Die ersten Tage von Neufarnhain - Abschluss des Jahres 1032 BF

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Texte der Hauptreihe:
K4. Abschluss des Jahres 1032 BF
10. Rah 1032 BF
Abschluss des Jahres 1032 BF
Aufbau der Siedlung unter Beobachtung

Kapitel 4

Neufarnhain, 10. Rahja 1032 BF

Fassungslos blickten die Einwohner Neufarnhains von ihren Tellern entlang der Großen Tafel auf, als die letzten Worte des Ritters Edelbrecht von Borking noch nicht ganz verklungen waren. Was hatte er gerade gesagt? Aufbruch? Reise nach Borking? Und sie sollten hier im Sumpf zurückbleiben? Allein? Ja, hatte der ungestüme Jüngling denn jetzt vollkommen den Verstand verloren oder fürchtete er die heraufziehenden Namenlosen Tage nur ebenso sehr wie sie und suchte jetzt nach einer passenden Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen, anstatt mit Feuereifer mit ihnen gemeinsam weiter am Bau der Palisade zu arbeiten?

Wütende Blicke trafen den ältlichen Boten im Waffenrock des Junkers von Borking, der sich am Vortag bei ihnen eingefunden und als „Curthan von Adlerstieg“ vorgestellt hatte. Nach eigener Auskunft hatte er dem jungen Ritter „wichtige Nachrichten von daheim“ zu übermitteln. Schnickschnack, „daheim“ das war doch jetzt für sie alle dieses dreckige Stückchen Land oder etwa nicht?

Edelbrecht, der den Unmut in den Augen seiner Gefolgsleute sah, richtete sich auf und hob beschwichtigend die Hände: „Ich bitte Euch, liebe Freunde, haltet Ihr mich für derartig ehrlos und pflichtvergessen, dass ich Euch in diesen schweren Stunden allzu lange alleine ließe? Gerne würde ich die Reise aufschieben, allein es ist mein älterer Bruder Gerbald, der den Traviabund mit der Schwester meiner eigenen Schwertmutter eingehen wird; dabei kann ich schlecht abseits stehen. Ich versichere euch aber und ihr sollt mich an diesen Worten messen, dass ich noch vor dem Hereinbrechen der Finsteren Tage des Dreizehnten wieder unter Euch weilen werde! In der Zwischenzeit wird Etosch Gabelbart meinen Willen so ausführen und für Euch da sein, dass mein Fehlen gar nicht auffallen wird.“

Der eben genannte Angroscho stand nun seinerseits von seinem Platz auf, hob den Humpen, den er in der rechten Hand hielt, und erwiderte: „Und ich versichere dir, Edelbrecht, dass wir derweil die Hände nicht in den Schoß legen werden, damit wir dir einen festen Schutz Neufarnhains präsentieren können, wenn du wieder zurück bist.“ Sprach’s und stürzte unter dem Applaus seiner zwergischen Freunde sein Getränk hinunter. Edelbrecht musste unwillkürlich lächeln, verneigte sich dankbar vor seinem Freund und löste die Versammlung auf, nachdem er sich versichert hatte, dass alle Anwesenden ausreichend gespeist hatten. Anschließend wandte er sich an den Boten und bedeutete ihm, ihm in seine Unterkunft zu folgen…

12. Rahja 1032

Zwei Tage später war es so weit: Edelbrecht verabschiedete sich von jedem seiner Getreuen persönlich und versuchte ein weiteres Mal eventuell noch immer vorhandene Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu zerstreuen. Es ging aber auch wirklich nicht mit rechten Dingen zu! Gerbald hatte sich keinen schlechteren Zeitpunkt für die Feierlichkeiten ausdenken können…

Endlich schwang er sich auf den prächtigen Schimmel, den Curthan, ein alter Waffengefährte seines Vaters, mit sich geführt hatte, winkte den Umstehenden noch einmal herzlich zu und preschte an dessen Seite davon. Die Siedler standen noch einige Augenblicke unentschlossen herum und starrten in die Richtung, in die ihr Herr verschwunden war. Einige sorgenvolle Seufzer ließen sie vernehmen, als sie sich wieder an ihre alltägliche Arbeit machten. Dichte Wolken hingen am Himmel wie ein schlechtes Omen. Ein Omen, das sich zu bewahrheiten schien, als am Abend ein Gewitter über die junge Siedlung hereinbrach und die hochschwangere Isida Bockbusch schreiend und von Schüttelfrost gepeinigt in sich zusammensank…

