Entführung des Prinzenpaares - Was wirklich geschah

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Bor 1031 BF
Was wirklich geschah
Durch das Tor

Kapitel 63

Firntrutz (Burg), 1031

Erneut im größten Raum des Wehrturmes saßen nun alle um den leise prasselnden Kamin gruppiert auf Stühlen, Bänken und einige auch auf Strohsäcken. Die Geweihte hatte einige Schalen mit heißem Tee gefüllt, welche nun stumm durch die Reihen kreisten. Keiner wagte zu sprechen – jeder schien gebannt die lange ersehnte Lösung des Rätsels hören zu wollen, in dem sie in den letzten Tagen gefangen waren. Brinessa begann ohne weitere Umschweife:
„Ihr habt sicher vom Angriff des unheiligen Feueradlers Alagrimm gehört, der vor vier Jahren von Drachenmagie geschaffen und Menschenmagie wiedererweckt über den nördlichen Kosch hinwegzog. Manch einer war gar selbst bei der Verteidigung Angbars dabei und sah seine todbringende Gewalt.“
Dabei blickten die großen grünen Augen durch die Reihen. So mancher nickte.
„In seinen Flammen starb auch Holduin-Hal, der einzige Sohn des Erbprinzenpaares – noch keinen vollen Götterlauf jung. Jener Verlust lag wie ein Schatten auf der Liebe den Paares. Man sollte meinen, dass ein solcher Schicksalsschlag zusammenführt … doch das Leben ist leider nicht immer wie ein Märchen. Manchmal verschließt einem ein solcher Schlag auch das Herz, lähmt einem die Zunge. Sie schätzten und respektierten sich, sehnten sich beide nach den schöneren Tagen zuvor … doch wie ein dunkler Zauber stand der Tod ihres Kindes zwischen ihnen, in all den Jahren.
Sie wussten diese Tatsache gut zu verbergen. Sie stürzten sich in Audienzen und allerlei Aufgaben. Sie spielten die Rolle des holden Paares so gut, dass sie auch einander falsche Glücklichkeit vorspielten und sich dabei mehr und mehr entfremdeten. Erst die Worte der Fürstinmutter Thalessia während ihres Tsatages im letzten Rahjamond öffneten so manchem in ihrem Umfeld die Augen. Mit dem sicheren Gespür einer Großmutter fühlte sie, dass die Liebe des Paares dabei war langsam zu erlöschen …“
„…und mit ihr die Hoffnung und die Erblinie des Hauses Eberstamm“, ergänzte Prinz Edelbrecht und starrte dabei in das glimmende Feuer des Kamins.
„Wo die Liebe erlischt, erlischt auch die Hoffnung“, stimmte Brinessa zu und fuhr mit sanfter Stimme fort:
„Am Abend des Rahjafestes, nur zwei Tage nach den mahnenden Worten der Fürstinmutter, saßen einige der engsten Freunde des Paares zusammen um zu beratschlagen, wie man dem Paar helfen könnte. Es waren dies Ritter Angbart von Eberstamm-Auersbrück, ein Freund des Erbprinzen seit Kindertagen; der Edle Grimm von Firntrutz, ein Onkel der Prinzessin Nadyana; der Edle Eckbart von Mackenstein, beseelt von der Hoffnung seine gute Gesinnung zu beweisen und eine alte Schmach zu tilgen; der Reichsedle Therunbold von Cellastein, traditioneller Gastgeber des Festes den Kaiserlichen Inseln im Angbarer See, und meine Wenigkeit.“
Wehrmeister Thorbens Augenbrauen kräuselten sich leicht. Vor allem den Edlen von Firntrutz kannte er als aufrechten Streiter, und Ritter Angbart war zweifellos ein enger Freund des Fürstenhauses, aus dessen Seitenlinie er selbst stammte.
„Vielleicht etwas beseelt vom Fest und dem Blut der Reben kam man rasch überein, dass beide neuen Lebensmut bräuchten. Lebensmut, den sie im alltäglichen Einerlei offenbar nicht fanden, sondern nur wieder entdecken könnten, wenn sie endlich einmal wieder ungestört beieinander sein könnten – herausgelöst von den alten Gewohnheiten am Prinzenhof von Erlensee. So reifte ein Plan, ohne Zweifel gewagt, doch vielversprechend... Anfang Travia begann ich gemeinsam mit dem Edlen Grimm von Firntrutz dessen Burg zu schmücken und für den Zweck zu weihen. Das wunderschöne Herbstwetter sandte warme Sonnenstrahlen in das entlegene Gebiet – hier fernab des Trubels und der höfischen Zwänge, schien uns ein guter Platz zu sein.“
Tatsächlich war der Geweihten gute Arbeit nicht abzusprechen – aus der alten Grenzfeste war ein beschauliches Nest geworden.
