Eine Brücke zu (zer)schlagen - Reim und Röhricht

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Texte der Hauptreihe:
K5. Reim und Röhricht
Ing 1035 BF
Reim und Röhricht
Käse und Herz

Kapitel 5

Efferd und Phex
Autor: Lindholz, Geron

Die Warnamündung, am nächsten Tag (1035)

Kleine Schäfchenwolken trieben träge über den azurfarbenen Morgenhimmel. Eine leichte Brise trug den Ruf eines Teichrohrsängers aus dem wogenden, geheimnisvoll säuselnden Schilfgürtel der Warnamündung an Alerichs Ohr. Das Licht des Praiosrunds schien hell und versprach, dass der Sommer nicht mehr weit war, während es die noch kühle Nacht vergessen machte.
Genüsslich streckte sich der Schmuggler auf der einfachen Holzbank vor der kleinen Kate aus. Es würde ein guter Tag werden, da war er sicher! Gerade hatte er die Füße übereinandergeschlagen und beobachtete seine Stiefelspitze, die er unbeschwert auf- und abwippen ließ, als er das Geräusch von beschlagenen Pferdehufen hörte.
„Heda, Bursche, bist Du Alerich?“ fragte ihn eine kräftige Männerstimme. Alerich drehte den Kopf und erblickte drei Schritt vor ihm zwei gerüsteten Männer auf den Rücken von braunen Warunkerpferden. Der linke schien ihn angesprochen zu haben.
„So ist‘s, hoher Herr. Was ist Euer Begehr?“ antwortete Alerich, ohne sich aus seiner entspannten Haltung zu lösen.
„Alerich Siebentöter, hiermit nehme ich, Saria von Lindholz-Hohenried, Ritterin von Bergund Euch fest, wie es meine praiosgegebene Pflicht ist. Schmuggel und Raub sind nur zwei der Anklagepunkte, die gegen Euch erhoben werden, darum macht es nicht noch schlimmer und begleitet uns ohne Gegenwehr!“
Eine braunhaarige Frau hatte, begleitet von einem weiteren Reiter, die Hütte auf der anderen Seite umrundet. Hoch zu Pferd standen Alerich jetzt vier Bewaffnete gegenüber.
Alerich Siebenschröter – nicht Siebentöter“, korrigierte der Mann dennoch gelassen und richtete sich gemächlich auf, wobei ein Schwert zum Vorschein kam, das zuvor unter seinem Rücken verborgen war. Gleichzeitig öffnete sich die Tür der windschiefen Hütte und drei weitere Bewaffnete traten ins Freie. Auch in das Röhricht kam Bewegung, die nicht vom Wind herrührte, und der am Vortag entkommene Armbrustschütze sowie vier seiner gedungenen Begleiter traten hervor.
„Ihr seid schnell gereist, aber nicht schnell genug. Nun seid ihr in der Falle und ich bin am Zug!“ verkündete Alerich mit einem selbstgerechten Grinsen, während er seine Waffe blank zog.
Geron fluchte innerlich. So ein plumper Hinterhalt, und sie waren einfach hinein geritten.
„Ihr irrt euch, Alerich“, erwiderte er mit bestimmter Stimme. „Ihr seid es, der einen Fehler begangen hat. Ihr habt neun eurer Spießgesellen beisammen, aber der Bolzen ist schnell verschossen, und dann geht es in den Nahkampf. Ihr habt es hier mit zwei kampferprobten Rittern und zwei erfahrenen Waffenknechten zu tun. Wir haben schon gegen Schwarzpelze und Wegelagerer gekämpft, als ihr noch nicht einmal wusstet, wo das spitze Ende eines Schwertes ist. Ich gebe euch und euren Bauernlümmeln eine letzte Chance, um euch zu ergeben. Ansonsten wird keiner von euch diesen Tag heil überstehen.“
Alerich lachte ob dieser selbstsicheren Rede und entblößte sein Schwert.
„Ihr seid es, der die Lage verkennt. Alrik, schieß ihn ab!“ rief er und rannte nach vorne. Doch Geron schien sein Vorhaben erahnt zu haben und riss sein wieherndes Pferd herum.
