Dohlenfelder Thronfolgestreit - Die Lage in Dohlenfeld

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Texte der Hauptreihe:
K28. Sieg
K72. Die Lage in Dohlenfeld
K95. Kajax
F25. Epilog
13. Tra 1033 BF
Die Lage in Dohlenfeld
Das Lager der Löwen

Kapitel 72

Nicht dem Stand gemäß
Autor: Reichskammerrichter, weitere

Nordmarken, 1033

Es war noch nicht sehr spät, doch Praios’ Schild war bereits vollständig hinter den efferdwärtigen Bergen verschwunden. Im Heerlager war es im Laufe des Tages immer voller geworden, es lagerten Hunderte von Adligen und Gemeinen im Seitental des Großen Flusses. Viele Dutzend Feuer loderten, über ihnen drehten sich Spanferkel und ganze Ochsen, Bier und Wein wurde nur in Fässern gezählt. An den Hängen des Tales waren vereinzelte Wachfeuer zu sehen. Es wurde gelacht und gestritten, es wurde gesungen und aufgespielt. Der Trossknecht aus dem Eisenwald traf auf den Mercenario auf dem Horasreich, der Adlige aus Garetien auf den Landmann aus Gratenfels, der zwergische Armbrustschütze auf den berittenen Botenreiter. Der Streit um die Eroberung der Burg Schwarzfels durch Söldner des Hauses Lîfstein fand nicht allzu viel Interesse im Heer, in dem allgemein mit einem raschen Sieg gerechnet wurde – unabhängig davon, ob nun diese Burg, die ohnehin kaum jemanden interessierte, in wessen Händen auch immer sei. Doch die große Geschäftigkeit täuschte darüber hinweg, dass noch nicht einmal die Hälfte der Verbündeten versammelt war.
Es war ein wenig Aufruhr zu bemerken, als Gardisten des Barons zu Eisenhuett im ganzen Lager umherstreiften, um alle Adligen und Geweihten sowie auch einige gemeine Hauptleute ins große Rundzelt Angronds im Zentrum des Lagers zu bitten. Einige Dutzend Frauen und Männer, teilweise noch mit ihren Krügen in der Hand, waren bald versammelt, die meisten standen, nur wenige hatten Platz genommen. Angrond von Sturmfels stand in der Mitte des Zeltes und begann bereits ein drittes oder viertes Mal damit, den Anwesenden dafür zu danken, trotz der späten Stunde noch in seinem Zelt erschienen zu sein. An seiner Seite standen Baron Garmwart von Quakenbrück, sein Schwiegervater Roderich von Quakenbrück sowie ein offensichtlich wohlhabender, etwa dreißigjähriger Mann in staubiger Kleidung und mit gegürtetem Rapier. Schließlich wandte sich Angrond den Versammelten zu: „An meiner Seite steht Herr Rajodan Immergnad. Er gehört zur Twergenhäuser Weinhändlerfamilie Immergnad, die mit dem Patrizierhaus Engstrand eng befreundet ist. Herrn Immergnads Vater ist seit vielen Jahren Meister der Kaufmannsgilde zu Twergenhausen.“ Der Baron machte eine kurze Pause und fuhr fort: „Herr Rajodan Immergnad wurde von der bekannten Twergenhäuser Patrizierin Phexiane Engstrand in unser Lager gesandt. Herr Immergnad hat Kunde aus Twergenhausen, die unser ganzes Vorhaben in Frage stellen könnte. Wenn Herr Immergnad berichtet hat, werden alle hier Versammelten verstehen, dass kein Aufschub möglich war.“
Der Stadtbürger räusperte sich – er war es nicht gewohnt, vor so vielen hohen Damen und Herren zu sprechen – und begann mit lauter Stimme, denn die Akustik im Zelt war alles andere als günstig: „Hochgeborene, Wohlgeborene, geehrteste Versammelte! Rahja und Phex zum Gruße! Ich bin, wie Seine Hochgeboren Angrond bereits erwähnte, auf Wunsch meiner geschätzten Freundin Phexiane Engstrand hier. Sie und ihre geschätzte Frau Mutter, die Verehrteste Ratsdame Haldana Engstrand, instruierten mich auf das Genaueste und berichteten mir ausführlichst von den Vorkommnissen, auch denen hinter den geschlossenen Türen des Rathauses. Den ganzen Tag bin ich heute geritten, ich entschuldige daher den nicht tadellosen Zustand meiner Kleidung. Ich entschuldige auch die Verehrteste Dame Engstrand, denn es wäre gegenwärtig zu auffällig, würden Mitglieder ihres Hauses Twergenhausen verlassen.