Wengenholmer Geister - Vogelfrei, aber nicht ehrlos

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Borrewald, Ende Firun 1041

Am nächsten Morgen wurde die Gruppe von Alphak und Eberhelm geweckt. Beide wirkten, als ob sie nicht gut geschlafen hätten. „Wir haben noch lange über die Situation nachgedacht und sind zu dem Entschluss gekommen, Euch ziehen zu lassen, wenn Ihr uns Euer Ehrenwort gebt, unsere Anwesenheit an diesem See zu verschweigen.“, erklärte ein müder Alphak von Steinklos. „Erwähnt ruhig gegenüber dem Fürsten, dass wir geholfen haben, die Bauern zu befreien.“, fügte Eberhelm knapp hinzu.

Nicht jedem der Ritter schien wohl zumute zu sein bei dem Gedanken, gegenüber dem Fürsten die Unwahrheit zu sagen. War das nicht ein Verstoß gegen die ritterlichen Tugenden? Doch die beiden Raubritter hatten mit diesen Zweifeln wohl gerechnet und wollten das Gelöbnis absichtlich in Anwesenheit des Perainegeweihten sprechen lassen. Ein Versprechen bezeugt von einem Vertreter der Zwölfe sollte doch schwerer wiegen als ein einzelner derischer Herrscher… Storko Semmelbrot gab außerdem zu bedenken, dass ein ritterlicher Ehrenkodex nichts wert sei, wenn er nicht dem Schutz der Schwachen, in diesem Fall der befreiten Bauern, diene. Dies sei in seinen Augen wichtiger als irgendein adeliger Stolz. Viburn von Rohenforsten erinnerte an die sichere Rückkehr Harrads als den eigentlichen fürstlichen Auftrag und versprach, eventuellen Tadel seitens des Fürsten oder des Seneschalks auf seine Kappe zu nehmen. Das räumte schließlich die letzten Zweifel beiseite und alle gaben das verlangte Ehrenwort ab.

Während die Gesandten des Fürsten ihre Sachen zusammenpackten, schaute der Peraine-Geweihte nach den verwundeten Gefolgsleuten der Raubritter und dem Andergaster Söldner. Danach brach die Gruppe gemeinsam mit Storko Semmelbrot und den Bauern auf. Als sie außer Sichtweite waren, erkundigte sich Harrad über den Hintergrund von Alphak von Steinklos und Eberhelm von Treublatt. Die Schilderungen verfolgte er mit ernstem Gesicht, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars. Storko Semmelbrot ermahnte indessen alle anderen, aufgrund des Ehrenwortes nicht über die Raubritter zu reden. Als die Bauern ihre Heimat Ilmenheide erreichten, wich die Anspannung aus den Gesichtern. Müde, aber dennoch glücklich schauten die einfachen Leute in ihren Häusern nach dem Rechten. Die Munteren Breitäxte hatten derweil in Ilmenheide die Stellung gehalten und waren hocherfreut, die verschwundenen Einwohner wohlbehalten zurückkehren zu sehen. Natürlich kam nach dem ersten Jubel schnell die Frage auf, wie die kleine Gruppe Ritter und Zwerge gegen eine große Übermacht an Räubern gesiegt hatte.

Nun sah Harrad die Zeit gekommen, gegenüber allen Anwesenden den Schleier um seine Identität zu lüften. Er bat darum, über den genauen Umständen den Mantel des Schweigens zu lassen, denn dies sei eine Bedingung für seine sichere Weiterreise zum Fürsten Anshold – seinem Vetter. Als sie erfuhren, mit wem sie es zu tun hatten, staunten die Söldner nicht schlecht – ebenso wie so mancher Bauer bei dem Gedanken, dass ein von Eberstamm selbst ihn versorgt hatte… Harrad ließ den Leuten die Zeit, die Neuigkeit sacken zu lassen, und dankte dann seinen Rettern.

Nun rief Storko Semmelbrot zum Dankgottesdienst für die Heimkehr der Entführten. Im Anschluss daran packten die Bauern ihre Vorräte an Gebranntem aus. Insbesondere Roban hatte nichts dagegen, sich mehrere Runden Rübenschnaps zu genehmigen und auch die Söldner fragten nicht weiter nach, wenn es einen kostenlosen Schluck gab. Viburn und Harrad baten jedoch um einen einfachen Kräutertee – eine Bitte, die der Geweihte ebenso gerne nachkam. Auch Boromil bevorzugte letzteres Angebot, während Ingramosch bei der ersten Runde Schnaps bereits arg zu husten anfing.

