Dohlenfelder Thronfolgestreit - Jugendfreunde

Aus KoschWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
 Wappen Mittelreich.svg 
 Wappen Herzogtum Nordmarken.svg
 
Texte der Hauptreihe:
K28. Sieg
K39. Jugendfreunde
K95. Kajax
F25. Epilog
Autor: Geron, weitere
Nordmarken, 1032

Es war an Erlan erneut zu nicken. „Es steht außer Frage, dass es ehrenhaft ist der eigenen Familie in diesen schweren Zeiten beizustehen. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich euch gut kenne, aber nach dem was man so hört seid ihr ja ein Mann der Ehre, weshalb ich auch überhaupt an euch herangetreten bin. Die Ausmaße der isenhagschen Politik waren mir nicht bekannt und das Bild, dass ihr von dem Tandoscher zeichnet ist auf jeden Fall kein gutes. Ich kann dies nur aus der Ferne beurteilen, aber seine Tochter schien mir ein wenig impulsiv und mit schwachen Nerven ausgestattet zu sein, während die Tandoscher Knechte ein wilder Haufen waren, den ich von meinem Land treiben lasse würde, wenn sie sich dort jemals blicken lassen sollten. Das die Möglichkeit eines Zweikampfes wohl leider nicht wahrgenommen wird müssen wir wohl so hinnehmen, sollte es jedoch zu einer militärischen Konfrontation kommen könnte dies der letzte Ausweg vor einer Feldschlacht zwischen den Brüdern sein.
Das Frylinde euch ignoriert wirft kein gutes Licht auf sie. Sie ist eine intelligente Frau und sie sollte eure familären Verpflichtungen verstehen und akzeptieren. Zumal sie sich damit einen Verhandlungsweg verstellt. Ich werde sie wohl bei passender Gelegenheit auf die Sache ansprechen. Könntet ihr euren Verdacht bezüglich des Testamentes näher erläutern? Ich scheint Bernhelm sehr gut gekannt haben und eure Einschätzung empfinde ich in diesem Fall durchaus als sehr gewichtig.“ Im stillen ging Erlan noch die zahlreichen Verbündeten Angronds durch. Sollten sich all diese in einem militärischen Schlag gegen Hagen wenden, so würde Hagen wohl den kürzeren ziehen. Ein geeignetes Mittel um all diese Barone zu beruhigen fiel ihm jedoch nicht ein. Wenn man bedachte welche Verbündeten Hagen in den Nordmarken hatte, dann verwunderte es Erlan eigentlich überhaupt nicht, dass sich zahlreiche Barone in Angronds Lager einfanden.

Garmwart nickte bei den Ausführungen Erlans über Irian von Tandosch. Der Baron kam nach seiner Mutter, und es gab keinen Zweifel daran, dass die Dame der niederen seefahrenden Zunft angehört hatte. Si hatte sich bisweilen sogar der Seeräuberei betätig, hieß es. Es lag jedoch nicht an Garmwart die Entscheidung eines Kaiser Retos anzuzweifeln. Seine kaiserliche Hoheit mochte gewusst haben, welchen Wert die Dame als Baronin von Tandosch darstellen mochte. Eine ähnliche Sicht, die den Herzog vermutlich bewegen mochte ihren Sohn Irian einst ins Vertrauen zu ziehen und seinerzeit in seine Ehrengarde, den Schwertern des Herzogs aufzunehmen. Das Vertrauen war trotz mancher Ungebührlichkeit anscheinend bis heute ungebrochen. Das Geschmeis mit dem sich Irian umgab, würde Garmwart im Gegensatz zu Erlan vermutlich nicht aus seinen Landen treiben. Er hielt wenig davon Problem an seine Nachbarn weiterzugeben. In guter isenhager Tradition würde er diese selbst in Ketten legen lassen. Er hatte keinen Zweifel daran, dass die meisten wenn nicht alle, es verdient haben mochten. Aber in guter isenhager Tradition respektierter er auch seinen Standesgenossen und seine Kapriolen solange es von Graf und Herzog geduldet wurde und ihn nicht zur Fehde zwang. Die isenhager Barone nahmen für sich manches alte Recht in Anspruch, dass anderorts undenkbar wäre und bisweilen weiter ging als es neuerdings die Ochsenbluter Urkunde gewährte. Garmwart vertrat, wie einst sein Vater, dass man sich in die Angelegenheiten eines Nachbarn nicht einzumischen hatte, wenn es einen nichts anging und nicht wieder die Zwölfe und Reich war. Es mochte sich beim Tandoscher und auch dem Eisensteiner gleichermaßen in einem grenznahen Bereich dieser Überlegungen bewegen, doch weit genug, um sie zu tolerieren. Die letzte Anmaßung und Falschheit des Tandoschers waren für Garmwart jedoch zu viel des Guten gewesen.