“ Rajodan Immergnad nahm einen kleinen Schluck aus dem Becher, dem ein Lakai ihm gereicht hatte: „Um gleich zum Punkt zu kommen: Vor drei Tagen, am 7. Rondra, traf Seine Liebden Gorfang Reto vom Großen Fluss und von Brüllenfels in Twergenhausen ein, und des Herzogs Vetter war in Kürze zutiefst in die Stadtpolitik involviert. Seither hat sich viel geändert: Des entführen Bürgermeisters Sohn Throndwig Gliependiek wurde vom Magistrat zum Nachfolger seines Vaters gewählt, drei Adlige, die im Kerker der Stadt saßen, wurden vom Stadt- und Marktgericht zum Tode verurteilt und vom Henker der Stadt enthauptet – und Twergenhausen wird einen Feldzug unternehmen, um die Burg Schwarzfels für Magistrat und Herzog zurückzuerobern. Aber lasst mich von vorne beginnen...“ [Siehe Haldanas Brief, natürlich nicht wörtlich und nicht mit allen Details...]
Es herrschte betretene Stille, als Rajodan Immergnad seine Ausführungen beendet und erste Rückfragen beantwortet hatte. Angrond wirkte angespannt und nervös, schien nach den rechten Worten zu suchen, während der Rede des Weinhändlers hatte er mehrfach die Fäuste geballt, als versuche er festzuhalten, was ihm gerade zu entrinnen drohte. Roderich hingegen war bleich geworden, Entsetzen stand in sein Gesicht geschrieben, er schien ein- oder zweimal sogar ein stilles Praiosseibeiuns gesprochen zu haben. Garmwart war zu Beginn von Immergnads Vortrag wütend, am Ende geradezu zornig und atmete tief durch. Schließlich sprach Angrond zu dem Stadtbürger: „Ich danke Euch für Eure Nachrichten aus Twergenhausen, Herr Immergnad. Euch und der Verehrtesten Dame Engstrand.“ Und dann, an die Versammelten gewand: „Ihr habt gehört, was geschehen ist und was vermutlich geschehen wird. Seine Liebden der Allwasservogt hat Partei ergriffen – und zwar aufgrund des Angriffs auf die Burg Schwarzfels durch Seine Wohlgeboren Darian und die Entführung des Bürgermeisters, deren Gründe mir immer noch schleierhaft sind. Der Allwasservogt ist in Twergenhausen, um dort die unmittelbaren Interessen Seiner Hoheit zu verteidigen – aber nach Aussagen Herr Immergnads nicht, um den unrechtmäßigen Anspruch meines Halbbruders Hagen durchzusetzen. Seine Hoheit hätte in Elenvina in den letzten drei Jahren mehr als genügend Gelegenheit gehabt, mich persönlich aufzufordern, von meinem Anspruch auf Dohlenfelde abzusehen. Doch er tat es nicht – aus Respekt vor der praiosgefälligen Ordnung. Denn Seine Hoheit, der Reichssenneschall, achtet die Lex Zwergia, die geschriebenes kaiserliches und bergkönigliches Recht ist, das den Status des Isenhag garantiert und auch vor Eingriffen durch den nordmärkischen Herzog schützt. Und Seine Hoheit, selbst mehrfacher Baron, achtet auch das ungeschriebene souveräne Erbfolgerecht aller Barone des weiten Raulschen Reiches. Daran hat sich, so weit ich es bewerten kann, nichts geändert.“
Angronds engste Verwandtschaft – sein Bruder Rondred, seine Schwester Derya, seine Tante Ardare – hatte sich ein wenig im Hintergrund gehalten. Sie hatten die Äußerungen des Stadtbürgers mit Überraschung und zunehmender Verärgerung vernommen, und wirkten nun sehr entschlossen. Ihrem Verwandten Cordovan trauerten sie nicht nach (abgesehen vielleicht von Derya, die Cordovan für sein rahjagefälliges Handeln ein kleines bisschen bewunderte), er war vom ermordeten Bernhelm aus der Familie ausgeschlossen worden. Seine Liebesheirat mit einer Bürgerlichen hatte ihn unmöglich gemacht, er hatte dieses Schicksal selbst gewählt und war nun gestorben, wo er gelebt hatte – in Twergenhausen. Einen Platz in der Familiengruft in Erzweiler gab es für Cordovan nicht.