Am nächsten Morgen zog die Gruppe um Harrad gemeinsam mit den Munteren Breitäxten weiter nach Auersbrück. Die Geschichte über die Rettung der Entführten und eines Mitglieds der fürstlichen Familie machte schnell die Runde in der Stadt, so dass die Auersbrücker sehr darauf bedacht waren, der Reisegruppe viele Krüge an Bier auszugeben, denn sie brannten darauf, die Retter zu feiern und mehr zu erfahren. Roban und Ingramosch etwa langten gerne zu und waren recht angeheitert, als sie endlich in ihre Betten fanden. Harrad, der nach wie vor keinen Tropfen anrührte, hatte sich mit Viburn und einigen anderen in eine ruhigere Ecke der Herberge Zur Esche zurückgezogen, in der sie untergekommen waren. „Es ist doch erstaunlich, wie sich das Schicksal wenden kann.“, bemerkte er nach einem zünftigen Abendessen bei einer Kanne heißen Tees. „Als ich gen Osten zog, machte ich um den Kosch absichtlich einen weiten Bogen. Ich wollte nicht, dass mich die Leute hier als den geschlagenen Mann sehen, der ich war. Und jetzt kehre ich in meine alte Heimat zurück, nachdem ich über ein Jahr zuerst in Gefangenschaft, dann in der Isolation eines Praios-Klosters zugebracht habe, und die Leute jubeln bei meinem Namen.“ „Bedenkt, was Eure Taten dazu beigetragen haben“, erwiderte Storko Semmelbrot, der sich für diesen Abend ein letztes Mal dazugesellt hatte. „Ihr habt Euch nicht vom Bösen mit der Aussicht auf Macht verführen lassen. Als man Euch des Hochverrats am Reich verdächtigte, habt Ihr alle Prüfungen des Gewissens auf Euch genommen, anstatt mit Eurem Schicksal zu hadern. Und als Ihr selbst in tiefster Not wart als Gefangener der Räuber, da habt Ihr den Menschen geholfen, die Hilfe brauchten, und im Kampf die Schwachen beschützt. Solche Leute sind es, die der Kosch jetzt braucht, und die wir an der Seite unseres Fürsten sehen wollen: Adelige, die ihren Rang wert sind – durch edle Taten, nicht durch ihre Namen!“ „Habt Dank für Eure Worte! Es tut sehr gut, sie zu hören! Doch möchte ich daran erinnern, dass ich in der Vergangenheit Dinge getan habe, die dem Namen meines Hauses nicht immer zur Ehre gereichten. Ich war so getrieben von meinem verletzten Stolz und von dem Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, dass mir die Folgen meines Handelns oft nicht bewusst waren. Unter den Praioten habe ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Es war selbstsüchtig und gefährlich, den vagen Hinweisen auf die Identität meines Vaters nachzugehen. Auch wenn es nur verständlich ist, dass ich wissen möchte, wer mein Vater ist… die gefälschten Dokumente hätten den ganzen Kosch in Aufruhr bringen können. Das dämmerte mir erst später im Kloster… weitab von allem Trubel und dem Alkohol. Jetzt, mit klarem Kopf, sehe ich vieles anders.“ „Eine gute Entscheidung, die Finger vom Alkohol zu lassen“, lobte Viburn von Rohenforsten. „Einige werden sich anfangs daran gewöhnen müssen, aber am Ende wird sich das ganze Fürstentum darüber freuen, einen guten und nüchternen Ratgeber für den Fürsten zu haben.“ „Niemand soll Euch scheel angucken dafür, dass Ihr statt Gerste und Hopfen nun ein Gebräu aus Kräutern zu Euch nehmt!“, pflichtete der Peraine-Geweihte bei. „Ich werde an den Sankt-Selissa-Tempel zu Tarnelfurt schreiben, wo man sich besonders auf die Kräuterkunde versteht, und für Euch um alle Rezepte bitten, die man dort kennt. So werdet Ihr nie befürchten müssen, des Geschmacks überdrüssig zu werden, sondern stets eine neue Mischung probieren können. Wie ich mit Freuden sehe, folgt auch Herr Viburn Eurem Beispiel, und auch einer unserer Retter rührt keinen Tropfen an.“ Boromil hatte bislang am Tisch gesessen und das Gespräch schweigend verfolgt, doch als sich nun die Aufmerksamkeit auf ihn richtete, errötete er. Harrad vermutete, den Grund zu kennen. „Ihr wart einer derjenigen, die mich damals festgesetzt und nach Beilunk gebracht haben. Seid unbesorgt, ich bin Euch nicht gram deswegen. Ihr könnt ruhig ein Bier trinken, Ihr habt vor mir nichts zu fürchten.“ „Habt vielen Dank. Ich folge tatsächlich Eurem guten Beispiel und bleibe nüchtern, denn der Weg zum Erlenschloss ist noch weit.“

Am nächsten Tag brach die Gruppe weiter gen Süden auf, nun wieder zu Pferde. Die Reise ging zunächst in eher gemächlichem Tempo vonstatten, war nun doch nicht mehr dieselbe Eile geboten wie auf dem Hinweg. Dennoch erreichten sie bald Rondrasdank, von wo aus sie der Angenstraße folgten, bis von dieser der Hügelsteig abzweigte, der sie weiter in Richtung Erlenschloss führen sollte.