„Schreckliches muss Fiona von Tandosch im Osten wiederfahren sein. Sie hat den Mut und die Entschlossenheit ihres Vaters geerbt, doch ich fürchte der Krieg in den schwarzen Landen hat sie weit weniger Rondra nahegebracht, als sie von dieser entfernt.“ Garmwart hatte manche Leiden des Krieges gesehen. Obgleich nun fern in den Nordmarken, wußte der Baron sehr wohl aus erster Hand von den Schrecknissen in Tobrien und dem ehemaligen Darpatien. Er kannte nicht wenige, einst aufrechte Streiter, die als Schatten ihrer selbst von dort zurück gekehrt waren. Solche die auszogen für Zwölfe und Reich zu streiten, um nun eine Schicksal in Noinas Obhut zu fristen. Fiona täte in Garmwarts Sicht gut daran sich in ebengleiche Obhut zu begeben. Garmwart Gedanken waren ein wenig abgeschweift, er wurde sich jedoch Gewahr, dass Erlan noch immer eine Antwort auf die wichtigste Frage erwartete, seine Bedenken bezüglich des Testaments.

„Ich kenne Bernhelm von Sturmfels schon seit meiner Pagenzeit, müsst Ihr wissen. Damals war ich am Hofe des Barons vom Berg, doch mein Vater und Sigismund von Sturmfels waren sich bereits damals in vielen Dingen einig. Auch nach dem Bernhelm vom Hof zu Elenvina ins Greifenfurtsche zur Knappschaft gesandt wurde, verstanden wir uns wohl. Ich selbst verbrachte meine Knappschaft am Hofe zu Dohlenhorst“, Garmwarts Erinnerungen hatten sich über die Jahre verklärt, nicht immer war es einfach gewesen am Hof zu Dohlenhorst, denn Sigismund war ein strenger Knappvater. Zudem hielt zu jener Zeit hielt Bernehlm selbst nur wenig vom Knappen seines Vater. Während Garmwart nun von mancher Begegnung, manchem gemeinsamen Knappenabenteuer, manchem Streich zu Dohlenhorst oder Festen und Turnieren zu Elenvina berichtete, glänzten seine Augen. Selbst die zwangsläufig folgenden Strafen, schienen schon lange ihren Schmerz verloren. Es schein Erlan, als wenn nicht selten Garmwart hier angestiftet worden war, um dann als Sündenbock dazu stehen. Doch der Baron berichtete mit Begeisterung über die Anekdoten von damals.
Die Beziehung sollte sich jedoch ändern und aus der Verbundenheit der Familien auch eine Freundschaft zwischen den beiden zukünftigen Baronen erwachsen. Auch beim Zustandekommen seiner ersten Ehe hatte Bernhelm seinem Freund beigestanden. Es mochte eine vereinbarte Verbindung sein, doch den ritterlichen Tugenden nahe stehend hatte Garmwart selbst um seine Dame geworben und die Unterstützung seines Schwertbruders erfahren.
„Auch in den späteren Jahren wollte Rondra unsere Wege mit einander verknüpfen, sei es im Schlacht der Tausend Oger oder dem Krieg gegen die Orken.“ Garmwarts Karriere im Reichsheer war jener Bernhelms lange Zeit gefolgt. „Ich habe Bernehlm sowohl im Frieden, in den Schranken und im Gefecht kennen gelernt. Ich kannte ihn gut. Seine Ansichten über Mancherlei waren mir bekannt.“
Garmwart berichtete von manch einer bemerkenswerten Begebenheit. Angesichts des Krieges im Osten erschienen diese Geschehnisse nun fern. So Schrecklich es damals auch war, angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die das Reich heimsuchten, war er damals eine fast angenehme Zeit. Garmwart bedauerte sogar selbst nicht am Maraskanfeldzug teilgenommen zu haben. Bernhelm hatte diese Gelegenheit und als junger Mann, hatte Garmwart ihn dafür lange Zeit beneidete, wie er nun berichtete. Heute würde niemand für einen Aufenthalt in Maraskan beneidet werden.