Niemand, der Angronds Familie kannte, zweifelte daran, dass sie allesamt bereit waren, für Angronds Anspruch notfalls gegen den Herzog selbst zu fechten – sollte Angrond, seit Bernhelms Tod als dessen ältester Sohn Familienoberhaupt, dies wünschen. Der Wahlspruch der Familie lautete: In dubio pro familia. Notfalls bis in den Untergang. So war es gute alte Tradition. Während Deryas und Ardares Entscheidung, für ihren Bruder und Neffen einzustehen, bereits feststand, schien Rondred mit sich zu ringen. Er war Rittmeister im Albenhuser Gardereiterregiment, das dem Herzog in Elenvina unterstand. Er wusste, dass es das Ende seiner militärischen Karriere wäre, würde er gegen Herzogliche kämpfen. Als mindeste Konsequenz. Doch auch Rondred würde seinem Bruder folgen, und würde er dafür auf dem Schafott landen. Spätestens an Rondras Tafel wäre die Familie so oder so wieder vereint.
Nur drei wichtige Mitglieder des mittleren Hauses Sturmfels fehlten in Nilsitz: Angrond Tante Drahomira befand sich als Befehligerin der Garde der Baronie Liepenstein ebendort, sie würde mit den Liepensteinern in der Baronie Dohlenfelde einmarschieren. Des Weiteren fehlte Drahomiras jüngere Schwester Rondwige Regintrud von Sturmfels, die Rittfrau der Herzoglichen Flussgarde war. Sie hatte sich bei ihrem Neffen für ihre Abwesenheit entschuldigen lassen, ihre dienstlichen Pflichten ließen einen Urlaub nicht zu. Zu guter letzt fehlte Leuerich von Sturmfels, Großonkel Angronds und Oberst des Elenviner Garderegiments.
Der Oberst war nicht nach Nilsitz gereist, sondern weilte bei seinem Regiment in Elenvina. Der Offizier zählte mittlerweile über 80 Götterläufe, weigerte sich aber bislang, um seine Pensionierung zu bitten – während der Herzog seinen „alten Oberst“ nicht zum Rücktritt zwingen wollte. Warum Leuerich nicht in Nilsitz war, wunderte kaum jemanden: Der Greis, der spätestens seit Beginn des Alberniakrieges sein Obristenamt nur noch dem Namen nach ausübte, hatte sicherlich wieder einmal gesundheitliche Probleme. Es wäre nicht das erste Mal. Tatsächlich jedoch war Leuerich bei – für seine Verhältnisse – bester Gesundheit.
Leuerich aber hatte als Oberst eines nordmärkischen Regiments dem Herzog direkt den Treueid geleistet – Hauptleute schworen auf das Regimentsbanner, Obristen jedoch auf den Regimentsinhaber und Dienstherrn. Leuerich würde aufgrund dieses vor Rondra geschworenen Eides niemals gegen den Herzog oder einen Kämpfer im herzoglichen Rock das Schwert erheben oder einen entsprechenden Befehl erteilen. Der Offizier wusste gleichzeitig, dass er als ältestes lebendes Familienmitglied großes Ansehen bei allen Sturmfelsern genoss. Er hatte sich daher entschieden, dass es besser für die Familie wäre, dem Feldzug seines Großneffen fernzubleiben. Denn wenn er sich hätte entscheiden müssen, hätte sein Eid auf den Herzog ihm mehr gegolten als die alte Familientradition.