„Auf die Kerle im Röhricht!“ brüllte Geron und trieb sein Pferd nach vorne. Er konnte sehen, wie seine beiden Reisige seinem Befehl folgten, aber was Saria tat, konnte er nicht erkennen, doch da sah er, wie der Armbrustschütze seine Waffe auf ihn anlegte und abdrückte. Auf die kurze Distanz war er kaum zu verfehlen gewesen, und so riss ihn die gewaltige Wucht des Bolzen aus dem Sattel. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen, und für einen Moment glaubte er, dass es nun vorbei war, aber der Bolzen hatte nur seine linke Schulter getroffen. Er hatte schon schlimmeres überstanden.
Mühsam rappelte er sich auf und ergriff sein Schwert. Hinter ihm jagten seine beiden Reisigen auf die Kämpfer im Röhricht zu. Der Armbrustschütze trug gleich im ersten Ansturm eine Axtwunde am Kopf davon und färbte bereits das seichte Wasser mit seinem Blut. Mit den anderen Kämpfer tauschten die Waffenknechte nun wuchtige Hiebe aus und setzten dabei ihre Pferde ein um das Gleichgewicht zu bewahren. Geron erfasste all dies in wenigen Augenblicken und konzentrierte seinen Blick auf Alerich. Saria jagte an ihm vorbei und schien ihr Pferd wenden zu wollen, um ihm beizustehen, denn immerhin folgten nur wenige Schritte hinter Alerich drei weitere Vogelfreie.
„Saria, zum Röhricht und macht die Kerle dort fertig. Ich halte sie solange auf.“
Ein entschlossener Ausdruck lag auf Gerons Gesicht. Sollten diese Bauerntölpel doch versuchen ihn zu bezwingen. Ihn, der er einst an einem Tag gegen neun nordmärkische Ritter am Greifenpass gekämpft hatte.
Saria musste jedoch nur einen kurzen Blick auf Gerons herabhängenden Arm werfen, um sich nicht von den Worten des tapferen Ritters umstimmen zu lassen. Sie lenkte das Pferd an Gerons ungeschützte Linke und ließ es steigen. Der ihr gegenüberstehende Halunke riss instinktiv die Arme nach oben, und Saria nutzte den Schwung des Pferdes, als es sich wieder auf die Vorderhufe fallen ließ, um ihm die Klinge tief in die Brust zu stoßen. Der Gedungene starrte sie noch einen Herzschlag ungläubig an, bevor sein Blick brach.
Eine der Bewaffneten erkannte die Gelegenheit, als Saria Schwierigkeiten damit hatte, die Waffe wieder aus dem Brustkorb ihres Gegners zu ziehen, und führte einen Hieb auf die Bergunderin. Die Klinge war mit so viel Wucht geführt, dass ein ungeschützter Arm abgetrennt worden wäre. Auch für Saria hätte es nicht gut ausgesehen, wenn Geron nicht dazwischen gesprungen und den Säbel im letzten Augenblick abgelenkt hätte, sodass das Schwert nur ihren Unterschenkel touchierte.
Saria warf ihrem Begleiter einen dankbaren Blick zu, während sie den Stiefel gegen die Brust des geschlagenen Kämpfers setzte, um ihre Waffe endlich zu befreien. Sie musste Geron beizustehen, der sich verbissen gegen zwei Gegner zur Wehr setzte! Alerich hingegen verharrte an seiner Position. War er am Ende, trotz aller Übermacht, der Meinung, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen war? Gerne hätte sie den hinterlistigen Kerl im Auge behalten, doch vorerst galt es, sich einem Kampf zu stellen.
Mit einem angriffslustigen Schrei zu Ehren der Löwin ließ sie die Waffe auf ihre Gegnerin herniederfahren. Diese jedoch erwies sich als würdige Gegnerin und wich geschickt aus. Nein, hier würde sie nicht so leichtes Spiel haben, begriff Saria und sie fürchtete, dass Gerons Leute ihren Vorteil, beritten zu sein, im morastigen Untergrund des Röhrichts bald würden aufgeben müssen, wenn sie nicht von ihren flinkeren Gegnern ausmanövriert werden wollten. Es würde ein hartes Ringen werden.

