Nisper Gewisper - Ankunft auf Pervalia

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Nispe, 1032

Auf Pervalia war derweil die Unruhe groß. Niemand fand in dieser Nacht seinen borongefälligen Schlaf und bereits in den frühen Morgenstunden hatten sich die Gäste der Pfalz am Steg versammelt, um ungeduldig auf das Boot zu warten, welches Hochwohlgeboren aus Steenback nach Pervalia bringen sollte. Als das Boot dann endlich anlegte, spielten sich geradezu tumultartige Szenen ab und jeder sprach durcheinander.
Bardo von Bardostein bereitete es erhebliche Mühe für ein wenig Ruhe zu sorgen, um den Hochstehenden Gast mit der ihm zustehenden Ehrerbietung zu gefallen. Bardo war zwar nicht sein Lehensmann, aber er wollte sich hier keine Blöße geben und bemühte sich nach Kräften der Etikette Genüge zu tun.
In all dem Gewusel und Durcheinander bildete Stordan Steener von Steenback eine wohltuenden Ruhepol und als sich kurz ihre Blicke kreuzten, warf Bardo ihm einen dankbaren Blick vor – er hoffte der alte Recke würde ihm die etwas brüske Reaktion auf die angebliche zwinkerten Statuen nicht übel genommen.
Alderan betrachtete den Jungen nachdenklich. Nein, dies war noch kein Graf, er war bisher nur ein verängstigter kleiner Junge, der nicht so genau wusste, was seine Gefühle mit ihm anstellten. Seinen Aufgaben konnte er garantiert noch nicht alleine nachkommen. Voltan hatte die Grafschaft also vermutlich voll in seinem Griff und die Barone würden sich von dem Jungen auch nicht viel sagen lassen. Es wurde wahrlich Zeit, dass er eine würdige Frau an die Seite bekam, damit er zu einem Mann und guten Grafen reifen konnte.
"Wer ist das?", fragte ein hochgewachsener blonder Mann seinen älteren Begleiter.
"Das ist unser Graf, mein Junge!", antwortete der ergraute Adlige mit feierlichem Ernst.
Während mehrere Dutzend Menschen, die schon am Ufer von Pervalia gewartet hatten, auf die Neuankömmlinge einredeten, ließ Korisande sich von Alarich aus dem Boot helfen. Sie sah sich um und stellte fest, dass sie von all den Leuten eigentlich nur Junker Ermst, den Ritter von Steenback und Kastellan Bardo kannte. Die anderen mussten die übrigen Gäste sein, die die Baufortschritte der Pfalz beobachten wollten.
Verstohlen blickte Korisande zu Wilbur vom See hinüber. Da war er gestern kaum dem Tod entronnen und nun sollte er tun, als ob nichts gewesen war…zum Glück hatte die Nacht am warmen Kamin ihm anscheinend gut getan.
Trotzdem machte sie sich Sorgen. Fast hätte er ihr erzählt, warum er allein auf den See hinausgefahren war. Doch dann hatte er sich entweder anders entschieden oder die Erschöpfung war doch zu groß gewesen. Und was immer ihn quälte, er trug es nach wie vor mit sich herum. Doch darum musste sie sich wohl später kümmern. Zunächst unterdrückte sie ein Niesen und wandte sich dann den neugierigen Gesichtern zu.
Der Herr Graf sah inzwischen wieder recht erholt aus, fand Stordan. Der alte Ritter stand mit den anderen Adligen und Bediensteten am Ufer und betrachtete das Treiben scheinbar teilnahmslos. Sollte sich diese Traube von Menschen erst einmal auflösen, dann würde er schon erfahren, was genau passiert war. Jetzt schien das unmöglich, wo doch jeder gleichzeitig redete.
Jorm und Nottel versuchten, sich zu ihrem Herren durchzuboxen und auch Gidiane hatte ihren Großonkel längst entdeckt und folgte im Windschatten der beiden Waffenknechte.
Der Gastgeber, Bardo von Bardostein, verbeugte sich tief vor dem Grafen, der diese Begrüßung mit einem zarten Lächeln und freundlichen Worten quittierte.
„Es freut mich diese unerwartete Gelegenheit nutzen zu können um die Fortschritte beim neuen Schloss aus der Nähe betrachten zu können. Bisher sehen wir sie nur von Grauensee aus.“
„Und uns ist es eine große Freude euch so unverhofft als unseren Gast in der neuen Kaiserpfalz begrüßen zu dürfen. Die Umstände hätten etwas weniger turbulent sein dürfen, aber wer weiß schon, was die Alveranischen – und speziell Efferd, der Launenhafte, der in diesem Falle ja offenkundig seine Finger im Spiel hatte – für unser Leben planen.“
Bardo war mit seiner Begrüßung leidlich zufrieden und trat nun beiseite, denn auch die anderen Gäste hatten sich am Seeufer versammelt und betrachteten die Ankunft der neuen Ankömmlinge. Sie alle erwiesen nun dem jungen Grafen mit Verbeugungen und Knicksen die Ehre.
Nur einer, am Rand der Gruppe, berührte dabei versonnen seinen Ring mit dem Gift. Er hätte nicht gedacht, dass die Gelegenheit so früh kommen würde...
Gerade näherte sich der grauhaarige und graubärtige Mann mit seinem blonden Begleiter dem jungen Grafen.