Angrond blickte zu Garmwart, dann wieder in die Runde: „Jedoch ist bereits Blut geflossen. Blut von Adligen, die mich unterstützten. Vergossen durch den Henker einer Stadt, mit deren Hilfe Hagen mir meine Baronie entriss – und mit Zustimmung oder gar auf Anordnung eines Mitgliedes der herzoglichen Familie. Herr Immergnad hob hervor, dass Twergenhausen Dank des Engagements des Hauses Engstrand nur gegen Burg Schwarzfels ziehen wird. Dies ist bedauerlich genug, doch zumindest unterstützt die Herzogenstadt Hagen nicht direkt. Ingerimms Hammer wird sich gar nicht beteiligen. Unklar ist mir die Rolle des Allwasservogtes selbst, seiner Flussgardisten und der herzoglichen Vögte. Werden sie nur gegen die Schwarzfels ziehen, oder auch Hagens Anspruch auf die Herrschaft in Dohlenfelde verteidigen? Ich frage Euch, die hier Versammelten, nun: Was soll geschehen? Sollen wir mit unserem in Turehall gefassten Plan anbetracht der Umstände fortfahren und am 15. Rondra die Grenze zu Dohlenfelde überschreiten, um den Streit um das Erbe meines Vaters zu beenden? Sollen wir es riskieren, auf dem Schlachtfeld gegen den Allwasservogt zu streiten?“
Angrond hatte bewusst nicht seine Verwandten gefragt, was er nun tun solle. Er schaute zu seinen Freunden und Verbündeten. Was sollte nun geschehen?
Pherad von Gernebruch hatte aufmerksam zugehört und auch den Praiosgeweihten hatten die Schilderungen des Mannes aus der Herzogenstadt erschüttert. Er blickte sich um, ob nicht einer der anwesenden Barone das Wort ergreifen mochten, aber dem schien nicht der Fall zu sein- vielleicht brauchten Sie noch einen Moment. Einerseits war der einfache Geweihte hier als Vertreter des Hauses Gernebruch, auf der anderen Seite war er immer auch ein Vertreter höherer Interessen. „Verzeiht, wenn ich mich so einfach meine Gedanken ausdrücke, Euer Hochgeboren.“, begann Pherad an Angrond gewandt zu sprechen. „Hier gibt es mehrere wichtige Punkte und vieles scheint mir fraglich. Am gewichtigsten finde ich zunächst die Frage, ob es wirklich so ist, dass der Allwasservogt, sei es mit oder sei es ohne Billigung des Herzogs- ich kann mir bei Praios nur letzteres vorstellen, sich noch neutral verhält. Er nimmt doch eindeutig Position in diesem Streit und obwohl er niemandem die Fehde erklärt hat, marschiert er durch Eure Baronie.
Wäre es nicht Aufgabe des Grafen Dinge wie einen Streit über die Gültigkeit des Vertrages hinsichtlich der Schwarzenfels zu klären? Darf sich ein herzöglicher Vogt darüber einfach hinwegsetzten? Verletzt er damit nicht die Rechte der Isenhager Barone und die Rechte des Isenhager Grafen? Schätzt er die Barone wirklich so gering? Und sollen die Barone und Adligen der Nordmarken das widerspruchslos hinnehmen? Der Geweihte war sehr ruhig geblieben. Auch wenn er nur Fragen gestellt hatte, war doch zum Ausdruck gekommen, dass er für eine harte Linie sprach.
„Daneben sollten wir bedenken, welche Folgen die Hinrichtung dreier Adliger hat. Nimmt man dies widerspruchslos hin, wird es uns nicht nur schwach erscheinen lassen, nein es mag auch die praiosgewollte Ordnung zum Wanken bringen. Wohin soll das führen? Soll fürderhin der Albenhuser Bund in unseren Nordmarken Recht sprechen?“, der Geweihte fragte mit einer kaum zu überhörenden Abneigung gegen den Händlerbund.