Zur gleichen Zeit, ganz in der Nähe

Nachdem sie auf der Seite von Neuvaloor keine Spuren am Ufer der Warna gefunden hatten, die auf die Aktivitäten irgendwelcher Leute hingedeutet hätten, waren Olgosch und Ingramosch unverrichteter Dinge wieder in die Siedlung zurückgekehrt. Doch als wenige Tage danach der Händler Bosper Hopfenwart ein weiteres Mal in Neuvaloor eintraf, hatte der ihn durch den Sumpf führende Torfstecher von einer geheimnisvollen Hütte erzählt, die er selbst nahe bei der Mündung der Warna in den Großen Fluss gefunden habe. Diesem Hinweis mussten die Zwerge nachgehen, denn es ging nicht an, dass jemand im Verborgenen einen Unterschlupf baute. Es war bereits verdächtig, dass niemand in Neuvaloor vorstellig geworden war, obwohl das zum Handeln von Waren oder gelegentlichen Kontakt auf der Hand gelegen hätte.
Da er nicht ohne Gewissheit alle Zwergenkämpfer aus der Siedlung abziehen wollte, hatte Olgosch beschlossen, zunächst nur Ingramosch mitzunehmen - sowie den Torfstecher selbst, dem er ein kleines Entgeld für den schnellsten und sichersten Weg durch den Sumpf zahlte.
"Gleich hinter dieser Biegung ist es", krächzte der Torfstecher mit rauer Kehle, doch da vernahm Olgosch bereits die Kampfgeräusche.
"Zurückbleiben!", zischte er dem Torfstecher zu und zog seine Axt. Ingramosch tat es ihm gleich.
"Hiergeblieben!", versuchte Olgosch ihn noch zu ermahnen, doch der junge Zwerg wollte nicht hören. Endlich bot sich die Gelegenheit für ein Abenteuer, und die würde er nicht verpassen! So stürmte er auf die beiden Schurken zu, die gerade gegen einen Ritter kämpften. Er wollte ihnen offensichtlich in den Rücken fallen. Doch er hatte sich nicht vergewissert, dass auf der anderen Seite des Hauses niemand stand. Und so spürte er plötzlich, wie jemand von hinten einen Arm um seinen Hals legte und einen metallischen Gegenstand an die Kehle drückte.
"Ganz ruhig, oder er geht zu Boron!", sprach Alerich. Dabei wandte er sich zuerst an die kämpfenden Ritter, dann drehte er sich instinktiv zu den Neuankömmlingen um.
"Die Waffen runter, und zwar sofort!", fügte er mit einem triumphierenden Lächeln hinzu. Olgosch tat, wie ihm geheißen, und auch der Torfstecher ließ den Knüppel fallen, den er vorher an seinem Gürtel getragen hatte.
Saria blickte zu Geron hinüber. Für einen Augenblick noch blitzte Enttäuschung und Trotz in ihren grünen Augen auf. Dann besann sie sich und senkte das Schwert während ihr Blick, nun wieder ruhig, jeder Bewegung des hämisch grinsenden Alerich folgte. Auch Geron folgte Alerichs Forderung und senkte sein Schwert.
Olgosch wagte es, einen Schritt näher heranzukommen.
"Damit werdet Ihr nicht durchkommen! Seht es doch ein, Ihr habt verloren!"
Einige Sekunden verstrichen, doch der Anführer der Schmuggler dachte gar nicht daran, aufzugeben.
"Ich tät Euch gerne etwas lehren, doch müsst Ihr mich schon bald entbehren!", lachte Siebenschröter und zog sich, den angsterfüllten Zwerg als lebendes Schutzschild benutzend, in Richtung des Flussufers zurück.
"He, Du da! Ja, genau, der Mensch in den abgerissenen Klamotten!", rief er dem Torfstecher zu. "Komm mal rüber - und zwar schön langsam."
Zögernd näherte sich der Torfstecher.
"Hol die Kiste aus der Hütte und trag sie bis zum Fluss."