"Euer Hochwohlgeboren", verneigte er sich ernst und demutsvoll vor Wilbur. Als der junge Graf freundliche lächelte, entspannten sich die Gesichtszüge des älteren Herrn. Er wiederholte seinen Namen, obwohl sie einander schon früher vorgestellt worden waren, da er davon ausging, dass sich Wilbur nicht jeden seiner Vasallen bereits merken konnte.
"Ritter Gero vom Kargen Land."
Der junge Graf war nicht unsympathisch, aber er brauchte dringend echte Freunde. Sonst würde er zwischen verschiedenen intriganten Parteien aufgerieben werden.
"Dies ist mein ältester Sohn, Holdwin."
Der hochgewachsene Mittdreißiger verneigte sich ebenfalls vor seinem Grafen.
"Es ist mir eine Ehre, Euer Hochwohlgeboren!"
Holdwin irritierte Wilbur etwas. Er wirkte so stark und selbstsicher. Wie konnte man so werden? Wenn es ihm doch auch gelingen würde! Sicher hatte Holdwin Erfolg beim anderen Geschlecht... doch da wurde Wilbur aus seinen Gedanken gerissen, als ihm der nächste Adlige seine Aufwartung machte.
Mechtessa von Lutzenstrand-See war eine entfernte Verwandte des Grafen und die Gemahlin des Barons von Geistmark. Ihr gekonnter Knicks verriet, dass sie lange am Hofe der darpatischen Fürstin gedient hatte.
Es folgte die erst kürzlich erhobene Edle Tsaja von Schneckenbier, die sich etwas unbeholfen an einem ähnlichen Knicks versuchte – ihn jedoch nicht vollenden konnte, weil sich ein kräftiger Jungsporn an ihr vorbeidrängte und schwungvoll, mit einem schwer deutbaren Lächeln, vor dem Grafen verbeugte.
„Wir brauchen Uns sicher nicht vorzustellen, Hochwohlgeboren. Es freut mich Euch so unerwartet hier begrüßen zu können.“
In der Tat, Graf Wilbur wusste nur zu gut wen er vor sich hatte. Reto Hlûthar von Bodrin-Hardenfels, den Sohn des ehemaligen Grafen von Schetzeneck. Er war diesem ungestümen Junker schon des öfteren begegnet, doch behielt er ihn nie in guter Erinnerung. In seiner forschen Art schien er mit jeder Pore, mit jedem Muskel, sagen zu wollen, dass er der würdigere Erbe des schetzenecker Grafenreifes sei – auch wenn er eine solche Forderung bislang nie geäußert hatte... jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.
Korisande begrüßte unterdessen ebenfalls Bardo von Bardostein. In Anbetracht der gestrigen Ereignisse beglückwünschte sie ihn eher halbherzig zu den Fortschritten an seinen Baumaßnahmen, während Alarich sich scheinbar gar nicht satt sehen konnte und um Erlaubnis bat, sich alles genau ansehen zu dürfen. Dem Junker vom See nickte sie freundlich zu, da er in ein Gespräch vertieft war und zu Stordan schien kein Durchkommen zu sein, da er von Nottel, Jorm und Gidiane umringt war.
Immer wieder wanderten ihre Blicke sorgenvoll zu dem jungen Grafen, der sich freundlich mit verschiedenen Adligen unterhielt. Ein Frösteln durchfuhr sie. Es war doch recht kalt hier draußen und die Worte Bardos, dass man sich nun ins Innere begeben wollte, kamen ihr gerade recht.
Als alle mit ihren Ehrerbietungen und wortreichen Begrüßungen zum Ende gekommen waren, führte Bardo die Versammelten wieder Richtung Schloßbaustelle. Er hatte einen der größten Säle notdürftig herrichten und dort eine lange Tafel aufstellen lassen. In Ermangelung einer größeren Küche hatte er schweren Herzens auf eine standesgemäße koscher Bewirtung verzichten müssen, ließ aber einen guten Wein und zumindest einen kleinen Imbiss servieren.
Stordan hatte sich inzwischen von Nottel und Gidiane einigermaßen über die Geschehnisse informieren lassen und schlenderte am Schluss der Gesellschaft in Richtung des Schlosses.
„Alleine nachts auf dem See unterwegs, so, so…“ Stordan sah nicht so aus, als ob er bereit wäre, diese Version anstandslos zu glauben. Vorerst schaltete sich aber Gidiane in das Gespräch ein.