Tatsächlich teilten die Barone von Dohlenfelde und Eisenhuett viele Ansichten und waren lange als politische Partei in etlichen für den Isenhag relevanten Fragen einig aufgetreten. Nachdem das Reichgericht von Gareth nach Elenvina gezogen war, hatte man die beiden Herren zudem oft in der Herzogenstadt oder in den Landen Eisenhuett debattieren sehen.
„Es käme mir nun nicht in den Sinn den Nachlass eines Standesgefährten anzuzweifeln, sei es Bernhelm oder eines anderen Freiherren im Isenhag. Das Recht eines isenhager Barons ist es seinen Erben zu bestimmen. Es mag gemeinhin der Erstgeborene sein, aber in manchen Fällen mag es gut und richtig sein eine andere Entscheidung zu treffen. Dies ist berechtig und keinesfalls zu missachten. Dieser Grund würde mir reichen, das letzte Wort Bernhelms von Sturmfels gleich welcher Art es sei, zu respektieren und zu verteidigen, wie ich es im umgekehrten Falle nicht anders von ihm erwartet hätte.“ Garmwart hatte sich an dieser Devise lange festgehalten. Die ersten Götterläufe nach dem Tod Bernhelms hatte er keinen offen vorgebrachten Zweifel an der Entscheidung Bernhelms an seinem Hof zu Altmauern geduldet. Doch die Zeit hatte die Säule bröckeln lassen und er hatte sich seinen eigenen Zweifeln gestellt. „Bernhelm vertrat Zeit seins Lebens manche Prinzipien. Von Rondra aber auch Priaos ließ er sich leiten. So war ihm wichtig, dass alles an seinem rechten Platz war und die Verantwortung denjenigen übertragen wurde, der sie verstand auf sich zu nehmen. Nach dem Tod seiner Tochter Selinde Brianna von Sturmfels in der Trollpfortenschlacht entscheid sich Bernhelm diese Verantwortung seinem Zweitgeborenen, Angrond zu übertragen. Es fiel ihm nicht leicht diese Entscheidung zu treffen, wenngleich sie unumgänglich war. Er haderte lange Zeit damit. Ich kann mich gut daran erinnern. Zum einen hatte ihn der Tod seiner Tochter schwer getroffen.“
Selinde galt damals, wie so viele nach der Schlacht als vermisst, doch über ihr Schicksal hatte es seit dem keinen Zweifel gegeben. Erlan merkte dass Garmwart über diese Stelle zu berichten schwer fiel. Es mochte nicht allein die Tatsache sein, dass die Erstgeborene seines Freundes und Schwertbruders, die er zweifelsohne gut gekannt haben mochte, gefallen war, oder er manch eines der Opfer der Schlacht gekannt hatte. Es mochte etwas ganz anderes. Es mochte mit Garmwarts eigenen Nachkommen zusammenhängen. „Es lag sicherlich nicht daran, dass er von Angrond wenig erwartete oder ihm diese Bürde nicht anvertrauen mochte. Angrond hatte seine Lehren als Page und Knappe erhalten. Er war wohlgewachsen, Praios hatte ihm mit Rechtschaffenheit versehen, Rondra mit Mut und Entschlossenheit und an Hesindes Gaben mangelte es ihm nicht. Sein Vater hatte darauf geachtete, dass sein Sohn die angemessenen Lehren erhielt und diese auch zu beherrschen wusste. So geschah es, dass nach alter Tradition Bernhelm seinen Sohn Angrond zum Junker von Erzweiler krönte. Ein wichtiger Schritt, den dies erst ernennt ihn zum Thronfolger des Barons aus dem Hause Sturmfels. Fern Dohlenfeldes, da im Reichsheer und später im Reichgericht, übergab Bernhelm zudem im Laufe der Jahre das Amt des Vogtes über die Baronie und letztlich wohl auch den Siegel der selbigen an seinen Sohn. Ein Umstand der selbst gegenüber seinen Nachkommen von größtem Vertrauen zeugte. Er sollte nicht nur seinen Vater vertreten, sondern auch in seine zukünftige Verantwortung hineinwachsen. Bernhelm war bis zum letzten Tag an dem ich in vor seiner Reise nach Salmingen lebend in Elenvina sah zufrieden mit dem Werk seines Sohnes. Es gab von ihm damals kein Wort des Zweifels daran.