Dann beschrieb Alerich noch etwas genauer, wo die Geldkatze mit dem ergaunerten Geld verborgen war. Dennoch dauerte es einige bange Minuten, in denen der Schmuggleranführer mit wachsender Ungeduld den Torfstecher rief, der sich offenbar nicht sehr schlau anstellte und mehrmals rückfragen musste, wo nochmals die Beute zu finden sei. Als er schließlich mit ihr zum Ruderboot kam, zwang Alerich ihn, mit der Beute ins Boot zu steigen. Bei dem Zwerg war sich Alerich nicht sicher, ob er nicht auf dem Wasser Panik bekommen und das Boot umreißen würde. Außerdem wog er mehr.
Geron folgte Alerich, seiner Geisel und dem Torfstecher in gebührendem Abstand. Auch die übrigen Kombattanten hatten ihre Kämpfe eingestellt und beobachteten das Geschehen.
Olgosch war dem Anführer mit etwas Abstand gefolgt. Jetzt appellierte er ein weiteres Mal an den Schmuggler.
"Siebenschröter, wehe Euch, wenn Ihr auch nur einem von beiden ein Haar krümmt!"
"Keine Sorge", erwiderte der Schmuggler und stieß mit diesen Worten Ingramosch weg. Dieser taumelte in Richtung Olgosch, so dass er diesem im Weg stand. Dadurch hatte Alerich genug Zeit, um selbst ins Boot zu steigen, ohne dass ihn einer der Häscher erreichen konnte.
"Ablegen!", befahl er dem Torfstecher, der offensichtlich völlig verängstigt war und sich ganz ruhig ins Boot geduckt hatte.
"Kommt nicht auf die Idee, nach mir zu schießen - ich habe immer noch eine Geisel!"
Nach einigen Ruderschlägen hatte sich das Boot vom Flussufer entfernt hatte. Eine letzte Leine, die mit einem Pflock am Ufer verbunden war, hielt es noch fest, so dass es an einer Stelle auf dem Fluss stehenblieb. Ein letztes Mal drehte sich Alerich zu den Zwergen um.
„Selbst wenn ich es nicht kann, so werden die Götter Euch strafen, Ihr Schurke. Wie könnt Ihr, nur von der Gier getrieben, das Leben Unschuldiger so gering schätzen?“ herrschte die bergunder Ritterin den reimenden Halunken erbost an und riskierte einen Blick zu ihrem Ross hinunter. Das Tier war nicht aus edelster Zucht, doch sicherlich würde es eine Zeit lang mit dem kleinen Kahn mithalten können. Aber was würde der Verbrecher dann seiner Geisel antun? Es war zwecklos, musste sie sich frustriert eingestehen. Ihr Widersacher schien dies zu wissen und quittierte ihren Vorwurf lediglich mit einem gehässigen Lachen.
"Ihr wollt mir ne Lektion erteilen, jetzt seht Ihr mich sogleich enteilen!"
"Bist Du Dir da so sicher?", fragte plötzlich der Torfstecher mit klarer Stimme, die überhaupt nicht zu seinem alten, verhutzelten Aussehen passen wollte. Einen Moment war Alerich irritiert. Woher... ? Da dämmerte es ihm.
"DU!"
"Ja, ich.", stimmte ihm der "Torfstecher" zu, in dessen nächsten Worten ehrliches Bedauern mitschwang.
"Alerich, Du hast mich schwer enttäuscht. Hast Du wirklich gedacht, ich würde Deine Alleingänge nicht bemerken? Doch nicht nur, dass Du hinter meinem Rücken arbeitest, Du musstest auch noch zu so brutalen und stillosen Mitteln greifen. Du hättest unter mir noch ganz schön etwas werden können - wer weiß, vielleicht sogar eines Tages mein Nachfolger. Aber dann wurdest Du zu gierig, und die Gier hat Dich so blind gemacht, dass Du nicht einmal Deinen alten Anführer in einer Verkleidung rechtzeitig erkannt hast."
Alerich war völlig überrumpelt. Plötzlich bestand die Welt nur noch aus diesem kleinen Boot, und es galt: Entweder sein Anführer oder er selbst. Dann gewann sein Überlebenstrieb die Oberhand. Mit einer routinierten Bewegung warf er einen Dolch direkt auf den Verkleideten. Dieser hatte instinktiv das Ruder nicht aus der Hand gelassen und wehrte damit unglaublich schnell und präzise die Wurfwaffe ab. Dann warf er seinerseits etwas auf Alerich: die Geldkassette, mit der er den Schmuggler direkt am Kopf traf. Dieser merkte halb benommen, wie die Geldkatze an ihm herunterpurzelte und in den Fluss zu fallen drohte. Mit einem kraftlosen "Nein!" klammerte er sich an das schwere Kästchen und fiel mitsamt diesem aus dem Boot.
