Man erntet, was man sät - Gnade vor Recht

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Yassburg, 29. - 30. Praios 1041 BF

Gnade vor Recht

Die Fürstlichen kamen! Und zwar nicht irgendwer, sondern der Seneschalk des Kosch und der Graf von Ferdok an der Spitze eines stattlichen Heeres. Die Nachricht hatte die Belagerer zuerst erreicht. Nachdem Narmur sie erhalten hatte, schickte er den Boten sogleich nach Drift zurück und berief den Kriegsrat ein. Er hatte einen Beschluss gefasst. Es war an der Zeit, Tatsachen zu schaffen, bevor ihm der Graf in die Parade fuhr. Vor einigen Tagen war Hauptmann Kemlar mit der Drifter Garde von der Jagd nach Rebellen zurückgekehrt, so dass das Heer der Belagerer nun wieder vollzählig war.
„Morgen setzen wir zum Generalangriff an“. Der Befehl des Barons überraschte seine Hauptleute. „Woher der Sinneswechsel, Hochgeboren? Ich dachte, wir vermeiden Verluste und hungern sie aus, anstatt Dutzende Tote und Verwundete bei einem Sturmangriff zu riskieren.“ Die Hauptfrau Barmine von Rüpeln hatte sich nicht gescheut, auszusprechen, was ihre Kameraden dachten. Der Appetit der Söldner auf einen verlustreichen Sturmangriff war merkbar gering.
„Ich habe meine Meinung geändert“, schnauzte der Baron ungehalten. Er schätzte es gar nicht, wenn seine Befehle hinterfragt wurden. „Jeder Kämpfer erhält fünfzig Silbertaler Sturmsold.“, sagte er stattdessen. Die Aussicht auf das Geld ließ die Augen der Söldnerführer aufleuchten. Nachdem er schließlich auch noch versprochen hatte, die Burg zur Plünderung freizugeben, hatten letztlich alle zugestimmt, und die Pläne für den nächsten Tag wurden ausgearbeitet.

Am frühen Morgen des 30. Praios wurde die Burgbesatzung von ohrenbetäubendem Gebrüll geweckt. Kurz darauf riefen Kriegshörner und Trommeln die Besatzung auf ihre Posten. Als Alvide von Eichental endlich gerüstet auf der Mauer stand, hatten die Angreifer bereits den ersten Mauerabschnitt überwunden. Baron Namur hatte alles auf eine Karte gesetzt und das zerstörte Tor angegriffen. Die Posten dort waren geflohen, als sie die fast zweihundert Angreifer anstürmen sahen.
Nun stürmten die Angreifer durch den Torbogen und legten ihre Sturmleitern an den zweiten Mauerring an. Roglom Wackerstrunk hatte in der Nacht das Kommando über die Burgwache geführt und seine Leute auf den dritten Mauerring zurückfallen lassen. Von dort aus beschossen sie nun die Angreifer, die auf den zweiten Mauerring stiegen. Die ersten Kämpfer stürzten tot zu Boden, aber immer mehr erschienen auf der Mauerkrone und begannen zurückzuschießen. Trotz des Beschusses gelang es einem Trupp, das Tor des zweiten Mauerabschnittes zu öffnen und die Hauptmacht der Angreifer strömte hindurch. Ein Rammbock wurde gegen das letzte Tor eingesetzt und erneut wurden Leitern angelegt, aber die Verteidiger wichen nicht länger zurück. Bis zum letzten Kämpfer standen sie bereit und begrüßten die Angreifer mit einem Hagel von Armbrustbolzen und Wurfgeschossen. Selbst kleine Kinder halfen mit und schleppten Wurfgeschosse die Mauern hinauf. Während auf den Mauern ein tödlicher Kampf entbrannte, sammelte sich hinter dem bedrängten Tor ein Trupp um Brumil Wackerstock. Kutschen, Tische, Bänke und andere sperrige Gegenstände wurden zu einer notdürftigen Barrikade aufgestapelt. Als das Tor schließlich aufbrach, wurden die Angreifer von zwei Hornissen begrüßt. Die Angreifer schossen zurück und drängten auf die Barrikade ein.
Einige Zeit wogte der Kampf hin und her. Auf den Mauern war der Ansturm erlahmt, jedoch drängten immer mehr Angreifer durch das Tor. Alvide von Eichental öffnete ihr Visier, um besser atmen zu können. Obwohl es ein recht kühler Morgen war, rann ihr der Schweiß in Strömen über die Stirn. „Reiter zu mir“, rief sie und die wenigen Kämpfer der fürstlichen Schlachtreiter auf den Mauern ließen sich zurückfallen.
Am Tor drängten mehr und mehr Angreifer gegen die notdürftige Barrikade und deren Verteidiger. Kriegsflegel und Hellebarden krachten auf Knochen und stachen in die Leiber der Kämpfenden. Blut spritzte und Schreie gellten über den Platz.
Die ersten Angreifer erklommen die Barrikade, aber Brumil schlug ihnen die Beine mit seiner Streitaxt weg, so dass die beiden Söldner zurück auf ihre Kameraden stürzten.
So wütete der Kampf einige Zeit, aber schließlich gab die Barrikade unter dem Druck der Angreifer nach. Die Verteidiger am Tor mussten weichen. Die Übermacht war einfach zu erdrückend.

