Veränderungen - Dunkler Wald

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Hinterkosch, 1029

Roklan folgte dem Konnetabel gen Norden in den Wald hinein. Einige Meilen hinter Galebbogen bog er ab und verlief durch den Wald genau nach Eikenhorst, einer kleinen Ansammlung von Waldbauernhöfen mitten in der Baronie Galebquell. Roklan kannte sich im Wald aus, immerhin war ganz Galebquell dicht bewaldet. Er fürchtete sich nicht im Wald und schon gar nicht mit einem tapferen Ritter an seiner Seite. Unbewusst betrachtete er den Ritter Hlûthard vor sich, maß seine breiten Schultern, dachte an seine starken Hände, die das Schwert wohl zu führen vermochten. Er sah den festen Nacken des Edlen von Lovast, stark und stramm sich auf und ab bewegend durch die Bewegungen seines Pferdes. Er würde Spaß haben mit dem Ritter auf dieser Reise, der so volltönend Lachen und melodisch erzählen konnte und ... ja... er freute sich durchaus, allein mit Hlûthard von Lovast durch den dunklen Wald zu reiten.
Leise klangen die schweren Hufe der Pferde auf dem feuchten Waldboden, auf dem noch das Laub lag. Gedämpft schienen alle Geräusche, selbst der Gesang der Vögel. Roklan sah sich um, betrachtete sich das Land – sein Land? Doch dann fiel sein Blick wieder auf den Rücken des Ritters vor ihm und der Baronet hatte den Wunsch, dass Hlûthard doch etwas erzählen möge.
„Euer Wohlgeboren, bitte erzählt doch etwas aus Eurer Heimat. Ihr seid im Kosch aufgewachsen?“
Hlûthard ließ seinen Elenviner langsamer stapfen, sodass Roklan aufschließen konnte. Dann begann der Ritter lächelnd zu erzählen – und Roklan hörte ihm gebannt zu. Es war die Geschichte eines Kindes aus einer zwar adligen, aber armen Familie. Nicht mehr als eine heruntergekommene Burg und ein paar Bauern gehörten zum Lehen der alten Ritterfamilie von Kiefernfeld. Die Kinder des Edlen mussten schon früh selbst mit anpacken und so war es nicht verwunderlich, sie auch auf den Feldern zu sehen. Hlûthard und sein älterer Bruder Ademar waren die einzigen Kinder des Edlen von Kiefernfeld. Und beide hatten das Glück zu wengenholmer Rittern in die Knappschaft gegeben zu werden. Doch während Ademar die Knappschaft vollständig durchlief, wurde Hlûthard durch die Einflussnahme seines Knappvaters ein Stipendium an der Kriegerakademie zu Gareth ermöglicht.
Roklan hörte dies und staunte. Im fernen stolzen Gareth – in der Kaiserstadt - hatte Hlûthard seine Ausbildung erhalten und sich seinen Kriegerbrief verdient. Er lauschte gespannt und fühlte eine gewisse Aufregung in sich, während der Edle von Lovast erzählte. Gebannt hing der junge Ritter an den Lippen Hlûthards und freute sich mit dem Ritter, wenn er lachte, und wurde traurig, wenn er an alte Zeiten zurückdachte. Von Gareth erzählte Hlûthard nicht viel – doch Roklan konnte eine gewisse Sehnsucht in der Stimme des Ritters spüren. Auch der junge Baronet spürte einen Stich, wenn er an die zerstörte Kaiserstadt dachte.
„Und dann kam ich hierher“, begann Hlûthard von den Ereignissen hier in Galebqell zu berichten. Wie er aufgrund der Vertreibung einer Räuberbande mit dem Weiler Lovast belehnte und zum Edlen von Lovast ernannt wurde.
„Und jetzt seid Ihr hier“, schloss Roklan die Erzählungen des Ritters. Hlûthard nickte. Mittlerweile war es auch Mittag geworden und die beiden legten eine Rast ein. Hlûthard zog Brot und Käse aus seiner Tasche, warf Roklan eine Ecke zu. Geschickt fing der Baronet den Käse mit der linken Hand. Hlûthard nickte anerkennend.
„Gut, sehr gut.“
Roklan errötete unfreiwillig bei diesen Worten.
„Ich habe schon früher gemerkt, dass Ihr auch mit der linken Hand gut arbeiten könnt. Ihr solltet vielmehr, insbesondere im Kampf, Eure linke Hand nutzen.“
Roklan errötete noch eine Spur mehr. Leise antwortete er:
„Ja, ich … äh … konnte irgendwie schon immer mit … äh … beiden Händen gleich gut arbeiten. Ich habe mir da keine Gedanken drum gemacht, aber …“
Unvermittelt erhob sich Hlûthard und klopfte sich den Dreck von der Hose.
„Kommt, lasst uns ein wenig üben. Ihr solltet mit der linken Hand ausgebildet werden. Eure bisherigen Ausbilder haben es wohl zu sehr schleifen lassen. Ich musste es mir hart erarbeiten.“
Mit diesen Worten zog er sein Schwert. Roklan sah ihn ein wenig fassungslos an.
„Kämpfen? Jetzt und hier?“ Hlûthard nickte heftig.
„Wir werden ein paar Schläge austauschen und ich werde Euch zeigen, mit Eurer linken Hand zu kämpfen. Nehmt Euer Schwert in die linke Hand.“
Nun erhob auch der Baronet sich, wenngleich ein wenig zögerlich und zog sein Schwert.
"In die Linke!“ entgegnete Hlûthard und machte sich für einen Schlagabtausch bereit. Roklan hatte doch ein wenig Mühe, das Schwert zu halten. Er konnte es mit derselben Kraft führen wie in der rechten Hand, doch er war ungeübt. Rasch begann der Kampf, Hlûthard schlug mit der Waffe in der rechten Hand zu. Roklan schaffte es gerade noch, diesen Schlag zu parieren, doch ungelenk kam die Reaktion. Wieder drang Hlûthard vor, führte die Waffe in einem weiten Bogen herum. Roklan durchschaute das Manöver und ließ Hlûthards Klinge an seiner abgleiten.
„Gut!“ kommentierte der Edle von Lovast und setzte zum neuen Schlag an. Roklan wagte nun den Gegenschlag, führte seine Klinge gerade vor – doch dann übersah er eine Wurzel, stolperte, ließ sein Schwert fallen und stürzte der Länge nach hin. Mitten auf Hlûthard. Der Edle konnte nicht mehr ausweichen und beide Ritter fielen in einem Knäuel auf den Boden.
„Umpf!“
„Ohm!“
Roklan lag auf Hlûthard und musste sich erst einmal orientieren. Schwer atmete Hlûthard unter Roklan, deutlich hob sich die Brust unter dem Kettenhemd und senkte sich wieder. Deutlich spürte der Baronet die Muskeln und Sehnen Hlûthards durch das feine Kettengeflecht. Dann hob er sein Gesicht und sah dem Edlen von Lovast direkt in die klaren blauen Augen. Errötend wuchtete er sich hoch.
„Verzeihung, das wollte ich nicht.“
Auch Hlûthard stemmte sich vom Boden auf, doch er lächelte dabei.
„Lassen wir es für heute gut sein. Kommt, lasst uns weiter reiten. Dann schaffen wir es noch bis zur Reiterhütte.“
Mit diesen Worten schob Hlûthard seine Waffe zurück in die Scheide und begann damit, sein Pferd reisefertig zu machen. Roklan sah ihn dabei an – und er merkte nicht, wie sein Herz klopfte.