Unter Schurken - Eine schlimme Sache

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Hinterkosch, 1021

“Sonderlich ritterlich war das nicht“, brummte Rena vor sich hin und griff unwillkürlich mit der Hand nach dem kleinen Leuenamulett, das sie auf der Brust trug.
“Aber wir leben noch.“
Der Baron lächelte matt.
“Außerdem sind Fuchs und Löwin Geschwister“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.
“Hoho, und wie die kleinen Stinker den Schuhplattler getanzt haben“, frohlockte Ritter Falk derweil.
“Da sieht man doch, was gute Koscher Sitte selbst aus dem letzten Lumpenpack noch alles machen kann. Aber jetzt habe ich einen Durst wie ein Hanghase am Bratspieß“, murmelte er und suchte an seinem Gürtel nach seiner Feldflasche, die er mit der kläglichen Brühe aus dem Karrenwrack aufgefüllt hatte. Seufzend gedachte der Siebentaler des gekenterten Bierwagens. Hätte dieser Schurke nicht richtiges Ferdoker fahren können? – Aber halt, dann wäre ja schließlich alles ganz anders gekommen.
Endlich war die Schar wieder an der Kutsche angelangt. Rena stieß einen Ruf freudiger Überraschung aus: “Dort, schaut!“
Sie deutete ein Stück den Weg hinauf. Dort stand eines der Rösser, mit dem Vorderhuf im Schnee scharrend. Kleine Dampfwölkchen heißen Atems stiegen aus den Nüstern auf.
“Kluges Tier, es weiß, daß es alleine in der Wildnis umkommen wird“, sagte die Ritterin und ging langsam auf das Pferd zu, wobei sie beruhigende Worte sprach.
“Die anderen mögen auch nicht weit sein“, meinte der Baron hoffnungsvoll. “Aber ich muß mich jetzt erst noch ausruhen. Ich weiß zwar immer noch nicht, was in der Höhle nun wirklich geschehen ist...“
“Die Goblinfrau scheint Euch einen Kräutertrank gegeben zu haben, aber vielleicht war es auch mehr als nur ein paar grüne Blätter“, erklärte Wolfhardt.
“Bei der Weisheit Hesindes – welch eine Ironie, daß ich mein Leben gerade einer Handvoll Rotpelze verdanken sollte“, murmelte der Baron. “Und natürlich Euch Dreien.“
“Das hat Spaß gemacht! Wie auf der Adlerspitze zu stehen und einen Koscher Bergruf überall hören zu lassen...“, frohlockte Falk.
“Hah! Ihr habt recht – der Ruf muß weithin zu hören gewesen sein“, rief Wolfhardt. “Und der Jergenquell hat sicher keine tauben Ohren – zudem ist er Wengenholmer... wäre es, wenn er es noch verdiente, Koscher genannt zu werden“, fügte er hinzu und spuckte voller Verachtung zu Boden.
Die anderen schwiegen, selbst als Rena mit dem Pferd zurückkam, ihm ein Halfter umlegte und es an einem Ast festband. Auf der rechten Flanke war das herrliche falbe Haar des Tieres von einigen rötlichen Spuren durchzogen.
“Ich glaube, die anderen beiden sind weiter oben, die Via Ferra hinauf“, sagte sie. “Ich habe Hufspuren gesehen.“
Aber die Ferdokerin sollte nicht Recht behalten. Nach einer knappen Stunde hatten die Reisenden keine weiteren Anzeichen über den Verbleib der Tiere gefunden und brachen die Suche fürs erste ab.
“Eine schlimme Sache ist das“, murmelte der Baron und überschlug die gewaltige Summe, die ihn ein neues Gespann kosten würde.
“In Calmir werden wir zwar neue Pferde kaufen können – angeblich soll die Rabensteiner Zucht ja gut sein – und sicher auch teuer. Aber das wird mir der Schurke büßen. Wir werden uns an seinem Hab und Gut schädlich halten, wenn...“
“Verkauft das Fell des Bären nicht, bevor Ihr ihn erlegt habt“, mahnte Rena. “Bislang sind wir vom Jergenquell noch so weit entfernt wie eh‘ und je.“
“Das meine ich nicht“, sagte der Baron und deutete auf den verschneiten Pfad, auf dem sie am gestrigen Tage die Spur des flüchtigen Bierkutschers samt seiner Ochsen gefunden hatten.
“Mit Firuns Hilfe wollen wir ihn schon aufstöbern.“
“Ganz recht, das wird eine Jagd – stöbern wir also den Fuchs in seinem Bau auf“, frohlockte Wolfhardt. Die Melodie seines Jagdliedes lag ihm wieder auf den Lippen.
“Nur unseren Plan mit dem Liebespärchen können wir wohl getrost aufgeben“, meinte Merwerd Stoia matt, warf aber dann einen Blick auf Wolfhardt und Rena, um wenigstens ein wenig Galgenhumor auskosten zu können. Die beiden zeigten sich diesmal jedoch nicht beeindruckt. Der Edle zog vielmehr nachdenklich die Stirn in Falten.
“Wir sollten versuchen, die Kutsche so gut wie möglich zu verbergen; dann laden wir Proviant auf das verbliebene Pferd und machen uns auf den Weg, solange Herr Praios noch zur Gerechtigkeit leuchtet – der Bergpfad scheint zwar steil zu werden, aber wenn unser Freund die Ochsen mit in sein Versteck nehmen kann, gilt gleiches wohl auch für das Pferd.“
Und so geschah es. Bald trotteten sie auf dem schmalen Karrenpfad dahin, die Via Ferra hinter sich lassend. Die Spuren der Ochsen waren nur noch sehr schwach auf dem verschneiten Grund zu sehen, denn Frau Ifirn ließ mittlerweile wieder ihre gefrorenen Tränen vom Himmel fallen und begann, die Hufabdrücke zu füllen. Aber es war ja keine Frage, welche Richtung der fliehende Bierkutscher eingeschlagen hatte – und wären sie von seiner wahren Identität nicht schon überzeugt gewesen, so war die Tatsache, daß er sich mitten in die Wildnis dieser Berge flüchtete, der Beweis für sein Räubertum.