„Werter Onkel, etwas, äh, ganz anderes: Warum, also, habt ihr mich eigentlich zu euch, tja, rufen lassen?“
Verschwörerisch blickte Stordan sich um und raunte seiner jungen Großnichte dann zu: „Ich will, dass ihr nach Angbar fahrt und den Registrargreven Himrig, Sohn des Xorig aufsucht. In der Angelegenheit, von der ich euch geschrieben habe. Aber vorher habe ich, wie es aussieht, eine andere Aufgabe für euch.“
Stordans Stimme war zu einem Flüstern geworden, als er auch Jorm und Nottel zu sich winkte und die vier ihre Köpfe zusammensteckten. Viel war von außen nicht zu verstehen, nur Wortfetzen konnten von denen wahrgenommen werden, die heimlich lauschten:
„Graf… kein Unfall… Untersuchungen… Täter ertappen… verdammten Schlange von Magier den Kopf abschlagen… ´tschuldigung, Gidiane… ja, ich weiß, die Göttin Hesinde mag das nicht… ja, ja, Verzeihung… nein, mach ich nie wieder… Bei Kor, jetzt schweig endlich, ich muss euch meinen Plan erklären! ... Nottel, du bleibst beim Grafen…ein wenig umschauen… Gidiane…Argelion…Magie…“
Als die vier dann in den Saal schlenderten, legte Stordan stolz seinen gepanzerten Arm über die Schulter des kleinen Nottel und ging mit erhobenem Haupte auf Graf Wilburs zweite Lebensretterin Korisande zu. Diesen Erfolg der beiden tapferen Recken wollte Stordan vor dieser Runde gemeinsam mit der Lutzenstranderin feiern, das war er nicht zuletzt auch Nottel schuldig. Korisande würde er gleich im Anschluss in seinen Plan einweihen, denn sie würde darin eine wichtige Rolle spielen…
Nach dem Essen und einigen Gläsern Wein fühlte Korisande sich besser. Sie wandte sich noch einmal an Alarich, der neben ihr saß und sah ihn sorgenvoll an.
„Alarich, ich fürchte, du wirst das nächste Boot zurück nehmen müssen.“
Er schaute verwundert.
„Warum das denn, Wohlgeboren?“
„Nun ja…du erinnerst dich an den Abend gestern in Steenback? Diese leichte…Feindseligkeit der Dörfler?“
Der Haushofmeister nickte.
„Ich fürchte, dass sie unsere Anwesenheit in Steenback vielleicht als Vorwand nutzen könnten, um mit dem alten Kleinkrieg zwischen den Dörfern wieder anzufangen. Und wenn das passiert und niemand dort ist, der die Lage wieder unter Kontrolle bringen oder zumindest einen Boten hierher schicken kann…“
Sie sah ihm noch einmal eindringlich in die Augen.
„Ich brauche dich dort, Alarich. Bitte tu mir den Gefallen.“
Er schien einen Moment lang zu überlegen und nickte schließlich.
„Nach der Besichtigung werde ich mit den beiden Ruderern wieder ablegen. Ich denke, so lange hat es noch Zeit?“
„Aber natürlich, Alarich.“
Korisande schmunzelte zufrieden und nahm noch einen Schluck Wein. Es war fürchterlich warm hier drin. Als sie wieder aufblickte, sah sie Stordan von Steenback auf sich zuhalten, der wie immer aussah, als wolle er umgehend in die Schlacht aufbrechen; diesmal jedoch passte auch sein Gesichtsausdruck zu seiner Rüstung.
„Was hat er nun vor…?“, murmelte sie vor sich hin.
„Donnerwetter, junge Dame!“ rief Stordan lauthals und strahlte, als er auf Korisande zuschritt, Nottel im Arm haltend.
„Das habt ihr wirklich ganz ausgezeichnet gemacht, dass ihr unseren Herrn Grafen vor dem Ertrinken bewahrt habt! Der Dank der Grafschaft gebührt euch, Korisande von Lutzenstrand!“
Stordan schaute seinen jungen Diener freundlich an und schüttelte ihn herzlich: „Ja, du hast richtig gehört! Mit EUCH meinte ich dich natürlich auch! Das war ein Schlachtreiterstück, Nottel! Fürwahr, habt herzlichen Dank.“
„So!“, dachte Stordan. Das musste nun wirklich jeder im Raum gehört haben und würde sicherlich eine Reaktion nach sich ziehen. Jorm und Gidiane standen auf Posten und würden genau die Reaktionen der Anwesenden beobachten. Stordan schmunzelte innerlich. Der Plan schien zu funktionieren, bei Phex!
Als ob der alte Ritter die Dame von Lutzenstrand herzlich in die Arme schließen wollte, zog er sie zu sich heran und wisperte ihr kaum hörbar ins Ohr: „Wir müssen heute noch reden- allein. Ich spüre Gefahr!“
Als Stordan die verdutzte Ritterin endlich losgelassen hatte, strahlte er wieder wie zuvor und blickte zufrieden in die Runde.
Korisande bemerkte entsetzt, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, als mit einem Mal der Ganze Saal sie anzustarren schien. Was war nur in den alten Ritter gefahren, sie vor allen Leuten als Lebensretterin des Grafen anzupreisen? Gut, es mochte zwar stimmen, aber trotzdem, mit so etwas ging man nicht hausieren wie ein Jahrmarktskünstler mit seiner neuesten Jongliernummer…
Der Raum schien sich einen Moment lang zu drehen, als sie verlegen in die Runde lächelte. So schnell hatte sie in der Grafschaft nun nicht bekannt werden wollen. Und was meinte Stordan nun wieder mit Gefahr? Fürchtete er, der Graf würde wieder flüchten? Sie würde es jedenfalls nur erfahren, wenn sie auf seinen Wunsch einging.
„Nun, Ritter von Steenback, vielleicht könnt Ihr mir bei Gelegenheit ja noch zeigen, was ich bei der Besichtigung gestern verpasst habe“, sagte sie zu ihm und deutete nach draußen auf den Park.
„Aber gewiss, meine Liebe“, erwiderte der Steenbacker, ganz Galan der alten Schule. Eigentlich war er für solche Spielchen mehrere Jahrzehnte zu alt, aber gelernt war eben gelernt. Außerdem hatte er in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt, sich bei Bardo von Bardostein einige Kniffe abzugucken, wofür er jetzt dankbar war.