„Am Abend der Audienz am 11. Travia gelangten wir mit Hilfe der Kutscherin des Prinzenpaares, Vieska von Plötzbogen, in das Erlenschloss, verkleideten uns notdürftig mit Masken um die Nerven des Paares zu kitzeln, und nahmen sie mit – nun ja – ‚sanfter Gewalt’ mit uns. Natürlich achteten wir darauf, das Spiel mit der Angst nicht zu weit zu treiben – doch ich meine, es gelang uns recht gut die Maskerade eine Weile aufrecht zu erhalten. Am Siebensprung kam Vieska auf die Idee die Kutsche zu wechseln, weil die erbprinzliche Kutsche zu auffällig sein würde und so die Gefahr groß wäre, dass wir schon bevor wir Firntrutz erreichen, entdeckt würden. Den Göttern zum Dank kam sogleich eine Fuhrhändlerin des Weges, Bibernell Liebanger lautete ihr schöner Name. Bei unserer Rast in Alt-Garnelen fiel uns ein, dass wir einen wichtigen Punkt unseres Planes in all der Aufregung vergessen hatten: Wir wollten einen Brief hinterlassen, der unsere wahren Absichten offenbaren sollte, damit sich niemand ängstigen bräuchte. Insbesondere dem guten Fürsten sollte nicht der falsche Eindruck entstehen, dass sein Sohn tatsächlich von Schurken entführt worden sei.“
Die Geweihte lachte über ihren – wie es schien - absurden Scherz und war offenbar zu sehr damit beschäftigt, die Erinnerungen in sich wach zu rufen, um die Gesichter ihrer Zuhörer zu bemerken.
„Nun, wir gaben diesen Brief kurzerhand in Alt-Garnelen dem Ratsboten. Besser gesagt, Bibernell tat es, weil sie aus der Gegend stammte und den Boten wohl gut kannte. Er brachte die Botschaft dann nach Erlensee, wie ihr sicher wisst...“
Urion wollte diesen Irrtum aufklären, doch ein Wink des Prinzen Edelbrecht gab ihm zu verstehen, dass dafür noch Zeit wäre, wenn die Geweihte ihre Geschichte abgeschlossen hätte. Jetzt wollte er zunächst das Ende hören – und Brinessa tat ihm den Gefallen:
„... Nun, wir erreichten bald Firntrutz. Ich spürte schon auf dem Weg, dass die erlebte Spannung dem Paar – so merkwürdig es klingen mag – gut tat. Sie redeten ausgiebig miteinander. Ich fürchte – wohl das erste mal seit vier Jahren, tauschten sie sich wirklich ehrlich aus, zeigten ihr wahres Wesen und erkannten, wie ähnlich sie fühlten. In der Burg führten wir sie in ihren „Kerker“ ... mittlerweile war ihnen sicher klar, dass sie es nicht mit finsteren Beutelschneidern zu tun hatten – zumal sich Angbart schon durch seine Stimme verriet – doch sie spielten das Spiel mit. Bald fielen auch die Masken, und wir verbrachten einige sehr angenehme Tage. Im wahrsten Wortsinn über Nacht brach der Winter herein. Grimm versicherte, dass dies hier in den Bergen durchaus nicht ungewöhnlich war – wohl aber, dass Firuns Zorn bereits im Boronmond derartig stark wütete. Zudem setzte bei uns das Fieber ein, wohl ausgelöst von einem Wildbraten – am schlimmsten bei Erbprinz Anshold, doch auch wir anderen lagen darnieder. Wir versuchten zurückzureisen, doch uns wurde schnell klar, dass eine Reise unter diesen Umständen nicht möglich war, und kehrten nach wenigen Meilen um. Doch wir wussten ja, dass unsere Botschaft über kurz oder lang jemanden aus Erlenschloss zu uns bringen würde. Nach einigen Wochen verloren Angbart und Therunbold die Geduld. Der Winter wollte nicht weichen, aber immerhin war ihr Fieber wieder etwas gesunken. So gingen sie vor ein paar Tagen los um Hilfe zu holen.“
„Wo sind Grimm von Firntrutz und die Kutscherin Vieska?“, wollte Anselm wissen. Brinessa wirkte sorgenvoll.
„Sie wollten in den Wald um noch etwas Feuerholz zu schlagen und vielleicht neuen Proviant zu erjagen. Ich hoffe nur, sie sind nicht in die Arme der Orks gelaufen – die ja offenbar einen ganz ähnlichen Einfall hatten.“
Urion war gerührt. Er musste jetzt selbst an Frau und Kind denken, die im grimmen greifenfurter Winter zu Hause auf ihn warteten, ungewiss wie ihm es wohl erginge. Aber die Geschichte der Geweihten hatte in ihm auch die Hoffnung neu entfacht sie wieder zu sehen. Alle Last der letzten Tage fiel von ihm ab. Die Worte der Geweihten hatten auch seine alte Tatkraft von Neuem geweckt. Mit leiser tragender Stimmen wandte er sich an den Prinzen und die Geweihte.
