Willkommen zuhause - willkommen daheim: Der Prospektor

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Roterz, 1037

Roban zeigte Ladislaus den Stoffstreifen und wollte gerade in borongefällig gedämpftem Ton etwas dazu sagen, als beide Hunde gleichzeitig in Zeigeposition gingen. Ladislaus ließ gellend seinen Tobrienpfiff ertönen und zog sein Schwert, den Schild mit seinem Wappen in Richtung der angezeigten Position präsentierend. Marano kreuzte einen Blick mit seinem Herrn, ergriff sich einen Knüppel und löste Sigismund, der sofort seine Ogerschelle kampfbereit machte und einen Wurfdoch wurfbereit in der Hand hielt, eilte zu Roban und Ladislaus.
„Heda, was ist denn das für eine Art, einen harmlosen Wanderer zu begrüßen?“ klang es da aus dem Unterholz, gefolgt von einem Ächzen und alles andere als leisen Schritten. Nur Sekunden später trat ein hagerer Mann Mitte Vierzig auf die kleine Lichtung, ließ die Blicke von einem zum anderen wandern, ehe sie am noch brennenden Scheiterhaufen hängen blieben. Als er begriff, was man da den Flammen anvertraut hatte, wich er einen Schritt zurück, und das Gesicht zeigte blanke Angst angesichts mehrerer Bewaffneter, die gerade eine Leiche verbrannten.
„Ruhig bleiben, Mann!“ knurrte Roban. „Streck mal die Flossen in die Höhe, dann sagst du uns, wie du heißt und warum du dich hier herum treibst.“
Die kurzen Bewegungen der Schwertklinge, mit denen Roban seine Worte untermalten, schienen den Fremdling rasch zu überzeugen.
„Derwald Appellieb ist mein Name, gute Leute, ein kleiner Prospektor in Diensten des Barons von Roterz, seiner Hochgeboren Grimwulf Grobhand von Koschtal, der den Thron übernahm...“
„Danke, ist bekannt“, unterbrach Roban abwinkend. „Ich bin der Sohn des Barons, der Jüngste. Dies ist Ladislaus von Wildreigen, sein Begleiter Sigismund, und der junge Herr heißt Marano. Wir haben eine tote Kramboldin unweit dieser Stelle gefunden, hinterrücks gemeuchelt durch einen Armbrustschuss. Ihre Leiche ist es, die wir den Flammen anvertraut haben.“
Mit wenigen Worten beschrieb Roban die Boldin, und Ladislaus zeigte Derwald den Abdruck des Schmiedezeichens. Mit jeder weiteren Erkenntnis wurde der Prospektor blasser.
„Beim Herren Phex, das ist...war Govena. Govena Süßinger. Süßfinger nennen die Kinder sie, weil sie ihnen immer kleine Leckereien mitbrachte, wenn sie die Dörfer hier in Roterz abging. Ihre Wurzeln hat sie irgendwo im Bragahnschen, aber nix genaues weiß ich nicht. Aber jeder hier kannte sie und niemand hätte jemals...“
Derwald schluckte schwer.
„Denkt ihr, das Mörderpack is noch hier in der Gegend? Ich mein, weil doch schon so manch ein Wandersmann überfallen wurde in den letzten Monden!“
„Das wissen wir nicht genau“, gestand Roban. „Aber wenn sie nicht die erste ist, was hat der Baron bislang unternommen, um dieser Plage Herr zu werden?“
„Er hat den Herren von Ambossblick angewiesen, die Räuber zur Strecke zu bringen, Herr“, erklärte Derwald rasch.
„Und wer ist dieser Herr von Ambossblick?“ hakte Ladislaus nach.
„Der vormalige Vogt der Baronie, der Herr Gisbrun von Treublatt! Aber der weilt nicht auf der Burg, hat nur eine Vogtin dort gelassen.“
„Na bravo!“ Roban stieß das Schwert zurück in die Scheide. „Der Treublatt wird garantiert nicht mal den Arsch runzeln, und seine Vogtin ebenfalls nicht. Eher fängt eine Kuh das Eierlegen an!“
Roban grummelte einige Worte vor sich hin, als wolle er laut nachdenken.
„Sollten dann nicht wir die Räuber jagen gehen?“ schlug Marano vor, und in seinen Augen sah man das Leuchten kindlicher Begeisterung.
