Wolfsjagd zu Wengenholm - Ein Köder

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Wengenholm, 1023

Am andern Morgen in aller Perainenfrühe schwang sich Ritter Lucrann von Auersbrück auf sein Streitroß Danilo, um die nächstliegenden Gehöfte aufzusuchen.

„Laßt mich Euch begleiten, alleine reitet es sich bei weitem nicht so gut“, schlug Globerich von Bockzwingel eifrig vor und saß ebenfalls schon im Sattel. Der Hausritter Wengenholms reichte ihm freudig die Hand, und gemeinsam trabten sie auf einem schmalen Waldpfad dahin, gefolgt von Lucranns Jagdhund Reto, der mit großen Sätzen hinter den Pferden dahersprang. Die andern blickten ihnen nach.

„Die Jugend will manchmal einfach nicht den Groll der Alten übernehmen“, lachte der Graf und faßte sowohl den Herrn Kordan als auch Vogt Gelphart scharf ins Auge. Die beiden erwiderten nichts, doch schien sich jeder sein Teil zu denken, über die gutmütig spottenden Worte des Grafen wie über die Vertrautheit ihrer beiden Zöglinge.

Herr Praios zeigte sich am heut’gen Tage wenig gnädig, sein Licht blieb trüb und milchig hinter dichten Wolkenschleiern verborgen, und man war nicht sicher, ob er das Firmament nicht ganz seinen Geschwistern Rondra und Efferd überlassen wollte. Das finsterballende Gewölk über den Gipfeln des Kosch verkündete jedenfalls wenig Gutes. Mißmutig beschloß der Graf darum, im Lager zu bleiben und wollte nicht teilhaben, wie man an besonders ausgewählten Stellen Fleischstücke als Köder auslegte.

„Heute nacht werden wir wachen müssen, wenn wir den Wolf überraschen wollen“, sagte der Geistmärker, halb erfreut über die Spannung einer solchen Jagd, halb schaudernd vor der Aussicht auf so manche lange, zähe Stunde unter Phexens kalten Sternen.

Diese zeigten sich jedoch nicht in der kommenden Nacht – ein dichter Nebel legte sich auf Forst und Tann. Die Jäger bezogen bei Einbruch der Dämmerung ihre Stände in der Nähe der Köder, und jeder hatte zwei Knechte zu sich genommen. In Schweigen und Stille tropften die Augenblicke darin, verströmten die Stunden, doch nichts geschah, der Wald blieb stumm und taub, nur ab und an flog eine Eule mit dumpfem Ruf vorüber, und kleine Nager huschten durch die Büsche. Mitunter wurde es so dunstig und schwarz, daß die verlockend am Rand von freien Plätzen aufgehängten Fleischbrocken kaum mehr sichtbar waren, und zu den Nebeln des Waldgrunds gesellten sich bald die Schleier der Müdigkeit.

Wie zum Hohn für diese Schauernacht erhob der Fürst der Götter sich bei Tagesanbruch in höchstem Strahlenglanz und malte Spätsommerfarben auf die Blätter der Bäume. Heute waren Immen in der Luft und Libellen über den Bächen, die roten Schwänze der Eichhörner wippten auf den Zweigen, und ihr Keckern weckte den einen oder andern Schläfer auf seinem Posten. Mit einem Ruf des Erstaunens rappelte sich Baron Kordan auf und eilte zu der Stelle, wo gestern, heute nacht, ja vorhin noch der Köder gehangen...

„Bei Firun und seiner ganzen Wilden Jagd, bei der gütigen Ifirn und dem heiligen Mikail von Bjaldorn – wie kann das angehen! Ich habe nicht geschlafen, sicher nicht!“ donnerte der Geistmärker wenig später und stapfte unruhig vor den andern auf und ab.

„Bleibt ruhig, Herr Kordan“, beschwichtigte ihn der Geweihte Lucardus, „wir alle haben gewacht und die Augen offen gehalten. Und trotzdem hat der Wolf sich die Köder geholt, ohne daß wir es merkten. Allesamt, oder nicht, Herr Graf?“

„Doch, das muß ich zu meiner Schande gestehen! Aber solch eine Dunkelheit, und dann noch dieser Nebel! Man konnte die Hand ja kaum mehr vor Augen sehen – und ein wenig Abstand zu den Ködern mußten wir ja wohl noch halten, sonst hätten wir uns gleich selbst dem Tier zum Fraße vorwerfen können.