„Hoheit, Euer Gnaden, nach diesen letztlich guten Nachrichten, sollten wir zusehen, dass wir die Burg besetzen. Während Ihr Ihre Gnaden über unsere Queste aufklärt und Euch um Euren Bruder und Eure Schwägerin kümmert, schlage ich vor, einen Spähtrupp auszusenden, um die Verschollenen zu suchen. Er kann auch gleichzeitig nach weiteren versprengten Orks Ausschau halten. Da ich keine akute Gefahr für die Burg befürchte, kann der Rest sich an die Vorbereitung der Rückreise machen. Für den Spähtrupp schlage ich den Wehrmeister, Anselm, Lyeria, Timokles und Baron Adran vor. Ihre Gnaden Antara kann sich um den Edlen von Mackenstein kümmern. Ich selbst bin in der Wundheilkunde bewandert, um die Wunden der Verletzten ausreichend zu versorgen, benötige nur genug Wasser, Wein und einige saubere Verbände. Und was Vernünftiges zu Essen werden wir auch aus unseren Vorräten noch zubereiten können.“
Urion wartete auf die Entscheidung des Prinzen. Der Hammerschlager erhob sich.
"Ich stimme dem Rittmeister zu, wir sollten einen Spähtrupp aussenden. Aber ich möchte vorschlagen, dass ihro Gnaden Lyeria aufgrund ihrer Verwundung und der Knappe Timokles hierbleiben, der Letztere mag ihro Gnaden Antara bei den Vorbereitungen für den Edlen von Mackenstein helfen", sagte der Wehrmeister.
"Ich möchte stattdessen Baron Kordan an meiner Seite wissen. Außerdem niemanden mitnehmen, der im Kampf eine Verwundung davon getragen hat. Wir wissen nicht, wie beschwerlich der Spähtrupp wird, und es soll keine Wunde wieder aufreißen. Die Rückreise würde ich noch wenige Tage aufschieben, wenn möglich, um die schlimmsten Wunden ordentlich versorgt zu wissen."
Der Hammerschlager war froh, dass Urion den Spähtrupp vorgeschlagen hatte und er sogleich wieder hinaus konnte. Der Zauber der schönen Göttin, der hier allenthalben zu spüren war, erinnerte ihn schmerzlich an die Dame seines Herzens, die er noch nicht freien konnte, solange nicht, wie er den Schurken noch nicht gefaßt hatte.
Der Geistmärker Baron warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Kaminfeuer, als er den Vorschlag des Wehrmeisters hörte. Doch dann erhob er sich mit einem Ächzen - seine alte Wunde schien ihn wieder zu plagen - und rief:
"Beim Herrn Praios, Thorben, wir werden den guten Grimm nicht auch noch an die Orken oder den verfluchten Frost verlieren! Lass uns so schnell wie möglich aufbrechen! Du weisst, ich war hier schon zu Gast, geladen von Gräfin Ilma ..."
Einen Moment schien Kordan sich in Gedanken zu verlieren, dann fuhr er fort:
"Ich erinnere mich einiger Orte in der Umgebung, wo im Sommer Wild zu finden oder Brennholz zu schlagen war. Dort wollen wir anfangen!"
Erlan blieb beruhigt sitzen. Er war ganz froh, dass er nicht wieder nach draußen musste, auch wenn er seine Wunde für halb so wild erachtete. Sie waren hier schon in eine verrückte Geschichte geraten, aber es gebürte sich nicht für ihn, die Missverständnisse der Rahjageweihten aufzuklären, dass war einizig und alleine des Prinzen Entscheidung. So nickte er recht schnell ein, während er auf die Behandlung seiner Wunde wartete.
Der Abend verlief ruhig und letztlich unter guten Sternen. Fast schien es, dass die Götter die Uneigennützigkeit, Geduld und Opferbereitschaft entlohnen wollten. Der Suchtrupp kam dank der Ortskenntnis der Barone Kordan und Thorben gut voran. Schon nach wenigen Meilen hörten sie Axtschläge - und trafen tatsächlich auf den Edlen Grimm von Firntrutz und die Kutscherin Vieska von Plötzbogen, offenbar von den Orken unversehrt gelassen. Der rauhbeinige Grimm, ein Bär von einem Kerl, ließ es sich nicht nehmen, seine alten Jagdgefährten freundlich zu umarmen, und auch die anderen Mitglieder des Trupps freundlich zu begrüßen. Auch er war deutlich magerer geworden und sichtlich froh endlich Helfer zu treffen.
Noch zu Sonnenuntergang kamen sie gemeinsam in der Burg an. Dort bereiteten sie aus dem Proviant und frisch geschossenen Schneepüscheln ein schmackhaftes Abendmahl zu. Auch für das Prinzenpaar blieb eine stärkende Brühe übrig, die Brinessa gemeinsam mit Lyeria in ihr Zimmer hochbrachte. Als sie zurückgekehrt waren wandte sich Prinz Edelbrecht an die Anwesenden und ließ Worte frei, die er wohl schon einige Stunden mit sich herumtrug:
"Ihre Gnaden Brinessa hat uns über die Hintergründe eurer - ehm - Überraschungsreise mit Anshold und Nadyana bereits aufgeklärt."
Grimm grinste breit - fast etwas stolz - durch seinen Vollbart und stopfte sich etwas Brot in den Mund, die sommersprossige Vieska lächelte mit gespielter Unschuldsmine ... so wie es Kinder tun, wenn sie bei einem harmlosen Streich ertappt wurden.
