Der Ruf des Friedwanger Raben 1032 BF: Teil 14

Aus KoschWiki
Version vom 20. Januar 2020, 18:47 Uhr von VerschiebeBot (D | B) (Textersetzung - „{{KoschBriefspielindex}}“ durch „“)
(Unterschiede) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschiede) | Nächstjüngere Version → (Unterschiede)
Zur Navigation springen Zur Suche springen


 Wappen Wildermark.svg
Texte der Hauptreihe:
K1. Prolog
K2. Teil 1
K3. Teil 2
K4. Teil 3
K5. Teil 4
K6. Teil 5
K7. Teil 6
K8. Teil 7
K9. Teil 8
K10. Teil 9
K11. Teil 10
K12. Teil 11
K13. Teil 12
K14. Teil 13
K15. Teil 14
K16. Teil 15
K17. Teil 16
K18. Teil 17
K19. Teil 18
K20. Teil 19
K21. Teil 20
K22. Teil 21
K23. Teil 22
K24. Teil 23
K25. Teil 24
Autor: ?

Briefspielgeschichte der Golgariten

Unterdessen, im Eulenkuhl… (Wildermark, Anfang Praios 1032 BF)

Die Bäume rauschten unter einem jähen, frischen Windstoß. Ludeger legte seinen bleichen Krallenhände auf die Kristallkugel, konzentrierte sich, spürte in den Astralraum. „Wo bist du, mein Augapfelchen? Zeig mir, was du siehst…“ Aus irgendeinem Grund gelang es ihm aber nicht sofort, einen magischen Blick auf den Marktplatz von Friedwang zu werfen… Nebel waberten in dem dunklen Glas, unruhige Schatten wanderten darin umher, von denen der Paktierer gar nicht so genau wissen wollte, wem sie gehörten…Dann wieder Licht…die Umrisse von Markt Friedwang manifestierten sich, aus der Vogelperspektive: Das güldene Dach der Sankt-Alborans-Basilika, der schlanke Schrotenturm, der Marktplatz, der rund um den Brunnen mit Bewaffneten und Pferden angefüllt war. Schwarze Schieferdächer, Schornsteine, die Tortürme aus Fachwerk, hier und dort eine Formation Tauben. Über allem thronte der mächtige Burgberg und Schloss Friedstein, vor der grandiosen Kulisse der schneebedeckten Berge. Darüber ein azurblauer Nachmittagshimmel, das himmelsstürmende Spiel der Wolken…um den Marktflecken herum goldene Felder und fette Wiesen, die Allmende des Dorfs. Die Krähe drehte ab, steuerte einen dunkelgrünen, undurchdringlich scheinenden Wald im Westen des Marktfleckens an. Vogelschwärme schwirrten ängstlich über die dicht bewachsenen Hügel hinweg. Der Schratenwald… „Was zum Namenlosen?“ Der Schwarze versuchte dem Gotong einen Gedankenbefehl zu geben, ihn zur Umkehr zu bewegen. Aber das fliegende Auge hielt unbeirrt weiter auf die Baumwipfel zu. Ging allerdings rasch tiefer, steuerte eine Lichtung nicht allzu weit hinter dem Waldrand an. Verkohlte Dachsparren, zugewucherte Mauerreste…eine Ruine…nein, ein Karrée aus mehreren zerfallene Häusern,. Ein Bauernhof…Feuernesseln hatten den freien Platz in der Mitte zurückerobert, zusammen mit Sträuchern und jungen Bäumen, deren Wurzelwerk sich überall durch Mörtel und Gestein brach…Zwei gestreifte Zelte standen auf der Freifläche, eine Feuerstelle war zu erahnen.

Die Krähe segelte auf das einstige, völlig ausgebrannte Haupthaus zu, flog in das offen stehende Dach hinein, glitt ins einstige Erdgeschoss, wo verkohlte Möbeltrümmer, Balken und Steine lagen. Steuerte ein Loch im Boden an, wo eine Treppe nach unten führte. Glitt in vollkommene Finsternis….

Schwärze.

Ludeger, der wahrlich einiges gewohnt war, kratze sich nervös am Ziegenbart. Auch der Madenfraß unter seiner Achsel juckte und nässte.

Beim Kuss der Dunklen Herrin, was hatte das zu bedeuten? Ein purpurnes Licht flammte auf, in dessen Widerschein das Gesicht eines schwarzgelockten, blassen Jünglings erschien. Spöttisch, arrogant, alterslos. Die Augen waren merkwürdig starr und hart – wie aus Glas. Jede Puppe hätte lebendiger gewirkt als dieser hochstirnige Aristokrat. Obwohl sich viele Meilen zwischen dem Mann und dem Warunker befanden, spürte Ludeger ein kaltes Grausen, das er nur zu gut kannte. Der Mann trug das Gewand eines Herolds, das Steinbockwappen der Baronie war im Zwielicht nur zu erahnen. Die Krähe hatte auf der rechten Hand Platz genommen, die der Bleiche in Falknerpose hielt.