Tharnax war große Teiles des Rückwegs sehr schweigsam. Mit versteinerter Miene saß er auf seinem Eisensteiner Zwergenpony und war nur selten an einem Gespräch interessiert. Nicht nur, dass er an den Verwundungen infolge des Kampfes zu tragen hatte, nein- offensichtlich nagte auch noch etwas anderes an ihm. ‘Orkendreck und Ogerscheisse! Reines Glück. Mehr nicht. Du könntest jetzt in Angroschs Esse aufgegangen sein und dich ewig daran zur Weißglut ärgern, nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Drugol war dir körperlich überlegen. Es war sträflich und dumm, den offenen Kampf zu suchen. Lass dir das eine Lehre sein.‘ Der Zwerg hatte darauf bestanden, seinen Kontrahenten, einen der Urheber des Übels, zu verbrennen, so wie es Brauch war. Er mochte ein Verbrecher gewesen sein, doch gehörte er zu seiner Rasse und verdiente eine würdige Bestattung. Drugols Hab und Gut hatte der Bergvogt an sich genommen, wie er sagte als Beweis des Ablebens. Er würde beim Rogmarog von Dumron Okosch vorsprechen und ihm persönlich Bericht erstatten. Sicher würden sich Rüstung und Waffen auch gut in Tharnax‘ Sammlung machen, ihn aber zugleich immer daran erinnern, dass das Leben kostbar war und schnell zu Ende sein konnte, selbst für einen Angroscho, der bereits in mehreren Kriegen gefochten hatte.

Als die Gruppe dem Ziel ihrer Reise deutlich näher gekommen war, bemerkte Viburn von Rohenforsten eine gewisse Rastlosigkeit bei Harrad. Dieser gab von Viburn darauf angesprochen unumwunden zu, dass viele alte Erinnerungen in ihm hochkämen, je vertrauter ihm die Umgebung schien, und dass er natürlich ein wenig nervös vor der Begegnung mit Anshold sei. Als man In Trallik Station machte, nutzte er daher die Gelegenheit, den Traviatempel zu besuchen, um ein wenig geistigen Trost zu suchen und sich zu sammeln, bevor es zum baldigen Wiedersehen mit seinem Vetter käme.

Die anderen waren in ihrer Unterkunft geblieben. So dachte Harrad, als einziger seiner Reisegefährten am heiligen Herdfeuer zu stehen, als er plötzlich bemerkte, dass ein sichtlich aufgewühlter Boromil neben ihm stand. „Ich… muss Euch etwas gestehen.“ „Dies ist ein Haus der Travia. Hier wird niemand eine Waffe ziehen. Also, reden wir.“ Der Ritter vom Kargen Land seufzte schwer, bevor er erneut zu reden ansetzte. „Ihr wisst nicht die ganze Wahrheit über Eure Festsetzung in Beilunk. Nachdem die Gruppe von Adeligen, in der ich mich befand, den diesbezüglichen Auftrag im Namen Rondrigran Paligans und des Mittelreiches erhalten hatte, erreichte mich ein an mich persönlich gerichteter Brief von Elfgyva von Hardenfels, der kaiserlichen Hoftruchsessin. Als Freundin Eurer Mutter bat, ja flehte sie in deren Namen darum, Euch nach Eurer Ergreifung nicht nach Beilunk zu bringen, sondern nach Fürstenhort in den Schoß der Familie. Fürst Blasius sollte über Euer Schicksal bestimmen, nicht das Reich oder die Inquisition. Wir sollten vorher herausfinden, ob an dem Verdacht gegen Euch etwas dran sei.“

