Entführung des Prinzenpaares - Koscher Wachen

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Erlenschloss, 1031

Derweil kam am anderen Ende des Schlossgeländes, unweit des Torhäuschens, an dem das Betreten des Grundstückes überwacht wurde, der Schatten auf Timokles zu. Er kam vom Tor selbst, in seiner Hand zeichneten sich die Umrisse einer Hellebarde ab. Der dickliche Mann mit Zwirbelbart näherte sich dem Knappen - offenbar handelte es sich um eine zweite diensthabende Schlosswache.
„Was stehst du hier herum, Junge?“
Timokles, der lange versuchte, etwas Genaueres auszumachen, zuckte kurz zusammen, bis ihn irgendetwas in der Stimme reflexartig dazu brachte, Haltung anzunehmen.
„Ich bin Timokles, und bin die Vorhut des Prinzen, ich meine, ich bin Teil der Vorhut, und sollte hier Stellung beziehen, während Euer Comes die Ankunft des Prinzen und des Cantzlers anmeldet. Ich meine, den Zwergen, Nirwulf, und Seine Hochwohlgeboren, den Prinzen vom Eberstamm“, stammelte der Knappe hervor, ohne auch nur zu wagen, sein Strammstehen aufzugeben.
Die Stirn des Hellebardenträgers legte sich in Falten, Misstrauen spiegelte sich in seinen Augen, als er seine Faust fester an seine Waffe klammerte.
„Des Cantzlers Nirwulf und Prinzen vom Eberstamm? Was redest Du da, Junge? Der Prinz, genauer der Erbprinz, ist seit Wochen verschwunden und der Cantzler ist erst heute Morgen aufgebrochen, um nach Spuren zu suchen. Also…“, die Stimme der Wache wurde lauter, „...was willst du wirklich hier?“
Urion hatte seinen Rundgang beendet und befand sich auf direktem Wege zurück zum Posten des Knappen, als er aus einiger Entfernung eine zweite Person mit einer Hellebarde bei dem Knappen stehen sah. Es handelte sich dabei vermutlich um eine weitere Wache, die auf ihrem Rundgang den Knappen entdeckt hatte und nun auf ihn einredete. Er erkannte eine gewisse körperliche Anspannung in der Haltung des Soldaten.
Urion näherte sich der Gruppe langsam und im Schutze einiger mannshoher Sträucher, die von der auf ihnen ruhenden Schneelast ihre Zweige beugen mussten. Mit seiner weiß-braunen Tarnkleidung hob er sich kaum vom Hintergrund ab. Als er bis auf 15 Schritt herangekommen war, blieb er stehen und lauschte dem Gespräch.
„Ich, ich, ich“, der Knappe schluckte; auf eine solche Auseinandersetzung war er nicht vorbereitet. Er merkte, wie trotz der erbarmungslosen Kälte Schweiß seinen Rücken hinablief und seine Knie etwas zitterten, sodass sich seine einwandfreie Haltung langsam auflöste. Dann erinnerte er sich seiner Queste, der Begleitung solch hochgestellter Persönlichkeiten, und in ihm wuchs der Wunsch, nicht schon wieder zu versagen. Als nun der Wächter abermals auf ihn eindrang, seine Hellebarde bedrohlich vor sich platziert, schien sich in ihm ein Knoten zu lösen
„Na wird’s bald, was machst du hier, Bursche!“, schnauzte Timokles zurück, der seine Fassung und auch die Kraft seiner Stimme wiedergefunden hatte.
„Ich bin hier in einer wichtigen Queste unterwegs, deren Bedeutung und Inhalt Ihr weder zu kennen würdig, noch zu verstehen in der Lage seid, Wächter. Doch nehme ich zur Kenntnis, dass Ihr Eure Aufgabe mit Bedenken und Verantwortungsbewusstsein wahrnehmt. Euch sei nur mitgeteilt, dass wir uns eben dieses Verbrechens, das den Prinzen vom Eberstamm ereilte, eingedenk sind und so zusammen mit den edelsten Recken der Mark Greifenfurt und des Kosch hier erschienen sind, um die Übeltäter, die diese Tat begangen haben, Ihrer zwölfgöttlichen Strafe zu überanworten.“
Seine Stimme hatte sich zu einer nicht gekannten Festigkeit erhoben und er machte einen Schritt vorwärts, wobei zu seinem Erstaunen auch der Wächter etwas zurückwich.