Tagelang gewitterte und stürmte es und Isida gelangte seit ihrem Zusammenbruch nicht mehr zu Bewusstsein, stattdessen wand sie sich in schier unerträglichen Schmerzen auf ihrem Lager. Jeder ihrer Atemzüge schien der letzte zu sein. Brauwin, ihr Gemahl, war schlichtweg verzweifelt und zu nichts mehr zu gebrauchen. Die vergangenen Tage war er kaum von ihrer Seite gewichen und hatte sich nach einem Zeichen der Besserung gesehnt auf dem verkrampften Gesicht der Frau, die er über alles liebte. Stets war es jedoch ausgeblieben. Und doch wollte er die Hoffnung auf eine Genesung Isidas und des Ungeborenen nicht so einfach aufgeben. Mochten die anderen Bewohner auch bereits leise tuschelnd die Köpfe zusammenstecken und in Isida das erste Opfer des Sumpfes sehen, während sie selbst weiter an der Palisade arbeiteten, die noch vor Anbruch der Namenlosen Tage Neufarnhain Schutz vor den Schrecken des Sumpfes bieten sollte, er würde niemals aufgeben! Tränen traten Brauwin in die Augen, als sich Isidas Körper unter einer weiteren Schmerzenswelle verkrampfte.

Wieder donnerte es draußen Unheil verkündend, als der Angrosch-Geweihte Dwarrosch zur Tür hineinschaute. Er war der einzige, den Brauwin noch an Isidas Krankenbett duldete. Alle anderen hätten ihn mit ihrem Mitleid rasend gemacht. Ohne ein Wort zu verlieren, warf der alte Angroscho einen Blick auf die Kranke, klopfte Brauwin, der in sich zusammengesunken war und den Kopf auf die Hände stützte, mit einem Seufzer auf die Schulter und verließ das Zimmer ebenso schweigend wie er gekommen war.

Brauwin verharrte noch einige Zeit in seiner Stellung, doch dann brach sein Kummer sich mit einem lauten Schluchzen Bahn. Wem machte er hier was vor? Isida würde nie wieder gesund werden und er sollte inbrünstig zum Herren BORON beten, dass es ihm gefallen möge, Isida noch vor den Namenlosen Tagen zu sich zu berufen. Brauwin warf sich über seine Gemahlin und begann jämmerlich zu weinen. Was nur in aller Welt hatte ihn dazu bewogen, seine und Isidas Gesundheit so aufs Spiel zu setzen. Wären sie doch nur in Nadoret geblieben!

„Dummer Bauer“, knarrte eine unbekannte Stimme in Brauwins Rücken. Sofort stellten sich seine Nackenhaare auf und er fuhr hoch wie von Nagrachs Wilder Jagd gehetzt. Es blitzte. Das Licht beschien die Silhouette einer gebeugten alten Frau, die im Türrahmen stand und sich auf einen Weidenstrunk stützte. „Kommst hierher und glaubst, dass Land würde sich dir im Handumdrehen unterwerfen.“ Brauwin trat der Schweiß auf die Stirn. Diese Stimme hörte sich an, als habe die Alte seit Jahren zu keinem anderen Menschenkind gesprochen und als bereite es ihr Mühe, die – fast schon vergessenen Worte – in ihrem Munde zu formen. Dabei blitzte sie ihn so boshaft mit ihren kleinen Schweinsäuglein an, als würde sie ihn im nächsten Moment am liebsten auffressen. „W-w-wer seid ihr?“ stammelte er und ärgerte sich selbst über sein Stottern und seine Schwäche. Aber diese Person war unheimlicher als alles andere, was er jemals in seinem Leben gesehen hatte. Sie sah aus wie die verdorbene Seele des schrecklichen Sumpfes, in den die Neusiedler vor einem Viertelgötterlauf gezogen waren.

