Dohlenfelder Thronfolgestreit - Nerek von Schnakensee

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Texte der Hauptreihe:
K28. Sieg
K95. Kajax
F5. Nerek von Schnakensee
F25. Epilog
1033 BF
Nerek von Schnakensee
Odwin Trollmann

Folgehandlung 5

Der goldene Baron
Autor: Reichskammerrichter, weitere
Nordmarken, 1033

Auf der rechten Flanke von Hagens Heer, nicht weit vom Schönbundhof, stand Baron Nerek von und zu Schnakensee mit seinen tapferen Schnakenseer Schützen.
Die eigentliche Gefechtslinie befand sich ein paar Dutzend Schritt vor den Schützen, dort rangen die Nahkämpfer beider Seiten um jede Handbreit Dohlenfelder Erde. Der hochgewachsene Mann im besten Alter trug die grüne Kleidung eines Jägers, nicht anders als seine gemeinen Mitstreiter. Er stritt nicht, wie die meisten seiner Standesgenossen, hoch zu Ross und mit Kriegslanze, sondern zu Fuß mit Pfeil und Bogen.
Die an Bevölkerung arme Baronie Schnakensee lag in Nordgratenfels, im Vorderkosch, an der Grenze zu Andergast. Dort war der Wald dicht, das Leben rau, der Ork nah, die Winter lang und schneereich. Mit Rittern hoch zu Ross konnte man dort wenig anfangen, ebenso wenig mit Pikenieren und Hellebardieren.
Als Nordgratenfelser Adliger hatte man die Wahl, es sich als Höfling in Elenvina einzurichten oder sonstwo fern der Heimat herumzutreiben – oder aber sich mit seinem Lehen abzufinden und das Beste daraus zu machen. Nerek und seine Gattin hatten sich zu letzterem entschlossen.
Er hielt Firun in hohen Ehren und war in jedem Jahr viele Monate mit Pfeil und Bogen in seinen ausgedehnten Wäldern auf der Pirsch. Das hatte ihn sicherlich zu einem der besten Schützen im Hochadel des Raulschen Reiches gemacht.
Seine Untertanen waren nicht weniger begabt im Umgang mit Schusswaffen, denn aufgrund eines nie aufgehobenen „Hungeredikts“ aus der Kaiserlosen Zeit war es in der Baronie Schnakensee den Gemeinen gestattet, selbst Schwarzwild und Rehe zu erlegen. Dazu kamen immer wieder die eindringenden orkischen Marodeure und andergastschen Wilderer.
So war es nicht verwunderlich, dass fast jeder seiner 400 menschlichen Bewohner von Kindesbeinen an mit dem Bogen umzugehen wusste. Und so kam es auch, dass die Baronie Schnakensee dem herzoglichen Heerbann keine Reiter oder Spießkämpfer stellte, sondern zwei Dutzend „Schnakenseer Schützen“ entsandte.
Baron Nerek von Schnakensee war vor zwei Jahren auf dem Angbarer Schützenfest eher zufällig der Witwe des ermordeten Reichskammerrichters Bernhelm von Sturmfels, Frylinde von Salmingen, begegnet. Nerek hatte den Isenhager Baron so gut wie nicht gekannt, zwei oder dreimal hatten sie ein paar Worte miteinander gewechselt. Von seinem Tod hatte er gehört und eine Kondolenzbotschaft an die Familie geschickt, mehr nicht.
Frylimde, die knapp fünfzigjährige, elegante, schwarzhaarige Hochadlige aus einer der ältesten und mächtigsten Koscher Familien parlierte gekonnt mit dem Nordgratenfelser, rühmte seine Schieß- und Jagdkünste, betonte die Urwüchsigkeit und Schönheit des Vorderkosch, die Bedeutung dieser Gegend als Schild der Zivilisation wider den Ork, die Thorwaler und die übrigen Schrecken des Nordens. Nerek war es als Nordgratenfelser Baron nicht gewohnt, von Hochadligen aus „besseren“ Gegenden solcherart umschmeichelt zu werden, er genoss sichtlich die Nähe der höfisch daherkommenden Salmingerin.
Später erzählte Frylinde Nerek bei einer sündteuren Flasche aranischen Weins vom Leid ihrer eigenen Familie, vom Tod ihres geliebten Bruders im Jahr des Feuers, von der großen Schande, die ihre Zwillingsschwester Charissia über das Haus gebracht hatte. Schließlich kam sie, mit Tränen in den Augen, zum Tode ihres Gatten, der im Koscher Lehen ihrer Familie von albernischen Mördern dahingemeuchelt wurde. Und sie berichtete davon, wie Bernhelms erstgeborener Sohn – dieser Halbalbernier Angrond – ihrem rondrianischen Sohn Hagen, den Bernhelm noch kurz vor seinem Tode zum Alleinerben der Baronie Dohlenfelde gemacht hatte, sein Lehen streitig machte. Eines der Kinder Nereks hatte in Albernia im Kampf gegen die Invheristen den Tod gefunden, der Baron spürte sogleich Verachtung für Angrond, der offensichtlich von einer feigen Mordtat dieser geächteten Verräter profitieren wollte.
Es war schon in finsterer Nacht, als Nerek schließlich von der großen Armut in seinem Lehen klagte und davon, dass in seinen palisadenbewehrten Turm – eine Burg gab es in ganz Schnakensee nicht – der Blitz eingeschlagen und das Dachgeschoss ausgebrannt war. Nerek erklärte Frylinde, dass es in seinem Lehen viele gute Jäger, aber keinen einzigen Dachdecker gäbe, und er nicht genug Dukaten hätte, um einen auswärtigen Handwerker zu beauftragen. Deshalb war er auch in Angbar und hoffte auf einen Sieg beim Schützenfest. Die Dukaten brauchte er bitterlich.
