Dohlenfelder Thronfolgestreit - Lästige Einmischungen

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Texte der Hauptreihe:
K28. Sieg
K54. Lästige Einmischungen
K95. Kajax
F25. Epilog
12. Ron 1033 BF
Lästige Einmischungen
Planungstreffen

Kapitel 54

Twergenhausen marschiert
Autor: Reichskammerrichter, weitere


Nordmarken, 1033

Baronie Dohlenfelde, am Mittag des 12. Rondra 1033 BF

Was wagte es sein Vetter Voltan, sich solcherart in den Zwist zwischen ihm und Angrond einzumischen! Hagen von Salmingen-Sturmfels tobte regelrecht: Der Landedle, also ein direkter Vasall des Herzogs, hatte gestern in rondragefälligen Zweikämpfen den Edlen zu Wolkenfold und den Sohn der Ritterin zu Freyen besiegt – und ihnen vor den Duellen das Versprechen abgerungen, dass der Besiegte im Streit um die Baronskrone Dohlenfeldes Neutralität zu wahren hätte. Das Rittergeschlecht Nadelfels im Gut Freyen hatte den Zweikampf offensichtlich als gute Möglichkeit gesehen, sich aus dem Thronfolgestreit zurückzuziehen, auf die Nadelfelser war noch nie Verlass und auf diese würde auch nie Verlass sein. Der Edle zu Wolkenfold hingegen, Ardor von Schwarzfels, hatte gekämpft wie ein Löwe und war Voltan nur knapp unterlegen. Das Abfallen Ardors wog doppelt schwer, da der Edle zu Wolkenfold als ranghöchster Vasall des Barons zu Dohlenfelde zudem der Bannerträger der Baronie war. Wer sollte nun das Feldzeichen, das Hagen seit seiner Baronskrönung vor drei Jahren in seinem Besitz hatte, in die Entscheidungsschlacht tragen, die offensichtlich bevorstand? Das konnte kein gutes Zeichen sein! Hagen trat so kräftig gegen einen Holzschemel, dass dieser Schemel an der gegenüberliegenden Wand in Trümmer ging.
Dann wanderten die Gedanken des dreifachen Barons weiter. Was genau der Ritter zu Darlinstein, der wichtigste Landadlige der Kernlande der Baronie, gegenwärtig tat oder unterließ, das hatte Hagen in der kurzen Zeit, in der er wieder in Dohlenfelde war, nicht in Erfahrung bringen können. Auf Burg Dohlenhorst hatten die Entwicklungen südlich des Weihlbachs offenbar niemanden interessiert. Offenbar schien dieser Edle zu Schratzelroth, der sich mit seiner Hundertschaft horasischer Söldlinge und seinem schändlichen Magier auf Burg Schwarzfels festgesetzt hatte, ihn gegen Ehrenwort unter Hausarrest gestellt zu haben. Zumindest verließ Markward von und zu Darlinstein sein Gut seit Wochen nicht mehr und schien feige darauf zu hoffen, dass der Thronfolgestreit enden möge, ohne ihn weiter zu behelligen. Die Darlinsteiner, das älteste Adelsgeschlecht Dohlenfeldes, dachten wie die Angroschim in Generationen und Jahrhunderten. Der Ritter würde ohnehin jeden Vorwand nutzen, nicht mitzukämpfen. So war der größte Teil Dohlenfeldes schon verloren, bevor Angrond überhaupt die Grenze der Baronie überschritten. Bei Rondra, das konnte und wollte Hagen nicht wahrhaben! Und bei Rondra, Angrond hatte noch keinen Sieg auf dem Schlachtfeld errungen! Außerdem stand das Junkergut Erzweiler treu hinter Hagen, die Erzweilerer hatten ihn und seine Ansprüche vom ersten Tag an unterstützt. Und ein tapferer Erzweilerer Bergbewohner war Hagen deutlich lieber als ein halbes Dutzend feiger Dohlenfelder Talbewohner! Das Junkergut Erzweiler war das Stammgut seines Hauses, darauf kam es an. Die unverbrüchliche Treue „seiner“ Erzweilerer zeigte Hagen, dass sein Kampf rechtens war. Erst gestern war eine Gesandtschaft aus dem Markt Erzweiler, angeführt vom dortigen Ingerimmhochgeweihten, auf Burg Dohlenhorst eingetroffen und hatte ihre Unterstützung von Hagens Sache bekundet.