„Unwichtig, wer ich bin. Ich war schon, als noch niemand an dich dachte, und ich werde noch sein, wenn die letzte Erinnerung an dich verblichen ist“ lautete die Antwort, die nicht gerade zu Brauwins Beruhigung beitrug. „W-w-wie in aller Welt seid ihr hier hereingekommen?“ flüsterte er. „Auch das ist unwichtig, wo ich nun einmal da bin“ krächzte die Alte und hob die Arme, wie um einen schrecklichen Fluch auszustoßen. Brauwin schrie entsetzt auf. Die Frau verzog ihren Mund zu einem verächtlichen Grinsen, das ihre kümmerlichen Zahnruinen zu Tage förderte, und legte ihren moosgrünen Mantel ab. „Ich habe Schmerzen gespürt. Unerträgliche Schmerzen und den Ruf nach Hilfe eines hilflosen Wesens, nur deshalb bin ich hier.“ Unvermittelt warf die Alte einen schätzenden Blick auf Isida. Wie ein Raubtier, das seine Beute taxiert, fuhr es Brauwin durch den Sinn. Er raffte sich auf, nahm seinen ganzen Mut zusammen und trat einen Stück auf das widerliche Weib zu. „Du, du, du wirst sie nicht anrühren, hast du mich verstanden!?“ Die Greisin begann zu kichern. „Du hast mir wohl nicht zugehört, du Narr. Ich bin dieses Mal hier, um zu helfen. Ob das auch das nächste Mal meine Absicht sein wird, wenn ich dieses lächerliche dünkelhafte Experiment betrete, werdet ihr noch früh genug bemerken. Und jetzt“, fauchte sie ihr Gegenüber an, „geh mir aus dem Weg!“ - und unterstrich ihre Worte mit einer herrischen Geste. Brauwin wusste nicht wie ihm geschah, doch auf einmal verspürte er den innigen Wunsch, der Alten zu gehorchen und gab den Weg zu Isida frei. Zwar beäugte er das unheimliche Weib misstrauisch, als sie auf seine Gemahlin zutrat und mit ihren Händen über deren gewölbten Leib fuhr und Unverständliches vor sich hinbrabbelte.

Brauwin hätte später nicht mehr zu sagen vermocht, wie lange das Weib über Isida gebeugt verharrte. Schließlich richtete sie sich wieder auf, blickte noch einmal verächtlich zu Brauwin, schüttelte den Kopf und trat ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus. Brauwin stürzte hinterher, doch die Alte war schon nicht mehr zu sehen und als er sich später bei seinen Nachbarn erkundigte, hatte auch niemand von ihnen die seltsame Erscheinung gesehen.

Gerade als er sich umdrehte, ging Isidas Atmen in ein Röcheln über. Beunruhigt trat er näher an seine Gemahlin heran. Irrte er sich oder hatte ihr Gesicht wirklich an Farbe gewonnen? Konnte es sein, dass sie doch gesundete, hatte die Alte die Wahrheit gesagt? Hoffnung wallte in Brauwin auf. Da erstarb Isidas Amen ganz…

23. Rahja

Tiefer Nebel lag über dem unheimlichen Moorbrücker Sumpf, der an diesem Sommerabend wie ausgestorben schien. Schon seit Tagen hatte kein Mensch mehr den schlammigen Pfad betreten, der von der östlichsten der sechs Neusiedlungen nach Nordwesten in Richtung Donken führte. Nur einige Vögel zwitscherten vereinzelt in die Stille des Abends hinein und bewiesen, dass auch in dieser rauen und unwirtlichen Natur Leben möglich war.

Von weitem erklang auf einmal Hufschlag und schlagartig verstummten die Vögel, so als verspürten sie eine Gefahr für sich heraufziehen. Gerade als das letzte Trällern verklungen war, bogen zwei Reiter auf wohlgenährten Schimmeln im gemäßigten Trab um eine Kurve. Eine schnellere Gangart in dieser Gegend wäre der reine Selbstmord gewesen, mussten die Reiter doch ihre Pferde des öfteren sogar ganz anhalten und absteigen, um den tückischen Weg zu prüfen. Und dennoch brannte in beiden der sehnlichste Wunsch, schnell voranzukommen. Es handelte sich bei ihnen um zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Der ältere von ihnen war ein würdiger Greis mit ehrbaren grauen Haaren und wachen Augen, der sich kerzengerade im Sattel hielt und eine tadellos geputzte Rüstung trug. In seiner ganzen Erscheinung war er das perfekte Ebenbild eines Reichsritters Retoscher Prägung und als solcher wirkte er seltsam deplaziert in dieser unwirtlichen Gegend.