„Ich glaube Euch wird nichts anderes übrigbleiben als nach Dohlenfelde zu marschieren und die Entscheidung zu suchen. Praios Sei mit uns.“
Koromar hatte bei den Worten des Geweihten ein paar Mal zustimmend genickt. Trotzdem blieb eine Sorgenfalte auf der Stirn, als er sich nach einem prüfenden Blick in die Runde aufraffte und das Wort ergriff:
"Als jüngerer Mann habe ich bei einigen Gelegenheiten die Leibgarde des Herzogs verstärkt und Seine Hoheit damit auch in Augenblicken erlebt, in denen nicht die gesamte Aufmerksamkeit vieler Gefolgsleute auf ihm ruhte. So, wie er sich damals äußerte und gebärdete - etwa bei der Entscheidung über den strikten Einhalt des Raul'schen Gesetzes oder den Verhandlungen über die Ochsenbluter Urkunde - mag es mir nicht glaubhaft erscheinen, dass derlei Dinge wie jetzt beschrieben mit Billigung oder auch nur Kenntnis seiner geschehen könnten.
Man mag über einige seiner Entscheidungen der jüngeren Zeit verwundert sein, da sie den Interessen seiner adeligen Vasallen zuwider laufen. Doch Jast Gorsam hat in der Vergangenheit in allen Taten stets auf die Beständigkeit des Herzogtums abgezielt.
Mir mag nicht glaubhaft erscheinen, dass er altersmilde oder gar -schwach werden und seinen Allwasservogt an Recht und Gesetz vorbei handeln lassen sollte. Darob bin ich gewiss, dass vieles anders verliefe, wenn Seine Hoheit von den jetzigen Geschehnissen wüsste.
Dass der Herzog sich die vergangenen Götterläufe gänzlich einer Entscheidung im Dohlenfelder Bruderzwist enthalten hat, bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass er dies als Sache des Grafen oder der Familie Sturmfels betrachtet - sofern nicht herzögliche Belange berührt werden. Daher bin ich zuversichtlich, dass es nicht im Interesse Jast Gorsams liegt, die Waage in Richtung eines der beiden Kontrahenten zu senken.
Da nun aber ein Drang oder gar Zwang zum Handeln zu verspüren ist, solltet Ihr nicht zu lange warten, auf dass der Moment der Entscheidung nicht verstreiche, Hochgeboren Angrond. Ich denke, dass ich für die meisten hier Anwesenden spreche, wenn ich sage: Wir sind aufgrund unserer Verbundenheit mit Euch, Eurer Familie und Eurem an Rondras Tafel weilenden Vater hier und werden Euch im Vertrauen auf die Richtigkeit des Vorgehens im Sinne der praiosgefälligen Ordnung auch des Isenhag folgen, sobald Ihr das Signal gebt."
Torgus von Albenbluth-Lichtenhof strich sich nachdenklich über den ergrauten Kinnbart, sah bei den letzten Worten jedoch auf und nickte erst Koromar zustimmend, dann Angrond bestätigend zu. Er teilte die Einschätzung über Jast Gorsam und an seiner Verbundenheit zum Hause Sturmfels würde Angrond keinen Grund zur Zweifel haben. Auch wenn er nicht mehr so ganz konnte, wie er wollte, aber solange er noch Herr seines Verstandes war, ließ er sich von seinem Körper nicht klein bekommen. Er ließ seinen Blick über die Gesichter wandern, ordnete ihnen Namen zu und überlegte, was er von ihnen wusste, bis er bei einem hängen blieb, zu dem ihm nichts einfallen wollte, was ihn derart ärgerte, dass er seine ganze Aufmerksamkeit stirnrunzelnd darauf lenkte.
Wunnemine von Fadersberg wirkte immer noch schockiert ob der Worte des Boten. Adlige, gar ein Hochadliger, waren hingerichtet worden und das durch die Hand von Bürgerlichen...
Die junge Baronin wirkte so, als ob ihr bisheriges Weltbild deutlichen Schaden genommen hätte.

Aus den Reihen der Stehenden waren Bernhelm und Hagen von Lîfstein hervor getreten, so dass sie nun hinter der jungen Herrin von Ambelmund standen.