Jorm und Gidiane standen weiter Posten, während Nottel seine Rolle als schüchterner Dummkopf perfekt spielte, wie Stordan fand. Ganz so, als wäre er tatsächlich… aber nein, das wäre absurd!
Stordan beglückwünschte sich auch zu der Idee, Jorm und Nottel heimlich einen langen Dolch zugesteckt zu haben. Falls es gleich tatsächlich ungemütlich werden würde, könnte das nützlich sein. Aber zunächst wartete er gespannt auf Reaktionen der Umstehenden.
„ Den Grafen vor dem Ertrinken gerettet?“, Junker Reto Hlûthar sah die Ritterin von Lutzenstrand groß an, „Hört, hört!“
„ Wenn das kein Grund ist um auf das Wohl des Grafen und seine Retter anzustoßen!“, schlug der Gastgeber Kastellan Bardo vor, was auf einhellige Zustimmung stieß. Ein Wink an seinen schlacksigen Diener Tradan ließ den Wein in die Kelche sprudeln.
Unter den Gästen setzte Getuschel ein. Gero vom Kargen Land beobachtete, dass derweil die junge Dame und der gute Stordan heimlich tuschelten, sehr verdächtig! Er würde die beiden im Auge behalten. Da war etwas im Busch!
"Holdwin, bleib Du hier und misch Dich unter die Gäste. Vielleicht erfährst Du ja etwas."
Holdwin nickte ein wenig überrascht. Das hatte er doch sowieso vorgehabt! Dafür waren Empfänge schließlich da, oder nicht? Sein Vater bewegte sich derweil Richtung Stordan und Korisande.
"Stordan, alter Junge, Du weißt, wie man dezent vorgeht! Und wer ist Deine überaus reizende Begleitung?"
"Korisande von Lutzenstrand, ehemalige Ferdoker Lanzerin", stellte sie sich selbst vor. Gero riss die Augen auf.
"Die Steenbacks und Lutzenstrands zusammen? Da muss etwas wahrlich Schlimmes drohen, dass sich diese beiden Familien so herzlich begegnen! Nun erzählt doch!"
„Ich wäre auch gespannt, was Ihr nun wieder im Schilde führt, werter Ritter“, fügte Korisande leise hinzu, während sie den älteren Herren neugierig betrachtete, der zu ihnen getreten war. Wer war das nun schon wieder?
Der Ritter von Steenback, die Herrin von Lutzenstrand und der Herrscher von Valpurg hatten gemeinsam und in angeregte Unterhaltung vertieft das Fest verlassen. Im Garten von Pervalia schritten sie in der lauen Frühlingssonne zwischen den verspielten Nymphen. Als Stordan sicher war, dass kein neugieriger Zuhörer sie mehr stören würde, begann er abrupt seinen Tonfall zu ändern. Mit angestrengter und leiser Stimme sprach er:
„Bei Praios, hier geht etwas vor sich! Der Herr Graf ganz alleine des Nachts auf dem See! Wenn ihr nicht gewesen wärt, könnte der Herr Blasius jetzt einen neuen Grafen bestellen.“
Stordan schwieg nach dieser ungeheuren Nachricht. Besorgt blickte er in die Mienen seiner Zuhörer, doch außer Sorgenfalten und Unverständnis war dort noch nichts zu lesen.
„Nun mach´s nicht so geheimnisvoll, alter Knabe! Was glaubst du?“, polterte Gero. Und auch die Herrin von Lutzenstrand platzte beinahe vor Aufregung.
„ Also…“, begann der Ritter von Steenback, “ich glaube, dass unser lieber Herr Graf auf diesem Ausflug umkommen sollte! Und ich glaube ferner, dass der oder die Täter sich in direkter Nähe des Grafen aufhalten.“
Ungläubig starrten ihn die anderen Ritter an, doch Stordan ließ sich nicht beirren: „Erst gestern hat mir eine Nixe im Park zugezwinkert, als wollte sie mir etwas erzählen oder mich necken. Bardo von Bardostein hat mir das nicht geglaubt und ich sehe, auch ihr glaubt mir nicht. Aber, bei Praios, ich sage die Wahrheit!“
Die letzten Worte schrie er fast und sein Gesicht hatte sich krebsrot verfärbt.
Nachdem ihn Korisande wieder etwas beruhigt hatte, erzählte Stordan ausführlich, was er gesehen hatte und was er befürchtete. Dass die Statue magisch belebt sei und der Herr Voltan von Falkenhag mit üblen magischen Tricks versuche, den armen jungen Grafen zu manipulieren. Dass möglicherweise auch der ruchlose und arrogante Bodrin-Hardenfels seine Finger im Spiel habe. Allein, es fehlten die Beweise!
Kurzum: Der Herr Graf brauche echte Freunde und Helfer! Eine Gruppe Vasallen, auf die er sich verlassen könne und die ihn vor falschen Freunden schützen könnten. Vasallen, die seine Anordnungen auch umsetzen und darüber wachen könnten. Kurzum: Ritter in seiner direkten Umgebung, als Gegengewicht zu Falkenhag, Bodrin-Hardenfels und Konsorten.
