Die Zweite Neufarnhainer Tafel - Angbar in Flammen

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1033, Neufarnhain

Edelbrecht fand sich inmitten einer rauchenden Trümmerwüste wieder. Er wusste nicht, wie er hierher gekommen war, aber die dumpfe Ahnung stieg in ihm auf, dass er sich unmöglich noch im Inneren des Steinkreises befinden konnte. Hatte dieser zwar gewaltig groß ausgesehen, so konnte er doch unmöglich diese mächtigen Ausmaße annehmen und…
Jäh wurden seine Gedanken unterbrochen, als sich aus den Ruinen des Hauses zu seiner Linken ein kolossaler Fleischberg annähernd vier Schritt in den Himmel hinein erhob. Begleitet wurde diese Bewegung von einem markerschütternden Kreischen aus einer Frauenkehle. Reflexartig griff Edelbrecht zu seinem Schwert.
Benommen nahm er weitere Details zur Kenntnis, die ihm fast die Besinnung raubten. In seiner Rechten hielt der Gigant – so als sei sie ein kleines Spielzeugpüppchen – Algunde von Hirschingen, von der das Kreischen ausging.
”Lass sie los, du Bestie!” schrie Edelbrecht und wollte sich auf das Ungetüm stürzen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht und verharrten regungslos am Fleck. Dröhnend lachte der Gigant, ein Oger, wie Edelbrecht vermutete, auf und mit einem dämonischen Grinsen, riss er unter den entsetzten Blicken Edelbrechts die Schwertmutter des Borkingers ungerührt in zwei Hälften und stopfte sie sich genüsslich schmatzend in den Schlund. Blut regnete auf Edelbrecht herab, als Algunde zwischen den spitzen Zähnen des Menschenfressers verschwand.
”Neeeeeeiiiiiin”, schrie Edelbrecht und wieder versuchte er sich dem Monster entgegen zu werfen und ihm den Garaus zu machen.
”Bemüh dich nicht, du kommst hier nicht weg!” erklang eine Stimme, die ihm seltsam vertraut vorkam, in Edelbrechts Rücken. Und richtig, der Borkinger bewegte sich keinen Finger voran, genauer gesagt gelang es ihm noch nicht einmal, sich umzuwenden.
Dafür jedoch kam der Oger mit einer Schnelligkeit, die er ihm gar nicht zugetraut hatte, auf ihn zu und beugte sich zu ihm herunter. Der Gestank von Verwesung und heißer Atem schlug Edelbrecht entgegen. Er vermeinte noch menschliche Finger zwischen den Zähnen des Ungetüms hängen zu sehen, als es ihm grinsend, ohne dass er zu einer Geste der Gegenwehr in der Lage gewesen wäre, das Schwert aus der Hand riss und sich damit in seinem windschiefen Gebiss herumstocherte.
”Na los, bringt es hinter euch, Fremder, ihr wollt mich töten? Hier bin ich. Macht ein Ende!” schrie er wütend. Tränen liefen ihm über die Wangen.
”Nicht doch, Edelbrecht”, lachte der Fremde auf. ”Wer sagt dir, dass ich dich töten will?”
Auf einmal war die Stimme ganz nah an Edelbrechts Ohr und flüsterte: ”Glaub mir, der Tod ist nicht das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann.”
Und im Plauderton fuhr der Fremde fort: ”Wie gefällt euch Reto, mein Schoßhündchen? Er ist ein Geschenk von Meister Galotta.”
”Galotta ist tot, ihr Spinner, versucht nicht, mich zu täuschen!” schrie Edelbrecht.
”Nicht doch, Brecht. Lassen wir das ‚Edel’ weg, es hat eh nie zu dir gepasst. Galotta lebt! Er ist seiner fliegenden Festung rechtzeitig entkommen und befindet sich bei bester Gesundheit. In eben diesem Moment marschiert er in Gareth ein und besteigt den Kaiserthron, den Platz, der ihm seit Anbeginn der Zeiten vorherbestimmt war.”
”Ihr lügt”, schnaufte Edelbrecht empört, ”ich glaube euch jedenfalls kein Wort. Zeigt euch endlich. Ich kenne euch, nicht wahr?”
In seinen Augenwinkeln huschte ein Schatten vorbei. Meckernd lachte der Fremde.
”Ob wir uns kennen, du kommst wirklich erst jetzt auf den Gedanken? Oh du törichter Narr, natürlich kennen wir uns.”