Ludeger duckte sich unterwürfig. „Meister!?“ hauchte er. Freude und Furcht wechselten sich in ihm ab.

Nun sah er die kleine Maus in der linken Hand des totäugigen jungen Mannes, das Tierchen wandte sich und zappelte im unbarmherzigen Griff – vergebens…Der Jüngling reichte dessen Lebenskraft dem Dämon dar, so schien es zumindest. Das Opfertierchen verschrumpelte in Windeseile, schien an der Luft zu vertrocknen, zerfiel bis zum Schwanz hinauf, an dem es festgehalten wurde, einfach zu Staub, verwehte ins Nichts. Eine sinistre Freude umspielte bei diesem Schauspiel die bleichen, blutleeren Lippen des Jünglings. Er öffnete sie, zeigte zwei raubtierhaft spitze, schneeweiße Eckzähne. „Wenn man es recht betrachtet, ist alles nichtig und eitel. Nicht wahr?“ Der Totäugige sprach diese Worte nicht, die Kristallkugel war noch immer stumm, die Stimme formte sich allein in Ludegers Kopf: grausam, hart, eisig kalt, trocken. Uralt. Zugleich eine Art Knurren. Hungrig. Immer hungrig…oder von ewigem Durst erfüllt? „Am Ende ist doch alles eins. Der Tod, das Leben…Alveran….die Verdammnis wie die Niederhöllen. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe all das zur Genüge gesehen…“ Ludeger wich unwillkürlich zurück, als das maskenhafte Gesicht lautlos auf ihn zuglitt, sich der Form der Kugel anpasste. Die „Krähe“ flatterte, einen Moment lang sah der Paktierer ihre eine Schwinge schlagen. Es war, als wolle sie, die dämonische Kreatur, selbst in Panik fliehen. Dann packte sie bereits die Linke des Blutsaugers, hielt sie am Rücken fest und hob sie vor sich hoch wie einen hilflosen Sperling. „Einen kleinen Aufschub gebe ich Friedwang noch“, sprach er, scheinbar zum Krähenkopf. „Biss zum Sonnenuntergang, in drei Tagen.“ Biss? Hatte der Vampir gerade eben wirklich Biss gesagt? „Werdet Ihr mir wirklich helfen, die Pforte zu öffnen, O Merwan?“ Ludeger katzbuckelte. „In drei Tagen ist es also schon soweit. Oh, sehr gut, wirklich sehr gut…So habt Ihr das letzte Paraphernalium für das Magnum Opus erhalten?“ Die leblosen Haifischaugen starrten aus der Kugel heraus ins Leere, beachteten ihn gar nicht. Vielleicht hatte er ihn auch gar nicht gehört. „Dieser Kobold Levthachorn war der einzige, der mir seine gehörnte Stirn geboten hat, gerade eben auf dem Marktplatz. Es ist ein Graus. Einfach keine Herausforderungen mehr. Ich musste wieder an damals denken, den viel zu großen Scheiterhaufen, den sie für mich aufgeschichtet hatten, mich, ihren eigenen Baron, Merwan von Hohenwald den Schrecklichen. An der gleichen Stelle und doch in einer völlig anderen Welt. Markt Friedwang sah damals ganz anders aus, vor allem nach dem Feuer. Ihr halbes Dorf haben sie niedergebrannt, bei ihrem täppischen Versuch, mich zu vernichten. Ich erinnere mich wieder, als ob es erst im letzten Jahrhundert geschehen wäre…Die Schreie der Sterbenden waren sehr amüsant, vor allem die der Sonnenlegionäre…Fast so lustig wie das Schreien und Wimmern der von mir zu Tode gefolterten Pfaffen.“ Ludeger verdrehte die Augen. Nicht schon wieder diese Geschichte…Erzvampire hatten eine ganz besondere Untugend: Zuviel Zeit. Und wenn Merwan klagte, dass alles eitel war, dann betraf das auch ihn selbst. Nicht zufällig hatte er sich den wohlgeformten Leib dieses Jünglings Golo als neuen Körper auserwählt. Eine kleine Reminiszenz an den Dämonenmeister. „Zu Mitternacht wollten sie mich verbrennen, in der finstersten Stunde. Aus Furcht, das Sonnenlicht könnte ihnen zuvorkommen und mich einäschern. Als ob mich Praios jemals interessiert hätte. Es war die Erdmutter, die mich von ihrem Leib gestoßen hat. Dabei müssen sie geahnt haben, dass nicht ich das Opfer sein würde, diese