause, die aufgrund der Untaten Charissias den Sturz ihres von den Zwölfen gesegneten, uralten Hauses in den tiefen und schmählichen Abgrund der Bedeutungslosigkeit nur mit größter Mühe und Opferbereitschaft – es war schließlich noch gar nicht abzusehen, wie viele Leben es noch kosten würde, die Macht des Hauses Salmingen wieder zu konsolidieren – verhindern konnte?
Nein, Fiona verstand nichts, und sie würde auch mit ihrem minderen Geist niemals verstehen können. Frylinde hoffte für Fiona, dass wenigsten ihre Seele in Tobrien so wenig Schaden genommen haben mochte, dass ihr Aufstieg nach Alveran, wenn der Tag dazu dereinst kommen würde, nicht gefährdet sei. Die Seelenmühle hatte Fiona – bei allen ihren Mängeln – nicht verdient.
Frylinde war Fiona einen mitleidigen Blick zu. Dieses Mädchen schmückte sich in seiner Dumpfheit mit Kor-Emblemen und wusste sicherlich nichts von der finsteren, nach Menschenblut dürstenden echsischen Entität Kr’Thon’Chh, dessen altechsisches Schriftzeichen schon frösteln ließ, selbst wenn man es nur als Kopie des Festumer Saurologen Rakorium Muntagonus betrachtete.
Jemand anderes, der nichts von der Echsengottheit Kr’Thon’Chh wusste, ergriff das Wort: Ihre Hochwürden Leuengunde vom Berg, Hochgeweihte der Salminger Schwerthalle, hatte die Beratungen bisher aus der zweiten Reihe verfolgt.
Nun sprach sie: „Hochgeborene Herrschaften, ich möchte darauf hinweise, dass es keineswegs im Geiste der Herrin des Krieges ist, eine Schlacht einzig durch den Einsatz feiger Fernwaffen – seien es Pfeil und Bogen oder mittelschwere Rotzen – gewinnen zu wollen. Der ehrenhafte Zweikampf, Krieger gegen Krieger, Schwert gegen Schwert, muss das Ziel jeden taktischen Handels sein. Da es selbstverständlich nicht weniger feige ist, sich hinter dicken Mauern zu verschanzen anstatt die Entscheidungsschlacht zu suchen, kann der Einsatz von Geschützen nur zu einem Zwecke gutgeheißen werden: Zu einem Beschuss, der den Verteidiger dazu zwingt, sich vor dem ehrenvollen und der Herrin gefälligen Kampf nicht mehr zu verkriechen.“
Die Rondrageweihte räusperte sich deutlich hörbar, ging ihr der nächste Satz doch nicht leicht über die Lippen: „Daher heiße ich in der gegenwärtigen unbefriedigenden Situation den gezielten Beschuss Burg Dohlenhorsts gut, solange dieser mit einem Angriffsplan verbunden ist, dessen Ziel der offene Kampf um Sieg und Niederlage ist. Keinesfalls werde ich Pläne unterstützen, deren Ziel ein Mürbemachen des Gegners – sei es durch Beschuss oder Aushungern – ist. Sind wir Edelleute, die sich auf dem Schlachtfeld gegen andere Edelleute im ritterlichen Zweikampf bewähren wollen, um Frau Rondra zu gefallen, oder sind wir Feiglinge, die zusehen wollen, wie ihre von Hunger und Krankheit geschwächten Gegner von herabfallenden Steinen erschlagen werden?“
Ritter Korbrandt Leuerich von Bösenbursch, der auch noch nie von Kr’Thon’Chh gehört hatte, beantwortete die eher rhetorisch gemeinte Frage der Rondrageweihten wie ein eifriger Praiostagsschüler umgehend:
„Hochwürden, natürlich sind wir keine Feiglinge! Wir werden Angrond schon zünftig aus der Burg herausprügeln, wie es Rondra wohlgefällig ist!“
Leuengrunde vom Berg lächelte den ohne Zweifel tapferen Ritter etwas verlegen an – wenn es mehr Männer von seinem Schlage gäbe, hätte ihre Kirche zumindest weniger Probleme, das Wort der Herrin zu verkünden…
Auch Rajodan hatte von Kr´Thon´Chh vermutlich nie etwas gehört, obgleich einem Magier in seiner Baronie manch dunkle Kunst nachgesagt wurde, der womöglich dem Herrn der Lande Eisenstein manche Auskunft geben mochte. Der Baron von Eisenstein konnte auch die unendlichen Leiden des Hauses Salmingen, im Besonderen jener der Frylinde von Salmingen, nur erahnen. Aber selbst wenn er davon gewusst hätte, sie wären im gleichgültig. Wie bei Fiona musste ein jeder wohl mit seinen mit seinen Geistern und Plagen selbst zu Recht kommen oder daran zu Grunde gehen. Das einzige was, Rajodan als Hilfsmittel in den Sinn gekommen wäre, war dem Leid und dem Leidenden gleichermaßen ein schnelles Ende zu bereiten.
Rajodan von Eisenstein lächelte dagegen bei der letzten Aussage des Ritters Korbrandt. Sollte der Ritter irgendwann des Dienstes in Dunkelforst überdrüssig werden, der Baron von eben dort zu Boron gehen, oder das Haus Salmingen seiner nicht mehr bedürfen, was angesichts deren Ambitionen unwahrscheinlich war, so wusste Rajodan schon einen Platz für den Herr. Es würde ein guter Platz sein, den er mit seinen Fähigkeiten ausgezeichnet ausfüllt.
Er konnte nur hoffen, dass sich Hagen von der Rondrageweihten überzeugen lies und der Angriff auch möglichst Rondra besonders ehrte. Nicht, dass ihm besondere daran gelegen war das Wort der Herrin zu verkünden, aber es kam seinem Vorschlag am Nächsten. Er hielt sich mit weiteren Kommentaren zurück. Nur ein kurzes Flüstern an seinen Ritter Gorwin, als Fiona sich aus der Aufmerksamkeit gezogen hatte. Die währte ihm ohnehin bereits zu lange. Doch hatten sich noch nicht alle zu Wort gemeldet und eine Entscheidung über das weitere Vorgehen war noch nicht getroffen.
Nachdem Erlan am Kartentisch seine Vorschläge zum weiteren Vorgehen vorgebracht hatte, nickte Hagen zustimmend. Der junge Baron, der ebenfalls noch nie etwas von Kr’Thon’Chh gehört hatte, und entsetzt wäre, wenn er nur ahnen könnte, welche Bücher in der Familienbibliothek des Hauses Salmingen, einer der größten im Königreich Kosch, standen, sprach:
„Hochgeboren, Eure Ideen gefallen mir gut, und ich bin sicher, dass wir so auch im Sinne Rondras handeln! Beschießen wir das Torhaus und gleichzeitig diesen schwachen Mauerabschnitt – und greifen wir alle zusammen mit den Kämpfern aus Tandosch in einem großen Sturmangriff an, sobald es uns möglich ist, in die Vorburg einzudringen. Lasst uns nun überlegen, wo wir Eure Geschütze am besten postieren. Morgen bei Sonnenaufgang soll dann der Beschuss beginnen!“