Edelbrecht schloss die Augen aus Angst vor dem, was nun folgen würde.
”Sperr die Augen auf, Bursche, und erkenne die Wahrheit!”
Die Stimme kam nunmehr von vorn. Edelbrecht kniff die Augen nur noch fester zusammen. Da verspürte er einen namenlosen Schmerz an seiner rechten Kopfhälfte, der ihm schier den Atem raubte. Blut lief ihm über die Wange und in seinen Nacken. Er riss die Augen auf und starrte in die wohlvertrauten Gesichtszüge Alderans von Zweizwiebelns, des Barons von Auersbrück, bei dem er vor vielen Jahren seinen Pagendienst abgeleistet hatte und der triumphierend Edelbrechts rechtes Ohr in der Hand wog.
”Aber, das kann nicht sein, i-i-ihr, seid tot, umgekommen im Jahr des Feuers!”
”Du irrst, Brecht, wie du dich schon so oft geirrt hast.”
”Dann seid ihr für das alles hier verantwortlich? Algunde…und…und…”
Meckernd lachte der Baron.
”Meinst du, ich hätte nicht gewusst, Brecht, dass du diese Schlampe geliebt und bewundert hast? Mitnichten, aber du schmeichelst mir, das hier”, er wies auf die Trümmerwüste und auf den nun dümmlich dreinblickenden Oger, ”ist eine Nummer zu groß für mich.”
”Ich werde euch besiegen, Alderan,” stieß Edelbrecht zwischen seinen zusammengekniffenen Zähnen hervor ”und dann werde ich euch gefesselt nach Angbar vor den Thron des Fürsten schleifen und ihn um Gerechtigkeit bitten.”
”Narr”, entgegnete von Zweizwiebeln ”ihr SEID in Angbar! Oder zumindest in dem, was davon übrig geblieben ist. Und der Fürst, hm, nun ja, sagen wir mal so: Ich wollte euch sowieso gerade zu ihm bringen. RETO!”
Und ehe Edelbrecht sich versah, hatte der Oger ihn gepackt und hielt ihn so fest umklammert, dass er sich dem Griff nicht entziehen konnte.
Stundenlang verharrte er so in den Klauen des Monstrums, das Alderan von Zweizwiebeln unbeirrt durch die zum Teil noch brennenden Ruinen der Koscher Capitale folgte, vorbei an gepfählten Angroschim und erschlagenen Menschen, bis sie an der Zitadelle, der Stadtresidenz des Koscher Fürstenhauses, anlangten. Am Tor hielt ein einzelner Ritter in schwarzer Rüstung Wache.
”Alderan von Zweizwiebeln. Ich habe den Verräter gefasst, Marschall!”
”Gut!” erwiderte der schwarze Ritter und wie aus dem Nichts schossen bläuliche Lichtstrahlen aus seinen Fingerspitzen auf Edelbrecht zu und verwandelten sich in Sekundenbruchteilen in feste Schnüre, die den Borkinger gänzlich bewegungsunfähig machten.
”Ihr könnt ihn nun ganz mir überlassen, gute Arbeit, Alderan. Der Fürst wird euch reich belohnen lassen!”
”Habt Dank, Marschall. Euer Lob ist mir Lohn genug!” erwiderte Alderan von Zweizwiebeln.
In diesem Moment nahm der schwarze Ritter seinen Helm ab. Ungläubig stöhnte Edelbrecht auf. Vor ihm stand sein älterer Bruder Gerbald.
”Gerbald, aber…?”
”Schweigt, Gefangener, auch wenn wir miteinander verwandt sind, berechtigt dich dreckiges Verräterschwein das noch nicht, die Worte an mich zu richten. Genauer gesagt, ich verachte dich aus dem tiefsten Inneren meines Herzens und am liebsten würde ich dich an Ort und Stelle deiner gerechten Strafe zuführen. Aber der Fürst wird schon wissen, was mit dir zu tun ist, und jetzt vorwärts.”
Aus den Schnüren, die Edelbrecht gefesselt hielten, wuchsen kleine wurzelartige Fäden, die bis auf den Boden herabeichten und ihn ameisenartig fortbewegten, dicht gefolgt von Gerbald von Borking.
Edelbrecht verstand die Welt nicht mehr. Er hatte das Gefühl wahnsinnig zu werden.