Der falsche Torfstecher blickte beiden einen Moment nach, dann wandte er sich an die am Ufer Stehenden.
"Werte Zuschauer, ich würde mich nach dieser Darbietung meiner Kunst gerne vor Euch verbeugen, doch das ist in einem Ruderboot nicht sehr klug! Ihr müsst Euch also mit diesem bescheidenen Gruß zufrieden geben!"
Mit einem breiten Lächeln zog er den Hut und neigte kurz den Kopf. Dann warf er Ingramosch eine Münze zu.
"Hier habt Ihr den Lohn zurück, den Ihr mir für die Führung durch den Sumpf gezahlt habt. Spendet das an Eurem Phexenschrein, denn der Fuchs war heute sehr gnädig zu mir! Und bestellt ihm einen schönen Gruß vom Roten Jast!"
Mit diesen Worten löste er das Seil vom Boot und ruderte geschwind von dannen.
Mit einem energischen „Hü!“ trieb Saria ihr Pferd in den Galopp und hetzte neben dem Kahn her.
„Wieso die Mühe, edle Dame?“ fragte der rudernde Jast. „Ihr solltet dankbar sein, dass ich Euch die Arbeit abgenommen habe.“
„Baron Barytoc Naniec Thuca von Bragahn hat mich hier eingesetzt, um Gerechtigkeit in seinen Landen durchzusetzen. Dazu gehört sicherlich nicht, Faustrecht zu akzeptieren. Und das auch noch von einem äußerst verdächtigen Gesellen!“ gab Saria zurück, die sich tief über den dunkelbraunen Warunker beugte, um mit der raschen Strömung mitzuhalten. Doch ihr Gegenüber lachte lediglich gelassen auf, während das Ruderboot auf den Großen Fluss hinausschoss. Fassungslos sah die Ritterin zu, wie der Rote Jast mit dem zerbrechlichen, kleinen Gefährt auf die Mitte des Stroms zuhielt.
„Kehrt um! Ihr werdet kentern!“ brüllte die Ritterin ihm zu, während sie ihren Braunen am Flussufer zum Stehen brachte, die Vorderhufe schon im flachen Wasser.
„Sorgt Ihr Euch etwa um mein Leben, edle Dame? Ich fühle mich geehrt. Aber Phex wird schon ein gutes Wort bei seinem Bruder für mich einlegen“, rief ihr Gegenüber zurück und lenkte das Boot souverän durch die Wellenkämme. Langsam, aber beständig kam er der anderen Seite des Flusses näher; weit außerhalb des Zugriffs der Ritterin. Saria seufzte auf. Dann wandte sie ihren Warunker und kehrte zu der kleinen Hütte am Warnaufer zurück.
Dort hatten Geron seine Leute und die Zwerge die übrigen Schmuggler entwaffnet und gefesselt. Einer der Reisigen versorgte gerade Gerons Schulterwunde, während die andere Waffenmagd Gerons ihr verbundenes Bein massierte.
„Nun, ein Ruhmesstück habe ich nicht gerade abgeliefert. Um es mit Praios zu sagen: Ich habe darin versagt, einen Halunken der Gerechtigkeit zuzuführen. Dennoch möchte ich Euch und Euren Männern danken, Euer Wohlgeboren, dass Ihr mir beigestanden habt. Und es freut mich, dass Ihr, werter Angroschim unverletzt geblieben seid“, merkte Saria von Lindholz-Hohenried an, als sie zurückkehrte.
Geron rappelte sich bei Sarias Rückkehr auf. Ganz im Gegenteil sprach er zu der Darpatin, welche gerade absaß.