„Wir sind nicht gerade für eine Räuberjagd in diesem Gelände ausgestattet“, widersprach Roban barsch. „Der Amboss ist groß und unwegsam, und wenn es wirklich eine Bande ist und nicht ein einzelner Täter wären wir auch noch zahlenmässig unterlegen. Mal ganz davon abgesehen, dass dein Herr nicht hierher gekommen ist, um für meinen Vater ein paar Räuber aus dem Verkehr zu ziehen.“
Ladislaus nickte. Für eine Räuberjagd auf einen Ortskundigen waren sie in der Tat nicht ausgerüstet, zumal dieser jemand eine Armbrust besaß und damit umzugehen vermochte. Nein, sie sollten weiter reiten und mit dem Baron sprechen. Ob der Herr von Treublatt so unzuverlässig war, würde er bei Roban in Erfahrung bringen müssen – aber nicht vor dem guten Derwald. An diesen gewand, fragte er:
„Sag er, guter Mann, weiß er noch etwas zu berichten, was ein Reisender in dieser Gegend wissen sollte? Und wer ist die Vogtin, von der er spricht? Ich wüsste gern, an wen ich mich neben dem Baron wenden muss, um den gewaltsamen Tod der Govena Süßinger zu melden.“
Barmine von Rüpeln heißt die Vogtin wohl, Herr“, antwortete Derwald sofort. „Sie führte einen Söldnerhaufen, als der Herr von Treublatt noch Vogt der Baronie war. Die Mietlinge waren wohl so etwas wie Burgbesatzung oder Büttel oder so...als der Herr Grobhand von Koschtal Baron wurde, ward der Herr von Treublatt mit der Burg Ambossblick belehnt. Aber der hat wohl so viel anderes um die Hände, dass er dort die Frau von Rüpeln mit ihren Leuten einquartierte. Doch zuständig müsste dennoch der Baron sein, weil Govena doch aus Reiderint ist, einem kleinen Ort, der als Eigenlehen immer noch den Baronen untersteht. Ihr Vater ging dort noch dem Köhlerhandwerk nach, und seine Söhne tun dies heute noch, obwohl doch die meisten Reiderinter dort Basalt brechen, und...“
„Halt mal für ein paar Sekunden den Rand“, unterbrach Roban den Redefluss rasch. „Wir brauchen keinen Vortrag über die Baronie und ihre Ortschaften. Die Frau stammt aus Reiderint, und damit ist der Baron selbst zuständig, weil es sein Lehen ist.“
Derwald nickte eilfertig.
„Genau so isses, Herr Grobhand. Und ein Reisender sollte sich vor allen Dingen an den Pass halten, denn das Gebirge is nich sicher für Leute, die es nicht kennen. Rasch kann sich ein Steinschlag lösen, oder ein wildes Tier den arglosen Wanderer anfallen. Auch mag es noch den ein oder anderen Goblin oder Ork geben, zumindest so lang, wie keine Angroschim in der Nähe sind. Drachen hat es, Ingerimm sei´s gedankt, keinen einzigen mehr, seit man das Viech in Tallon erschlagen hat, aber noch manchen Bären, wie den alten Frostbart, und...“
„Wirst du eigentlich für´s Labern bezahlt oder für´s prospektieren?“ fiel Roban ihm schon wieder ins Wort, was Ladislaus ein breites Grinsen abnötigte.
„Ein redseliges Völkchen waren die Koscher schon immer“, erinnerte er den Gefährten, der ganz unkoscher nur knurrte.
„Und lasst euch nicht verdrießen, Derwald. Wir werden euren Rat beherzigen und dem Pass folgen, wenn es uns ohnehin gen Eisenhuett führt. Sagt, kennt ihr auch das Gasthaus in der Zwergenmine? Wir hörten, es sei das einzige auf dem Pass.“
Bei diesen Worten verfinsterte sich die Miene des Prospektors.