„Rondra zum Gruße, Euer Hochgeboren“, hörte Hagen auf einmal die Stimme des Ritters Rondrian von und zu Maringen hinter sich. Das einzige Rittergeschlecht des Junkerguts Erzweiler stellte neben dem Hause Schwarzfels die treuesten Unterstützer Hagens. Der Baron war froh, die vertraute Stimme des Ritters zu hören, der auf die sechzig Götterläufe zuging. Soeben hatte er an den alten Kämpen, der sich ebenso Rondra wie Peraine verpflichtet fühlte, noch gedacht. Doch als er sich umdrehte, sah er den Ritter mit gesenktem Blick dastehen. Neben Rondrian stand dessen Tochter Aliena, die vor gerade einmal zwei Jahren ihren Ritterschlag erhalten hatte. Als Bernhelm ermordet wurde, war sie noch eine Knappin. Die drahtige blonde Frau war eine regelrechte Hünin: Während Rondrian Hagen schon um zwei Halbfinger überragte, war Aliena ganze fünf Halbfinger größer als ihr Baron. Aber auch ihr Blick war gesenkt, sie mied Augenkontakt zu Hagen. Welche Walpurgasbotschaft brachten die beiden Landadligen aus Erzweiler?
Vor allem aber fragte sich Hagen plötzlich: Warum war Aliena überhaupt mit ihrem Vater hier? Hieß es nicht, sie und ihr Verlobter seien Gefangene des Edlen Darian von Lîfstein auf Burg Schwarzfels? Bei Rondra und ihren elf Geschwistern, was war geschehen?
Der Baron sprach, während er den kalten Schweiß auf seinen Handflächen spürte: „Rondra zum Gruße, Hohe Dame und Hoher Herr, ich heiße Euch auf meiner Burg willkommen.“ Rondrian zu Maringen schaute nun Hagen sehr ernst in die Augen und erwiderte: „Euer Hochgeboren, meine liebe Tochter Aliena hat ihr Leben und ihre Gesundheit Eurem Vetter, dem Landedlen zu Wolkenfold, zu verdanken. Wohlgeboren Voltan brachte sie zurück nach Gut Maringen – und verlangte für seine große Tat als Gegenleistung von mir ein Versprechen.“ Der Ritter schluckte, wandte seinen Blick von Hagen ab. „Ich musste geloben, die Erzweilerer Landwehr nicht in die Schlacht um Dohlenfelde zu führen und mich gänzlich aus dem Thronfolgestreit heraus zu halten.“
Hagen brüllte Rondrian an: „Was habt Ihr da gelobt?“ Er machte zwei schnelle Schritte auf den mehr als dreißig Jahre älteren Ritter zu, der instinktiv einen Schritt zurückwich, als er die ungebremste Wut im Gesicht des Barons sah. Blitzartig zog Hagen in einer tausendmal geübten Geste sein Schwert „Hlûtharhilf“ – die Klinge seines Vaters Bernhelm – und ließ es ohne sicheren Stand und in einer Drehbewegung in Richtung der Kehle seines Vasallen sausen, der wie versteinert da stand und seine Augen blitzartig geschlossen hatte. Rondrian erwartete sein Schicksal. Doch die Klinge jagte am Hals des Maringers vorbei, traf mit voller Wucht die granitene Wand einen Schritt zu dessen Linker. Es stoben Funken, das Schwert fiel mit einem lauten Scheppern zu Boden, Hagen ging auf die Knie, hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die rechte Hand, schrie, wie um den Schmerz zu vertreiben, einmal laut auf. Rondrian half ihm auf die Beine, Hagen konnte nicht sehen, wie Aliena ihr Schwert, das sie unmittelbar nach Hagen gezogen hatte, wieder in die Scheide steckte. Gleichzeitig öffnete sich die Tür, eine Wache im Rock des Junkerguts Erzweilers war aufgrund der Kampfgeräusche aufgeschreckt worden.
Ritter Rondrian sprach: „Euer Hochgeboren, Eure Wut ist verständlich. Ich entschuldige mich bei Euch in aller Form für meinen Treubruch.“ Besorgt schaute der heilkundige Ritter zuerst zur Scharte in der Wand, dann auf das rechte Handgelenk des jungen Barons, der vor Schmerz immer noch die Zähne zusammenbiss: „Ich bitte Euch, mich meines Amtes und meiner Würden zu entheben. Ich bin es nicht mehr würdig, Euch zu dienen.“ Hagen, der tief ein- und ausatmete, während der Schmerz nur ganz langsam nachließ, schaute den alten Ritter überrascht an. Dieser fuhr mit ruhiger Stimme fort: „Doch ich handelte so, wie ich es tat, nicht um Euch zu schaden, und schon gar nicht aus Niedertracht. Vielmehr sehe ich in Euch den wahren Erben Eures Vaters, und in Angrond nichts als einen Usurpator. Und ich weiß, dass die Bewohner Erzweilers hierin meine Meinung teilen.“ Rondrian beeilte sich, zum Ende zu kommen, denn er wusste, dass Hagen in wenigen Augenblicken würde antworten können: „Daher bitte ich Euch, Euer Hochgeboren, bei Praios und Rondra, meine Tochter Aliena in Eurer Funktion als Junker zu Erzweiler zur Ritterin zu Maringen schlagen, auf dass sie an Eurer Seite an meiner Statt in die entscheidende Schlacht wider Euren Halbbruder ziehen mag.“