"Wie es scheint, ist euer gewagter Plan jedoch nicht ganz aufgegangen. Der Brief an den Hof von Erlensee wurde von der Händlerin niemals an den Boten übergeben."
Edelbrecht musterte die drei interessiert, als er die Wahrheit offenbarte. Allen war der Schreck ins Gesicht geschrieben. Sie verharrten reglos und wechselten die Farbe ihrer Wangen. Grimm, der sich im Gegensatz zu den sichtlich erbleichten Damen Brinessa und Vieska für ein ungesundes Rot entschieden hatte, würgte ein rauhes "Potzdonner!!!" hervor. Ob des Schimpfwortes des Firntrutzers musste Urion schmunzeln. Wie oft hatte er sich in den letzten Tagen und Wochen fluchend und schimpfend durch Eis und Schnee geschleppt. Nach getaner Arbeit lehnte er sich bequem am Feuer sitzend in seinen Stuhl zurück und genoss die friedliche Stimmung. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis alle Wunden verheilt waren und sie aufbrechen konnten. Mit seinem Becher in der Hand wand er sich an den Prinzen.
"Mein Prinz, ich weiss, ihr seid froh über die Rettung Eures Bruders, aber wollt ihr nicht einen Boten zu Eurem Vater aussenden, um diesem schnellst möglich die frohe Kunde zu über bringen? Ich denke, schon Morgen könnten zwei von uns aufbrechen und die Kunde überbringen. Wir würden Euren Vater nach Angbar bitten, so dass er Euch entgegen reist. Das würde ihn nach all der Sorge wieder neue Tatkraft bringen und sicherlich hoch erfreuen."
Edelbrecht lächelte - ihn schien die Reaktion der drei "Entführer" ebenso mit Genugtuung zu erfüllen, wie Urion.
"Eine treffliche Idee, Reiffenberg. Eine Winterreise würde meinen Vater vielleicht auch auf andere Gedanken bringen - vor allem sollte er die gute Nachricht schnell erfahren, dass das Paar am Leben ist... wenngleich das Wort 'wohlbehalten' wohl zu hoch gegriffen wäre."
"Wir werden natürlich ebenfalls nach Angbar reisen und uns einer möglichen Anklage stellen!"
Grimm von Firntrutz hatte offenbar seine kräftige Bassstimme wiedergefunden.
"Welcher Anklage?", eine schwache Stimme drang aus dem hinteren Teil der Tafel. Aus dem Schatten schälte sich das bleiche, aber lächelnde Gesicht der Prinzessin Nadyana, hinter ihr das des Erbprinzen. Beide hatten offenbar ihre Betten verlassen, sich angekleidet und die Treppe hinab begeben.
"Anshold! Nadyana!"
Prinz Edelbrecht war aufgesprungen und konnte nun nicht mehr ans sich halten - zu lange hatte er den Drang unterdrückt beide zu umarmen. Erst jetzt, wo er sie spürte, war ihm wirklich bewusst, dass die Suche ein glückliches Ende gefunden hatte. Beide Brüder lachten erleichtert, Nadyana strahlte und erklärte scherzhaft:
"Wir hatten eure Stimmen gehört und waren beide der Meinung, dass es grob unhöflich wäre Euch nicht traviagefällig zu begrüßen."
"Wie geht es Euch?", wollte Brinessa besorgt wissen.
"Der Schlaf und die heiße Brühe hat uns offenbar ganz gut getan. Wir fühlen uns zwar noch etwas schwach, aber das Fieber scheint uns verlassen zu haben."
Die anderen am Tisch stimmten in die freudigen Laute ein und hoben ihre Kelche. Mit einem schwachen Lächeln hob Ardo seinen Krug um das Erbprinzenpaar zu begrüßen, als es den Raum betrat. So lernte er die Gesuchten also auch endlich kennen, war ihm diese Ehre doch bisher nicht vergönnt gewesen. Sie sahen ohne Frage wie ein glückliches Paar aus. Schwach, aber glücklich. Insofern schien der Plan der 'Entführer' gefruchtet zu haben.
Letztlich hatte es sich nur um einen Freundschaftsdienst gehandelt, auch wenn die Geschichte auf Grund der stummen Kutscherin und den Schwarzpelzen fast in einem Desaster geendet hatte. Dennoch hatte einer der Freunde des Prinzenpaares diesen Ausflug mit dem Leben bezahlt, was sicherlich einen Schatten auf der allgemeinen Glückseeligkeit hinterlassen würde. Doch für den Moment war Ardo es zufrieden. Mochten sie auch in der eingeschneitesten Burg des Reiches sitzen, sie hatten die Orken in die Flucht geschlagen, sie hatten das Prinzenpaar lebendig vorgefunden, und die Burg machte dank des Einsatzes der Geweihten einen sehr heimeligen Eindruck. Nur sein schmerzender Schildarm machte schon die ganze Zeit mit einem unangenehmen Pochen auf sich aufmerksam. Hilfesuchend warf er einen Blick zu Urion und erhob sich in Richtung Küche, damit dieser ihm dort beim Wechseln der durchgebluteten Verbände helfen konnte. Später am Abend trat der Hammerschlager zum Prinzen.