“ Erlan mochte es an dieser Stelle für bare Münze nehmen oder nicht, doch Garmwarts Worte klangen überzeugt. Bernhelm hatte Garmwart in Vielem ins Vertrauen gezogen und der Baron von Eisenhuett hatte keinen Zweifel daran, dass es auch im Falle einer Misswirtschaft in Dohlenfelde Bernehlm ihm im Vertrauen berichtet hätte. Die Verbindung Angrond mit einer Angehörigen des Hauses von Quakenbrück mochte Garmwart nicht als Hindernis sehen. Auch er hatte einen aus seiner Sicht fähigen Erben gewählt und einen unfähigen übergangen.
„Vielmehr beschäftigten ihn seine Gedanken sein Sohn Hagen. Sicherlich war dies nicht das einzige Gesprächsthema an unserem letzten Treffen, doch angesichts der anstehenden Reise nach Salmingen, war es ein wichtiges. Ihr müsst wissen, dass Bernehelm wenig glücklich damit war, das sein Sohn Baron von Dunkelforst und Baruns Pappel geworden war. Es mochte alles seine Richtigkeit haben und auch hier keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit geben, doch Bernhelm vertrat die Ansicht dass man nur eine Stellung zur Gänze ausfüllen konnte. Reichrichter, Obrist des Isenhags und Baron von Dohlenfelde mochte eines sein, doch der Diener zweier Herren, Vasall zweier Grafen etwas anderes. Hagen war zudem auf seine Pflichten nicht rechtzeitig vorbereite worden. Dies mochte aber kein Hindernis sein. Nun war das Erbe des Hauses Salmingen auf Hagen gefallen, nun sollte es so sein. Hagen jedoch, der im Gefecht handelt wie es Rondra gefällt, schien seinem Vater der Verantwortung nicht gewachsen. Schon manche Umtriebe im Dunkelwald schienen ihn auf die Probe zu stellen und Barnhelm unnötige Sorgen zu bereiten. Die größte Sorge war jedoch Baruns Pappel. Seine Erstgeborene war im Kampf wieder die Knechte des Sphärenschänders gefallen, unerträglich war es daher für ihn den Besitz eines seiner Söhne in die Hände deren Handlanger zu wissen. Es stand ohne Frage fest, Baruns Pappel musste zurück in die Ordnung des Reiches und der Zwölfe gebracht werden. Es war keine Forderung, die Bernhelm gegenüber dem Baron von Baruns Pappul, nun sein Sohn, würde vorbringen können, aber eine Forderung die ein jeder rechtgläubige vom Herrn von Baruns Pappel fordern konnte. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Bernhelm seinen Sohn damit konfrontiert hätte. Es stand bis dahin also außer Frage wo Bernehlm seinen Sohn Hagen sah.“ Garmwart machte eine kurze Pause. Erlan fiel es an manchen Stellen schwer zu erfassen, ob der Baron die Ansichten seines Freundes Bernhelms wiedergab oder seine eigenen. Garmwart sprach zwar ruhig und mit Gelassenheit, doch konnte man seiner Stimme die Ernsthaftigkeit und Überzeugung die in den Worten lagen heraushören.