Bei den letzten Worten hatte Rondrian sein Schwert, das Schwert der Ritter zu Maringen, gezogen, war mit gesenktem Haupt auf die Knie gegangen und bot die Klinge Hagen dar. Eben hatte der Ritter gesehen, wie Hagen die Finger der schmerzenden Hand bewegte, sie schien nicht gebrochen zu sein, immerhin. Der junge Baron war von der Situation überfordert. Er wusste nicht, wo ihm der Kopf stand. Seine Hand schmerzte so stark, dass er kaum in der Lage war, das Schwert des Maringer zu ergreifen. Doch er biss die Zähne zusammen, schloss kurz die Augen, sammelte alle Kraft und schloss die Finger um den Knauf.
Hagen schaute auf den in aller Würde eines alten Adligen vor ihm knienden Ritter Rondrian von und zu Maringen. Er wusste nicht die üblichen Formeln, die in einer solchen Situation gesprochen wurden. Er begann zu improvisieren, versuchte sich zu erinnern, was er in seiner Knappenzeit bei Lucrann von Rabenstein gelernt hatte: „Im Namen Praios’ und Rondras, hiermit entlasse ich Euch, Hoher Herr Rondrian, aus Eurem Vasalleneid. Ihr seid nicht mehr mein Vasall als Ritter zu Maringen.“
Aliena von Maringen war neben ihrem Vater niedergekniet. Hagen wandte sich der jungen Frau zu und sprach: „Im Namen Praios’ und Rondras! Gelobt Ihr, Aliena von Maringen, mir, dem Junker zu Erzweiler und Baron zu Dohlenfelde, die Treue als Ritterin zu Maringen, und gelobt Ihr, alle damit verbundenen Rechte und Pflichten zu erfüllen?“ Die junge Ritterin schaute Hagen an und antworte, wobei einem besserem Menschenkenner als Hagen der leichte Zweifel in ihrer Stimme aufgefallen wäre: „Dies beeide ich vor Praios und Rondra!“ Der Baron senkte ihr das Schwert mit zitternder Hand auf die Schultern und sprach schließlich: „Erhebt Euch, Ritterin Aliena von und zu Maringen.“ Es war einfach zu viel, was in den letzten Tagen und Stunden geschehen war. Hagen ließ sich auf einen Sessel sinken. Das Schwert der Ritter zu Maringen glitt ihm aus der Hand. Aliena griff es geistesgegenwärtig, bevor es auf den Boden schepperte. Er fragte Aliena: „Werdet Ihr das Feldzeichen meiner Baronie in die Schlacht tragen, Aliena?“ Diese nickte nur, verbeugte sich vor ihrem nur zwei Jahre älteren Lehnsherrn und verließ das Zimmer. Rondrian hatte sich erhoben und schritt auf Hagen zu, nahm dessen rechte Hand, tastete am Handgelenk herum, drehte den Unterarm, bewegte die Finger des Barons, dessen Gesicht von Schmerzen entstellt war, es kam aber kein Laut über Hagens Lippen. „Nicht gebrochen, Euer Hochgeboren. Legt ein Wirselkraut auf und macht kalte Umschläge. Dann wird die Hand schon in zwei Tagen wieder wie neu sein.“ Beim Hinausgehen fragte Rondrian Hagen von Salmingen-Sturmfels: „Euer Hochgeboren, wolltet Ihr mich töten?“ Hagen antwortete mit versteinerter Mine: „Nein. Wenn ich Euch hätte treffen wollen, wäre Euer Haupt nun nicht mehr auf Euren Schultern. Seid Euch dessen sicher.“
Als er den Raum verlassen hatte, fasste sich Rondrian an seine Kehle. Es schmerzte dort. Und tatsächlich, Hagen hatte Rondrian nicht verfehlt! Seine Klinge „Hlûtharhilf“ hatte ihn gestreift und einen haardünnen, nicht einmal halbfingerlangen Riss in der Haut hinterlassen. Ein Tropfen Blut fand sich nun an Rondrians Fingern, er zerrieb ihn. Es sollte sicher nicht das letzte Blut sein, das auf dohlenfeldschem Boden fließen würde. Darin war sich der ehemalige Ritter zu Maringen sicher. Und machte sich Sorgen.