Unter Schurken - Seltsame Waldbewohner

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Hinterkosch, 1021

“Nu laß man gut sein, Jungchen“, ertönte eine Stimme, kratzig wie Torfrauch. Das Gebüsch, hinter dem die Fratze erschienen war, schob sich zur Seite und entblößte eine ganz und gar düstere Gestalt, die um ein paar Köpfe kleiner war als der Wiesener. Dieser ließ die Spitze der Klinge sinken.
“Wer bist du?“ fragte er die sonderbare Erscheinung.
“Den Namen will das Jungchen wissen“, murmelte die Gestalt.
“Norge kann es ihm ruhig sagen. Jawoll. Norge Knockenbros heißt er, Jungchen, Norge Knockenbros.“
“Was redest du da, Alter?“ fragte der Ritter verwirrt.
“Hast Norge nach seinem Namen gefragt, und Norge antwortet. Ist nicht schlimm, Namen zu sagen. Norge hat niemandem nicht was getan, hat er gar nicht. Und Jungchen tut auch keinem was, Jungchen steckt besser das Schwert wieder zurück.“
Der Wiesener sog scharf die Luft ein.
“Ich bin Wolfhardt von der Wiesen, Landedler auf Toroschs Aue. Und Er hat mich mit Wohlgeboren anzureden. Und das ist...“ – er wollte auf den Baron deuten, aber die schwarze Gestalt stieß ein meckerndes Lachen aus.
“Wohlgeboren sind wir alle Jungchen, ach, wie ist der Norge wohl geboren. Und edel isser, der Norge! Ha, keiner edler im Wald als der Norge. König ist der Norge hier, ein richtiger König!“
“Der is‘ ja verrückt“, krähte Ritter Falk und stapfte nach vorne.
"Nu‘ hör‘ mal zu, du Korken Knochenbruch, du sagst uns jetzt, wo der Bierkutscher mit dem falschen Ferdoker hin ist, denn wir sind Koscher und wollen dem Jerg...hmpff...“, unterbrach er sich, als er einen fast schon inquisitorisch zu nennenden Blick der Arbasierin auffing.
“Bier? In Norges Wald? Bier? Strahlender Gerstensaft? Goldener Kehlenfeuchter? Schäumender Durstlöscher? Süßes Hopfenwasser? Ach, Norge hat schon lange keinen guten Tropfen mehr bekommen, stimmt’s, Norge? Ja, das hat er, der arme Norge. Nur Staub und Ruß und Kohle und Holz. Und keiner dankt es ihm, dem armen Norge. Fürchten ihn alle, den Norge, ja sie fürchten ihn.“
“Wer fürchtet dich?“ fragte der Baron, der beschlossen hatte, wieder Ordnung in diese Lage zu bringen. Und auf den Edlen konnte man heute scheinbar nicht zählen.
“Die Leutchen, all die Jungchen drunten im Tal. Immer wenn Norge runterfährt und die Kohle bringt, sperren sie ihre Türen zu und warten, bis Norge seine Kohlen abgeladen hat. Die dummen Jungen. Keinem tut Norge was. Nur den Bäumen. Arme Bäume, so hart schlägt Norges Axt. Fällt sie alle, haut sie ab, haut sie klein, dann brennt er sie. Denn brennen muß immer Allvaters Feuer!“
Er begann, eine seltsame Weise vor sich hinzusummen, in die sich immer wieder diese Wortenfetzen mischten.
“Was macht Norge so alleine im Wald?“ fragte Rena. Der schwarze Kerl blickte auf.
“Norge ist Köhler, Köhler ist Norge!“ sang er. “Brennt die Scheite, Flammen joho! Aber ganz alleine ist er. Keiner da, der redet mit Norge. Nur Norge redet mit Norge.“
“Lebt Norge schon lange hier?“ schlug Merwerd in dieselbe Kerbe.
“Lange, lange, unendlich lange. Norge hat diese Eichen gesehen, als sie noch kleine Pflänzchen waren. Schon ihre Eltern und Großeltern hat Norge geschlagen und gebrannt. Immer brennt Norges Feuer.“
Die Koscher musterten ihn. Es mußte wirklich ein Angroscho sein, doch was für einer! Gekleidet war er in eine Kutte aus einem derben Stoff, in dessen Poren mehr Ruß als in einer Angbarer Esse zu finden war; die Kapuze seines Mantels hatte er in die Stirn gezogen, so daß nur die Augen herauslugten. Darunter wallte ein Bart, schwarz und grau von Asche. Wäre ein grünschuppiger Lindwurm über die Lichtung geflogen und hätte alles mit seinem Flammenodem versengt und verbrannt, die kleine Gestalt hätte nicht schwärzer sein können als jetzt, wie sie [[Ingerimm]s Feuer gezeichnet hatte.
Da drang ein Sonnenstrahl durch das Wolkengrau auf die Lichtung, und etwas an Norges Hals begann mit einem Male, hell zu glänzen. Wolfhardt kniff die Augen zusammen: es war kleines Amulett in Form einer Flamme.
“Dro maschox humum doigno parolol no mrimnix?“ fragte er mit kehliger Stimme. Der Angroscho blickte ihn verwundert an.
“Roglol ma rogo ingronax? Woher sprichst du die Sprache der Väter?“
In der Zunge des Rogolan, wie Dragosch es ihn in jahrelangen, mühsamen Lektionen gelehrt hatte, fuhr Wolfhardt fort: “Mein Onkelchen brachte mir die wahre Sprache bei. Er kommt aus Domoraschs Clan.“
“Was redet Ihr denn mit ihm?“ fragte Rena. Wolfhardt wandte sich ihr zu.
“Das ist das Zeichen von Ingmaroschs Bruderschaft, der Geweihten vom Eisenwald. Dieser Zwerg ist – oder war – ein Diener Ingerimms. Wahrscheinlich wurde er ausgestoßen und lebt als Büßer in diesen Wäldern.“
Der Zwerg hatte den Worten genau zugehört. Als er das Wort “ausgestoßen“ vernahm, zuckte er zusammen. Denn kein anderes Wort bereitet einem Zwergen mehr Schimpf, als ein clanloser Gesell zu sein.
“Ja, Norge ist ausgestoßen. Keine Halle darf Norge mehr betreten, wo der Hammer den Amboß schlägt. Nicht mehr den Humpen heben mit den Spießbrüdern und freudig schaffen in den Werkstätten.“
Fast wörtlich wiederholte die klägliche Gestalt den Bannspruch der Eisenwalder.
“Höre, Väterchen“, fuhr Wolfhardt feierlich fort, “auch wenn du nicht mehr in deinem Stande lebst, bitte ich doch Godroms Dienst von dir.“