Ein Schandfleck vor den Toren der Ehernen Stadt

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Ausgabe Nummer 49 - Efferd 1032 BF


ANGBAR. Nur wenige Orte im notgeplagten Reich haben sich etwas vom Glanz der „guten alten Zeit“ bewahrt. Eine jener Ausnahmen ist zweifellos Angbar, das trotz der Zerstörungen durch den Alagrimm noch immer – oder bereits wieder – ein Ort der Ruhe und des Friedens ist. In Ingerimms liebster Stadt gedeihen Handwerk und Handel wie eh und je, und so mancher Plättner oder Waffenschmied kann in diesen kriegerischen Zeiten so manchen guten Taler verdienen, ist doch der bewährte Angbarer Stahl gefragter denn je. Andere Städte blicken teils bewundernd, teils neidisch nach der Stadt am Grauen See, und so ist es kein Wunder, dass der Rat der Zünfte sorgsam über den Ruf der Ehernen wacht. Viele Bereiche des bürgerlichen Lebens sind durch Verordnungen und Stadtgesetze genauestens geregelt – von den zulässigen Maßen über die zünftige Tracht bis hin zum Tragen von Waffen.

So ist auch die Bettelei innerhalb der Stadtmauern seit Jahren streng verboten, was dazu führte, dass man unbehelligt durch die schmucken Gassen streifen kann wie an kaum einem anderen Ort. Zugleich entstand aber ein unschönes Problem jenseits der Stadtgrenze: Allerlei Lumpengesindel und Vagabunden, die vom Wohlstand Angbars angelockt wurden, drängen sich nun auf beiden Seiten der Reichsstraße vor dem Garether Tor, um einen Kanten Brot oder ein paar Münzen zu erbetteln – teils mit herzerweichenden Worten, teils aber auch recht aufdringlich und zuweilen gar unverschämt. Jedem Reisenden sei deshalb angeraten, das Pflaster der Reichsstraße nicht zu verlassen, denn dort wird er von den Torwachen beschützt. Die ehrbaren Wächter verrichten diesen Dienst sehr zuverlässig und sind nicht zimperlich, wenn ein zerlumpter Taugenichts eine ehrbare Händlerin oder einen frommen Pilger belästigt. Auf dem Land jenseits des Straßengrabens haben die Büttel der Reichsstadt jedoch keine Handhabe, denn dieses Land ist fürstliches Gebiet, und wie allgemein bekannt ist, hat der gute Herr Blasius ein mildes Herz, weshalb er auf strengere Maßnahmen und ein „hartes Durchgreifen“, wie von manchen gefordert, verzichtet. Stattdessen hat er entlang des „Bettelgrabens“ eine Reihe von Birn- und Apfelbäumen pflanzen lassen, um den Ärmsten der Armen eine Wohltat zu erweisen. Diese Maßnahme führt zwar für einige Zeit zu einer Linderung des Hungers, aber vor allem bei den kräftigeren Gesellen unter den Bettler, die sich nun insgeheim als ‚Hüter der Bäume’ aufspielen und sich mit roher Gewalt um die oft noch unreifen Früchte schlagen. Der Reichsvogt zu Stippwitz rät darum Besuchern der Stadt: „Man durchquere den Schandfleck vor dem Tor am besten, ohne auf das versammelte Volk zu achten... das wahre Angbar beginnt erst innerhalb der Mauern!“
Besonders drückend war die Not des Bettelvolkes während des vergangenen Winters: Zwar herrschte Firuns Grimm im lieblichen Hügelland nicht so schlimm wie in den Bergen, aber wer unbehaust vor den Mauern sein Dasein fristet, hat Schnee, Nordwind und Eiseskälte nichts entgegenzusetzen, und so sind viele der Bedauernswerten im Firuns- und Hesindemond erfroren. Mutter Herdane Haubinger, die Vorsteherin des Angbarer Traviatempels, kämpft mit aller Macht gegen dieses Elend an und versucht, mit Armenspeisungen und dem Verteilung von warmen Decken die schlimmste Not zu lindern, aber auch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Da sie auch immer wieder Spendengelder, die eigentlich für den Tempelbau gedacht waren, für die Bettler im Graben verwendet, sind viele Bürger unzufrieden mit der Hochgeweihten. Denn noch immer ist das Haus der Wildgans, das auf den Ruinen des alten Efferdtempels erstehen soll, nicht vollendet. Mutter Haubinger pflegt Kritikern entgegenzuhalten: „Ihr friert während der Andacht? Nun, so ahnt ihr vieleicht, wie es den Ärmsten der Armen draußen vor dem Tore geht! Wenn aber Eure Herzen kalt sind, wie sollen dann Eure Körper warm werden?“

Karolus Linneger