Willkommen zuhause - willkommen daheim: Bis Eisenhuett

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Eisenhuett, 1037

Die Nacht verlief störungsfrei. Keiner der Wachenden bemerkte etwas, dass sich nicht mit den normalen Aktivitäten irgendwelcher Tiere, dem Wind oder ähnlichem erklären ließ. Die Hunde schlugen nicht an, und auch die Pferde wurden nicht unruhig. Am Morgen bestatteten sie die wenigen Reste der Kramboldin, welche die Flammen überstanden hatten, ehe sie weiterzogen.
Es ging auf Mittag zu, und der Marsch, der sie stets bergan führte, war mühsam und beschwerlich für Mensch und Tier. Zum ungezählten Male blinzelte Ladislaus sich den Schweiß aus den Augen, als sein Blick auf einige rote Schriftzeichen fiel, die über einem stilisierten Spaltkeil auf einem hellen Felsen prangten.
„Seht dort, Herr Ladislaus, ein Wegweiser“, rief Marano. „Oder ist es eine Warnung? Was bedeuten diese Zeichen? Ist es die Zwergenschrift?“
„Viele Fragen auf einmal“, schmunzelte Ladislaus. „Aber ja, es ist Rogolan, die Zwergensprache. Es heißt soviel wie...Garamils Bergwerk, glaube ich. Oder eher Stollen, will man den Worten des guten Derwalds glauben. Unglaublich, wie schnell man das Wissen um diese Zeichen verliert!“
„Kehren wir dort ein, Herr Ladislaus?“ fragte Marano rasch. „Es geht doch auf Mittag zu!“
Ladislaus lächelte ihn an. Für ihn war der Junge mehr als sein Page, der Kriegswaise war ihm fast schon zum eigenen Sohn geworden. Er freute sich an dessen Fortschritten, daran, dass er Wuchs – einfach daran, dass er da war. Er brachte Licht ins Dunkel der Tobrienerinnerungen.
„Marano, der Weg ist beschwerlich und macht hungrig, das stimmt, aber bisher sind wir gut vorangekommen und noch hält das Wetter. Damit kann es in den Bergen bald vorbei sein. Deshalb möchte ich gern weiter.“
Roban nickte zustimmend und Sigismund reichte dem Jungen einen Streifen Trockenfleisch. Marano erwiderte das Lächeln der Männer, biss ins Trockenfleisch und drückte der Eselin die Hacken in die Seiten. Das „Rasthaus“ war vergessen und der Junge blickte wieder neugierig auf die Berge und entdeckte, völlig aus dem Häuschen, eine Steinbockfamilie in der Felswand.
Am späten Nachmittag wurde der Weg noch beschwerlicher. Ladislaus, der zurzeit vorn ritt, zügelte seinen Hengst und saß ab. Er tätschelte Äkki den muskulösen Hals und stapfte dann dem treuen Tier voran. Die anderen folgten seinem Beispiel. Der Weg war durch einen Steinschlag verengt worden und dank der Brocken, die noch immer auf dem Weg lagen, kaum zu passieren. Immer wieder hielt der Ritter an, um den ein oder anderen Brocken zur Seite zu wuchten, damit zunächst sein Hengst, danach auch die anderen Reisenden besser vorankämen. Als der Weg um einen Felsvorsprung herum führte, stockte der Zug völlig.
Eine kräftige Birke war quer über den Pfad gefallen. Sorgsam führte Ladislaus seinen Hengst rückwärts. Vor der Kehre war der Weg breiter und es passten zwei Tiere nebeneinander. Er übergab seinen Hengst an Marano, übernahm von ihm die Eselin und führte sie an den Baum heran. Aus dem Gepäck der Eselin entnahm er seinen Reiterhammer, der sowohl eine Axtklinge als auch einen kräftigen Dorn hatte. Zunächst schlug er die Äste weg, die sich verkantet hatten, dann spitzte er die eine Seite des Stammes ein wenig zu, damit sie leichter zwischen den großen Steinblöcken herausrutschen konnte. Anschließend befestigte er ein Seil an der Baumkrone und gab Inger das Zeichen zum Ziehen. Die Eselin war kräftig, aber dennoch musste Ladislaus mit Anrucken, damit der Baum sich endlich in Bewegung setzte und den Weg Halbfinger für Halbfinger freigab. Bald hatten Eselin und Mann den Baum gedreht bekommen und ein Stück zur Kehre gezogen.
