Graf Orsinos langer Schatten - Der Sohn eines anderen

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Texte der Hauptreihe:
K2. Der Sohn eines anderen
Mitte Bor 1041 BF am Abend
Der Sohn eines anderen
Des Grafen Ebenbild

Kapitel 2

Autor: Geron und Kunar

Beilklamm, Mitte Boron 1041

Eberhelm von Treublatt kochte innerlich. Sein angeblicher Stammhalter war ein Bastard! All die Jahre hatte Anghild ihn angelogen! Und was noch schlimmer wog: Ausgerechnet Graf Orsino hatte ihm dieses Kuckuckskind ins Nest gesetzt. Und das, nachdem ihm Eberhelm durch all die schweren Zeiten die Treue gehalten hatte. Ja, gab es denn überhaupt keine Ehre mehr? Wo waren die ritterlichen Gebote geblieben?

Sein Essen hatte Eberhelm kaum angerührt, so aufgeregt war er. Dafür hatte er ein ordentliches Glas von dem Gebrannten getrunken. Das beruhigte die Nerven und half ein wenig gegen das Bauchgrimmen.

Als er sich nachschenkte, wich die lodernde Wut dem Gefühl der Demütigung. Alle würden erfahren, dass ihm seine Gattin mit dem „schönen Grafen“ Hörner aufgesetzt hatte. Die Leute waren ja nicht dumm und würden eins und eins zusammenzählen! Seine eigene Treue würde ihn jedoch zum Gespött der ganzen Grafschaft machen. „Guckt Euch den an, der läßt seine Frau vom Dienstherrn schwängern und zieht dann noch den Bankert groß!“ Oh, diese Schande, dieser Schmerz! Die, die er am meisten lieb und wertgeschätzt hatte, hatte sich gegen ihn gewandt.

Er nahm einen tiefen Zug. So langsam vertrieb der Alkohol die Knoten im Magen und auch die Muskeln entspannten sich wieder. Aber das war nur für den Moment. Er machte sich keine Illusionen. Wenn er jetzt nicht schnell handelte, würde die Schmach unendlich sein. Er musste zeigen, dass er Untreue und Verrat nicht einfach hinnahm. Das würde zumindest seine Ehre retten.

Er leerte das zweite Glas und ging zum Schreibpult. Als erstes setzte er ein Schriftstück auf, in dem er Bolzer von der Erbfolge ausschloss. Warum, das brauchte er nicht zu erläutern. Seine Tochter Govena war eine würdige Erbin – und ihre äußerliche Ähnlichkeit zu den anderen Treublatts stand außer Frage, sie war also wirklich von ihm. Mit ein paar einfachen Federstrichen konnte er weiterem Betrug einen Riegel vorschieben. Das fühlte sich gut an.

Nachdem er das Dokument unterschieben hatte, goss er sich noch ein Glas ein und prostete sich selbst zu. Ein Blatt Pergament für die Treue – ein Treublatt! Fast hätte er darüber lachen können, wenn es nicht so traurig gewesen wäre.

Als er sich endlich dem inzwischen kalt gewordenen Essen zuwandte, brütete er weiter vor sich hin. Er würde Anghild vors gräfliche Gericht zerren, soviel war sicher. Und die Travia- und Praioskirche würde er ebenfalls bemühen. Die würden Anghild lehren, wie streng Ehebruch und Lüge gehandhabt wurden!

Graf Orsino selbst konnte er natürlich nicht mehr belangen, aber auch ohne den Falkenhager dabei zu bestrafen, würde ein Urteil des gräflichen Gerichtshofs ein deutliches Signal senden, dass auch ein Graf sich so etwas nicht einfach erlauben konnte. Ja, es war eigentlich ohne jeden Zweifel, dass man ihm, Eberhelm, recht geben würde. Wo käme man denn sonst hin? Da müsste ja jeder Untergebene fürchten, dass der Lehnsherr das Treuegelöbnis bräche.

Insofern würde Eberhelm dem Rittertum einen großen Dienst erweisen, indem er den Verrat an ihm öffentlich machte. So konnte er zumindest erhobenen Hauptes aus der Sache herausgehen, ganz im Gegensatz zu seiner Gattin...

Anghild! Sie hatte eine Lektion verdient, die über die Anklage beim Gericht und den Kirchen hinausging, und sollte lernen, wie sich Verrat und Lüge anfühlten. Wenn sie spürte, welche Schmerzen sie bereiteten, würde sie das hoffentlich läutern. Dann – und nur dann! – so schwor er sich, wäre er bereit, sie weiterhin an seiner Seite zu dulden.

Wie wäre es denn, ihr einen ordentlichen Schrecken einzujagen? Etwa so zu tun, als habe er den Verstand verloren und wollte sie aus Rache umbringen? Danach könnte er sie kleinlaut der gräflichen Gerichtsbarkeit überantworten und sie wäre noch froh darüber, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Eberhelm überlegte. Am besten wäre es, er erwischte sie alleine oder nur mit Bolzer, dann könnte keiner der Bediensteten den Helden spielen. Das wäre am ehesten außerhalb des Gutes zu bewerkstelligen. Danach könnte er außerdem schneller bis zum Grafenhof nach Grauensee reiten.

Sein Onkel Roban wüsste sicherlich Rat, wie die ganze Sache am besten einzufädeln wäre, aber es war Eberhelm doch unangenehm, den alten Fuchs hierfür um Hilfe zu bitten. Nein, diese peinliche Angelegenheit musste er schon auf eigene Faust lösen, wenn er seinen Ruf reinwaschen wollte! Es sollte später nicht heißen, dass er das nicht alleine geschafft hätte.

Das schloss natürlich nicht aus, einige seiner alten Kameraden einzuspannen. Sein alter Freund Halmdahl von Sindelsaum war leider in Almada und damit weit weg, aber den Soldritter Ferk von Alrichsbaum hatte er neulich in Angbar gesehen. Zuletzt hatten sie zwar während der Sindelfehde auf verschiedenen Seiten gestanden, aber auch nicht direkt gegeneinander gekämpft – und überhaupt, ein echter Söldner war nicht nachtragend. Die Reise in die Reichsstadt und die weiteren Vorbereitungen würden natürlich eine Weile dauern, aber das machte nichts, solange sein Plan nur voran ging. Damit Anghild nichts ahnte, konnte er sowieso nicht sofort zuschlagen. Er würde sich in Geduld üben müssen und so tun, als habe er sich mit der Sache abgefunden. Sollte sie sich nur in Sicherheit wiegen!