Auf dem Weg zum Thronsaal des Fürsten passierten sie ein Panoptikum des Grauens. Vor seinen Augen spielten sich die unglaublichsten Szenen ab: Oger und Menschen saßen einträchtig beieinander und verspeisten Kinder, die sich an Bratspießen über kleinen Feuern drehten, Weiber, die sich bereitwillig Orks hingaben, und…und…und…
Allmählich gab Edelbrecht die Hoffnung auf den Fürsten auf. Wer konnte wissen, was Blasius vom Eberstamm zu alldem sagen würde. Belustigt blickte Gerbald auf seinen Bruder, als hätte er seine Gedanken lesen können und wirklich sagte er: ”Blasius? Ja glaubst du denn, dass dieser schwächliche Eberstammer noch auf dem Thron sitzt? Aber sieh selbst, wir sind da.”
Über dem Tor, das Gerbald aufstieß, hing trophäenartig auf einem Holzbrett, das abgeschlagene Haupt Fürst Blasius vom Eberstamms. Hinter dem Tor führte ein blutroter Teppich durch einen meilenlangen Saal, aus dem eben ein dicklicher kleiner Mann den Borking-Brüdern entgegeneilte – Morwald Gerling.
”Ausgezeichnet, Gerbald”, rief er und patschte begeistert in seine wulstigen kleinen Hände. ”Der Fürst und seine Gemahlin haben eben nach euch verlangt und sind nunmehr bereit, über dieses widerliche Subjekt, diesen Ausbund an Insubordination zu richten.”
Während sein älterer Bruder Edelbrecht zum Thron führte, sah dieser, wie seine Schwägerin Emergunde von Hirschingen in ein leichtes Kurtisanenkostüm gewandet, dem Vogt – ”Großkanzler des Kosches” wie sein Gedanken lesender Bruder ihn sogleich korrigierte – einen leidenschaftlichen Zungenkuss gab. Angewidert wandte Edelbrecht seinen Blick ab, als Emergundes schlanke Finger sich an Gerlings Beinkleidern zu schaffen machten, und schaute schicksalsergeben nach vorn.
Doch was er sah, verschlug ihm die Sprache: Auf einem gewaltigen Thron, der aus menschlichen Köpfen zusammengefügt worden war, saß gelangweilt Knurrbold, Edelbrechts jüngerer Bruder. Neben ihm auf einer mächtigen Sänfte lag die aufgeschwemmte Neralda Cella von Nadoret.
”Endlich”, stieß Knurrbold grunzend hervor. ”Der letzte Aufrührer ist dingfest gemacht. Nun machen wir es kurz. Edelbrecht von Borking, du bist angeklagt des Aufruhrs gegen den rechtmäßigen Monarchen unseres geliebten Vaterlandes Kaiser von des göttlichen Borbarads Gnaden Gaius Cordovan Eslam I. Hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?”
Edelbrecht versuchte all die verwirrenden Eindrücke abzuschütteln und sich auf eine angemessene Antwort auf diese Abscheulichkeiten zu besinnen, da fuhr sein Bruder auch schon fort:
”Gut, da du seit deinen Tagen als Provinzgröße im Moorbrückschen als Aufrührer bekannt bist, schon damals unserem Großkanzler Morwald übel mitgespielt hast und gar dich dazu verstiegst ein ‚Neufarnhain’ aus der Taufe zu heben, so sehe ich deine Schuld als bewiesen an. Bei deinem üblen Charakter kann es nur eine sinnvolle Strafe geben und so verurteile ich, Fürst Knurrbold I. des Koschs, dich zur unheiligen Existenz als untotes Forschungsstück meiner geliebten Gemahlin Cella.”
”Habt Dank, mein Gemahl” entfuhr es dem fetten Scheusal neben Knurrbold, und während ein orkischer Scharfrichter mit erhobenem Richtbeil mit schnellen Schritten auf Edelbrecht zuhielt, veränderten sich die Gesichtszüge der einstigen Baronin, jetzigen Fürstin des Koschs und mit einem Mal blickte den entsetzten Edelbrecht die Garether Greisin an.
Und als das Richtbeil seinen Nacken traf, vermeinte er die Worte zu vernehmen ”Ich sagte es dir: Diejenigen die du liebst, wirst du ins Elend stürzen. Sie werden sich mit Grausen von dir abwenden. Diejenigen aber, die du verachtest, werden zu hohen Ehren aufsteigen.”
Dann wurde es schwarz um ihn.
Doch obgleich er den Kopf verloren hatte, zwang ihn eine Kraft, sich aufzurichten und von unsichtbaren Kräften gelenkt, taumelte er davon…