„Es steht für mich außer Frage, dass Bernhelm einen seiner Söhne mehr Verantwortung übertragen hätte, wenn er nicht davon überzeugt gewesen wäre, dass dieser jener auch gewachsen wäre. Hagen war und ist noch immer seinen eigenen Verantwortungen nicht gerecht geworden. Ich bot einst Bernhelm und der Familie Sturmfels, damit auch Salmingen, mein Schwert für einen Zug gegen Tobrien an. In Anspruch genommen wurde es nie. Ich wüsste auch nicht dass sich Hagen seit dem Tod seines Vaters um das Erbe in Tobrien bemüht hätte. Das ist eines was mich ob der Entscheidung Bernhelms seinem Sohn auch Dohlenfelde zu übertragen wundern lässt.“
Erlan bemerkte nun, dass während all den Verhandlungen und Beratungen um Hagens Forderungen und Ansprüchen, wenig von solchen Verantwortungen und Verpflichtungen gesprochen wurde. In all den Tagen in Salmingen und den Monden, die folgten. Hagen mochte sich mit dreierlei Titeln schmücken, doch es war stets nur um die Dursetzung der Ansprüche in Dohlenfelde gegangen. Und obgleich dessen, war wenig von Bernhelms selbst geredet worden. Nur das letzte Dokument des verstorbenen Barons hatte immer im Vordergrund gestanden, dessen Verfasser wurde jedoch wenig bedacht. Unter Hagens Verbündeten schien ihn zwar jeder zu kennen, doch keiner dessen Namen oft zu nennen oder Worte der Anerkennung zu gebrauchen. Selbst der Rabensteiner, der durchaus als Freund seines Nachbarn galt, sagte kaum etwas über den verstorbenen Baron. Dieser hatte sich jedoch rar gemacht und galt ohnehin nicht als Mann vieler Worte.
„Ich zweifle indes nicht, dass Zeugnis seiner Hoheit an, doch die kurze Entschlossenheit mit der Bernhelm seinen Nachlass änderte, lässt mich weiter wundern. Selbst wenn Bernhelm zu Salmingen den Entschluss gefasst hätte Hagen in jeder Frage zu seinem Erben zu machen, er hätte manch anders veranlasst. Angrond hätte der Junkertitel von Erzweiler aberkannt werden müssen, die Bestimmung der Verbindung zwischen Isida und Angrond hätten revidiert werden müssen, die Stellung als Vogt von Dohlenfelde aufgehoben und neubestimm werden, sowie die Krönung Hagens zum Thronfolger veranlasst werden müssen. Auch der Graf, wenn es nur eine Formsache wäre, hätte unterrichtet werden sollen. Ein Umstand der nicht erfolgte, denn Ghambir stütz Hagen nicht. Zweifelsohne sind diese angesichts des Gewichtes der letzten Bestimmung nur Formalitäten. Formalitäten jedoch, die Bernhelm sehr ernst nahm und im Zuge seiner Nachlassänderung vorgenommen hätte. Bernhelm nahm seine eigenen Pflichten und Verantwortungen stets sehr ernst. Selbst wenn er ihm Reichgericht einen Freund oder Verbündeten hätte bevorzugen können, er hatte sich stets an Protokoll und Gesetzt gehalten. Es mag sein, dass er es noch beabsichtigte, doch der Bernhelm, denn ich zuletzt in Elenvina sah, hätte dies zeitnah und unmittelbar vorgenommen. Bernhelm vertrat auch die Ansicht, dass ein jedes nicht nur zur rechten Zeit, sondern auch am rechten Ort erfolgen musste. Wie auch das Reichsgericht am Ort des Reichsgerichtes tagt, hätte die zeremonielle Ernennung des Thronfolgers von Dohlenfelde und die Änderung des Nachlasses in Dohlenfelde einhergehen müssen. Mir wurde schon das Argument entgegengebracht, dass Bernhelm womöglich seinen Sohn Angrond aufgrund einer Verschwörung fürchtete und somit in Abwesenheit und fern von Dohlenfelde den Nachlass änderte, aufgrund dessen sich auch bei dieser Gelegenheit des Beistandes des Herzogs versichern wollte. Oder gar die Geschichte, dass Angrond ein Ursurpator sei, der sich Dohlenfelde als Raubritter unberechtigt bemächtigt habe. Seit gewiss der Bernhelm den ich kannte, hätte in solch einem Fall sein Testament nicht ändern brauchen, mit Schwert und dem Beistand Rondras, hätte er selbst seinem Sohn den Siegelring Dohlenfeldes von der Hand geschlagen und ihn von den Zinnen Dohlenhorsts in den Großen Fluss geworfen“, und das das sicherlich nicht lebend, war der vermutlich nicht ausgesprochene Ende des Satz, wenn Erlan den Blick Garmwarts richtig deutete. Erneut konnte Erlan nicht sicher sagen, ob Garmwart hier Bernhelms wahrscheinliches Handeln beschrieb oder sein eigenes. Manch Schicksalsschlag war Garmwart als Baron von Eisenhuett wiederfahren. Nach einem, dem Verrat seines Hofmeisters und dem vormaligen Junker von Lanzenberg, hatte der Baron von Eisenhuett tatsächlich solche Konsequenzen folgen lassen. Er hatte nicht gewartet bis Herzogs-, Grafengarden oder Inquisition sich des Verschwörers und Ketzers annahm. Gleich wie die Handlungen die er Bernhelm unterstellte, war er auf Burg Lanzenberg am Großen Fluss gekommen und war mit Marbert von Lanzenberg entsprechend verfahren.
