Dohlenfelder Thronfolgestreit - Ernste Zeiten

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Texte der Hauptreihe:
K10. Ernste Zeiten
K28. Sieg
K95. Kajax
F25. Epilog
Autor: M.W. und S.A.
Nordmarken, 1032

Garmwart nickte, nicht anders waren seine Überlegungen.
„Es stand Bernhelm jederzeit an, sein Testament nach Gutdünken zu ändern, ohne jemanden ins Vertrauen zu ziehen“, ein Umstand, den jeder, vor allem Garmwart, zu jeder Zeit akzeptiert hätte. Doch der Schatten der über dem Ganzen lag, mochte ihm nicht recht gefallen. Es überraschte ihn nicht, dass Voltan nicht anders dachte und noch dazu den Schatten beim Namen nannte. Doch die Hoffnung, dass der Landedle seine Bedenken, seine Befürchtungen zerstreuen würde, womöglich von einem Streit zwischen Vater und Sohn oder ähnlichem wusste, dass einen Sinneswandel begründete, hatte er sich bis zu diesem Moment noch bewahren wollen. Doch dem sollte nicht sein und weitere Spekulationen waren verschwendete Zeit.
„Ihr habt Recht und nichts anders darf es gelten. Und ja, Ihr wäret gewiss nicht der erste, der am Scheiterhaufen stünde“, die Schrecken, die der Kosch durch Charissia hatte ertragen müssen, waren weithin bekannt. Voltan würde es schwer haben dem Scheiterhaufen nahe genug zu kommen, um seine Fackel den anderen hinzuzufügen.
„Die Erzschurkin Charissia von Salmingen muss jedoch zur Strecke gebracht werden, für ihre Schandtaten, für ihre Vergehen und für ihren Frevel!“ fest war Garmwarts Stimme und entschlossen seine Worte.
„Und wenn sie an dieser Zwietracht beteiligt ist, muss sie auch dazu Rede und Antwort stehen. Denn gleichwohl wie die Entscheidung, um das Erbe Bernhelms Feld ausfällt, über Bernhelms Tod, über seine Söhne wird stets der Schatten Charissias stehen. So kann es nur der rechte Weg sein, wenn beide Erben sich darauf verpflichten, die Mörder ihres Vaters zu stellen und Charissia von Salmingen zur Strecke zu bringen, ehe sie sich zur Freude der Erzschurkin aneinander vergehen“, noch immer waren nicht alle Mörder Bernhelms gefasst.
Hagen täte insbesondere gut daran, denn er wird sich stets dem Vorwurf ausgesetzt sehen, ein Spielstein der Erzschurkin zu sein. Derartige Gedanken wurden mir bereits angetragen.“
Garmwart strich sich durch den ergrauten Bart. Ihm war das Netzwerk, dass sich um den Streit entfaltete, zuwider. Eines war es, wenn sich Verbündete zusammenfanden, um sich einer Fehde zu stellen. Etwas anderes war es jedoch, wenn ein jeder sich einmischte, der hier mehr noch als Ruhm und Ehre suchte und den Streit noch weiter entfachte. Er hatte einst gehofft, dass der Streit unter den Brüdern und bestenfalls in deren engeren Kreise beigelegt werden könnte. Doch schon bald hatten sich auf beiden Seiten Befürworter und Hetzer gefunden, deren Verwicklungen ihm Schleierhaft schienen. Sogar der Erzfeind Dohlenfeldes, der Baron von Eisenstein, galt als Befürworter Hagens. Er unterstellte vor allem Frylinde von Salmingen, ihre Finger im Spiel zu haben und den Erbstreit weiter zu vergiften, anstatt sich auf die wahren Feinde zu konzentrieren und ihre Zwillingsschwester zu stellen. Diesen Gedanken hatte er ihr anlässlich Hagens Hochzeit unterbreitet. Garmwart hatte nach dem Tod Bernhelms allerdings nur wenige Worte mit ihr gewechselt, sie wünschte die Nähe des Freundes ihres Gemahls nicht mehr, bereits vor den Vorwürfen. Er kannte sie schon lange, doch ihre schnelles Handeln, ihre Reaktionen und das Herunterspielen der Umstände um Bernhelms Tod, hatten ihn einst erzürnt.