Aber welch eine Unverfrorenheit, eine Beute nach der andern sich zu holen...“ „Seid Ihr sicher, daß es unser Wolf war, und daß ein und dasselbe Tier die Stücke erbeutet hat?“ „Ja doch, ich habe schon unsere beiden Jagdleute ausgeschickt, und Meister Tannschlag hat die Spur des Wolfes – oder zumindest eines Wolfes – mit Hilfe der Hunde gefunden. Sie führte von Eurem Köder, Hochgeboren, im Norden über meinen bis hin zu denen von Hochwürden Lucardus und Vogt Gelphart. Nur um Ritter Falks Posten hat er einen Bogen geschlagen, wie es scheint.“ „Tja, mir klaut kein Wolf den Happen!“ triumphierte der kauzige Recke und hielt zum Beweis das fragliche Stück an einer Schnur in die Höhe.

„Habt Ihr ihm denn überhaupt die Möglichkeit dazu gegeben?“ fragte der Geistmärker skeptisch und ein wenig gereizt. „Gewiß doch. Der hätte sich nur einmal zeigen müssen, und er hätte meinen Pfeil im Hinterteil gehabt wie damals Euer...“

„Ritter Falk!“ rief in diesem Augenblick der Knappe Metzel aus dem Hintergrund und hielt den Recken davon ab, den Baron daran zu erinnern, was dessen Streitroß sintemalen auf dem Angbarer Turnier durch einen Siebentaler Pfeil widerfahren war. Bald tauchten auch die beiden Jäger auf und berichteten, man sei den Spuren noch ein gutes Stück gefolgt.

„Die Fährten sind frisch, und die Hunde werden wenig Mühe haben, ihnen zu folgen“, frohlockte Wilbor Tannschlag.

„Dann auf und hinterdrein!“ rief der Graf, und alles geriet in Bewegung. Man eilte durch den Wald, Meile um Meile, immer tiefer in den Tann. Schließlich gelangte man an einen breiten, ruhig dahin strömenden Bach, und die Hunde blieben zögernd stehen, schnupperten in alle Richtungen und hielten die Nasen in den Wind. Man führte die vor Erregung und Jagdfieber zitternden Hunde über das Wasser, in der Hoffnung, auf der anderen Seite würde sich die Spur wieder finden lassen. Doch dem war nicht so.

König Kasimir, des Stolzenburgers Jagdhund, sprang in großen Sätzen hin und her und kläffte zornig – auch dieser treffliche Spürer schien die Witterung verloren zu haben. „Das schlaue Biest muß ein gutes Stück im Wasser gegangen sein – anders kann ich mir das einfach nicht erklären“, vermutete Jagdmeister Pannlapp.

„Ist ein Wolf zu solcher füchsischen List denn fähig?“ fragte der Graf überrascht. „Es sind kluge Tiere, soviel steht fest“, sagte Wilbor Tannschlag achselzuckend. „Ich habe einmal einen Nivesen aus dem Nordland getroffen, der mir viele Geschichten von den Wölfen erzählt hat. Wenn auch die Hälfte davon nur heidnisches Gefasel war, so sind die Graupelze doch die besten Jäger in Firuns Reich. Und wenn ein Hund das Wasser nicht scheut, so wird es sein Ahne, der Wolf, wohl auch nicht tun.“

„Oder das Wesen ist doch nicht so sehr aus Fleisch und Blut, wie wir annahmen“, brachte der Baron von Geistmark den alten Gedanken wieder ein. „Dann hätten wir seine Fährte erst gar nicht bis hierher verfolgen können. Aber immerhin, er muß ja in der Nähe sein. Und es will mir gar nicht gefallen, daß unsere beiden jungen Freunde alleine durch die Gegend reiten. Wir haben unseren Feind bislang wohl unterschätzt“, sagte der Graf düster, und in seiner Stimme lagen die Ungeduld und der Ärger gleichermaßen.