Der Bund von Dachs und Einhorn - Boronwyns Sohn

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Autor: Kunar
Mistelstein, 1034

"Es ist jetzt nicht mehr weit." Baltram von Eichental drehte sich auf seinem Pferd um und nickte zuversichtlich seinem Begleiter zu. Der blickte gedankenversunken den großen Felsen an, welcher den Weg kennzeichnete. In den Bäumen und Sträuchern in dessen Nähe waren zahlreiche Misteln zu sehen – und dieser Umstand zusammen mit dem Felsen war es, der dem Ziel der beiden Reiter seinen Namen gegeben hatte: Mistelstein.

Mit ernstem Gesicht betrachtete Ritter Boronar vom Kargen Land das Panorama, das sich seinen Augen darbot: Die Ausläufer der mächtigen Koschberge, bewachsen von einem dichten Wald, durch den kaum ein Weg bekannt war. Majestätisch ragten die Bäume in die Höhe. Ihre Wipfel wurden vom leichten Wind bewegt, so als grüßten Riesen den ankommenden Wanderer mit einem stummen Nicken. Ob es wohl eine Sage über den rechtmäßigen Herrscher gab, dem sich selbst die Naturgewalten beugten? Boronar merkte, wie seine Gedanken abschweiften, und versuchte sich erneut auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Später wäre sicher noch genug Zeit, um sich mit der Koscher Sagenwelt zu befassen. Dennoch, der Anblick dieser Landschaft war beeindruckend. Kein Wunder, dass der grimmige Firun in den entlegeneren Gegenden des Fürstentums eine besondere Verehrung erfuhr.

Ritter Baltram, der die Farben des Barons von Sindelsaum trug, ritt voran und das letzte Stück des Weges bis ins Dorf, das am Rande der Wälder gelegen war. Mit den Worten "Heiliger Argelion, lass mich jetzt keinen Fehler machen!", richtete sich Boronar an seinen Schutzheiligen und versuchte, eine unbekümmertere Miene aufzusetzen.

Nun konnte er die ersten Menschen Mistelsteins erkennen. Es handelte sich offensichtlich um Holzfäller, alles baumlange Kerle, die ihn zwar aufmerksam musterten, aber sich nicht von ihrer Arbeit abhalten ließen. "Heda, Bursche!", rief Baltram einen Jüngling herbei, der ihm beim Absteigen half und das Pferd festhielt. Inzwischen hatten sich doch vereinzelte Schaulustige gefunden, die neugierig die Schritte der Neuankömmlinge beäugten. Ihrer Kleidung nach zu urteilen waren es ausnahmslos Leute, die in den Häusern ihres Tagwerks nachgingen. Eine riesige Frau, allem Anschein nach eine Holzfällerin, bahnte sich einen Weg durch die Umstehenden und besprach sich sogleich mit Baltram.

Währenddessen ließ Boronar seinen Blick über die Siedlung schweifen. Für ein abgelegenes Dorf machte Mistelstein einen recht freundlichen Eindruck. Man durfte natürlich nicht vergessen, rief sich Boronar ins Gedächtnis, dass die Gegend längst nicht so unwirtlich war wie etwa Wengenholm. Außerdem waren die nächsten größeren Städte und der Angbarer See gar nicht so weit. Die Häuser wirkten rustikal, schienen aber in gutem Zustand zu sein. Einzig die Palisade machte Boronar stutzig. War die etwa wirklich nötig oder nur der Vorsicht der Dörfler geschuldet?

Die Holzfällerin war in der Zwischenzeit mit großen Schritten zu einem größeren Steinhaus am Rande des Dorfes gegangen. Boronar fiel auf, dass dieses recht schön geschmückt war mit Blumenkästen unter den Fenstern und Schnitzereien im Türrahmen. Nun kam die hünenhafte Frau zurück, an ihrer Seite eine sichtlich gutgelaunte Zwergin.