Immer mehr Angreifer drängten hindurch. Brumil zog sich mit seinen Kämpfern an die Flanke zurück, um nicht von der Übermacht überwältigt zu werden.
Ein Hornstoß ließ die Kämpfenden kurz innehalten. In der Mitte des großen Burghofes trabten die knapp zwanzig Reiter der Verteidiger in Position. Vorneweg Alvide von Eichental mit geschlossenem Visier und erhobener Lanze. Zu ihrer Rechten Edelfried von Butterbös und zu ihrer Linken ihr Knappe Alerich von Rohenforsten. Die Reiter begannen anzutraben.
Hastig versuchte Hauptmann Kemlar, seine wild durcheinander gewürfelten Soldaten in Formation zu bringen.
„FÜR FÜRST UND BADUAR“, schrie Alvide und trieb ihr Pferd zu einem raschen Galopp an. Hinter ihr donnerten die Hufe der übrigen zwanzig Reiter. Mit gesenkten Lanzen rasten sie auf die Angreifer zu. Die Söldner versuchten auszuweichen, während die Drifter Garde, getrieben von den Befehlen ihres Hauptmanns, eine Hellebardenwand aufbaute. So mancher Gardist streckte seine Hellebarde auch tapfer dem Feind entgegen, aber da krachten die Pferde schon in ihre Reihen. Lanzen splitterten und Pferde wieherten. Mit ohrenbetäubendem Lärm wurden Kämpfer zu Boden getrampelt oder gar in die Luft geschleudert. Mit dem Mut der Entschlossenheit droschen Alvide und ihre Reiter auf die Fußsoldaten ein. Der Schwung ihres Angriffes trieb sie geradewegs durch ihre Reihen. Brumil und die übrigen Verteidiger warfen sich trotz der Unterzahl auf die in Unordnung geratenen Angreifer. Eine Weile wogte der Kampf hin und her und zahlreiche Kämpfer beider Seiten gingen tot oder verwundet zu Boden. Obwohl die Angreifer noch immer erheblich in der Übermacht waren, begann ihr Elan zu erlahmen. Sie hatten herbe Verluste erleiden müssen und ein Sieg war noch nicht abzusehen. Die ersten machten sich aus dem Staub und immer mehr folgten ihnen. Angesichts der harten Gegenwehr und der erheblichen Verluste zogen sie den geordneten Rückzug vor. Zahlreiche Verwundete blieben dabei freilich zurück.

Baron Namur hatte den Angriff erst euphorisch, dann immer zorniger vom Rücken seines Pferdes aus vom Rand des Feldlagers aus verfolgt. Diese Strolche hatten einfach keinen Kampfgeist. Wo war nur deren Ehre geblieben?
Als sich die letzten Angreifer in ihr Lager zurückgeschleppt hatten, gab der schäumende Narmur den Befehl, die Belagerung abzubrechen und sich nach Drift zurückzuziehen: „Das kommt davon, wenn man sich mit Söldnern einlässt!“, schnaubte er seine Hauptleute bei dessen Eintreffen an.
„Bei der geringsten Gegenwehr zieht ihr eure Schwänze ein und blast zum Rückzug! Habt ihr denn keine Ehre im Leib?!“
Narmur raufte sich zornig das Haar.
„Was muss ich noch alles ertragen - Bin ich nicht schon gestraft genug?!“ Wütend funkelte er seine Hauptläute an: „Der Graf und der Seneschalk sind auf dem Weg nach Drift und wollen mir ans Leder. – WEGEN EURER UNFÄHIGKEIT MUSS WIEDER MAL ICH ALLES AUSBADEN!“
Narmur spie Gift und Galle. Die Berichte seiner Hauptleute nahm er nur noch halb war. Dreißig seiner Leute waren tot, weitere zwölf waren verwundet in die Hand der Verteidiger gefallen. Viele weitere waren teils leicht, teils schwer verwundet worden. Die Verteidiger hatten selbst hohe Verluste erleiden müssen, aber sie hatten den Angriff mit letzter Kraft abgewiesen.