Dieses Theater um einen jugendlichen, schwachen Grafen würde sonst die gesamte Grafschaft schwächen und in Zwist und Hader stürzen. Nein, die Hügellande brauchten einen starken Grafen und eine starke Führung!
Als Stordan geendet hatte, setzte er sich erschöpft auf eine Steinbank und blickte erwartungsvoll in die Runde.
Korisande hatte sich bereits während Stordans Ausführungen auf der Bank niedergelassen und dem alten Ritter nachdenklich zugehört. Nachdem er schließlich verstummt war, schwirrte ihr der Kopf vor all den Verschwörungsgedanken.
„Bei allem, was recht ist,“, meinte sie schließlich, „ich weiß nicht, ob Ihr da nicht ein wenig den Namenlosen an die Wand malt, werter Stordan.“
Der Angesprochene sah aus, als wolle er gleich wieder lospoltern, so dass Korisande beschwichtigend die Hand hob.
„Ich meine, ich gebe Euch ja recht – er ist jung und unerfahren und braucht mehr Verbündete, und dass er diesen Voltan von Falkenhag ständig um sich herum hat, ist vermutlich auch nicht das Beste für ihn. Aber ein Mordanschlag? Ich glaube, das ist ein wenig zu weit hergeholt…“
Sie schwieg einen Moment lang und überlegte, wie die Geschehnisse des letzten Tages mit den Theorien des Steenbackers vielleicht doch noch zusammen passen könnten.
„Tatsache ist, der Graf war allein draußen auf dem See. Die Frage ist, was wollte er dort? Falls ihn jemand dazu überredet hat, allein hinauszufahren, dann habt Ihr vielleicht recht und es war ein Anschlag auf ihn. Aber vielleicht war es ja auch seine eigene Idee. Er ist jung und er sah gestern auch nicht besonders…glücklich aus.“
Gero hatte nachdenklich den Zeigefinger vor den Mund gelegt. Nun fing er, langsam abwägend, an zu sprechen.
"Der junge Graf alleine ist ein leichtes Ziel! Aber das wissen wir im Grunde doch alle. Wir sollten in der Tat herausfinden, was er einsam auf dem See zu tun hatte. Werte von Lutzenstrand, Ihr wart doch eine der Personen, die ihn gerettet haben. Vielleicht habt Ihr Zugang zu dem jungen Mann? Was nun die Magie und einen möglichen schädlichen Einfluss betrifft... ausschließen möchte ich nichts, zumal es ja zum Wesen der Magie gehört, Dinge zu ermöglichen, die uns abstrus oder unwahrscheinlich vorkommen. Einen konkreten Verdacht gegen den Vogt hege ich jedoch nicht. Stordan, Du weißt, dass meine Familie sich aus den Intrigen geflissentlich heraushält und versucht, mit allen Anrainern am See ein gutes Verhältnis zu pflegen. Mein Sohn Halmar kommt bald nach Hause, da wird er uns zu Diensten sein. Als Hellsichtmagier sollte es ihm leichtfallen, übernatürliche Phänomene aufzuspüren. Sollte der Graf etwa durch bösen Zauber beeinflusst sein, wird sich auch das leicht feststellen lassen! Es benötigte nur einen unverdächtigen Anlass, um sich gemeinsam wieder zu treffen...", nun blickte er die anderen an.
„Mhmm, vielleicht solltet ihr wirklich einmal mit Wilbur sprechen, Korisande, ähh, werte Dame von Lutzenstrand. Euch scheint er ja zu vertrauen. Und was das Heraushalten aus Intrigen angeht: Das sehe ich genauso wie du, Gero. Über Jahrzehnte habe ich meinen Herren treu gedient, selbst einem Orsino von Falkenhag habe ich nicht widersprochen- wenn ich auch nicht allem zugestimmt habe! Aber wer wäre leichter zu betrügen, als jemand, der arglos und ehrlich ist? Fürwahr, vielleicht habt ihr recht und ich fange auf meine alten Tage an zu spinnen, aber falls ich mich irre, hätten wir nichts verloren. Wenn ich jedoch recht habe und wir nichts unternehmen, könnte ich mir das nie verzeihen! Ich werde Nottel beim Grafen unterzubringen versuchen. Und meine Großnichte Gidiane soll diesem Voltan von Falkenhag einmal auf den Zahn fühlen. Als Geweihte der Hesinde kann sie das bestimmt gut.“
„ Mit dem Grafen sprechen?“
Korisande schaute verdutzt in die Runde.
„Wieso sollte er grade mit mir darüber reden, warum er allein dort draußen war?“
Sie fühlte sich ein wenig überfordert. Kaum ein paar Wochen war sie nun Ritterin und nun gleich so etwas…
„ Na, schließlich habt Ihr ihm das Leben gerettet, da wird er wohl ein paar Worte mit Euch wechseln“, meinte Stordan von Steenback aufmunternd. Zögernd nickte sie.
„Na gut, wie ihr meint. Vielleicht später, wenn er ein oder zwei Becher Wein getrunken hat und nicht mehr alle anderen Adligen um ihn herumstehen.“
Dann wandte sie sich an den Herrn vom Kargen Land.
„Nun ja, was einen unverdächtigen Anlass angeht…wir könnten Euch vielleicht in die Planung des Festes mit einbeziehen, das wir mit noch einigen anderen Herrschaften veranstalten wollen. Das gibt uns jeden Grund, uns ohne Verdacht zu treffen und zu besprechen. Oder was meint Ihr, werter von Steenback?“
"In der Tat, in der Tat“, vernahmen die „Verschwörer“ nun das kraftvolle Organ des Reto von Bodrin-Hardenfels ganz in der Nähe.