Harrad musste kurz die Augen schließen und die Zähne zusammenbeißen. „Dann wollt Ihr mir sagen, meine Mutter wollte mich vor dem bewahren, das mir seitdem widerfahren ist, und sich in ihrer Fürsorge sogar dem Willen des Reiches selbst widersetzen?“ „Ja, so ist es. Auch wenn es kaum zu glauben sein mag, dass die Reichsschatzmeisterin so etwas einfädeln würde, so waren ihre Gefühle als Mutter stärker als ihr Amt. Thalia hat Euch nicht vergessen. Sie wollte Euch die Vernehmungen und die Haft ersparen! Ich wollte Euch das unbedingt sagen, bevor wir das Erlenschloss erreichen, damit Ihr keinen falschen Groll gegen sie hegt, weil sie Euch scheinbar fallen gelassen hatte, als die Anschuldigungen im Raum standen. Dem ist nicht so!“ „Und doch… trotz dieses flammenden Appells, das Ihr gerade gehalten habt, habt Ihr Euch damals entschieden, Euren ursprünglichen Auftrag zu befolgen und mich aufzuliefern.“ „Es hat mir als Koscher das Herz zerrissen, einen vom Eberstamm wie einen gefangenen Verbrecher zu übergeben. Doch hatte ich eines stets vor Augen: Niemand steht über dem Gesetz. Kaiserin Rohaja hat seinerzeit über den eigenen Bruder die Reichsacht verhängt! Euch vor dem Zugriff des Mittelreichs zu verbergen hätte nicht den Namen vom Eberstamm geschützt, sondern vielmehr das Ansehen des Fürstenhauses beschädigt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Vorwürfe gegenüber Euch wahr sein könnten, und war mir daher sicher, dass man Euch aus der Haft entlassen und Ihr mit reingewaschenem Namen nach Hause zurückkehren könntet.“ „Doch das dauerte länger als gedacht. Mein Onkel Blasius sollte es nicht mehr erleben… und dann verschwand ich auf meiner Reise von Greifenfurt.“ „Darum wollte ich mich unbedingt an Eurer Rettung beteiligen, nicht aus Heldenmut oder um mich vor dem Fürsten hervorzutun. Ich fühle mich dafür verantwortlich, was mit Euch geschehen ist, und hätte es mir nie verzeihen können, wenn Euch etwas zugestoßen wäre. Ich habe seit Beilunk oft mit mir selbst gehadert, ob ich das richtige getan habe.“ „Und? Hättet Ihr Euch jemals anders entschieden?“ „Ich bin ein Ritter und dazu erzogen worden, das Ehrenhafte zu tun, auch wenn dies eine schwere Last auf die eigenen Schultern legt. Darum sage ich es Euch geradeheraus und wahrheitsgetreu: Ich würde es immer noch wieder so tun. Es ist nicht statthaft, über die Prüfungen zu klagen, die die Zwölfe einem abverlangen. Die Euren waren sicherlich schwerer.“ „Gut gesprochen.“ Harrad brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. „Warum erzählt Ihr mir das alles hier und jetzt? Ich hätte es doch irgendwann auch von meiner Mutter oder ihrer Freundin erfahren können.“ „Weil es meine Entscheidung war, die Euch mehr als ein Jahr von der Heimat ferngehalten hat, habt Ihr es auch verdient, es von mir selbst zu hören. Ich habe den Inhalt des Briefes damals den anderen Adeligen offenbart, aber hier im Kosch mit niemandem darüber geredet, zumal es Eurer Mutter schaden könnte, wenn es publik wird. Daher wollte ich einen Moment abwarten, in dem Ihr alleine seid. Deswegen habe ich unterwegs nichts getrunken… es sollte nicht wie angetrunkener Mut wirken, wenn ich Euch die Wahrheit offenbarte.“ Der Ritter vom Kargen Land hatte alles um sich herum vergessen, während er sein Gewissen erleichtert hatte. Nun nahm er seine Umgebung wieder wahr. „Welch passender Ort, um zu gestehen, dass ich Euch vom heimatlichen Boden ferngehalten habe.“ Harrad starrte einige Augenblicke ins Feuer, bevor er sich zu Boromil drehte und ihm antwortete. „Ihr habt die Ehre eines Ritters gezeigt – für vieles, was ich in den letzten Jahre getan habe, kann ich das sicherlich nicht behaupten. Ihr habt in zweierlei Hinsicht recht behalten: Ich war unschuldig. Und es war notwendig, dass ich erst von allen Vorwürfen entlastet wurde, bevor ich zurückkehren konnte. Die Zeit im Kloster hat mir Gelegenheit gegeben, mich auch innerlich zu reinigen. Ich habe in vielerlei Hinsicht Frieden gefunden. So sei Euer Gewissen entlastet, denn Ihr habt das Rechte getan für das Reich, den Kosch und das Haus Eberstamm, selbst wenn es mir am Anfang viel Schmerz bereitet hat. Dass Ihr mir gegenübertretet und alles direkt sagt, rechne ich Euch hoch an. Und damit,“ hierbei streckte Harrad Boromil die Hand entgegen, „sei von nun an kein Zank oder Hader zwischen uns, dies sei im Angesicht des Herdfeuers gesprochen.“ Boromil ergriff nur zu gerne die angebotene Hand. „Danke.“ Mehr vermochte er nicht zu sagen, denn die Tränen drohten ihn zu übermannen.