Der andere war ein hoch gewachsener junger Mann von annähernd zwei Schritt, dessen Haupt braune Locken zierten und der sich immer wieder aufmerksam in alle Richtungen umschaute und versuchte, Dinge im Nebel zu erkennen. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht, als die Männer, die eben abgestiegen waren, um den Weg zu prüfen, wieder aufsaßen und ihren Ritt fortsetzten. „Noch heute müssten wir Neufarnhain erreicht haben, Curthan.“ „Wie mir scheint, hast du recht, Edelbrecht“, antwortete der Greis, „du wirst also tatsächlich dein Wort halten können, das du den Siedlern gegeben hast! Ich bin erstaunt, wie gut du schon die Umgebung deines kleinen Lehens kennst.“ Das Wort ‚Lehen’ betonte er besonders deutlich. „Auf unseren Jagdzügen, die mehr der Versorgung Neufarnhains als meinem Vergnügen dienen, habe ich versucht, mir möglichst viel einzuprägen“, antwortete Ritter Edelbrecht von Borking zu Neufarnhain, der sich auf der Rückreise von der Hochzeit seines Bruders Gerbald mit Emergunde von Hirschingen in Borking befand.

Es war eine gemütliche Koschere Festivität gewesen und er gab ehrlich zu, dass er den Wechsel der Umgebung hatte gut gebrauchen können; zu viele Entscheidungen hatte er in den letzten Monden eigenverantwortlich fällen müssen. Aber jetzt freute er sich darauf, wieder Neufarnhainer Boden betreten und die ersten Schritte des Aufbaus endlich abschließen zu können.

Etwa ein halbes Stundenglas später trafen Edelbrecht und sein Begleiter, Curthan von Adlerstieg, ein alter Kampfgefährte seines Vaters, in Neufarnhain ein. Schon von weitem hatten sie die Umrisse einer hölzernen Palisade ausmachen können, die bei ihrer Abreise noch nicht gestanden hatte. Edelbrecht nickte befriedigt – seine Schicksalsgefährten schienen während seiner Abwesenheit ganze Arbeit geleistet zu haben. Als sie nur noch wenige Schritt von der Palisade trennten, wurde Cordo Sauerbrodt, welcher wohl den Wachdienst innehatte, ihrer gewahr, und beeilte sich, das Tor zu öffnen. Hinter ihm brandete Jubel auf und Edelbrecht erhaschte einen Blick auf die Katen Neufarnhains, die mit bunten Tüchern festlich geschmückt waren. Wie konnte das angehen? Niemand hatte doch ahnen können, dass Curthan und er bereits heuer wiederkehren würden. Was ging hier vor? Neugier erfasste Edelbrecht und er trieb sein Pferd zur Eile an. Im Dorfmittelpunkt angekommen, sprang er vom Pferd und erwartete Etosch Gabelbart, seinen treuen Freund, der aus der Schenke auf ihn zugelaufen kam.

„Edelbrecht, ha ha ha, Edelbrecht, ha ha ha, du bist wieder da!“ brüllte der Angroscho schon von weitem und trieb damit die letzten Neusiedler aus ihren Häusern, die nun ebenfalls zur Begrüßung ihres Herrn eilten. Edelbrecht schmunzelte, hieb Etosch zur Begrüßung fest auf den Rücken, winkte den Bewohnern zu und nahm die kleine Nane Beutelsaum auf den Arm, die ihm vorwitzig einen Strauß Blumen, die schon im Verwelken begriffen waren, entgegengehalten hatte.