Es waren indes nicht wenige Monde vergangen, als der Gesandte von Tandosch in Eisenhuett erschienen war und ihn bat, sich seinem Herrn, dem Baron von Tandosch, auf einen Zug gegen den Usurpator und Räuberbaron Angrond und die seinen anzuschließen. Zur Strecke wollte der Tandoscher sie bringen und wie Raubritter richten. Es hatte nicht viel gefehlt, um den Gesandten, einen Vetter des Barons von Tandosch, nicht nur deutlich zu Tür hinaus zu bitten, sondern ihn den kürzesten Weg durchs Fenster hinaus zu zeigen. Die Opportunisten kreisten bereits wie die Krähen über Dohlenfelde. Er hatte ihm knappe aber recht eindrücklichen Worten mitgegeben, dass ein jeder, der Angrond und seiner Gemahlin Isida die Fehde erkläre oder gegen diese gewaltsam vorginge, auch ihn einen Feind fände. Nicht viele wussten, dass Isida einst Garmwarts verstorbener Erstgeborenen in der Erbfolge in Eisenhuett hätte folgen sollen und nur die Aussicht auf den Titel einer Baronsgemahlin in Dohlenfelde Garmwart hatte anders entscheiden lassen. Ein Verzicht Angronds auf den Thron in Dohlenfelde, würde seiner Gemahlin das Erbe Eisenhuetts einbringen. Diese Verknüpfung wurde bereits im Ehevertrag der beiden angedeutet und in Form des Festlegung der Erbansprüche ihre Nachkommen bestimmt. So stand es Reto an, Baron von Dohlenfelde, und Haldane, Anspruch auf Eisenhuett zu erheben. Voltan war dies bekannt. Aber auch wenn die Verbindungen zu Hagen weit geringer waren, auch ihn sah er als Sohn des Hauses Sturmfels als Verbündete an und würde mit dem Schwert an seiner Seite stehen, wenn man ihm auf ähnliche Art forderte. Allerdings würde er sich auch einen jeden der beiden selbst gegenüber stellen, wenn es sich nicht vermeiden lies.
„Vielleicht können wir einen bewaffneten Konflikt doch noch verhindern und der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen“, antwortete Voltan nach einer kurzen Überlegung.
„Zumindest sollten wir nichts unversucht lassen: Euer Hochgeboren, wie Ihr sagt, ist Charissia der Schlüssel zum Erbstreit. Entweder sie hat durch ihr praioslästerliches Wirken das Testament geändert, oder nicht. Wie dem auch sei, Ihrer müssen wir habhaft werden! Nun liegt es mir fern, persönlich nach dieser Schwarzkünstlerin zu jagen, wenn zur gleichen Zeit mein Lehen inmitten eines Kampfgebietes zu liegen droht; der Schutz meiner Untertanen genießt oberste Priorität. Und zudem bin ich wohl in einigem, was man so braucht, um solch zwielichtiges Gesindel aufzustöbern nicht geübt genug. Auf Heimlichkeit gebe ich nicht viel und genügend Truppen und Geweihte, um den Kosch zu durchkämmen, habe ich leider auch nicht in meinem Gefolge.“
Voltan hielt kurz inne und sah, wie die Gedanken in Garmwarts Kopf reiften.
„Was haltet Ihr davon:Wir suchen eine dieser Abenteurergruppen auf, die das Weib für uns aufspürt! Diese Herumtreiber scheinen ja nun immer wieder recht erfolgreich zu sein und verfügen über Mittel und Kenntnisse, die unsereins abgehen. Versprechen wir ihnen einen guten Batzen Gold! Und vielleicht könnt Ihr in Eurer Waffenkammer noch etwas auftreiben, was solche Herren und Damen interessieren könnte? Irgend etwas antikes oder zwergisches oder sonst etwas mit gutem Klang? Wenn ein Adeliger von gutem Ruf darunter sein sollte könnte man ihm für seine erfolgreichen Taten vielleicht auch einen Gutshof oder eine Ehrenmitgliedschaft im Koradinerbund anbieten. Jedenfalls sollten wir es nicht unversucht lassen, diese Charissia zu finden und den Erbstreit zu beenden, noch bevor er Schaden anrichtet, der nicht mehr gut zu machen ist.“
Garmwart strich sich erneut durch den Bart. Sein Blick zeugte von einem profunden Misstrauen gegenüber solchem Gesindel, wie es Voltan erwähnt hatte. Er blickte Voltan jedoch ernst und verständnisvoll an, während der Landedle sein Überlegungen ausführte. Der Baron konnte seine Argumente wohl nachvollziehen und wusste, dass der Landedle seinen Vorschlag wohl durchdacht haben mochte.
