Dohlenfelder Thronfolgestreit - Auf der Suche

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Texte der Hauptreihe:
K28. Sieg
K95. Kajax
F17. Auf der Suche
F25. Epilog
Nordmarken, 1033

Die Dunkelforster Jungfer Thalia von Eichhain war von Baronin Ansoalda von Leihenhof ausgesandt worden, um Hagens Heerführerin, die Baronin Alvide von Eichental, davon zu unterrichten, dass die Schlacht verloren war und Ansoalda Befehl gegeben hatte, das Feldlager aufzulösen.
Die Sindelsaumerin hatte Thalia überraschend schnell im Trubel gefunden, die Heerführerin würde den geordneten Rückzug mit den ihr verbliebenen Truppen sofort einleiten.
Danach machte Thalia sich auf den Weg, den zweiten Teil ihres Auftrages zu erfüllen: Baron Hagen von Salmingen-Sturmfels auf dem Schlachtfeld zu finden und nur ihm die Nachricht von der Schwangerschaft seiner Gattin zu überbringen.
Thalia war bereits mehrere hundert Schritt quer über die Walstatt geritten, ohne irgendeinen Hinweis auf Hagen zu finden. Alvide hatte einzig gesehen, wie er gleich zu Schlachtbeginn im Getümmel verschwunden war. Der junge Baron war für sein Ungestüm bekannt und dafür, in der ersten Reihe zu streiten und keinen Zweikampf zu meiden, es war somit naheliegend, dass er nicht mehr im Sattel saß. Und falls doch, würde er auf seinem edlen Ross Streiff nun dort im Zentrum in der Reiterschlacht streiten, das momentan für Thalia nicht zu erreichen war, versperrten doch zahllose Berittene von Angronds Partei der Koscherin den Weg.
Thalia schaute, ob sie Hagens Farben zwischen den Toten, die auf dem Schlachtfeld lagen, ausmachen konnte. Da sah sie vor sich zwei Unbewaffnete mit grünem Überwurf, die einen Verletzten bargen. War vielleicht auch der verwundete Hagen ins Lazarett gebracht worden? Ein Funken Hoffnung keimte in der Jungfer auf! Sie gab ihrem Kaltblut die Sporen und galoppierte in Richtung des Feldlazaretts am Darlinufer.
Kaum war sie dort eingetroffen und hatte die ersten Zelte nach Hagen abgesucht, zuckten immer wieder Blitze über den Himmel und es donnerte ohrenbetäubend. Thalia eilte ins Freie, um nach ihrem Pferd zu schauen, wusste sie doch von dessen Ruhe selbst in der heftigsten Schlacht, jedoch auch von dessen Schreckhaftigkeit bei Blitz und Donner.
Auf halber Strecke zu ihrem Ross hielt sie inne. Es war finster geworden unter den tiefgrauen Wolken. Während ein Blitz über den Himmel zuckte, konnte Thalia in vielleicht 50 Schritt Distanz eine Menschentraube sehen, und daneben stand – Thalia konnte Pferde beinahe besser auseinanderhalten als Menschen – Hagens treues Schlachtross Streiff. Phex war im Spiel nie mit ihr gewesen, doch nun hatte der Gott des Glücks sie an genau den richtigen Ort geleitet!
Die Jungfer rannte zu der kleinen Versammlung und drängelte sich nach vorne, und tatsächlich, dort sah sie ihren Baron, kniend über dem im Sterben liegenden Baron zu Eisenhuett – den Feldherrn von Angronds Heer.
Hagen hub soeben an, ein rondrianisches Segensgebet für gefallene Kameraden zu sprechen. Thalia stimmte mit den übrigen Umherstehenden ein. Borons unergründlicher Ratschluss hatte offenbar Garmwart von Quakenbrück in Rondras Hallen befohlen, obwohl – oder weil? – sein Heer die Schlacht gewonnen hatte. Plötzlich regnete es wie aus Kübeln, Efferd öffnete seine Schleusen, wie die Koscher Junkerin es seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte.
Als der binnen Augenblicken total durchnässte Hagen sich langsam erhob, löste sich Thalia aus der Menge der Umherstehenden und stützte ihren Baron, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Thalia sah, dass Hagen mehrere Verletzungen erlitten hatte, keine für sich genommen sonderlich schwer, aber der junge Mann war am Ende seiner Kräfte. Einen Reim aus dem, was sie hier gesehen hatte, konnte sie sich noch nicht machen. War es zum Duell zwischen Garmwart und Hagen gekommen? Hier im Lazarett?