„Doch nur solch ein Grund und solche eine Konsequenz war von Bernhelm zu erwarten, wenn er seinem Sohn Angrond nicht vertraute und sich zu dem Schritt bewegt sah sein Testament zu ändern. Doch auch all dies hätte mich nicht dazu bewegt Hagen den Thron von Dohlenhorst zu verwehren. Wäre dies alles, was ich vorzubringen vermochte, es stünde mir dennoch nicht zu den Willen anzuzweifeln, wenn alles rechtens wäre. Doch der Umstand dass die Erzschurkin des Koschs am Wirken war, lässt an alles zweifeln. Sie hasste Bernhelm für manche Schmach und wenn sie dem Kosch nicht wohlwollend war, dann auch nicht Bernhelm und den seinen. Bernhelm hätte nie die Zweitracht zwischen seinen Söhnen gesät, die nun zwischen sie gekommen ist. Und ich bin sicher nicht der einzige, der Bernhelm gut kannte und über dessen Ausbruch an Launenhaftigkeit überrascht ist. Doch nicht wenige seiner einstigen Feinde, sind es nun, die insbesondere von der Wahrhaftigkeit seines Nachlasses überzeugt sind.“ Erlan musste Garmwart hier wohl zustimmen soweit er es für die Nordmarken abschätzen konnte, unter Hagens Verbündeten befand sich nur ein Nachbar Dohlenfeldes, der Rabensteiner, der aber Hagens Knappvater war und weiterhin zu seinem Zögling hielt. „ Ein Zweikampf vor den Zwölfen, ein Gottesurteil vor Praios und Rondra hätte jedoch jeden Zweifel reinwaschen können. Gleich auf welchen Anspruch oder mit welchem Recht begründet, mit einer Beteiligung dieser Heimtückischen hätten beiden Brüder jedwede Handlung unterlassen müssen, die etwas an dem von Bernhelm zurückgelassen ändern mochte, bis ein gerechtes Urteil getroffen wäre. Angrond weil er sich dem letzten Wort seines Vaters widersetzen würde. Hagen mehr noch weil ihm der Pakt mit der Erzschurkin anhaftet. Er hätte warten müssen bis die Erzschurkin gestellt und zu Reden gebracht ist, oder sich die Gelegenheit zum göttergefälligen Zweikampf geboten hätte. Und wenn es für jeden der Zwölfe ein Jahr gedauert hätte. Er hätte warten müssen.“ Garmwart war einst schon mit der formellen Krönung der Brüder jeweils zum vermeintlich rechtmäßigen Baron von Dohlenfelde nicht glücklich gewesen. „Mit der Ungeduld hat er jedoch das Erbe seines Vaters zerstört, sein Angedenken befleckt und Blut auf Dohlenfelder Boten vergießen lassen, dass nicht seines war. Damit hat er wohl seine Ansprüche durchzusetzen versucht, aber nicht das Erbe seines Vaters verteidigt. Und nachdem er diesen Weg beschritten hat, gleichwohl er sich aus seiner Sicht als Baron von Dohlenfelde dazu berechtigt fühlt, bleibt ihm nun nur die Konsequenz es auch zu Ende zu führen.