„Ihr habt wohl Recht, sie ist der Schlüssel. Ein Schlüssel ohne den in dieser Sache keine weiteren Pforten geöffnet werden können, geöffnet werden dürfen. Ein Schlüssel der aber schon manche verbotene Pforte auftat und weiterhin öffnen wird, wenn man ihm nicht daran hindert. Um den Vergleich fortzuführen. Ganz wohl ist mir bei solchen Glücksrittern jedoch nicht. Ich halte wenig von solchen Leuten, die im Sinne Aves handeln, aber ziehen nicht auch junge Ritter aus um Ruhm und Ehre zu erlangen, ihren Namen bekannt zu machen? Man würde sich diese Leute aber wohl genau anschauen müssen. Gleichwohl sind wir beide nicht im Stande uns auf eine langwierige Queste der Schurkin nachzuspüren zu begeben, so ehrbar sie auch sein mag.“
Der Baron zögerte etwas, ehe er fortfuhr. Voltan wusste, dass Garmwart sein Missfallen auch deutlicher ausgedrückt hätte, wenn er dem Vorschlag nicht zustimmen wollte.
„Es soll also so sein. An der Belohung soll es auch gewiss nicht scheitern. Ein ehrbarer Herr oder eine ehrbare Dame, welche der Schurkin habhaft wird, hat mancherlei Ehren verdient. Ich denke, unsere Brüder unter Koradins Wappenschild werden den Dienst an Bernhelm, Mitbegründer des Turnierbundes, wohl erkennen. Freilich muss es sich tatsächlich um einen solche Person von gutem Ruf handeln. Bei der Prüfung sollte die Tat jedoch manches aufwiegen können. Abgesehen davon, dürfte der Lohn, den man im Koscher Königreich für Charissia erhält nicht gering sein. Es wäre ein Dienst, für das Reich, das Königreich Kosch und zweifelsohne eine Queste im Sinne der Zwölfe.“
Garmwart gedachte nicht abzuschweifen. Im war jedoch bewusst, dass bereits im Kosch manches ausgelost worden war, wenn man den Verbleib Charissias ausmachte. Dennoch sollte der Weg nicht unbeschritten bleiben.
„Was jedoch unseren Anlass betrifft, Ihr seid gänzlich unparteiisch in dieser Angelegenheit, soweit es Hagen und Angrond angeht. Ich denke, es würde Euch anstehen, die Aufgabe zu erteilen. Es soll aber meine Schatzkammer sein, die den nötigen Anreiz bereitstellt. Euer Vorschlag scheint mir angemessen. Ich wüsste auch schon ein gutes Stück, das sich anböte. Ich werde es Euch alsbald zukommen lassen.“
Das Haus Quakenbrück war nicht das älteste Freiherrengeschlecht in den Nordmarken, doch bereits als Junker hatten sie sich einen Namen gemacht und sei den Tagen Gerobald Gryphans von Quakenbrück, den Herzog Koradin zum Freiherrn erhob, war zudem manches Kleinod nach Eisenhuett gelangt. Nach dem Verrat und Frevel der alten Junker von Lanzenberg, waren jedoch auch manch besondere Stücke, darunter auch ein besonderes zwergisches Geschenk, in den Besitz des Barons von Eisenhuett übergegangen. Ein ganz bestimmtes davon würde es sein. Und es erschien ihm für eine derartige Queste ein angemessenes Opfer.
„Eine Überlegung, die ich dem ergänzen möchte. Ihr kennt meinen Knappen Dragowin von Bösenbursch?“
Voltan kannte freilich den jungen Mann, der sich seit Jahren in der Knappschaft bei Garmwart befand. Überdies befand er sich im kleinen Gefolge mit dem Garmwart nach Wichtenfels angereist war, nahm jedoch nicht an der Unterredung teil. Es war ein tüchtiger Knappe, der das nötige Alter für die Schwertleite bereits deutlich erreicht hatte und sie, was man hörte, auch verdiente. Garmwart galt jedoch als strenger Schwertvater. Er selbst hatte seine Lehren bei Sigismund Ernbrecht von Sturmfels erhalten und setzte kaum einen geringeren Maßstab an. Garmwart befand, dass nicht allein das Alter, Tüchtigkeit, Demut und Überzeugung ausreichten einen Ritter auszumachen, auch die Taten mussten passen. Und gerade der Schritt vom Knappen zum Ritter musste ein besonderer sein. Die Bewährung in der Schlacht jüngst im albernischen Konflikt, die Garmwart bereits als gegebenen Anlass gesehen hatte, war ausgeblieben. Es hatte keine Schlachten, keine Gefechte gegeben. Der Baron hatte demnach seinen Knappen auch nicht zum Ritter geschlagen.