Der Junker zu Lîfstein funkelte Angrond böse an. Wo bei den Worten über den Tod seines Neffen Trauer gestanden hatte, stand nun kalter Hass, sowohl auf die Bürgerlichen, als auch auf den Herrn von Dohlenfelde, da dieser immer noch juristische Gedanken in die Runde warf, wo schon Blut - adliges Blut, durch die Hand von Gemeinen - vergossen worden war.
Sein Bruder Hagen der etwas ruhiger wirkte schaute den Baron von Dohlenfelde nur finster an.
„Ihr sitzt immer noch hier und fragt, was geschehen soll... Es sind Adlige hingerichtet worden, durch die Hand von Gemeinen! Und ihr fragt, was geschehen soll? Die Antwort auf diese Frage hat uns dieser Abschaum von Pfeffersäcken doch schon gegeben, in dem sie unseres gleichen hinrichten ließ!
Ihr macht euch immer noch Gedanken darüber, was für juristische Auswirkungen es haben könnte?“
Hagen schaute von Angrond zu dessen Verwandten und dann wieder zum Baron.
„Wenn ich in die Augen eurer Verwandten schaue, dann sehe ich da schon die Antwort auf eure Fragen.“
Wieder schaute er von Sturmfelser weg, dieses Mal allerdings in die Runde.
„Ich schaue in die Augen der Anwesenden und sehe auch in diesen schon die Antwort auf eure Fragen. Wie kann es da sein, das ihr sie nicht seht?“
Er machte eine Pause.
„Was glaubt ihr, was die Bürgerlichen beziehungsweise der Allwasservogt erwarten? Wollt ihr der Bürgerlichen die Genugtung gegeben, dass diese unseres Gleichen einfach so hinrichten können, ohne das wir dagegen etwas tun?
Ich sage nein! Lasst uns den Bürgerlichen, Hagen und dem Allwasservogt zeigen, dass der Adel des Herzogtums Nordmarken sich nicht einfach so auf der Nase herum tanzen lässt! Zeigt ihnen, dass wir unsere Rechte nicht mit Füßen treten lassen.
Die Flussgarde marschiert, meines Wissens nach, nur auf Anweisung seiner Hoheit. Wollte sich seine Hoheit nicht neutral verhalten in dem Konflikt um Dohlenfelde? Zeigen wir dem Herzog, dass er uns nicht einfach so unserer Rechte berauben kann!
Was geschieht, wenn er... wenn die Städter damit durchkommt?
Glaubt ihr, dass dann noch irgendwelche unserer Rechte von seiner Hoheit oder den Pfeffersäcken, die unsere Rechte sowieso schon mit Füßen treten, respektiert oder anerkannt werden?“
Hagen schaute in die Runde der Adligen. Er war kein Herr über Land oder Gut, aber dennoch würde er nicht seine Rechte in den Staub treten lassen, nicht einmal vom Herzog oder der Kaiserin.
„Was wäre das für ein Präzedenzfall um Adligen ihrer Ländereien zu berauben...“
Noch ein letztes Mal schaue er jedem Anwesenden ins Gesicht und ließ seine Worte wirken.
Sein Bruder und er hatten eine Entscheidung getroffen und wenn diese hieß gegen den Herzog zu ziehen....

Wunnemine schaute zu Angrond während sie den Worten Hagens lauschte. Als dieser geendet hatte, funkelten ihre Augen. Auch sie hatte eine Entscheidung getroffen. Wie würden sich die anderen Anwesenden entscheiden? Würden sie ebenfalls dem Allwasservogt, den Gemeinen und Hagen von Sturmfels die Stirn bieten oder würden sie sich klamm heimlich wieder in ihre Burgen verziehen und hoffen, dass ihnen nichts geschieht?
Das rechte Auge etwas zusammen gekniffen starrte der Offizier a.D., Torgus von Albenbluth-Lichtenhof die beiden Lîfsteiner einen langen Moment an, ohne dass sein Blick etwas von seinen Gedanken preis gab. Nur wer ihn länger kannte, wusste, dass er solche emotionalen Ausbrüche nicht mochte. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Angrond zu.