„Ich trage eine Botschaft meines Knappenherrn, des Landgrafen und Hlûthars-Erben Alrik Custodias für den Grafen von Ferdok bei mir. Wenn Ihr ebenfalls eine Nachricht für Meister Growin habt, will ich diese gerne mit mir nehmen und überbringen, Graf Wilbur.“
Im selben Moment bog Bodrin-Hardenfels mit dem Grafen, dem Kastellan und einigen anderen um die Ecke. Während Stordan und seine Freunde Pläne sponnen, war ihr Herr offenbar gerade von dem in Beschlag genommen, den sie verdächtigten.
„Wo sind nun die herrlichen Statuen, von denen Ihr spracht, Junker Bardo? Dort vor mir sehe ich wahrlich kein Nymphlein – das scheint mir eher der streitbare Recke von Steenback“, ließ Reto hören, als er die Gruppe erblickte.
„ Bei Rondra, Junker! Euer Auge ist so scharf, wie euer Verstand. Und den Streit führt mein Geschlecht nicht zuletzt auch im Wappen!“
Stordans Worte mussten in Retos Ohren zweifellos wie ein Peitschenschlag klingen. Jeder Anwesende kannte das Wappen der Steenbacks mit der goldenen Schetzenecker Koschammer, die gefangen war zwischen zwei Speeren. Dieses Wappen stand seit fast einhundert Jahren für die treuen Dienste im Kampf gegen die damalige Grafschaft Schetzeneck und ihre finsteren Räuberbarone und erinnerte jeden Schetzenecker immer wieder daran, dass das Haus Steenback in fester Treu zum Kaiserhaus und dem Haus Eberstamm stand. Und, wie man so munkelte, auch zum Haus vom See.
„Allerdings: Ritter Stordan hat ein besonderes Verhältnis zu den Nymphen-Statuen, also sind wir keineswegs vom Wege abgekommen. Vielleicht wollen die hier Anwesenden uns auf unserem Rundgang begleiten?“, wandte sich Bardo lachend an den Hardenfelser. So versuchte er diesen auch von den scharfen Worten des alten Ritters abzulenken. Er wollte keinen Streit auf dieser Veranstaltung, sonst stände er als Gastgeber schlecht da. Doch vor den Augen des Grafen und in Anwesenheit der ganzen Gesellschaft würde es wohl ohnehin nicht zu einem offenen Konflikt kommen – oder etwa doch? Phex sei Dank traf gerade auch der Rest der Gesellschaft ein, der während des Rundgangs ein wenig zurückgefallen war.
„ Euer Hochwohlgeboren“, begrüßte Stordan nun auch Wilbur und beugte sein altes Haupt tief vor dem jungen Grafen.
„Es freut mich, dass es euch wieder besser geht. Mein altes Herz hätte es nicht ertragen, wenn ihr uns so früh verlassen hättet. Ich weiß, wie es ist, einen Sohn zu verlieren.“
Stordans Stimme stockte und für einen Moment schien die hagere Gestalt des Ritters zu beben. Doch dann beherrschte sich der alte Mann und sprach mit belegter Stimme weiter.
„Ihr würdet eurem Diener einen großen Gefallen erweisen, wenn Ihr erlaubt, euch beizeiten allein sprechen zu dürfen.“
„Aber, werter Herr von Steenback, ihr werdet mir doch unseren Grafen nicht entführen, bevor wir unseren Rundgang beendet haben“, entgegnete Bardo daraufhin und wandte sich daraufhin laut an die gesamte versammelte Gesellschaft mit den Worten:
„Hier wird gerade der Nymphengarten wieder instandgesetzt. Ein sehr alter Teil der Gartenanlage, der bereits unter dem Kaiser Bardo entstanden sein soll. Mein werter kaiserlicher Namensvetter war sicher nicht der fähigste Monarch, doch Geschmack in der Gartengestaltung hatte er, das muss man ihm lassen, dem alten Schwerenöter. Wenn sich die Herrschaften genügend umgesehen haben, werden wir weitergehen in Richtung des Pavillons im Kaiserlichen Hain. Er diente Kaiser Perval als Gefechtsstand, von dem aus er die Manöver der Galeeren beobachtete, von seinen Kindern wurde er zu einer behaglicher Laube umgebaut, die man besser für angenehmere Tätigkeiten nutzt als zum Kriegsführen, wenn die Anwesenden mir diese Anspielung verzeihen wollen.“
Während sich die Adelsleute zerstreuten um die Spalierstehenden Statuen zu betrachten – argwöhnisch wie der Steenbacker oder bewundernd wie die meisten anderen –, suchte Bardo die Nähe des Ritters Gero vom Kargen Land. Er galt als vernünftiger Mann und hatte dem Vernehmen nach schon häufiger den Vermittler gespielt, wenn es Konflikte unter den Junkergeschlechtern am See gab. Es hatte Bardo überrascht, ihn hier mit Korisande und Stordan tuscheln zu sehen, daher wollte er ihn fragen, was es so Wichtiges zu besprechen gäbe.