Weiter ging es jedoch nicht. Der Baum musste weiter zerlegt werden. Marano übernahm die Aufgabe des Pferdehirten, während Sigismund und Roban Ladislaus zur Hand gingen. Roban machte große Augen, als er das Werkzeug in der Hand seines Freundes sah. Dieser lächelte ihn an:
„So wie du hat der Schmied in Perainefurten auch geguckt, als ich ihm beschrieb, wie ich meinen Reiterhammer gern hätte. Er ist ganz bewusst eine Kreuzung aus Spitzhacke und Rabenschnabel. Ich war ständig zwischen den Fronten unterwegs und wollte Gewicht sparen. Wissend, dass ich täglich meinen Reiterhammer brauchen würde – aber auch die Möglichkeit, Holz zu hacken, um Tote durch Scheiterhaufen am Aufstehen zu hindern, entschied ich mich für ein Gerät mit Klinge und Dorn – und pragmatisch denkend frug ich den Schmied, ob er das Ding nicht irgendwie mit der Funktion einer Spitzhacke kombinieren könne. Glücklicherweise war sein Geselle, ein Heimatvertriebener aus den praioswärts gelegenen Gebieten ein ehemaliger Bergmann und wusste sein Wissen einzubringen. Ich habe die Waffe ‚Muffelkopp‘ genannt, in Anspielung sowohl auf den Ruberkopf, als auch auf das Mufflon, scheint dieses Wildschaf doch sowohl Travia als auch Praios zu verehren.“
Bald war der Baum in mehrere Blöcke getrennt und vom Pfad geräumt. Der Weg war wieder frei und sie konnten ihren Weg fortsetzen. Diesmal ging Roban voran, gefolgt von Sigismund, dahinter Marano und zum Schluss Ladislaus. Die Tiere führten sie nach wie vor am Zügel.
Rechtzeitig vor Einbruch der Dämmerung fand die Reisegruppe ein kleines Plateau, auf dem sie vor Steinschlag geschützt waren und ohne Gefahr für die Natur Feuer machen konnten.
„Nur nass werden wir hier“, brummte Roban. „Bäume stehen hier keine, wir sitzen auf dem Präsentierteller; windig ist’s auch.“
Sigismund musste schmunzeln, er konnte es beim besten Willen nicht unterdrücken.
„Mich dünkt, Hoher Herr, dass das ein gutes Zeichen ist. So langsam glaube ich, dass es erst dann schlecht um uns bestellt ist, wenn Ihr nichts mehr zum Gnarzen findet. Deshalb bedanke ich mich, dass Ihr uns zu dieser Hangplatte geführt habt.“
Es lag kein Spott, sondern freundliche Aufrichtigkeit in der Stimme des Bornländers. Mehr um Roban weiter aufzumuntern als aus Notwendigkeit ließ er die Hunde die Hochebene zuerst betreten. Diese schnüffelten pflichtschuldigst einmal die ganze Platte ab, dann warfen sie einen Blick zu Ladislaus und Sigismund, bevor sie zu spielen anfingen. Der Platz war sauber.
„Hast du dir schon einen Schlafplatz auserkoren, Roban?“ frug Ladislaus und breitete die Arme aus. „Wir haben Platz und ich lasse dir gern den Vortritt beim Aussuchen. Ich genieße so lange die Bergluft und strecke die Knochen.“
Sprachs, legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen, tief durchatmend.
