Fürstliches Ritterturnier zu Angbar 1041 - Die Knappin des Grafen

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Brodilsgrund, 8. Rondra 1041

„Mach’s noch einmal, Gilda, sonst glauben wir, dass es Zufall war!“, rief Aardor über die Wiese und feixte sich einen.

Totaler Blödsinn, diese Aufforderung, denn das eine Mal hatte vollauf gereicht, um zu sehen, dass /es/ kein Zufall gewesen war. Man musste schon blind oder blöd sein, um sich dieser Einsicht verschließen zu können. Dennoch wollte er einfach nicht glauben, dass seine jüngere Base, das dürre Elend, die Lanze tatsächlich so gut im Griff hatte. Das kam ihm fast ein bisschen ungerecht vor. Rossgilda bestand im Grunde nur aus Armen und Beinen und einem viel zu langen Hals. Wo sie auch ging und stand machte er sich Sorgen, dass sie über ihre eigenen Füße stolpern oder mit den Armen an irgendetwas hängenbleiben könnte. Sobald sie aber im Sattel saß ... das war eine ganz andere Geschichte. Und es kam ihm geradezu grotesk vor.

Er ließ seinen Blick nachdenklich über die kräftige braune Stute gleiten, die Graf Growin seiner Knappin geschenkt hatte. Ein Elenviner Vollblut. Vom Gestüt Mähnenhaupt. Wahrscheinlich das edelste Ross, auf dem je ein Rauheneck gesessen hatte. Für seinen Geschmack ein bisschen zu mickrig, aber das änderte nichts daran, dass er Kraft, Anmut und Feuer des Tiers bewunderte. Im Stillen zumindest. Seiner Base gegenüber würde er das sicher nicht tun. Die platzte ja so schon vor Stolz. Stolz auf ihr Ross. Stolz auf ihre Rüstung – auch wenn die neben dem typischen Streifenrock der Ferdoker Lanzerinnen vorerst nur aus einem ledernen Kürass bestand. Stolz darauf, dass sie von zwei vorzüglichen Streiterinnen am Ferdoker Hof ausgebildet wurde. Und nicht zuletzt Stolz, dass sie ihren „Schwertvater“, Growin Sohn des Gorbosch, auf diesem Turnier vertreten durfte.

Aardor wandte sich von der Base ab, als sein vor Freude strahlender Vetter ihm kräftig auf die Schulter klopfte. Bärfang kam just von dem breiten Pfosten zurück, auf dem er nun zum zweiten Mal einen Helm platziert hatte. Für Zielübungen.

„Sind wir uns eigentlich sicher, dass Widderich nichts dagegen hat?“, fragte Aardor leise und deutete auf den herrlich verzierten Kopfschutz.

„Pffft“, machte Bärfang und hob die Schultern. „Ist ein Helm, oder? Noch dazu von den Händen meines Vaters. Wenn der ein paar Stürze und Stöße mit der Lanze nicht unbeschadet überstehen würde, wäre er eh nutzlos!“

Sie sahen einander an und grinsten, waren sich im Stillen aber einig, dass sie den Helm späterhin heimlich wieder an seinen Platz zurückstellen würden. Und dass es wirklich besser war, wenn er keine Beulen davontrug.

„Echt jetzt? Ich soll noch mal?“, hallte Rossgildas Stimme derweil aus der Ferne herüber.

„Ja klar!“, rief Bärfang untermalte die Aufforderung mit einer eindeutigen Geste. „Zeig es uns noch mal! Wir sind im Zweifel!“

„Na gut.“

Die Knappin zwang ihr Stütlein in eine enge Volte und ließ es zum Ende der Wiese zurück traben. Sah alles noch ganz harmlos und entspannt aus, bis sich das Tier herumwarf und in halsbrecherischem Tempo auf den Pfahl zuhielt. Wie gebannt hing Aardors Blick am schlacksigen Leib seiner Base, der mit einem mal gar nicht mehr so fürchterlich kraftlos und unkoordiniert wirkte. Sie fasste das Ziel fest ins Auge und hielt die Lanze schön senkrecht, bis sie genau den richtigen Abstand erreicht hatte. Dann senkte sie sie und – peng! Der Helm flog im hohen Bogen davon.

Während Aardor noch über die blitzsaubere Technik staunte, fing Bärfang neben ihm schon zu lachen an. Es war ein lautes und sehr gelöstes Lachen. Stolz vor allem. Ja, auch Bärfang war stolz. Auf das Töchterchen seines verstorbenen Zwillingsbruders, das nun kein Töchterchen mehr war, sondern eine Tochter. In den vergangenen fünf Götterläufen hatte Rossgilda nicht nur körperlich einen Sprung nach vorn gemacht. Das war ohnehin augenfällig, aber hiermit setzte sie dem Ganzen die Krone auf.

„Man sollte nicht meinen, dass ihr Schwertvater ein Zwerg ist“, murmelte Aardor. Es war ihm nicht recht, aber irgendwo verspürte er Neid. Ein kleines Quäntchen. Sicher, auch er hatte am Herzogenhof in Trallop eine gute Schule durchlaufen. Doch war er nur einer von vielen Knappen gewesen und kein einzelner Zögling, um den alle herum gluckten. Er hatte auch kein eigenes Pferd erhalten. Nicht mal ein Streifenröckchen war drin gewesen...

„Und wir haben damals noch über meinen alten Herrn gespottet“, meinte Bärfang. „Wegen der Zwergensache. Haben ihm gesagt, dass Growins Begabung für das Schmiedehandwerk ihn nicht unbedingt zu einem guten Ausbilder für angehende Ritter macht. Weil Ritter nun mal von Reiten kommt.“

„Wozu ein bisschen Fachsimpelei über die Schmiedekunst und ein paar Bier zu viel so führen können“, Aardor schmunzelte. Der Anflug von Neid war schon wieder weg. Stattdessen freute er sich, dass seine Base so ein unsägliches Glück gehabt hatte. „Bleibt abzuwarten, ob das Ganze im Ernstfall genauso gut aussieht, oder ob die Nerven da mit ihr durchgehen.“