„Ihr habt einer Bande Schmuggler das Handwerk gelegt und eure Lande damit erheblich sicherer gemacht. Grämt euch nicht über den Roten Jast. Der Schurke ist schon so manchem durch die Lappen gegangen und heute stand er auf unserer Seite, so trübt es mich nicht allzu sehr, dass er entkommen konnte.“
Als Geron sah, dass Saria immer noch untröstlich aussah, nahm er sie behutsam in den Arm.
Gerons Reisige grinsten sich vielsagend an. Das Bild wirkte arg bizarr. An und für sich eine rührende Szene machte der blutige Wappenrock, die frisch verbundene Schulter und die stöhnenden Verwundeten die Umarmung etwas ungewöhnlich.
Aus einem Impuls heraus, erstarrte die Ritterin bei der einengenden Berührung, doch der Drang, den ihr doch eigentlich fremden Ritter von sich zu stoßen, wollte sich nicht einstellen. Der Geruch feuchter Erde und verrottetenden Röhrichts vermischte sich mit dem frischen Schweiß auf seiner Haut und der unangenehm metallischen Note trocknenden Blutes. Und dennoch fühlte sie sich geborgen in den Armen des kampfgestählten Mannes. So erwiderte sie die Umarmung und ihre Hände in den schweren, verstärkten Handschuhen wanderten über den Rückenpanzer Gerons. Für ein paar Atemzüge schloss sie die Augen und gab sich dem Wunsch hin, dass nicht Stahl, Stoff und Leder ihre Körper voneinander trennen würden.
Als sie die Lider wider hob, wurde sie sich der amüsierten Blicke der Gefährten Gerons gewahr und löste sich mit errötenden Wangen, aber einem Lächeln auf den Lippen von dem fahrenden Ritter.
„Ihr habt Recht. Nun werden die Arbeiten sicher rasch vorankommen und schon bald wird ein stetes Kommen und Gehen Bergund und seine Moorbrücker Nachbarn verbinden.“
Als Ihr Blick auf die Gefangenen fiel, wurde der Ausdruck in Ihren Zügen jedoch hart.
„Ihr aber werdet von nun an Steine schlagen; für die Brücke, die ihr zu zerstören trachtetet und viele andere Gebäude, die den Menschen Schutz und Nutzen sein mögen. Vielleicht wird Euch das lehren, das Werk anderer höher zu schätzen.“
Geschlagen senkten die gefangenen Schmuggler das Haupt und nur schwach wurden Protest- und Widerworte gemurmelt.
Ingramosch fasste sich unterdessen an seinen Hals, sichtlich froh, wieder frei atmen zu können. Tränen standen ihm in den Augen. Darauf wollte Olgosch keine Rücksicht nehmen.
"Du dummer Narr!", herrschte er ihn an. "Sind Dir Abenteuer wichtiger als das eigene Leben? Du kannst Phex danken, dass Du heute noch einmal davongekommen bist! Aber eines sage ich Dir: Mit mir wirst Du nicht mehr durch die Gegend ziehen können!"
Ingramosch nickte nur und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Olgosch wandte sich unterdessen an Saria und Geron.
"Wacker gekämpft!", nickte er dem Söldner anerkennend zu. "Höchst bedauerlich, dass wir erst so spät einschreiten konnten. Aber wer hätte sonst die Siedlung mitten im Sumpf derweil bewacht?"
Nun blickte er Saria an.
"Es hat sich als sehr gute Idee erwiesen, Kämpfer anzuheuern! Anders wären wir diesen Sabotageversuchen nicht Herr geworden! Es ist beinahe beschämend, dass wir von Moorbrücker Seite so wenig beigesteuert haben. Aber zumindest einen Beitrag kann Neuvaloor leisten."
Mit einer Geste deutete er auf Ingramosch.
"Unser Held hier wird beim Aufbau der Brücke helfen! Vielleicht färbt sein bisheriges Glück ja auf den Bau ab. Und ansonsten kann es nicht schaden, wenn er sieht, wie die Bergunder schuften müssen. Ich glaube auch, dass das ein guter Start für intensivere Kontakte mit unseren Nachbarn ist."
Alerich Siebenschröters Leichnam sollte wenige Tage später am Ufer des Großen Flusses angespült werden. Damit war das Schicksal eines weiteren gewöhnlichen Koscher Räubers geklärt. Doch für Gedanken an ihn hatte keiner der Anwesenden Zeit.