Als Frylinde von seiner Not hörte, bot sie Nerek umgehend an, einen Ziegelmacher und einen Dachdeckermeister aus der Stadt Salmingen über die Koschberge nach Schnakensee zu schicken. Die Handwerker sollten die Blitzschlagschäden beheben und Nereks Baronsturm mit guten, feuerfesten Ziegeln eindecken. Dafür verlangte Frylinde keinerlei Gegenleistung. Aber Baron Nerek, der sich ob solcher Großzügigkeit in der Pflicht fühlte, bot an, Frylinde solle sich nur an ihn wenden, wenn er ihr oder ihrer Familie einmal aushelfen könne.
Vor wenigen Wochen war es nun so weit. Ein Brandbrief Hagens erreichte den Schnakenseer Baronsturm, das Haus Salmingen benötigte jeden Helfer, da ein Angriff Angronds auf die Baronie Dohlenfelde unmittelbar bevorstand. Nerek zögerte nicht, er war schließlich ein Ehrenmann, er stand zu seinem Wort. Also rief er seine Schützen zu den Waffen und eilte hunderte Meilen nach Süden, bis in die Lande zwischen Großem Fluss und den Gipfeln des Eisenwalds.
Und dort stand er nun auf der Walstatt, wo sich das Schicksal der Baronie Dohlenfelde erfüllen würde. Die meisten der Schnakenseer Schützen an seiner Seite betrachteten schon das zwei Tagesreisen entfernte Dorf Ambelmund am Tommel als Großstadt, nun kämpften sie in einem Heer, das dreimal mehr Streiter umfasste, als Schnakensee insgesamt Einwohner hatte. Manche Ritter, die hier in prächtigen Plattenrüstungen und auf edelsten Pferden in die Schlacht ritten, herrschten über mehr Untertanen als Baron Nerek. Und zudem kämpften sie in einem Land, das so fruchtbar, so reich, so gleichermaßen von Efferd, Peraine, Ingerimm und Phex gesegnet war, dass sich Baron Nerek und seine Schützen wunderten, worum die beiden Brüder hier überhaupt stritten – würden sie ihres Vaters Erbe teilen, Angrond und Hagen wären noch immer deutlich wohlhabender als jeder Baron Nordgratenfels‘.
Aber wie auch immer Nerek von Schnakensee hier auf die Dohlenfelder Walstatt gelangt war, nun galt es für Hagens Sache zu kämpfen.
„Deckung suchen, dort hinter den Büschen, Waffen überprüfen!“, befahl der Baron seinen Schützen. Dem anfänglichen Austausch an Pfeilen waren bereits zwei seiner zwei Dutzend Schützen zum Opfer gefallen, eine Kämpferin war verwundet worden.
Baron Nerek kannte jede Familie seines Lehens, und er machte sich jetzt schon Sorgen vor dem kommenden Winter – wer würde für die Angehörigen der Toten sorgen? Nun galt es, seine Leute durch dieses Gemetzel zu retten. Er reagierte mit den Kenntnissen eines Jägers.
Seine Leute duckten sich hinter einigen Hecken und kontrollierten ihre Bögen und die ihnen verbliebenen Pfeile. Jeder hatte zu Beginn der Schlacht bereits mehrfach im weiten Bogen über die eigenen Reihen geschossen, auf dass sie Tod und Verwundung zu Angronds Kämpfern trugen. Nun galt es abzuwarten, wie sich die Schlacht entwickelte. Baron Nerek befürchtete, dass Angronds zahlenmäßig deutlich überlegene Truppen bald die Linien Hagens durchbrechen könnten.
Dann würden seine Leute ein oder zwei Salven auf die Angreifer abgeben und in den Nahkampf übergehen. Nerek war klar, dass seine treuen Schnakenseer Schützen im Handgemenge keine große Chance gegen gerüstete Feinde hätten. Sie waren gute Fernkämpfer und konnten sich mit ihren Klingenwaffen marodierende Orks vom Hals halten – schwer gepanzerten und schlachterprobten Nahkämpfern oder gar berittenen Feinden waren sie jedoch nicht gewachsen. Doch mehr als hoffen, dass Hagens Schlachtlinie standhalten würde, das konnte Nerek nun nicht mehr.
Nerek nahm einen Pfeil, suchte geduldig ein Opfer, spannte seinen Bogen, zielte auf einen fünfzig Schritt entfernten, schwer gerüsteten gegnerischen Gardisten mitten im Kampfgetümmel. Nerek blickte dem Pfeil nach, bis dieser sein Ziel, den Kopf des Gardisten, erreichte.
Baron Nerek sprach ein stilles Gebet zu seinem Herrn Firun, dankte dem Gnadenlosen für den schnellen Tod des Feindes. Dann nahm er sein Jagdmesser, schnitzte eine tiefe Kerbe in seinen hölzernen Köcher, es war die fünfte – seit Beginn dieser Schlacht. Schließlich nahm der Baron zu Schnakensee den nächsten Pfeil und suchte sich mit aller Geduld eines erfahrenen Jägers sein nächstes Ziel.
Feige Flucht kam nicht in Frage, das war er Frylinde von Salmingen und ihrem Sohn Hagen von Salmingen-Sturmfels schuldig.