Veränderungen - Zarte Rosen auf Burg Fürstenhort I

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Fürstenhort, 1029

Von einem der Türme am Tor erschallte der Klang eines Hornes, und am Portal selbst öffnete sich ein Fenster. Ein im grünen Wappenrock der Eberstamms gerüsteter Zwerg trat mit ernster Miene an die Öffnung und blickte hinaus. Tante Yvetta, die jüngere der beiden Perainepriesterinnen, nickte lächelnd und Roklan straffte sich kurz, ehe er langsam über die stahlbeschlagene Zugbrücke vor das Tor ritt.
Ingrrimm zum Grruße! Was ist euerr Begehrr?“, wollte der Angroscho mit der knurrigen Stimme eines Ambosszwerges wissen.
„Mein Name ist Roklan von Leihenhof, Erbbaronet zum Galebquell. Ich bin mit unserem Gefolge hier um Seiner Durchlaucht und Ihrer Liebten Nadyana unsere Aufwartung zu machen.“
Der Wachmann streifte sich kurz durch den silberschwarzen Bart, als er sein Gegenüber und seine Begleiter musterte, nickte schließlich und schloss das Fenster. Nur wenige Augenblicke später konnte man das Schaben schwerer Riegel hören, gefolgt vom Geräusch alter Scharniere beim Öffnen von unzähligen Stein schweren Portalflügeln. Nun wurde der Blick des jungen Leihenhofers in das Innere der Burg frei – genauer der Vorburg, denn an der gegenüberliegenden Seite des von mehreren fachwerkgekrönten Steinhäusern umkränzten Hofes erhob sich die eigentliche Wohnstatt des Fürsten.
Das Herz schien bis zum Hals in Roklans Brust zu schlagen, als er auf den Hof ritt. Bedienstete und Bewohner der Burg betrachteten den Gast neugierig und grüßten freundlich, während sie gleichzeitig weiter Wasser aus dem Brunnen holten oder frisch gestriegelte Ferdoker Rösser in die Stallungen führten.
„Mein Name ist Endrracosch Sohn des Endrrasch, meines Zeichens Prrofoss der Grreven-Garde. Bitte steigt ab und folgt mirr!“, sprach der eben noch am Tor wachende Zwerg und ging mit forschem Schritt voran, nachdem Roklan dem Sattel entstiegen war. Er ging schnurstracks auf einen der Treppenaufgänge zu, die offenbar hinauf zur Inneren Burg führten.
Vorbei an allerlei Statuen und Relief, die offenbar ehemalige Fürsten und Begebenheiten der Koscher Historie in anschaulichen Bildern schilderten, gelangten sie schließlich in eine säulenumrandete, rechteckige Halle. Der Angroscho bedeutete den Gästen, neben Roklan waren noch Yvetta, Perainhild, der Zwerg Thurgol und Hlûthard mit den Präsenten gefolgt, hier einen Augenblick zu warten, ehe er in eine silberbeschlagenen Doppeltor an der Stirnwand verschwand, an dessen Seiten je eine mit einer blank polierten Hellebarde bewaffnete Wache stand. Vor allem die Augen seiner Schwester streiften beeindruckt umher. Roklan selbst fühlte mittlerweile weniger Furcht als jenes Gefühl von wacher Aufmerksamkeit, die er auch während eines Übungskampfes mit scharfen Waffen verspürte. Hlûthard sah seinen Schützling mit einem aufmunternden Blick an – doch schien auch so etwas wie Wehmut in seinen Augen zu liegen.
Nach einer Weile öffnete sich das Tor und Endracosch gab mit einem kurzen Nicken das Zeichen, dass man nun eintreten könne. Dutzende von Leuchtern erhellten den Saal, an dessen gegenüberliegender Seite, beleitet von einigen mehr oder weniger hohen Würdenträgern, ein wohlgenährter, in einen samtenen, dunkelgrünen Umhang gehüllter Mann saß – Fürst Blasius vom Eberstamm.
Roklan dachte an die Worte seines Vaters, an die Ehre der Familie, als er aufrecht und zügig auf den Hausherren zuschritt, mit etwas Verzögerung gefolgt von seinen Begleitern. Als er – innerlich sein Etikettewissen durchwühlend – das Gefühl hatte nahe genug gekommen zu sein, verbeugte er sich, auf sein Knie fallend, tief vor dem Fürsten. Es verstrichen einige Sekunden, die dem Brautwerber wie Minuten erscheinen, die der koscher Herrscher mit den Worten beendete:
„Soso, ihr wollt Unserer geliebten Erbprinzessin Nadyana ihre treue Gesellschafterin rauben!“
Ein eiskalter Schauer schoss durch Roklan ... mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Er rang nach einer Antwort, doch noch bevor mehr als ein leises Räuspern erklang, erhob sich wieder die feste Stimme des Eberstammers:
„Wisst Ihr denn überhaupt was für ein kluges, freundliches und liebreizendes Wesen die edle Jungfer Jileia von Blauendorn hat? Wie sehr sie bereits ans Herz der Prinzessin gewachsen ist, in all den Jahren ihres Dienstes?“
Nun nahm Roklan von Leihenhof all seinen Mut zusammen als er – ohne lange über jedes Wort nachzudenken – entgegnete:
„Sicher nicht mehr, als sie an mein Herz gewachsen ist und noch wachsen wird in all den vor uns liegenden Jahren bis zu unserem Tod.“
Kaum hatte dieser Satz seinen Mund verlassen, biss sich der junge Galebqueller auf seine Lippe ... hatte er das wirklich gesagt? Wie konnte er nur all die mühsamen Stunden des Etiketteunterrichtes vergessen? Wie konnte er nur, ausgerechtet jetzt – wo jede Regung über Wohl und Wehe seiner Zukunft entscheiden konnte, eine derart freche und unbedachte Rede führen? Statt Jileia als Braut mit heim zu führen, würde er wie ein Hund vor die Tore gejagt oder gar im Kerker landen...
„Ha, ha, ha! So kennen wir sie, die Lehensleute unseres Bruders Nordmarken. Wacker gesprochen, mein Junge!“, der Fürst hatte seinen Thron verlassen und beugte sich fast väterlich zu Roklan herab, der sich nur langsam und ungläubig von seinem Knie erhob. Die eben noch strenge, mit silberschwarzem Bart umrahmte, Miene des Fürsten hatte sich in die eines freundlichen Mannes verwandelt.
„Nun wollen wir aber mal die Prinzessin selbst fragen, ob sie mit alledem einverstanden ist.“
Niemand hörte den Felsen, der dem jungen Galebqueller vom Herzen fiel. Doch es schien, als sei er meilenweit bis ins Bergkönigreich Koschim zu hören. Mehr als ein Lächeln brachte er nicht zustande, die Nervosität schnürte ihm immer noch die Kehle zu. Gedankenfetzen schossen durch seinen Kopf, er verglich Fürst Blasius mit Herzog Jast Gorsam. Er dachte an die Rose, er dachte an Jileia, er dachte an die weite Reise, er dachte…
Plötzlich dachte er gar nichts mehr. Er nickte nur auf die Worte des Fürsten und folgte ihm durch die Flure der stolzen Burg. Roklan mühte sich um einen festen Schritt. Yvetta schloss zu ihm auf. Die junggeweihte Perainepriesterin sah ihren Neffen aufmunternd an und schenkte ihm ein Lächeln. Dann griff sie seine Hand und drückte sie fest. Roklans Hand war eiskalt. Doch Yvettas Wärme übertrug sich schnell und bald schon war die Hand des Brautwerbers nicht mehr so kalt.