"Euer Liebden, es wäre mir eine große Ehre Eurem Vater die Nachricht überbringen zu dürfen, es sei denn, ihr wünscht mich zum Schutze eher an Eurer und Eures Bruders Seite", sagte er leise zum Prinzen. Dann fügte er hinzu:
"Am liebsten wäre mir der Reiffenberger, oder Kordan könnte mich begleiten, doch glaube ich, dass der erste besser bei euch bliebe, so ihr meines Schutzes schon verlustig seid, und Kordan dürfte aufgrund seiner Ortskenntnis und Verbindungen ebenfalls Euch dienlicher sein, falls noch etwas Unvorhergesehens passiert. Daher, wenn es denn keine Märker sein soll, der mich begleitet, könnte ich Erlan von Sindelsaum mitnehmen."
Gespannt wartete Thorben auf die Antwort des Prinzen. Urion wandte sich an de Prinzen.
"Eine gute Idee des Wehrmeisters. Keiner der Märker würde so schnell zum Fürsten vorgelassen, und eine Begleitung durch einen koscher Adeligen eröffnet alle Wege. Wir Märker werden bei Euch und dem Kronprinzlichen Paar bleiben und alle sicher nach Angbar geleiten."
Dem Kronprinzen und seiner Frau zunickend "Natürlich nur, wenn Ihr unser Geleit annehmt, Hoheiten?"
Nachdem sie alle in der Sicherheit und Wärme der Burg angekommen waren, fiel die Anspannung der letzten Tage von Antara ab. Eine wohlige Schwere machte sich in den Gliedern breit und bald würde die Müdigkeit ihren Tribut fordern. Es kostete einige Anstrengung sich aufzuraffen und sich um den toten Edlen zu kümmern. Zusammen mit Timokles und anderen Helfern schafften sie den Leichnam wieder in die Burg, wo er in einer Kammer aufgebahrt und für seine letzte Reise vorbereitet wurde. Für heute wurde der Seele nur ein Gebet mit auf den Flug über das Nirgendmeer gegeben, eine Beisetzung würde später stattfinden, wenn ... ja, wenn sie überhaupt ein Grab würden ausheben können. Die Golgaritin trat vor Prinzen.
"Verzeiht, Eure prinzliche Durchlaucht, da die Queste nun ein glückliches Ende gefunden hat, würde ich nun baldmöglichst nach Garrensand zurückkehren, so Ihr meiner Dienste nicht mehr bedürft. Für die letzte Ruhe des gefallenen Edlen will ich sorgen, doch fürchte ich, daß auch hier der Boden zur Zeit vom strengen Herrn Firun beansprucht wird und wir ihn nur vorläufig bestatten können. Vielleicht können die Boten an Euren Herrn Vater noch bis dahin warten, so daß wir gemeinsam aufbrechen können. In dieser Zeit ist es wohl nicht angebrachte alleine zu reisen."
Das Eis war gebrochen, zumindest hier in dieser Stube. Anselm ließ sich von der Heiterkeit anstecken und prostete den Anwesenden zu. Dem Wehrmeister war das Ansinnen Antaras nicht genehm. Zum Glück konnte sie sein Gesicht aber nicht sehen, weil er seitlich leicht hinter ihr stand. Es würde sie wahrscheinlich mindestens einen weiteren Tag kosten, und außerdem würde die Reise in der kleinen Gruppe beschwerlicher als in der Großen, aber es sei, wie es sei. Der Prinz würde dem Wunsch wohl zustimmen und er selbst würde kein Wort den Unmuts verlieren.
Wie auch die meisten anderen Anwesenden, fiel auch Lyeria ein Stein vom Herzen, auch wenn sie bei einer Geweihten mehr Umsicht erwartet hätte. Doch es war eine Geweihte der liebenden Göttin, berichtigte sie sich selbst. Die Heilung ihrer Wunde war bereits weit vorangeschritten, aber trotz ihrer Hochstimmung hielt sie sich bedeckt und beobachtete nur stetig und still die Flammen des Kamins. Ganz anders Timokles, welcher von der Rahjageweihten höchst angetan war. Er ging ihr über die Zeit der Anwesenheit, falls er einmal Zeit fand, zur Hand und redete viel mit der heiteren Dame über verschiedenste Themen. Auch mit den anderen Reisegefährten unterhielt er sich ungezwungen. So auch mit dem Reiffenberger, bei dem er sich dafür bedankte, dass er ihn als einfachen Knappen immer wieder mit Späh- und anderen Aufgaben betraut hatte, was ihn mit großen Stolz erfüllt hatte. Einmal setzte sich auch Antara zu der Ritterin hinzu und tat ihr ihre weiteren Pläne kund.
"Die Angelegenheit hat, den Zwölfen sei Dank, doch noch ein glimpfliches Ende gefunden, auch wenn es wesentlich weitere Kreise gezogen hat, als es sich die Urheber vorstellen konnten. Dem Herrn sei's gedankt, dass man meiner Dienste nicht noch mehr bedarf. Bei sich bietender Gelegenheit werde ich die Rückreise nach Garrensand antreten."