„Geht also wieder auf Euren Posten, Mann, und empfangt den Markgräflichen Gemahl von Greifenfurt, Prinz von Kosch, Land-Edler von Greifenfurt und Ritter des Reiches, Edelbrecht vom Eberstamm!“
Die rundliche Wache war sichtlich erstaunt. Seine Augen waren einen Moment groß wie Pflaumen, ehe er laut und herzhaft zu lachen begann
„Ach du gehörst zum Prinzen Edelbrecht! ... hahaha... Na du bist mir ein komischer Bursche. Will einem fürstlichen Hellebardier Befehle erteilen… na an dir wird der gute Prinz sicher seiner Freude haben.“
Urion trat aus seiner Deckung – in 15 Schritt Entfernung, nicht dass der Hellebardier auf krumme Gedanken käme - und sprach laut zum Soldaten.
„Da hat er ganz recht, Soldat. Seine Hochwohlgeboren, der Prinz Edelbrecht, hat seine wahre Freude an diesem jungen, mutigen Knappen des Golgaritenordens. Und ein komischer Bursche ist unser Timokles nun wahrlich nicht, zumindest hat er in den letzten Tagen soviel durchgemacht, dass er bestimmt nicht zu Scherzen aufgelegt ist. Er sollte sich vor dem Verstand des jungen Recken in Acht nehmen; der ist manchmal schärfer als sein Schwert. Nebenbei vergaß ich mich vorzustellen, Rittmeister Urion von Reiffenberg, Edler zu Rosskuppe und Verwalter des Markgräflichen Gestüts zu Hexenhain und heuer Anführer der Vorhut des Prinzen Edelbrecht vom Eberstamm-Wertlingen.“
Zum Knappen gewandt sprach er: „Lauf jetzt zum Stall und sieh nach, ob du unsere Pferde den Stallknechten überlassen kannst. Danach gehst du sofort ins Schloss und kommst mit dem alten Posten hierher, um den Prinzen zu begrüßen und deiner Herrin zur Hand zu gehen. Sie wird sicherlich genauso durchgefroren sein wie wir. Ich bin sehr zufrieden mit dir und du wirst mir heute Abend beim Essen berichten, was du auf diesem Ritt alles für dich gelernt hast. Aber jetzt troll dich.“
Die dickliche Wache hatte bei Urions Auftritt Haltung angenommen und stand nun regungslos da. Timokles war ebenso erstaunt wie erfreut, dass der Rittmeister sich plötzlich aus der Dunkelheit geschält hatte. Er nickte dem Wächter zu und deutete eine knappe Verbeugung gegenüber dem Rittmeister an.
„Ja Herr, ich bin schon auf dem Weg.“
Während sein Herz ihm immer noch bis zum Halse schlug und sein Blut in den Ohren rauschte, nahm er Urion die Zügel seines Pferdes ab, wandte sich von den beiden Männern ab, wobei er den Hellebardier mit keinem weiteren Blick beachtete, und ging in Richtung eines Stallgebäudes. Dort angekommen erblickte er in einer der Boxen ein sonderbares, höckriges Wesen, das so ähnlich wie ein Pferd aussah, nur größer. Er versank in ein angestrengtes Nachdenken und kam zu dem Schluss, dass es sich wohl um einen sogenannten Bidenhocker handeln müsste. Ein Wesen, das aus den Weiten der südlichen Wüste stammen musste.
Von einem verwunderten Knecht, der gerade auf einem Rundgang durch die Ställe war, wurde er aus seinen Grübeleien gerissen, drückte diesem die Zügel der Pferde in die Hand und bemerkte, dass man mehrere Boxen freimachen solle, da eine berittene Delegation des Prinzen Edelbrecht von Eberstamm-Wertlingen erwartet werde. Den Knecht zurücklassend, der in eine geschäftige Hektik verfiel, durchquerte Timokles den Schlosshof, klopfte sich vor dem Tor zum Hauptgebäude rasch den ärgsten Schmutz von der Kleidung und betrat das Gebäude. Als er gerade durch den getäfelten Flur schritt, auf eine zweiflüglige Tür zu, stieß er fast mit dem Wächter zusammen, den er holen sollte.
„Kommt, wir wollen den Prinzen begrüßen, folgt mir!“
Timokles schritt hinter dem Wächter her, nickte Urion zu und sprach: „Rittmeister, ich habe alles erledigt, wie Ihr befahlt.“
Dann bezog er ebenso Stellung, während die Kälte wieder in seine Glieder zu dringen begann und er regelmäßig auf den gefrorenen Boden stampfte, um das Leben in seinen Zehen zu erhalten.
‚Hoffentlich ist im Schloss der Empfang schon bereitet, mit einem warmen Ofen, einer dampfenden Suppe und Wildbret’, schwärmte er in Gedanken.