Ein Gottesurteil ist nun schwerlich möglich. Dieser Pfad wurde von beiden in den letzten Götterläufen vermeiden und von Hagen nun versperrt. Einzig der Tod kann nun das Urteil über Angrond sein. Hagen hat dessen gleichermaßen vorhandene Ansprüche niedergeworfen und Angrond zum Thronräuber und Raubritter gemacht. Im Isenhag gibt es dafür nur eine Strafe.
Doch Aufgrund der eigenen Überzeugungen, gestützt auf den letzten Auftrag seines Vaters, gestärkt durch die Bedenken des Wahrers der Ordnung Mittellande und von seinem Bruder in die letzte Konsequenz getrieben wird Angrond seine Ansprüche nicht mehr fahren lassen. Hagen wird also nichts anderes bleiben. Wenn Hagen zudem die Ansprüche und Rache der Nachkommen Angronds nicht sein Lebtag fürchten will, wird er überdies bei seinem Bruder kaum halt machen können und dafür Sorge tragen müssen, dass auch dessen Angehörige für ihn und die seinen zukünftig keine Gefahr darstellen. Und wenn ich einst Bernhelm schwor, dass ich sein Blut mit dem meinem verteidigen werde, so wird es auch für diesen Fall gelten.“ Garmwart hielt nach seinen eindringlichen Worten kurz inne, denn noch eine weitere Verpflichtung, eine schwere Bürde lag auf ihm aufgrund der Entscheidungen Hagens.
„Und wisset, um den Bund zwischen Sturmfels und Quakenbrück zu festigen, besiegelten Bernhelm und ich vor Zeugen einst, dass der Älteste der Nachkommen Angronds, der nicht Baron zu Dohlenfelde wäre, dereinst Herr über Eisenhuett sei. „ Garmwart führte dies nicht weiter aus, doch es war deutlich, dass er jeden Angreifer aus die Nachkommen Angronds abwehren würde. Doch ein zukünftiger Baron würde stets die Ansprüche seiner Geschwister auf ein Erbe in Dohlenfelde unterstützen. Die Fehde würde sich nun über Generationen ziehen. Erlan verstand noch nicht ganz, wie es um das Erbe Eisenhuett bestellt war, er konnte in dieser Sache die Worte des Barons nicht anzweifeln. „Auch Angrond hat nun keine Wahl mehr als seinen Bruder mit den gewählten Waffen anzugehen. Aber er wird den Willen seines Vaters, nicht den letzten, sondern jenen den er zu Lebzeiten vermittelte, respektieren müssen. Er wird Hagen dazu bewegen müssen sich mit zwei Baronien zufrieden geben zu müssen. Doch er wird auch dann die Pflicht haben sich des Vorwurfs, er hätte das letzte Wort seines Vaters missachtet reinwaschen zu müssen. Und wenn sein Bruder dereinst seinen Verantwortungen über die Güter in Tobrien bewusst wird, wird Angrond sich an seiner Seite stellen müssen. Denn nicht ein zweifelhaftes Pergament und die Tinte darauf werden dereinst Rondra überzeugen oder Bernhelm gerecht werden können, sondern nur Taten. Die Hoffnung kann nur in Hesindes Einsicht liegen.“
Letztlich zog Garmwart keinen der beiden Brüder vor. Es waren die Söhne Bernhelms und so verdienten sie auch beide gleichermaßen sein Wohlwollen. Es war einst sogar Hagen, den er mehr schätzte. Hatte er in ihm doch das Ideal des jungen Ritters gesehen. Heißspornig, wagemutig und der Rondra zugetan. Es fehlte ihn nur ein letzter Schliff, etwas Verantwortungsgefühl, dass ihm mit der rechten Führung schon beigebracht werden konnte. Doch die Handlungen und ‚Entscheidungen der Brüder sollten die Ansichten Garmwarts beeinflussen. Und wenn ihn beide Brüder in den Götterläufen seit dem Tode ihres Vaters wenig begeistert hatten, Hagen hatte ihn am meisten enttäuscht. „Wenn Hagen dies alles nicht wusste oder ahnen konnte, dass die derartige