„Ich werde meinen Hintern am Zugang platzieren. Falls uns doch wer ans Fell will, zieh ich ihm mit dem Hammer den Scheitel gerade. Aber ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Das Lehen von dem Treublatt liegt hinter uns, und wenn Derwald recht hatte, fanden die Überfälle auch nur dort statt. Die Baumgrenze ist nicht mehr weit, ergo wenig Wald, in dem sich Räuberpack verbergen kann. Hoffen wir auf das Beste. Und was das Gnarzen angeht – unser guter Kanzler, der Herr Nirwulf, Sohn des Negromon, meinte einmal, die Welt sei in Ordnung, solange die Koscher klagen können. Liegt uns im Blut, das Gejammere. Aber was ein rechter Koscher ist, der klagt nicht nur, sondern packt zu, um Probleme zu lösen. Gibt genügend Beispiele dafür. Man hat in früheren Tagen mal die Stadt Ferdok verlegt, als der Grosse Fluß seinen Lauf änderte.“
„Verlegt? Die komplette Stadt?“
Marano starrte den Ritter ungläubig an.
„Mit Sack und Pack“, nickte Roban ernst. „An der alten Stelle abgebaut, an der neuen wieder hochgezogen. Hat natürlich gedauert, an nem Praiostag ist das nicht erledigt, aber Koscher sind hartnäckig. Stur, meinen ein paar Außerkoscher, aber was soll es! Wir packen zu, um Missstände zu beheben, wir klagen, aber wir arbeiten weiter, und so hat dieses schöne Land schon so manch bittere Zeit überdauert!“
Marano lauschte noch einigen alten Geschichten aus dem Kosch, bis ihn die Müdigkeit übermannte. Erst am frühen Morgen wurde er durch ein schrilles Pfeifen geweckt, dass unheimlich von den Felswänden aus grauem Schiefer widerhallte. Er schlug die Decke zurück und blickte in das morgendliche Zwielicht. Roban vollführte etwas abseits einige Waffenübungen, mit Schwert und Hammer zugleich, und schien den Geräuschen keinerlei Bedeutung beizumessen.
„Guten Morgen, Herr“, sagte Marano gerade laut genug, dass der Ritter ihn hören und seine Übung unterbrechen konnte. Ein letztes, stählernes Wirbeln, dann wandte er sich ihm zu.
„Guten Morgen, junger Mann“, schnaufte er. „Hoffe, wohl geruht zu haben. Breite deine Decke aus, damit der Morgentau abtrocknet, sonst stinkt sie nachher.“
„Hört ihr das Pfeifen?“ fragte Marano, während er der Weisung nachkam.
„Die Murmeltiere? Ja, sicher. Wieso?“
„Murmel...tiere?“ fragte Marano verwirrt. „Was sind das für Wesen?“
„Sehen aus wie...ja, wie überfressene Mäuse fast, sind aber so groß.“ Mit den Händen zeigte Roban ein Tier von Bibergröße an, und Maranos Augen wurden noch größer. „Schmecken ganz ordentlich, sind aber schwer zu kriegen. Scheu wie die Hanghasen, und mit dem Pfeifen warnen sie ihre Kumpel vor Feinden!“
„Vor Feinden?“ Ladislaus gähnte herzhaft, als er sich aus der Decke wickelte. „Sind denn Feinde in der Nähe?“
„Vier, um genau zu sein“, grinste Roban. „Plus drei Hunde. So ein anständiger Murmelbraten...“, er schnalzte mit der Zunge, „das wär was. Aber sich dafür auf diesen Hängen den Arsch brechen...nee, da bleib ich bei Brot und Trockenfleisch.“
„Aber der Hang scheint doch gut gangbar zu sein“, meinte Marano und wollte das kleine Plateau verlassen, als Roban ihn festhielt.
„Das ist Schiefer, Junge. Der wirkt hart, aber einige Stellen sind rissig wie altes Pergament. Schau mal.“
Er trat mit dem Stiefel an eine Stelle, wo man die Schichten sehen konnten, und schon platzten kleine Brocken ab und kollerten den Hang hinab.
