Veränderungen - Flüchtendes Vögelchen

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Hinterkosch, 1029

Die Räuber hatten gezetert und geschimpft, doch so gut gefesselt hatten sie kaum eine Möglichkeit zu fliehen. Gemeinsam führten sie die Räuber nach Eikenhorst, dort würden sie eingesperrt werden. Doch vor dem Dorf lag noch eine Nacht, und daher richteten die Eikenhorster ein Lager für sich und die Ritter – und damit auch für die Gefangenen her.
Roklan teilte mit gerade gewonnener Selbstsicherheit die Wachen ein und übernahm selbst ebenfalls eine Nachtwache. Er hatte etwas geschafft, aus eigener Leistung. Sicher – er hatte auf den Rat Hlûthards vertraut, doch Entscheidungen hatte der Baronet selbst getroffen. Und mit dieser Einstellung und dem Gefühl, eben etwas geleistet zu haben, schlief er zufrieden ein.
Er träumte tief. Er war auf einer Rundreise durch die Lande Galebquell. Doch er war nicht allein, denn eine schöne junge Frau war bei ihm. Es war ein schönes Land, welches in allen Farben Tsas so wunderbar und friedlich schillerte. Hirsche und Rehe kreuzten fröhlich hüpfend den Weg der beiden Ritter, die Vögel sangen ein zauberhaftes Lied. Kein Leid der Welt schien dieser Ruhe und diesem Zauber etwas antun zu können, und auch Roklan war schier glücklich. Er scherzte mit der Frau, sie liebkosten sich zärtlich und verbrachten gar rahjagefällige Stunden miteinander.
Doch irgendwann verzerrte sich der Gesang eines Vogels, lieblich und zart, zu einem nervenden außersphärischen Gesang. Er klang dröhnend, wie mystisches Glockenläuten, und doch melodischer, aber eindringlich wie ein ätzendes Quietschen. Roklan im Traume sah sich um, suchte den Ursprung dieser Klänge. Irgendwo schien eine Stimme ihm zu sagen, diese Klänge kämen „von draußen“.
Da erwachte er plötzlich, ruckartig. Noch halb im Schlaf warf er einen Blick in die Runde – die Jäger waren noch da, die drei Räuber auch und Hlûthard schlief ebenfalls. Moment – drei Räuber?
Schlagartig war Roklan hellwach. Es waren nur drei selig schlafende Banditen – wo war die Elfe?!
„Mann, verdammt!“ brüllte der Baronet, und die Wachen wie auch Hlûthard erwachten. Bis auf einen. Roklan rüttelte ihn, doch Hagen erwachte nicht.
„Elfenmagie!“ knurrte Roklan. „Dabei haben wir sie gefesselt, geknebelt und ihr die Augen verbunden!“ knurrte er.
Doch Fesselseil und Knebel lagen nun auf dem Boden und dort wo die Elfe gelegen hatte, waren nur noch einige Fußspuren wie von einem Vogel zu finden. Roklan packte einen der Räuber am Kragen und schüttelte ihn, dass seine Wirbel nur so knackten.
„Wo ist sie?!“
Doch der Bandit sah Roklan nur unverständlich an. Offenbar wusste der Räuber wirklich nicht, wohin die Elfe verschwunden war. Und nur noch ihre Habe lag verstreut herum. Wutschnaubend warf Roklan den Räuber zu Boden und schlug mit seiner Faust gegen einen Baum.
„Verfluchte Zauberer!“
Er keuchte, versuchte seinem Zorn Luft zu machen. Doch so sehr er sich auf aufregte, es würde ihm die Elfe nicht wieder bringen. Dabei hatte er doch alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die Räuber hatten ihm von den Fähigkeiten berichtet, soweit sie diese einschätzen konnten. Er hatte die Elfe gefesselt, geknebelt und ihr die Augen verbunden. Wie nur war sie entkommen?! Wie hatte sie diesen Schlafzauber auf Hagen legen können – denn dass ein solcher auf dem armen Jäger lag, war offensichtlich.
Er hatte sich hinreißen lassen, wog sich in Sicherheit. Roklan hatte einen großen Fehler gemacht, und das machte ihn wütend.
„Wie konnte ich nur!?“
Der Baronet spürte wie Hlûthard ihm den Arm um die Schultern legte. Hlûthard war warm und seine Hände stark und Trost spendend.
„Mach dir keine Vorwürfe. Ich dachte auch, wir hätten sie im Zaum. Doch sie war zu gewitzt. Durch ihre Magie gelang ihr die Flucht, aber sie hat ihre Kameraden hier gelassen.“
Roklan nickte. Er wusste, er konnte ohnehin nichts mehr ändern, doch gerade das wurmte ihn.
Immer noch wütend auf sich selbst, drehte er sich zu den drei verbliebenen Gefangenen und schnauzte sie an: „Wie heißt sie?!“
Und so erfuhr er, dass Isa Sonnenwind ursprünglich wohl aus Garetien stammte, doch hierher in das wohlhabende und sichere Nordmarken geflohen war. Was sie zum Dasein einer Rechtlosen gezwungen hatte, das wussten die anderen auch nicht. Denn sie hatte nie viel über ihre Vergangenheit gesprochen.
Roklan knirschte mit den Zähnen. Er würde dieses Spitzohr finden, und wenn er sich der Hilfe Silmariels oder Ynbahts bedienen musste. Irgendwie würde er sie aufspüren.
Die rahjagefällige Nacht mit Hlûthard schien vergessen, sie war ein schöner, aber verwehender Hauch. Roklan starrte in die Ferne, mitten durch die Bäume hindurch, als könne er das elfische Weibsbild noch irgendwo entdecken und mit seinem Bogen niederstrecken. Hlûthard verschränkte die Arme und betrachtete seinen Schützling. Und ein dunkler Schatten schob sich in seine Gedanken – er hätte es nicht tun dürfen, er hätte es nicht zulassen dürfen. Er würde irgendwie erreichen müssen, dass Roklan eine Frau fand, die er lieben und ehren konnte. Er ahnte nicht, dass sich Roklan selbst danach sehnte.
Nun aber brachten er und Hlûthard die Räuber erst nach Eikenhorst und von dort aus nach Galebbogen, wo sie auf den Prozess warten mussten. Denn nur Riobhan konnte in Galebquell über Verbrecher zu Gericht sitzen, wenn nicht ein Edler und seine Güter betroffen waren.