Darauf antwortete Lyeria: "Ich werde noch so lange hier verweilen, bis die Reisegesellschaft wieder gedenkt aufzubrechen. Denn ich und der ehrenwerte Abt vom Rabenhorst würden es uns nie verzeihen, wenn nun doch noch den Prinzen des Kosch etwas geschehen würde. Auch du solltest hier bleiben. Du bist erschöpft von der langen Reise, und auch Geduld ist eine Gabe Borons, deren der Abt von Garrensand gewiss fähig ist. Vielleicht können wir durch unser Gebet auch die Regeneration ihrer Hoheiten unterstützen, Schwester. Noch etwas, Schwester. Der verblichene Eckbart von Mackenstein ist der Bruder von unserem Bruder Alderich, der wegen seiner Rückenleiden auf dem Erlenschloß zurückgeblieben ist. Wir sollten die sterblichen Überreste des Gefallenen zur Familiengrabstätte überführen und nach Möglichkeit ebenso das Paar in der Holzfällerhütte, das sich über den Tod treu geblieben ist."
"Es ist weniger der Abt in Garrensand, der meine Anwesenheit missen wird, als mein zukünftiger Ritter. Nach meiner Rückkehr werde ich nunmehr die Knappin des garetischen Komturs Lüdegast von Quintian-Quandt sein. Nach der Einnahme von Schloß Drak vor wenigen Wochen äußerte der Komtur den Wunsch, daß ich in seine Dienste wechseln möge, da er sowohl einer Knappin, die ihm bei der Verwaltung der Speiche als auch einer Geweihten auf Drak bedarf. Ich bin bereits mit dem Abt überein gekommen, daß für die weitere Ausbildung zur Ritterin der Aufenthalt im Kloster weit weniger von Nutzen ist als der Dienst am Rande der Wildermark. Zumal dort jeder Arm gebraucht wird. Ich denke das Wohlergehen des Prinzenpaares ist in den Händen der gütigen Schwestern Rahja und Peraine weit besser aufgehoben als in den scharfen Krallen Golgaris."
Mit einem kurzen, verschmitzten Schmunzeln in Richtung Timokles, der gerade in eine angeregte Konversation mit der Rahjani vertieft war, fügte sie hinzu:
"Euer Knappe scheint da der gleichen Ansicht zu sein."
Urion hatte sich am selben Abend noch die Blessuren der Verwundeten angesehen und verbunden. Am Schlimmsten hatte es der Baron Tyrian erwischt. Er würde noch ein paar Tage der Ruhe bedürfen, aber dann stand einem Aufbruch gen Angbar nichts mehr im Wege. Anselm Hilberan half dem guten Urion bei den Verbänden, so gut er konnte. Er selbst hatte durch Rondras Gunst keine Verwundungen davon getragen. Am Abend sah man ihn noch länger mit Answin von Boronshof über die Knappschaft des Ältesten von Answin diskutieren. Nach einem langen Gespräch mit dem Knappen Timokles, bei dem sich der Junge sich sehr artig beim Rittmeister bedankt hatte, nahm Urion ihn zur Seite und trat mit ihm zur Ritterin Lyeria.
"Hohe Dame, erlaubt, wenn ich Euch nun sagen darf, dass sich Euer Knappe sehr tapfer geschlagen hat und bei jeder Aufgabe, die ich ihm weisen durfte, zu meiner besten Zufriedenheit handelte. Es ist nicht üblich, aber ich möchte ihm dafür meinen besonderen Dank und meine Anerkennung aussprechen. Und ... ", er schnallte sein elfisches Jagdmesser vom Gürtel und überreichte es dem Knappen, "dieses Messer schenke ich dir, Timokles. Bewahre es gut und nutze es, wann immer du in der Wildnis unterwegs bist. Auf Kloster Rabenhorst und in der Mark wirst du reichlich dazu Gelegenheit bekommen. Ich bin überzeugt, dass du ein guter und gerechter Ritter deines Gottes wirst, wenn du deiner Herrin weiterhin so gute Dienste leistest. Boron und die Zwölfe seien allezeit mit dir."
Zu Lyeria sagte er:
"Wenn es Euer Auftrag zulässt, dann besucht mich und meine Familie einmal auf dem Markgräflichen Marstall."
Timokles traten die Tränen in die Augen vor Stolz, als er die kostbare Waffe von dem Reiffenberger in Empfang nahm. So brachte er nur stammelnd heraus:
"Die Götter mit Euch, Ihr wart mir in den letzten Tagen ein guter Lehrer und seid ein edler Ritter, Urion von Reiffenberg."