„Wohlgeboren, wenn ihr uns für einen Moment eure Aufmerksamkeit schenken wollt? Verzeiht unsere Freimut, wenn wir so direkt fragen, aber gab es etwas Wichtiges zu besprechen hier draußen in aller Heimlichkeit oder hat sich der werte Herr von Steenback nur beschwert, dass wir seine Bedenken gegenüber den zwinkernden Nymphen-Statuen nicht ernst nehmen?"
Hier musste Gero unwillkürlich schmunzeln. Der junge Herr von Bardostein war ein geschickter Redner. Um auf dessen Frage zu antworten, nickte er ihm zu.
Bardo fuhr fort: "Er hat sich ganz fürchterlich aufgeregt, dass ich nicht weiter auf diese Beobachtung reagiert habe, aber momentan muss ich mich einfach um die Gäste kümmern. Bei Gelegenheit sollte ich jedoch vielleicht tatsächlich einmal eine magische Untersuchung anordnen – nur um ganz sicher zu gehen, dass kein unheiliger Fluch auf den Statuen lastet. Schließlich geht es doch letztlich um die Sicherheit der Kaiserin! Wenn ich nicht irre, habt ihr doch sogar gute Kontakte zur magischen Zunft?“
"Das kann ich gerne in die Wege leiten. Mein Haus hat traditionell ein gutes Verhältnis zu den Wächtern Rohals. Meine Tochter Morena ist eine von ihnen. Sollte den Weißmagiern der Anlass jedoch zu gering erscheinen für eine Untersuchung, so könnte mein Sohn Halmar, seines Zeichens ein Hellsichtmagier, sich der Sache annehmen. Vielleicht mag er uns sogar besser dienen am Anfang des Erkenntnisprozesses."
„Doch sagt, ging es tatsächlich nur um die Statuen oder muss man sich ernsthaftere Sorgen machen?“
"Nun, Ihr wisst ja selbst von dem Vorfall um unseren geschätzten Grafen. Stordan meint, dass es kein Unfall war. Ich glaube nichts ohne Beweise, will aber auch nicht voreilig etwas ausschließen. Nun steht es einem Grafen frei, zu tun, was er für richtig hält - wer sind wir, dass wir einem Höheren Vorschriften machen könnten! Andererseits sind wir heute nur um Haaresbreite an einer politischen Krise vorbeigekommen. Überlegt Euch die Konsequenzen, wenn Wilbur vom See auf dem Weg zu Euch verunglückt wäre! Es hätte leicht heißen können, dass es Eure Einladung war, die ihm zum Verhängnis wurde. Und bei der Suche nach den Schuldigen sitzen die Köpfe erfahrungsgemäß sehr locker auf den Hälsen."
Bei dieser Bemerkung musste Bardo schlucken, auch wenn der Graf nicht geladen war – hätte es so ausgesehen, wenn das Unglück unweit von Pervalia passiert wäre. Er hatte auf ein offenes Wort des Ritters gehofft, jedoch nicht auf dermaßen klare Worte. Warum musste dieser an einem schönen Abend, der doch ganz angenehm zu werden schien, gleich solche Schreckensszenarien beschreiben? Vielleicht galt Gero deswegen als ein wenig unheimlich... doch nun musste er antworten, eine längere Pause im Gespräch würde auffallen.
"Nun so waren die Götter mit uns allen und wir haben ihnen einmal mehr dafür unseren Dank abzustatten. Besonders Efferd, den Launenhaften, sollten wir preisen, dass er den jungen Graf nicht in sein nasses Reich geholt hat. Ich danke Euch für Eure offenen Worte, aber haltet Ihr es wirklich für möglich, dass hier ein Anschlag auf das Leben unseres Grafen stattgefunden hat? Wenn ihr uns fragt: nach allem was wir gehört haben, deuten die Umstände nicht unbedingt darauf hin. In seinem jungen Alter wird er wohl die Jacht nicht mehr unter Kontrolle gehabt haben – zumal bei den widrigen Lichtverhältnissen. Viel eher muss doch die Frage sein: Was macht er mitten in der Nacht auf dem See? Wollen wir hoffen, dass nicht der heranreifende Verstand des Knaben an der Bürde seines verantwortungsvollen Standes zerbricht! Es wäre ein Jammer wenn schon so bald wieder ein neuer Graf eingesetzt werden müsste!“
Bardo schüttelte betrübt den Kopf. Zum wiederholten Mal zweifelte er an der Eignung des jungen Grafen. Sicher, er würde ihn unterstützen, wo er konnte … aber ob die Wahl des Fürsten das Beste für die Grafschaft war?
An Gero gewandt fuhr er fort: „Wollen wir das Beste hoffen. Aber nun entschuldigt mich, ich muss langsam die Gäste sammeln. Wir wollen schließlich weiter.“
Stordan unterdessen stand missmutig allein und etwas abseits der Gruppe. Sein Kopf war krebsrot angelaufen und das alte Herz meldete sich erneut und forderte ein wenig Ruhe nach der anstrengenden Unterredung.
Der alte Ritter betrachtete die Statuen. Welche hatte ihm gestern noch zugezwinkert? War es dieser bärtige Wasserspeier? Nein… Oder diese kecke Nymphe? Vielleicht… Ganz sicher war es aber nicht der Necker mit dem gespannten Bogen, der genau auf die Stelle zielte, an der Graf Wilbur stand.