„Ein falscher Tritt, und du kugelst da runter. Und einige Stellen sind schärfer als eine Säbelklinge, die schlitzen dich auf wie ein Schwein beim Fleischer. Also, bleib lieber auf dem Weg. Wer hier durch die Berge eiern will, muss sich auskennen, und das gilt für keinen von uns.“
„Seid ihr denn hier nicht aufgewachsen?“ wollte Marano wissen. „Immerhin ist euer Vater Baron dieser Berge.“
„Erst seit zwei Jahren“, schmunzelte Roban, während Ladislaus und der ebenfalls schon erwachte Sigismund das Feuer erneut anfachten. „Vorher haben wir im Schetzeneck gelebt. Irgendwo dort, in diese Richtung, wo du die Schatten der Koschberge siehst. Aber der Kosch ist ganz anders, aus Granit und Basalt. Außerdem, die wahren Herren des Amboss leben nicht auf dem Gipfel, sondern dort!“
Roban deutete auf den Boden.
„Im Boden?“ staunte Marano.
„Er meint die Angroschim“, erklärte Ladislaus, als die ersten Flammen aufloderten. „Unter dem Amboss liegt das Bergkönigreich Waldwacht, Tosch Mur in der Sprache der Zwerge. Und seit ehedem sind die Zwerge die Herren dieser Berge, und die Menschen eher geduldete Gäste, denen man die Oberfläche überlassen hat. Unter unseren Füssen, tief im Fels, erstrecken sich angeblich hunderte Meilen von Tunnel, Gewölben und Hallen, in denen einige tausend Angroschim leben müssen. Sehen wir davon wohl nichts, aber in Eisenhuett gibt es wohl auch viele Vertreter des kleinen Volkes.“
„Reichlich“, bestätigte Roban, „noch zwei, drei Stunden bergan, dann sind wir da.“
Von den vier Reisenden war tatsächlich Ladislaus der einzige, der im Hochgebirge groß geworden war. Er hatte seine Kindheit in der Baronie Tosch Mur, bei den Menschen Waldwacht genannt, verbracht… und der Gedanke an Murmelbraten ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen…
Doch wieder einmal in wenigen Tagen war es der falsche Zeitpunkt und sie waren falsch ausgerüstet; Ladislaus aber gedachte noch länger im Hochgebirge zu bleiben. Früher oder später wird ein feiner Bratenduft von der Küche durch die Burg ziehen und ihnen allen in der Nase kitzeln. Und den ein oder anderen Angroschim würden sie dabei auch noch zu Gesicht bekommen.
Der Weg war wieder frei und wenn sich der gute Roban nicht allzu sehr täuschte, hätten sie ihr Ziel schon bald erreicht. Das Nachtlager war rasch abgebaut und auf die Tiere verteilt.
„Zsigmond Mihai Bălănuță und Marano Sirion von Ährengatter“, benutzte Ladislaus die förmliche Anrede für seine Weggefährten, „heute gilt es, zu zeigen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Es ist nicht mehr weit, bis wir das Heim des Herrn Vater meines guten Freundes Roban in unserer Mitte erreichen. Wie ihr wisst, ist das Verhältnis der beiden nicht das Beste. Lasst uns deshalb unser Teil dazu beitragen, dass es nicht noch mehr leidet. Vielleicht können wir ja sogar unseren Beitrag dazu leisten, es zu verbessern. Heute dulde ich keine Nachlässigkeit bei eurem Tun und bei unserem Auftreten.“
Er ging mit gutem Beispiel voran, striegelte Äkki gründlich und überprüfte genauestens den Sitz der Ausrüstung. Er flocht Zöpfe in Mähne und Schweif seines Streitrosses wie an einem Feiertag oder einer besonderen Schlacht und seine Begleiter taten es ihm nach. Ein Blick zu seinen Gefährten sagte Ladislaus, dass alles in gutem Zustand war, dann nickte er Roban zu und saß auf und ließ den tobrischen Pfiff ertönen. Auf zur letzten Etappe…