„Ja, Etosch, ich bin wieder da. Das hatte ich euch doch versprochen, nicht wahr?“ fragte er Nane, die eifrig nickte, und strich ihr sanft über die kleine Stupsnase. „Aber woher wusstet ihr, dass ich kommen würde?“ Etosch runzelte seine Stirn und begrüßte zunächst Curthan von Adlerstieg, der mittlerweile ebenfalls auf dem Dorfplatz angelangt war. „Hä, wieso? Wissen? Wir wussten von nichts, wie kommst du darauf, Edelbrecht?“ „Na, weil ihr die Häuschen so herrlich geputzt und mit Tüchern geschmückt habt.“ Curthan musste grinsen. Edelbrecht hatte tatsächlich ‚Häuschen’ gesagt. Er besah sich die Katen und befand, dass sie immer noch aussahen, als würden sie jeden Moment in sich einstürzen. Kein Vergleich mit den stolzen Bürgerhäusern von Borking, soviel war sicher.

“Ich muss dich enttäuschen, Edelbrecht“, antwortete Etosch. „Sicherlich, wir alle freuen uns wie Väterchen Angrosch in seiner Schmiede, als die Zwerge die Drachen besiegten, aber du bist nicht der Anlass für diese Art von ‚Verschönerung’.“ „Ach, nicht?“ schmunzelte Edelbrecht. „Rück’s raus, alter Stollengräber, habt ihr wen Hohes zu Besuch oder in den letzten Tagen einen anderen Anlass zur Freude gehabt?“ „Menno,“ schmollte Etosch „eigentlich sollte es eine Überraschung zu deiner Rückkehr werden, aber wenn du nun schon so früh zurück bist – es gibt gleich mehrere Neuigkeiten!“ Kurz räusperte sich der Angroscho und sprach dann so laut, dass es die gesamte Dorfgemeinschaft vernehmen konnte. „Erstens werden wir in aller Voraussicht nach zwei, drei Tagen den Bau an den Palisaden abschließen können, das bedeutet auch, dass wir noch vor Ende dieses Götterlaufs den Angroschschrein werden weihen können, aber, was noch viel, viel wichtiger ist“, wieder machte er eine kleine bedeutungsvolle Pause. Etosch genoss es sichtlich, dass sein Freund unruhig von einem Bein aufs andere trat und ihn mit neugierigen Augen anblickte.

„Nämlich?“

„Unsere Gemeinschaft hat Zuwachs erhalten! Brauwin und Isida sind endlich Eltern geworden. Eltern einer wundervollen kleinen Tochter, die im Namenwippen bereits den Namen Vieska erhalten hat. Das haben wir zum Anlass genommen, Neufarnhain zu schmücken. Die Niederkunft war nämlich alles andere als einfach, weißt du, da war…“ „Langsam, langsam“, unterbrach Edelbrecht seinen alten Freund. Behutsam setzte er Nane, die er bislang getragen hatte, auf den Boden und sah sich in der Menge nach Brauwin und Isida um. Täuschte er sich oder sah die Frau des gelernten Gerbers wirklich blasser und älter aus, als er sie in Erinnerung hatte? Herzlich umarmte er das Ehepaar, gratulierte den beiden und veranlasste die Neufarnhainer dazu, sich in einem halben Stundenglas alle an der großen Tafel einzufinden. Nicht umsonst hatte er schließlich frische Vorräte aus Borking mitgebracht. Heute sollte es ein Festmahl geben, wie es der Sumpf seit den goldenen Tagen vor den Magierkriegen nicht mehr gesehen hatte.

Erst spät in der Nacht kam Etosch dazu, Edelbrecht von den widrigen Umständen der Geburt der kleinen Vieska und dem seltsamen Besuch einer alten Frau, von der Brauwin fantasiert hatte, zu erzählen. Alle Neufarnhainer hatten Isida bereits aufgegeben und Brauwin kondoliert, als sie mit einem Mal zu atmen anfing, die Augen aufschlug und über Durst klagte. Ihre Wangen hatten sich rasch gerötet und nur wenige Stunden, nachdem das alte Weib, sofern es denn wirklich existierte, verschwunden war, hatte sie in einem raschen und unkomplizierten Vorgang, bei dem allerdings nur Firuna Beutelsaum und Rena Sauerbrodt zugegen gewesen waren, Vieska zur Welt gebracht.