Einnahme Dohlenfeldes, der Pakt mit Twergenhausen, den Angrond im Angedenken seines Vaters nicht geschehen lassen kann, nur weiteres Blutvergießen bedeutet, eine Fehde nach der anderen nach sich zieht, Brüder Nachbarn und den Isenhag entzweit, Frylinde hat es geahnt haben müssen. Und dafür bedurfte es nicht meiner unbeantworteten Schreiben, meiner abgeschlagenen Bitten und meiner ignorierten Warnungen. Die Ungeduld, der eigene Zweifel an der Rechtmäßigkeit und der folgende Dringlichkeit diese durchzusetzen haben, wie schon auf dem Schlachtfeld Hagen ungestüm handeln lassen. Was sich jedoch Frylinde erhofft, vermag ich nicht zu sagen. Doch wenn sie einst die Gemahlin meines engsten Schwertbruders war, ich kenne sie heute nicht mehr.“ Erlan erkannte, dass Garmwart obgleich er viele der Zusammenhänge des Konfliktes erkannte, sich dennoch diesen ergab und bereit war die Konsequenzen zu tragen. Garmwart wirkte nun müde. Die Worte, die Gedanken, die in schon zu lange belasteten, hatten ihn zunehmend erschöpft während er sie vortrug. Der Baron von Eisenhuett galt noch immer als gefährlicher Streiter. Auf dem letzten Herzogenturnier gab es kaum einen Ritter der es mit ihm hätte aufnehmen können. Doch Garmwart erschien dem Sindelsaumer nun, bei seinem letzten Worten, wie ein Veteran, der eine letzte Schlacht verloren hatte. Nicht mehr die Kraft hatte die nächste zu schlagen.

Erlan hatte Garmwart gespannt gelauscht. Er konnte nicht behaupten ihn auch nur oberflächlich zu kennen, aber was er in den Augen seines Gegenübers zu lesen vermochte verriet ihm die Aufrichtigkeit der Gefühle des Nordmärkers.
Nachdenklich blickte er in die Flammen des Kamins. Nach einer Weile blickte er wieder auf. „Eure Worte wiegen schwer. Ich schenke euch Glauben und die Folgerungen die sich daraus ergeben erfreuen mich nicht. Die Häuser Salmingen und Sindelsaum waren schon befreundet, bevor das meine Haus in den Adelsstand erhoben wurde und dies wiegt schwer für mich. Eure Worte wiegen jedoch viel und die nüchterne Betrachtung der letzten Vorgänge, an denen ich nun auch zu einem gewissen Teil beteiligt war zwingen mich dazu meine Position zu überdenken. Ich danke euch für eure offenen Worte. Ich selbst vermag euch keine neuen Aspekte aufzuzeigen. Es mag sie geben, aber ich kenne sie nicht. Die Beteiligung Charissas schockiert mich zutiefst.“ Unterbewusst kratzte er sich an seinem Bart. Garmwart glaubte darunter eine Narbe erkennen zu können. „Diese Frau hat unglaubliches Leid über den Kosch gebracht. Wenngleich ihr Werk nicht vollends nachzuweisen ist, so kann man doch aus den Geschehnissen seine Schlüsse ziehen. Ich werde mich mit meiner Gattin beraten und dann entsprechend handeln.“ Erlan blickte Garmwart direkt an.
„Erhofft euch jedoch nicht zu viel. Im besten Fall werden wir uns aus dieser Fehde zurückziehen und den Dingen ihren Lauf lassen. Ein Übertritt in das Lager Angronds kommt nicht in Frage. Dies verbieten allein schon die Gebote der Ehre, aber ich bin sicher, dass ihr dies verstehen könnt. Sollte die Fehde dennoch fortgesetzt werden, so seid ihr nichts desto trotz stets ein gern gesehener Gast in Sindelsaum. Solltet ihr etwa zur Warenschau nach Angbar kommen, so wäre es mir eine Ehre euch in meinem Haus aufnehmen zu dürfen.“
So endete das Gespräch recht plötzlich. Man saß noch eine Weile zusammen, aber die beiden Barone verloren über das Thema Thronfolgestreit kein Wort mehr.