„Ihr meint Gargamils Stollen. Gargamil, Sohn des Garamosch, ein übler Beutelschneider ist das! Travias Gebote gelten ihm weniger als Phexens Silber, und selbst wenn er einen durchfrorenen Wanderer aufnimmt, zieht er ihm noch den letzten Kreuzer aus der Tasche. Ihr tut gut daran, im Freien zu nächtigen, wenn der Herr Efferd euch nicht gerade vom Pass spülen will. Eine Nacht in Gargamils Stollen ist ein teurer Spaß, und der alte Gargamil hat ein Auge dafür, wie viel er von einem Gast verlangen kann. Und seine Neffen sind auch nicht viel besser, deshalb arbeiten sie ja auch nicht in den Stollen wie ihre anständigen Brüder. Lieber das rasche Gold auf Kosten armer Reisender, die keine Wahl haben, als harte Arbeit in den Stählernen Hallen und Glühenden Bingen.“
„Ja, schon recht!“ Roban, der sichtbar genug gehört hatte, schnippte eine Münze in Derwalds Richtung. „Du hast uns einen guten Dienst erwiesen, und wir werden dich bei meinem Vater lobend erwähnen. Jetzt geh und such...was auch immer so ein Prospektor suchen mag!“
„Schiefer, guter Herr“, lächelte Derwald. „Ordentlichen Schiefer für Schreibtafeln und Dachschindeln. Den Baronen gehört nur, was direkt auf Sumus Haut zu finden ist, was darunter liegt gehört seit ewigen Zeiten den Angroschim. Seht nur, ich habe...“
„JA-JA-JA-JA-JA! Bestimmt ganz toll! Nagel ihn dir unter die Hufe, Mann, wir haben es eilig! Nen Mord melden, schon vergessen?“
Derwald glotzte leicht verdattert angesichts dieser Abfuhr, dann lächelte er wieder so pflichteifrig wie zuvor.
„Natürlich, Herr. Ein Jammer um die gute Govena! Boron hab sie selig. Aves mit Euch!“
Derwald zog noch einmal den Hut, dann trollte er sich passabwärts.
„Mann, wenn man die nicht bremst, kauen sie einem das Ohr ab!“ beschwerte sich Roban halblaut, wobei er sowohl das unterdrückte Lachen von Ladislaus wie auch das verwirrte Gesicht von Marano ignorierte. Der schien sich zu fragen, wie jemand mit derlei merkwürdigen Manieren sich guten Gewissens Ritter nennen durfte.
Eine steile Falte entstand auf Ladislaus Stirn. Köhlertochter, Söldnerführerin. Ihr war kein Vorwurf zu machen, sie war nicht von Stand und wusste nicht um die Tragweite ihres Nicht-tuns. Doch was den Herrn von Treublatt zu Ambossblick betraf… Nun, vielleicht sollte er mit ihm sprechen, nachdem er beim Baron vorstellig geworden war, ein wenig Praios gefälliges Pflichtbewusstsein wachrütteln. Doch er sagte nichts.
Bald darauf musste er wieder schmunzeln. Robans Ausdrucksweise konnte sich wahrlich mit der eines Waschweibes messen. Kein Wunder, dass der knapp siebenjährige Marano ständig rote Ohren bekam!
„Erfolgreiches Schiefersuchen, Gevatter“, wünschte er Derwald. „Mögen ihn die Götter begleiten, auf ihn achtgeben und ihm reiche Funde bescheren.“
Dann war der gute Mann auch schon auf und davon. Ladislaus blickte zum Holzstoß, strich sich den Bart und brummte:
„Wir werden wohl noch eine Weile hier bleiben müssen. Das Feuer ist noch nicht weit genug hinuntergebrannt.“ Er warf einen Blick zum Himmel hinauf. „Aber ich glaube, das ist nicht weiter tragisch. Wir haben inzwischen so viel Zeit hier verbracht, dass wir auch gleich unser Nachtlager hier aufschlagen können. Es ist bereits später Nachmittag.“
Roban nickte.
„Hier ist Wasser und Platz genug für alle. Ich glaub nicht, dass wir solch einen Platz in den nächsten zwei Stunden erneut finden.“
Erneut machte sich die Wegerfahrung des reisenden Trios um Ladislaus bezahlt, denn rasch war ein Lager errichtet, sogar ein kleines Zelt war errichtet worden. Marano und Sigismund hatten sogar einen kleinen Zaun für die Pferde errichtet. So brauchten sie keine Fußfesseln zu tragen und konnten sich im Zweifelsfall verteidigen.
Marano holte Wasser und brachte es zum Kochen und stampfte Getreide für einen Brei. Dieweil ging Sigismund, der sich recht gut mit Pflanzen auskannte, Kräuter sammeln, um dem Abendmahl ein wenig Farbe, Geschmack und weitere Inhaltsstoffe zu verleihen. Währenddessen kümmerten sich die beiden Ritter um den brennenden Holzstoß, damit er sauber abbrenne und die umliegenden Bäume und Sträucher nicht in Mitleidenschaft gezogen würden. Dann fanden sich alle zum Essen ein. Es gab Getreidebrei mit Kräutern und Brombeerblättertee.
„Marano, schau bitte noch einmal nach den Tieren, bevor du dich schlafen legst. Sigismund, du übernimmst die erste Wache, ich übernehme die Hundswache und Roban, löst du mich ab? Du kannst ja dann Marano rechtzeitig wecken, dass er Frühstück bereiten kann.“