So sehr er sich auch freute, dass während seiner Abwesenheit niemand von seinen Schäfchen zu Boron gegangen war, so sehr beunruhigten Edelbrecht die Nachrichten über die Greisin, die er keineswegs ins Reich der Legenden verweisen wollte. Hoffentlich handelte es sich nicht um die alte Garetherin, die damals, im Jahr des Feuers, die düstere Prophezeiung ausgestoßen hatte, die ihn seitdem nicht mehr los ließ. Wie dem auch immer sei, in den Namenlosen Tagen würde er nichts unternehmen können, um das Geheimnis der Alten zu lösen. Jedenfalls hatte seine gute Laune vom Abend einen erheblichen Dämpfer erlitten.

Und noch einen gab es, der seit dem 18. Rahja dumpf vor sich hinbrütete, während ganz Neufarnhain sich über das Neugeborene freute: Leubold Garnelinger – immerhin war mit der Geburt Vieskas noch ein Schreihals mehr unters Dach seines Herrn gezogen, als sei es in dieser miesen Kate nicht schon eng genug. Wäre er doch bloß im Kloster Garrensand geblieben…

26. Rahja 1032 BF

“So lasset uns alle den göttlichen Schmied, als den ihr unseren Vater Angrosch seht, loben und preisen, auf dass er seine schützende Hand halte über unsere bescheidenen Versuche, diesem verderbten Flecken Erde wieder Leben abzutrotzen. Und seht, was er uns in wenigen Monden gewährte, mit eigener Hände Arbeit aufzubauen! Seht unsere Katen, den Brunnen, den Gedenkstein und die Palisade, die uns fortan vor den namenlosen Undingen des Sumpfes schützen wird. Seid fest im Glauben in den Tagen und Jahren, die vor uns liegen, und verzagt nicht, mögen die Götter und insbesondere Angrosch auch manchmal fern scheinen und ihr Wille nicht immer leicht zu ergründen sein. Auf dass er uns schütze und schirme, segne ich vor den Augen der Gemeinschaft von Angroschim und Menschen diesen Angrosch, von euch als Ingerimm verehrt, geweihten Schrein.“

Mit einem lauten Knall zerbarst das Metall der Zeremonialaxt, die der Geweihte Dwarrosch Sohn des Dwingel auf den an diesem Tag eilends errichteten Altar des Ingerimm-Schreins geschwungen hatte. Lauter Jubel brandete auf. Die Neufarnhainer umarmten sich, schrieen und johlten, als hätten sie den Verstand verloren. Aber wer wollte es ihnen verdenken? Keiner von ihnen hatte sich seit Ende Phex geschont. Unermüdlich hatten sie geschuftet, um sich noch vor dem Ablauf des Jahres eine Lebensgrundlage zu schaffen. Und sie hatten es geschafft! Erst jetzt, als der letzte Stein in den bescheiden angelegten Ingerimmschrein eingepasst worden war und Dwarrosch in einer kurzen aber eindrucksvollen Zeremonie mit wenigen Worten das Heiligtum gesegnet hatte, wurde es den Neufarnhainern bewusst, dass sie am Ziel angelangt waren. Kein Wunder also, dass all ihre aufgestauten Sorgen der letzten Monde für einen kurzen Moment von ihnen abfielen und sich dergestalt entluden.

Wie von Etosch Gabelbart vorhergesagt worden war, hatten sie die Palisade rund um ihre Häuser fertiggestellt und mit dem heutigen Tag würde nunmehr auch göttlicher Segen und Schutz auf ihnen liegen. Niemand von ihnen ahnte in seinem Freudentaumel etwas von der finsteren Zukunft, die ihnen drohte. Allein die Eule, die in der Nähe des Schreins auf dem Dachfirst des Sauerbrodt-Hauses saß und auf die Menschlein herabblickte, spürte die Unruhe des Sumpfes. Sicherlich würde es nicht mehr lange dauern und SEINE Kreaturen würden sich rächen für die Unvorsichtigkeit und die Vermessenheit der Menschen sich hier niederzulassen. Ein kalter Windhauch fuhr durch ihr Gefieder und ließ sie schaudern. Das Spiel hatte begonnen…