Selbst Lyeria, die zwar die übertriebenen Gefühlsregungen ihres Knappen nicht gut hieß, verzieh ihm diese und quittierte sie nur mit einem Hauch eines Lächelns. Dann wandte sie sich an Urion und meinte:
"Wir werden sehen. Aber so Boron will, werde ich gerne die edlen Rösser auf dem Marstall einmal selbst in Augenschein nehmen. Ihr seid auch eingeladen, in das neuerrichtete Kloster Rabenhorst am Kürenstein zu kommen, wenn ihr Muße und Kontemplation, sowie die Nähe der Götter sucht. Also gehabt Euch wohl, Urion, und Boron und die anderen Elfe mit Euch!"
Spät am Abend trat der Hammerschlager nocheinmal an Urion heran.
"Werter von Reiffenberg, es war mir eine besondere Ehre, mit euch reiten und streiten zu dürfen, und es hat mich gefreut, mal wieder einen Kavalleristen vom alten Schlage zu treffen, so wie ich einer bin, aber eventuell auch nur schon war", seufzte der Wehrmeister. "Wenn es euch nochmal in den Kosch verschlägt, so würde mich ein Besuch von euch in Angbar oder auf der Burg Hammerschlag freuen, ich kenne da ein gutes Jadgrevier."
Dann faßte er mit der Hand Urions Unterarm, welcher es ihm wie selbstverständlich gleich tat.
"Ich heiße Thorben, und diesen Namen sollt ihr fortan benutzen dürfen. Darf ich euch Urion rufen?" fragte der Wehrmeister mit festem Blick in die Augen des Reiffenbergers. Urion erwiderte den Blick und lächelte den Wehrmeister dann erfreut an.
"Natürlich dürft Ihr mich Urion nennen, werter Thorben. Es war mir ebenfalls eine Ehre Euch kennen lernen zu dürfen. Ich danke Euch von Herzen für die Einladung. So nehmt denn auch meine Einladung entgegen. Besucht uns auf dem Markgräflichen Marstall zu Hexenhain. Euer Herz für Pferde dürfte dort höher schlagen. Und ganz nebenbei, wenn ihr im Rondramond eines Jahres Zeit habt, dann bringt einen vollen Geldbeutel und noch ein paar Koscher Edle mit. Denn jedes Jahr ist dann bei uns Pferdeauktion. Und über einen anständigen Preis für alte Bekannte lässt sich sicherlich bei dem ein oder anderen Obstler disputieren."
Am nächsten Morgen brach die Vorhut auf gen Fürstenhort. Getragen von der erfreulichen Aufgabe gelang es die Feste nach einer knappen Woche zu erreichen. Es tat gut, den gramgebeugten Fürsten bei der Verkündung der frohen Botschaft regelrecht erblühen zu sehen. Voller Eifer bestand er darauf noch am selben Tag nach Angbar aufzubrechen.
Währenddessen waren auch Anshold und Nadyana wieder zu Kräften gekommen. Eckbart von Mackenstein wurde auf Vorschlag des Edlen Grimm von Firntrutz in der Gruft seiner Familie unter der Burg feierlich beigesetzt. Sein Bruder und alle anderen Mitglieder und Freunde des Hauses Mackenstein wären herzlich willkommen ihn dort, am Ort seines tapferen Todes, zu besuchen. Der im Erlenschloss zurückgelassene Ritter Alderich reagierte gefasst auf den Bericht vom Tod seines Bruders, wenn man ihm auch seine Trauer und den Zorn auf die Schwarzpelze von den Augen ablesen konnte. Er wollte zwar sogleich zum Grab seines Bruder Eckbart von Mackenstein aufbrechen, doch Lyeria konnte ihn dazu bewegen, die Firntrutz erst mit der Delegation der Golgariten zur Schneeschmelze aufzusuchen, wenn das Paar von der Almhütte auch seiner wirklich letzten Ruhestatt zugeführt werden sollte.
Bei Oberangbar spaltete sich die Gruppe der Rabenhorster Golgariten von der Gruppe ab und erreichte ohne allzu große Zwischenfälle auch wieder die Mark und nach einem beschwerlichen Ritt durch die Berge das Kloster Rabenhorst. Die anschließende Reise nach Angbar sollte aber unbelastet und mit angemessener Freude stattfinden können. An ihr nahmen auch die anderen zurückgekehrten "Entführer" teil, der flachsblonde Angbart von Eberstamm-Auersbrück und Therunbold von Cellastein - ein gelockter Gesell mit, Schnurrbart, Bierbauch und bunter Kleidung. Sie kamen mit einigen Dörflern aus einer nahegelegenen Sendschaft bei der Firntrutz an und wollten das kranke Paar mit einigen Tragen in die nächste Stadt bringen - ein Plan, der dank deren Genesung nicht mehr nötig war.
Tatsächlich ritten beide recht ausdauernd mit und begannen die Reise geradezu zu genießen. Herr Praios schenkte auf den letzten Meilen des Weges fast frühlingshaften Sonnenschein, der die winterliche Landschaft in silbernem Schein glitzern ließ. Immer wieder winkten Dorfbewohner den Vorbeiziehenden freundlich zu oder machten tiefe Verbeugungen ... offenbar hatte sich die Nachricht von der Rettung des Prinzenpaares schnell verbreitet.