Lämmer, die einen Wolf hinrichten wollten. Sie schwitzten vor Angst ob meines Anblicks, ich konnte in der Dunkelheit ihre Herzen schlagen hören wie hunderte kleine Trommeln…Die Kette war schon etwas rostig, und der Gestank des Pechs, mit dem sie mein Büßergewand bestrichen hatten…er stach in meiner zarten, vom Blutgeruch verwöhnten Nase…Ja, ich erinnere mich…Ich könnte dir heute noch sagen, wie jeder einzelne Reisigbündel lag und spüre das Stroh an meinen nackten Füßen….Dann naht er, der schmutzige, bucklige Henker, mit einer Hasenscharte, eine Fackel in der gepanzerten Rechten…Er hat gewiss nicht damit gerechnet, dass die Flammen als erstes ihn verschlingen würden…Nachdem ich ihm mit den zerrissenen Ketten die Knochen gebrochen hatte…Manchmal höre ich sie noch vor Entsetzen schreien, die Lämmer…aber die meiste Zeit…schweigen sie. Und das schon seit fast siebenhundert Jahren.“ Ein knurrendes Glucksen, es klang überaus zufrieden. Dann richtete sich der gnadenlose Blick auf den Schwarzmagier. „Nein. Ich werde nicht selbst auf dem Central-Friedhof anwesend sein, falls du das meinst. Sumuscal, wie wir Druiden das Heiligtum einst nannten, bleibt für mich ein verbotener Ort, bis ans Ende aller Tage. Dort wirkt bis heute ein Rest der Macht Sumus, für Menschen kaum mehr zu spüren, für mich aber bedeutet selbst dieses Quentchen Lebenskraft eine ungeheure Gefahr. Was wissen die Sterblichen, die sich in einer düsteren Stunde vor dem Untod fürchten, schon von den Qualen des ewigen Nicht-Lebens? Das Element der Erdriesin peinigt mich schlimmer als der Segen Borons jemals auf deiner fauligen Haut brennen wird. Nein. Ich habe dich über das Ritual alles gelehrt, was du wissen musst, dein geflügelter Bote hier wird dir das Tiegelchen mit dem letzten Bestandteil überbringen. Ich werde anderswo dringender benötigt. Glaub mir, die Oberste Legatin des Namenlosen ist eine Dame, die man auch nach Jahrhunderten besser nicht warten lässt…“ „Pardona?“ Merwan ging auf diese Frage gar nicht erst ein. „Ach ja, Levthachorn. Mein treuer Koboldsfeind hat doch wirklich versucht, den Golgariten einen Hinweis zu geben, mit seinen kindischen Reimen. Sei unbesorgt, ich habe dafür gesorgt, dass auch in Markt Friedwang jeder einem jeden misstraut. Bringt etwas reichere Frucht für die Sache des Rattenkinds wie der Niederhöllen, als Zwietracht in den schwachen Herzen der Menschen zu säen? In ihrer Einfalt glauben die Boronsknechte vermutlich jetzt, sie sollen sich mit ihren Feinden verbünden, um gegen das Böse zu bestehen. Dabei ist es weitaus wichtiger, aber auch schwieriger, einem alten Freund zu verzeihen. Die Menschen, diese Narren. Sie meinen noch, gegen das Böse zu kämpfen und tragen es längst in sich, wie eine dumme kleine Raupe die Brut der Schlupfwespe, zu ihrem Verderben. Aber vergiss nicht, du wirst in Sumuscal der Macht Borons und Sumus gleichermaßen gegenüberstehen. Wehe, wenn sich in dieser Nacht Tod und Leben gegen dich vereinen. Glaub mir, ich weiß von was ich spreche…Nun gehab dich wohl. Vergiss nicht, hast du Erfolg, werde ich eines Tages zurückkehren und dich an deinen Teil unserer kleinen Abmachung erinnern.“ Das Purpurlicht, wohl eine Art Flim-Flam, flackerte, begann langsam zu verdämmern. „Wa…warte noch einen Augenblick, Merwan …was wird geschehen, wenn sich Tod und Leben gegen mich vereinen…?“ Ein kaltes, freudloses Lachen, während das Licht endgültig verlosch. „Sumuscal heißt nichts anderes als Sumus Schale. In der Sternkunde steht dieses Zeichen für das Schicksal selbst. Der Heiligste der Horte. Wenn wir das Schicksal nicht auf unserer Seite haben, wie sollten wir da bestehen?“ Dann herrschte Dunkelheit.