Als Hagen Thalia sah, schien er geistesabwesend. Er erkannte seine Vasallin erst nicht. Die Jungfer, mehr als doppelt so alt wie ihr Baron, packte ihn an den Schultern und sprach zu ihm: „Euer Hochgeboren! Rondra sei Dank, dass Ihr lebt!“
Hagen nickte nur knapp, er schien aber zumindest Thalia wiederzuerkennen.
„Die Schlacht ist zu Ende, Euer Hochgeboren! Eure Linien sind auf breiter Front zusammengebrochen, Eure Streiter verlassen die Walstatt, um zumindest ihr Leben zu retten. Ich soll Euch ausrichten…“
„Niemals werde ich fliehen, Thalia, niemals! Wie die großen Helden werde ich bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, ich bin bereit mein Leben für den Sieg zu lassen!“
Hagens Rechte suchte nach seinem Schwert Hlûtharhilf, der Baron fuhr fort, Thalia in die Augen schauend: „Wohlgeboren, bringt mir Streiff, ich muss zurück zu meinen Rittern, dort ins Zentrum! Wenn ich den Kampf aufgebe, ist die Schlacht verloren!“
Thalia schrie ihren Baron an: „Herr, die Schlacht ist verloren! Ihr habt die Schlacht verloren! Rondra hat entschieden! Alles ist vorbei! Ihr könnt Euer Leben dort im Getümmel verlieren, jedoch wird dies nicht mehr den Sieg bringen, Euer Leben wäre ein sinnloses Opfer!“
Hagen wurde blass, er atmete schwer.
Thalia sprach weiter, nun deutlich leiser, so dass es einzig Hagen vernehmen konnte: „Euer Hochgeboren, mich schickt Eure Gattin, Ihre Hochgeboren Ansoalda. Ich soll Euch – und nur Euch – ausrichten, dass Eure Gattin Euch lebend wiederzusehen wünscht… und dass ebenso Euer ungeborenes Kind einen lebenden Vater benötigt. Begebt Euch möglichst schnell zu Eurer schwangeren Gattin!“
Hagen wurde noch blasser, doch nur einen Augenblick später sah Thalia ein Lächeln auf den Lippen des Barons, dann antwortete er leise: „Ist das wahr, Thalia? Ansoalda erwartet mein Kind? Ist das, in Praios‘ Namen, wirklich wahr? Ein Erbe wird mir geboren werden?“ – „Ja, Euer Hochgeboren, es ist wahr, Eure Gattin ist von Tsa gesegnet. Ihr werdet einen Erben haben!“
Thalia straffte ihre Körperhaltung, und sprach nun deutlich lauter, zusehends unruhig werdend: „Hochgeboren, so reitet doch endlich, bevor Euch Angronds Schergen in Ihre schmutzigen Finger bekommen! Das Pack ist hier überall zu finden, Ihr habt nicht mehr viel Zeit!“
Doch Hagen eilte nicht etwa zu seinem Streitross, sondern ließ sich in aller Seelen Ruhe auf die Knie sinken, den Blick zu einem noch jungen Kirschbaum gerichtet, der zwischen den Zelten des Feldlazaretts stand. Der heilige Baum der Göttin Tsa hing voller Früchte und wartete, hier oben im Eisenwald, noch auf die Aberntung.
Der dreifache Baron dankte still der jungen Göttin für ihre doppelte Gnade – dass Ansoalda ein Kind in ihrem Leib trug, und dass er diese Schlacht überlebt hatte. Während des Gebets wurde Hagen zum ersten Mal seit Beginn des Kampfes bewusst, dass es keine Stelle seines geschundenen und erschöpften Körpers gab, die nicht schmerzte.
Die Dunkelforster Jungfer Thalia von Eichhain stand nervös vor ihrem Baron. Sie schaute auch zu dem Kirschbaum, auf dem sich, vor dem Unwetter Schutz suchend, ein prächtiges Dohlenpärchen niedergelassen hatte, und dachte bei sich: Junger, götterfürchtiger, heldenhafter Dummkopf!