„Lange schon wartet er auf seinen Ritterschlag, und er soll ihm nicht verwehrt bleiben, den das Zeug dazu hat er. Doch einen letzten Beweis ist er mir noch schuldig. Ich werde ihn auf die Spuren der entkommenen Mörder Bernhelms setzen. Denn eine von diesen soll noch immer auf freiem Fuße sein und weder Hagen noch Angrond oder den Möglichkeiten des Hauses Salmingen ist es gelungen sie zu stellen. Auch sie wird manches offenbaren können.“
Tatsächlich, so hieß es, mochte es sich um eine albernische Freischärler handeln, die dem Leben Bernhelms ein Ende setzten. Vordergründig aus Rache für die Hinrichtungen auf Crumolds Auen. Dass dennoch ein Zusammenhang zwischen diesen und Charissia bestehen musste, bezweifelten aber nur wenige. Dennoch, dies war keine leichtere Aufgabe, das wusste Voltan. Schon Graphiel von Metenar war nach Albernia mit ähnlichen Absichten ausgezogen. Allerdings, das konnte Voltan ahnen, waren seine Nachforschungen damals weniger tiefgründig, obgleich er letztlich tatsächlich sechzehn Abtrünnige, dem Henker übergab, zweifelsohne zu Recht. Die entflohene Mörderin Bernhelms befand sich allerdings nicht unter diesen.
„Wie gedenkt Ihr nun jedoch solch Gesellen die im Sinne Aves leben, anzuwerben?“
„Nun, es ist mir nicht peinlich zu bekennen, dass ich solcherlei bisher noch nie tun musste. Am liebsten würde ich Hochgeboren Derya die Auswahl der Abenteurer überlassen, doch weiß ich nicht, ob sie sich zur Zeit in Dohlenfelde aufhält; ich würde nämlich gerne persönlich mit ihr darüber sprechen. Nun, das lässt sich sicherlich herausfinden. Sie hat jedenfalls ein sehr viel besseres Auge für fähige Abenteurer als ich selbst. Schließlich ist sie auch nicht ganz unerfahren auf diesem Gebiet.“
Dass auch Voltans Schwester Kara bei der Auswahl der Abenteurer eine Hilfe hätte sein können, verschwieg der Landedle gewissenhaft – nicht jeder musste wissen, dass die junge Ucuriatin in ihrer Jugend auf Abenteuerfahrt war; und schon gar nicht, dass sie das damals vor allem eines tulamidischen Magiers wegen tat, den Rahja ihr ins ungestüme Herz gesetzt hatte.
„Sollte Derya jedoch in Tommelsbeuge sein, werde ich wohl oder übel selbst nach Abenteurern suchen. Ich vermute, in Twergenhausen kann man solche Avesjünger finden, oder nicht?“
Garmwart nickte und überlegte kurz, was er von den Überlegungen Voltans halten sollte.
„Nun, Ihr braucht Euch dafür wohl nicht beschämt zu fühlen. Es steht Euch wohl an, Euch nicht mit derartigen Herrschaften zu umgeben.“
Garmwart empfand es nicht als notwendig, sich für irgendetwas zu entschuldigen, das tat er ohnehin äußerst selten. Allerdings hatte er mit der Übertragung der Aufgabe Voltan auch nichts unterstellen wollen. Er selbst würde sich der Sache wohl annehmen können. Wobei er diese Aufgabe freilich einem Untergebenen auftragen würde. Hier schien es ihm jedoch angemessen, dass Voltan, als gänzlich Unbefangener, die Suche in Auftrag gab, während er selbst die nötigen Mittel stellen mochte.
„Ich bin mir indes ziemlich sicher, dass sich Derya, von Tsa gesegnet, sich derzeit bei ihrem Gemahl in Tommelsbeuge befindet. Sie täte gut daran. Wissen kann ich es jedoch nicht. So scheint mir Twergenhausen tatsächlich ein angebrachter Ort zu sein. Das Tor zum Eisenwald, Anfang und Ende der Eisenstraße in das Königreich Almada. Ja, das scheint mir wohl ein rechter Ort, um derlei Reisende anzutreffen.“
Er selbst würde seinem Knappen die andere Aufgabe auftragen.