Doch war dies nichts im Vergleich zu dem, was sie in der Reichsstadt Angbar erwartete. An den Straßen standen die Bürger dicht gesäumt und jubelten laut, wie man es sonst nur beim Festzug der Angbarer Warenschau erleben mag. Blaskapellen spielten und stießen in der Kälte kleine Wölkchen in die Luft. Kinder hatten zwei große Schneemänner errichtet, die Händchen hielten, Kronen trugen und offenbar das Prinzenpaar darstellen sollten. Als einige von ihnen aus Übermut "Jubel-Schneebälle" in die Luft warfen und dabei versehentlich den in feierlichen Pelz gehüllten Reichsvogt Bosper zu Stippwitz trafen, nahmen sie jedoch reißaus. Die Erwachsenen begnügten sich damit, nach alter Sitte die Einziehenden mit Sägespänen zu bewerfen. Anshold, der sonst eher für seine Zurückhaltung und Scheu vor Menschenmassen bekannt war, zeigte sich ehrlich erfreut und winkte an der Seite der Prinzessin lächelnd zurück.
Bereits als sie die Brücke zum Wasserschloss Thalessia überquerten (das noch immer zur Hälfte im Wiederaufbau steht), wartete Fürst Blasius, ohne seine Aufregung verbergen zu können, auf die lange ersehnten Ankömmlinge. Neben ihm stand Cantzler Nirwulf und zwinkerte listig zum Gruße. Den Fürsten hatte nichts mehr auf dem in Innenhof errichteten Sessel gehalten, stattdessen war er zum Torbogen gestürmt um seinen ältesten Sohn und seine Schwiegertochter in seine Arme zu nehmen... und schließlich auch Edelbrecht, der die Szene gemeinsam mit seinen Gefährten strahlend beobachtet hatte. Auch in den Augen der 90-jährigen Fürstinmutter Thalessia konnten wagemutige Schaulustige ein paar Tränen glitzern sehen, als sie ihren verlorenen Enkel und seine Gemahlin begrüßte – eine Seltenheit bei der resoluten Dame. Doch schon als sie beide anschließend gründlich musterte, war sie zur Erheiterung der Anwesenden wieder die Alte als sie anmerkte:
"Mager seid ihr geworden ... so wird das nie etwas mit Nachwuchs!"
Die "Entführer" ließen es sich nicht nehmen die Geschichte selbst zu erzählen. Mit betrübter und schuldbewusster Mine schilderten sie den Verlauf, ergänzt von den Prinzen Anshold und Edelbrecht, die ihre Sichtweise wiedergaben. Sie wussten, wie sehr ihr Vater spannende Geschichten liebte, und geizten daher nicht mit der einen oder anderen Ausschmückung - auch wenn schon die tatsächlich erlebte Version wohl bunt genug gewesen wäre, um den Fürsten zu beeindrucken. Entsprechend gebannt lauschte der Fürst, der nun wieder auf dem Sessel an der Seite seiner Mutter Platz genommen hatte. Als die Geschichte zu Ende war, erhob sich der alte Eberstammer und verkündete lauthals die Begnadigung der angeblichen Entführer - die aus gutem Willen gehandelt und zufürderst durch unglückliche Umstände die Unruhe der letzten Wochen entfacht hatten. Dies solle vergessen sein - und die Freundschaft mit dem Haus Eberstamm sei ungebrochen.
Selbst mit der Händlerin Bibernell Liebanger, die - noch immer streng von einem kleinen runden Hellebardier bewacht - am Rande des Schlosshofes stand, zeigte der Fürst Gnade und begnügte sich mit ihrer Verbannung in den Außerkosch. Urion von Reiffenberg nahm sich ihrer an. Entschlossen hatte er sich beim Fürsten für sie eingesetzt und vorgeschlagen, dass Bibernell als Lohnkutscherin auf dem Markgräflichen Marstall arbeiten durfte.
Die Reckinnen und Recken aber, die das Prinzenpaar in Firntrutz fanden, vor den Schwarzpelzen retteten und wieder nach Hause führten, ernannte Fürst Blasius vom Eberstamm feierlich zu Mitgliedern der Gesellschaft der 42 - dem Orden der Freunde des Hauses Eberstamm - und heftete ihnen zum Zeichen dieser Erhebung einen kupferglänzenden Keiler an. So geehrt trennten sich, nachdem man den glücklichen Ausgang gebührlich mit kurzem Dankgötterdienst und langem Festgelage gefeiert hatte, die Wege fürs erste. Die Greifenfurter ritten an der Seite ihres Prinzen in ihre Heimat zurück - und auch die Koscher und verbliebenen Golgariten gingen ihrer Wege.
... noch ahnten sie nicht, dass sie schon bald ein neuer Grund wieder zusammenführen sollte. Erst als sich im Laufe des Tsamondes das Gerücht verbreitete, dass der böse Bann gebrochen sei und Prinzessin Nadyana endlich wieder ein Kind erwartete, zeichnete es sich ab ... vielleicht würde man sich ja bei der Taufe des Kindes, das den Fortbestand des tausendjährigen Hauses Eberstamm sichern würde, bereits im Sommer wiedersehen.