Man erntet, was man sät - Bei Nacht und Nebel I

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Yassburg, 16. Praios1041 BF

Bei Nacht und Nebel I

Es war bereits spät geworden, als der Reitertrupp um Alvide von Eichental und Edelfried von Butterbös das Umland der Yassburg erreichten. Der Späher Rukus hatte sie immer wieder auf Schleichpfaden durch das Hinterland geführt. Zwar rechnete man nicht wirklich mit Patrouillen des Barons, aber man wusste ja nie. Jedenfalls war es besser, ungesehen zu bleiben. So warteten sie schließlich auch den Einbruch der Nacht in den Ausläufern des Rabenforsts ab. Eine Annäherung an die Burg würde jedoch nicht so ohne weiteres stattfinden können. Westlich der Burg machte ein weiter See jegliche Annäherung unmöglich. Nördlich hatte hingegen Baron Narmur sein Heerlager aufgeschlagen. Alvide schätzte aus der Ferne, dass dort die Hauptmacht des Barons, sicherlich über hundert Leute, lagern musste. Südlich der Burg war ein zweites, etwas kleineres Lager aufgeschlagen worden, aber auch hier lagerten mindestens Truppen in Bannerstärke. Für Alvide und ihre Schar war also kein Durchkommen. Die Richtung, aus der sie die Annäherung wagen wollten, war der Osten, denn hier war der Boden sumpfig. Für Reiter wäre dort kein Durchkommen, erklärte Rukus, wenn sie aber absattelten und ihre Pferde am Zügel führten, war Rukus zuversichtlich, sie bis an die Burg heranführen zu können. Blieben nur noch die Patrouillen der Belagerer. Eine beständige Wacht behielt das östliche Tor im Blick, während kleine Trupps immer wieder das Land durchstreiften. Da die Burg aber sehr großflächig war, ergaben sich dabei immer wieder große Lücken. Es sollte ihnen also möglich sein, eine solche Lücke auszunutzen, um den Belagerungsring zu durchbrechen.

Alerich von Rohenforsten war aufgeregt, als sie endlich aufbrachen. Der Knappe der Baronin von Sindelsaum war zwar bereits mit seiner Baronin auf dem Heerzug gegen Haffax gewesen, aber hier bei Nacht durch einen Sumpf zu schleichen, das war neu für den Sechzehnjährigen. Obwohl es eine eher lichte Nacht war, hatte Alerich dennoch Schwierigkeiten, seine Hand vor Augen, geschweige denn seine Füße auszumachen. Und das, wo sie ja leise sein mussten. Sie hatten die letzten Stunden damit verbracht, ihre Rüstungen und Gesichter zu schwärzen und hatten auch die Hufe ihrer Pferde umwickelt. Es schien nur schmerzlich langsam voranzugehen und das, obwohl Alerich recht weit vorne bei seiner Knappenherrin war, aber immer wieder hielten sie an und lauschten in die Nacht hinaus. Mehr als einmal fuhr ihm der Schrecken in die Glieder, als er überzeugt war, dass ihm jetzt sein letztes Stündlein geschlagen hatte, aber es schien tatsächlich so, als würden sich die Patrouillen der Drifter auf das trockene Land beschränken.
Nach einer schier endlos langen Zeit wurde der Boden unter ihren Füßen langsam aber sicher trockener. Das machte das Vorankommen nun leichter, auch wenn seine Stiefel mittlerweile durchnässt waren.
Einmal mehr mussten sie warten, bis eine Patrouille vorbeimarschierte. Alerichs Herz schlug ihm bis zum Hals, als sich der Fackelschein immer weiter näherte. Sie versuchten zwar so leise zu sein wie möglich, aber angesichts der Pferde war ihnen völlige Stille nicht möglich.
„Aufsitzen“, wurde der Befehl von Alvide geflüstert und leise weitergegeben. So leise wie irgendwie möglich sattelten die Reiter auf, doch sie waren nicht leise genug. „Ist da wer?“, klang ein eher zögerlicher Ruf aus der Nacht heraus.
Anstatt auf den Ruf zu antwortete, gab Alvide ein Zeichen und ein dumpfes Horn ertönte. „Für Rondra und Baduar!“, rief sie und trieb ihr Pferd in einen Galopp. Die übrigen Reiter stimmten in den Schlachtruf ein. Alerich sah die Fackeln der Patrouille ein Stück vor ihm zu Boden stürzen, doch da waren sie schon an der Stelle, an der die Wachen eben noch gewesen waren. Von ihnen fehlte freilich jede Spur. Sicher geflohen, dachte sich der junge Rohenforster, doch da hatte sie ihr Höllenritt bereits gefährlich nahe an das dem Burgtor gegenüberliegende große Wachfeuer gebracht. Ein oder zwei Bolzen zischten in ihre grobe Richtung durch die Dunkelheit. Oder war das nur der Nachtwind, der ihm ins Gesicht peitschte? Noch während sich die verdutzten Belagerer aufrappelten, waren sie bereits an ihnen vorbei, ohne dabei jemals in den Schein des Wachfeuers geraten zu sein. Einmal mehr ertönten Hörner, aber diesmal mischten sich neben ihren auch die der Belagerer hinein. Bevor er überhaupt wusste, wie ihm geschah, musste Alerich sein Pferd scharf zügeln, wäre er doch sonst gegen die Burgmauer geprallt. In der Dunkelheit mussten sie das Burgtor knapp verfehlt haben. „Wer da?“, klang es bestimmt von der Burgmauer. „Ich bin es, Rukus, mit Verstärkung aus Angbar.“, rief der Späher. Rasch wendeten sie ihre Pferde und lenkten sie auf das Burgtor zu. Als die Wachen Rukus im Fackellicht erkannten, wurde ihnen sogleich das Burgtor geöffnet. Hastig drängten die Reiter durch das Tor. Alerich war völlig verschwitzt und die Flanken seines Pferdes bebten.
Hinter ihnen schloss sich das Burgtor sogleich wieder. Alvide ließ sich aus ihrem Sattel gleiten und Alerich tat es ihr gleich. Während die Eichentalerin sich versicherte, dass sie vollzählig angekommen waren, führte sie eine Wache über verschlungene Pfade durch die Wehranlage. Sie durschritten mehrere Tore und mussten die Pferde mit aller Vorsicht Treppenanlagen hinaufführen, ehe sie in das Innere der Burg gelangten.
Dort angekommen, bildete sich ein Menschenauflauf um sie herum. Der Lärm hatte die Belagerten aus ihren Betten gebracht. Alerich sah recht viele gut bewaffnete Zwerge, aber auch einfache Landleute, etliche von ihnen ebenfalls unter Waffen. Sie schienen die Neuankömmlinge zu begaffen und diese bildeten ja auch wirklich ein ungewöhnliches Bild. Ihre gerußten Gesichter waren durch den Schweiß mittlerweile aufs Wildeste verwaschen. Noch immer außer Atem, nahm Alerich einen kräftigen Schluck aus seinem Wasserschlauch. Die Gruppe der Gaffer teilte sich schließlich langsam und ein älterer Zwerg trat durch die Reihen hindurch. „Hochgeboren von Eichental“, erkannte der Zwerg die Baronsgemahlin von Sindelsaum sogleich. An die anderen Reiter gewandt, sprach er: „Ich bin Vogt Brumil Sohn des Burgom. Willkommen auf der Yassburg. Ihr seid uns sehr willkommen in dieser Stunde der Not. Aber jetzt kommt erst einmal und erfrischt euch ein wenig. Ich bin sicher, dass ihr alle eine ereignisreiche Nacht hinter euch habt.“