Wer zu spät kommt, ...

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Ausgabe Nummer 20 - Efferd 1021 BF

Wer zu spät kommt, ...

Eine Begebenheit unter den Pilgernden im Flammenzeichen

ALT-GARNELEN. Erstaunt beobachteten die Leute des kleinen Fleckens Alt-Garnelen, wie eines Windstages ein seltsamer Zug das Dorf betrat. Vorweg zwei Bannerträger mit zwei schwarzroten Fahnen, auf denen die Runen R-A zu sehen waren; dahinter wohl zwei Dutzend Zwerge, Laternen und Fackeln in den Händen, obgleich doch Herr Praios noch hell herab schien. Es war Ingerimms Geweihter, Meister Ibralosch mit seinem Gefolge, der Angbar verlassen hatte und den Koschbergen zustrebte.

Auf dem Platze stellte sich der Feuerschürer auf und ließ seine Stimme über die Hütten erschallen. Neugierig strömte alles Volk herbei und gaffte und staunte. Was das wohl sei? hörte man fragen, und: Was die Fremden wollten? Lange und glutvoll pries der Geweihte nun die Wunder des Gottes und erzählte die Geschichte des Heldenkönigs Ambros, ja forderte die Leute auf, sich seinem Zuge anzuschließen.

Eine rundliche Zwergenmutter stand tief ergriffen in seiner Nähe, vier pausbäckige Zwerglinge – propper wie des Bragahner Barones ganzer Stolz Mormiac – an den Händen, die ihr sicher zu Stolz und Freude gereichten. Als Ibralosch aber zu der Stelle der Geschichte kam, da des schwarzen Magus Zulipans Macht den König darniederstreckte, schrie sie laut auf; und wie der tragische Tod Ambros’ ihr zu Ohren kam, vergoß sie bittere Tränen um den großen Helden des Hügelvolkes.

Als Ibraloschs Redefluß stockte, um den geplagten Lungen erfrischende Luft zuzuführen, zupfte das Mütterchen den Priester am Ärmel und schniefte: „Ach, Meisterchen, der arme König! Was hat er erdulden müssen! Was bin ich froh, wenn er denn wiederkommt! Er soll bei mir einkehren, ich backe gerade Pflaumenstrudel, die wird er mögen! Bringe ihn doch zu mir!“

Voller Verdutzen blickte Ibralosch auf die Gevatterin: „Gutes Mütterchen“, stieß er hervor, „verstehst du denn nicht, daß wir den König suchen müssen – es mag noch dauern, bis wir ihn in unserer Mitte willkommen heißen.“ Da weiteten sich die Augen der Gevatterin: „Waaas? Dann sind die Strudel aber kalt und alt – was fällt deinem König eigentlich ein, mich so lange warten zu lassen?“ Sprach’s, stapfte mit dem Fuß in den Sand und trollte sich in ihr behagliches Haus. Lachend verließen die Leute den Platz, Ibralosch aber und die Seinen zogen kopfschüttelnd von dannen, wo Praios Antlitz hinter den Bergen verschwand.


Karolus Linneger