Korisande beobachtete, wie Gero vom Kargen Land nun ein leises Gespräch mit ihrem Gastgeber führte. Wollte er ihm etwa auch von Stordans Verschwörungstheorie erzählen? Sie war sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war…wenn sie sich recht entsann, hatte sich der Kastellan auf Burg Ibeck eine weit bessere Meinung über die Falkenhags geäußert, als seit einigen Götterläufen die meisten anderen Adligen über die Angehörigen des letzten Grafen Orsino von Falkenhag teilten. Ihm jetzt dessen Bruder als Drahtzieher einer Intrige gegen Wilbur vom See zu präsentieren, war vielleicht wenig weise. Noch dazu war sie auch immer noch nicht davon überzeugt, dass der Unfall des Grafen mehr als ein Unfall gewesen war. Doch was half es, sie konnte weder verstehen, was der Herr vom Kargen Land überhaupt sagte, noch wäre es angemessen, das Gespräch einfach zu unterbrechen.
Sie sah sich um und bemerkte, dass die Adligen inzwischen durch den Garten wanderten und die verschiedenen Statuen bewunderten. Einzig Stordan und der Herr von Bodrin-Hardenfels schienen eher einander misstrauisch zu beäugen. Korisande konnte nach kurzer Zeit auch Graf Wilbur ausmachen, der inzwischen nur noch in Begleitung eines einzelnen Adligen, den sie nicht kannte, vor einer Statue stand und diese näher betrachtete.
Langsam nährte sie sich den beiden und unterdrückte einen Schmerzenslaut, als schon nach den wenigen Schritten ihr Bein wieder zu schmerzen begann. Für lange Spaziergänge im Garten war sie eindeutig nicht die Richtige und im Eifer, nicht gehört zu werden, waren sie wohl zu weit über die Insel marschiert. Korisande versuchte dennoch, sich nichts anmerken zu lassen und warf einen Blick zu Wilbur vom See hinüber, der fasziniert die Statue betrachtete. Diese zeigte eine schöne junge Frau, deren Augen auf das Wasser des Sees hinauszublicken schienen. Im Gegensatz zu vielen der anderen Figuren, die den Betrachter anlächelten, war das Gesicht von dieser vom Künstler eher traurig gestaltet worden. Doch gerade dieser Gesichtsausdruck machte das Faszinierende an der Statue aus.
"Ob sie wohl auf den See hinaus will? Vielleicht liegt dort etwas, was ihr verloren ging? Oder schaut sie auf das Wasser und wartet auf jemanden, seit all den vielen Jahren?“
Erst als Wilbur vom See und sein Begleiter sich zu ihr umdrehten, bemerkte Korisande, dass sie laut gesprochen hatte.
Der Graf lächelte – erst jetzt fiel Korisande auf, dass sie dieses Lächeln zum ersten Mal sah.
„Ein schöner Gedanke!“
Der vermeintliche Adelige neben ihm entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein Bediensteter des Bardosteiners, der für den Grafen einen Kelch und ein paar Häppchen auf silbernem Tablett trug.
„Es gibt viele Sagen über den See, unseren Saphir des Kosch. Schon als ich klein war habe ich zahlreiche Legenden und Märchen gehört – fröhliche und traurige. Von den Noggen, von der Schlacht am Stillen Grund, Seenymphen, der Schwanenkönigin ...“, nachdenklich schweifte sein Blick über das blaue Gewässer, „... fast wäre ich selbst zu einer traurigen Geschichte geworden.“
Seine rötlichbraunen Augen suchten nun Korisandes Blick.
„Ich danke Euch für Eure Hilfe! Wollt Ihr uns morgen nach Grauensee begleiten? Ihr sollt unser Gast sein ... Ihr und mein anderer Lebensretter Nottel.“
Korisande erwiderte lächelnd den Blick des Grafen und nickte.
„Ich bin sicher, Eure Geschichte wird noch lang andauern und eines Tages überall um den See herum bekannt sein. Eure Einladung nehme ich natürlich gern an, Hochwohlgeboren. Ich freue mich, Euer Gast sein zu dürfen.“
Ihre Gedanken überschlugen sich beinahe. Auf Grauensee würde sie bestimmt Gelegenheit haben, Wilbur vom See zu fragen, was ihn allein auf das Wasser getrieben hatte. Andererseits – falls an Stordans Verschwörungstheorie auch nur ein Funken Wahrheit war, dann war ihr gar nicht wohl bei dem Gedanken, sich allein mit Nottel direkt unter die Augen von Voltan von Falkenhag zu begeben. Doch was sollte sie tun? Sie konnte schlecht den Grafen bitten, auch noch Stordan, Gidiane und den Ritter vom Kargen Land mit einzuladen…
Allerdings würde sie dem alten Ritter so schnell wie möglich von der Einladung berichten. Vielleicht fand er ja doch eine Möglichkeit, sich auch auf das Schloss zu begeben. Schließlich waren er und Ermst vom See alte Freunde und falls dieser seinem Enkel folgen würde…
Korisande schüttelte kaum merklich den Kopf. Es waren entschieden zu viele Unwägbarkeiten in ihrer Überlegung. Sie musste davon ausgehen, im Zweifelsfall allein dazustehen und dann konnte sie nur hoffen, dass Stordans Verdächtigungen gegen den Truchsess des Grafen wirklich nur seinem zu großen Misstrauen entsprangen.