"Willkommen in Mistelstein, edle Besucher!", rief sie mit lauter Stimme, die Arme weit ausgestreckt. "Ich bin Muroscha Apfelbach, die Vögtin des Ortes. Und das ist Anghild Hackler, die Dorfschulzin." Sie wies auf die große Frau, die sich stumm verbeugte. Unaufgefordert begann diese zu den Umstehenden sprechen: "Leute, das sind zwei Ritter, die beide im Namens des Barons hierher geschickt wurden. Jetzt begrüßt die mal ordentlich, so wie sich's gehört!" Alle Angesprochenen senkten pflichtschuldigst das Haupt. "Na also, geht doch. Und jetzt zurück an die Arbeit! Wir wollen doch gegenüber den hohen Herrschaften nicht den Eindruck erwecken, dass wir hier den ganzen Tag Maulaffen feilbieten! Also los, zack-zack!" Mit diesen Worten klatschte Anghild in die Hände und jeder ging an seinen Platz zurück. Sie selbst drehte sich zur Vögtin um, die ihr sagte: "Ist gut, Anghild, Du kannst auch gehen. Ich komme allein zurecht." Daraufhin legte sich Hackler eine große Axt über die Schulter und zog in Richtung der anderen Holzfäller.

"Gehen wir doch ins alte Herrenhaus!", bot Muroscha an. "Ich habe es natürlich ein wenig umdekoriert, die alten Schießscharten sahen ja nicht sehr gastlich aus.", erwähnte sie, während die Besucher ihrer Aufforderung nachkamen.

"Bei einem guten Schluck selbstgepresstem Apfelsaft und einigen Pflaumenküchlein bespricht sich doch alles viel leichter", erklärte Muroscha, als sie einen massiven Eichentisch deckte, der immerhin von einer schönen Tischdecke Heimeligkeit ausstrahlte. Baltram und Boronar wussten kaum, wie ihnen geschah. Ehe sie sich's versahen, saßen sie bei einer leckeren Nachmittagsmahlzeit. Es dauerte zwei Stücke Kuchen und mehrmaliges Nachschenken von Muroscha, bis sie überhaupt den Grund ihres Besuches vorbringen konnten.

Der Gesandte des Barons übergab das offizielle Schreiben Erlans von Sindelsaum. Während die Vögtin das Siegel brach, beeilte sich Boronar, das Empfehlungsschreiben seines Onkels abzugeben, das ihm dieser für alle Fälle ausgestellt hatte. Seit Gero Vogt der Mark Ferdok war, hatte sein Name erheblich an Bedeutung gewonnen. Doch auch die Tatsache, dass er von Graf Wilbur zum gräflichen Richtgreven ernannt worden war, mochte eine Rolle spielen.

Offiziell hieß es, die nun folgende Änderung in Boronars Leben sei seinem Einsatz beim Feldzug des Grafen der Hügellande im Trolleck zu verdanken. Boronar hatte gemeinsam mit einigen anderen bei einem waghalsigen Kommando mitgemacht, um eine Burg zurückzuerobern. Fast wären sie dabei gestorben...

Gero hatte gegenüber seinem Neffen angedeutet, dass es bei Boronars Ernennung insgeheim um mehr ginge. Leider hatte er Boronar nicht in alles eingeweiht, ihm aber verraten, dass es dazu diene, die Position des Grafen zu stärken, indem ihm treue Vasallen an verschiedenen Stellen eingesetzt würden. Boronar hatte nicht ganz verstanden, was das alles zu bedeuten hatte. Sollte er etwa Eberhelm von Treublatt auf die Finger schauen, der ganz in der Nähe von Mistelstein auf Gut Beilklamm saß? Doch der Treublatter war auch ein Neffe zweiten Grades des Barons und hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Argwöhnte man etwa anderes?

Doch seine nächste Sorge musste der Vögtin gelten, die derzeit noch die Schreiben studierte und sich dabei so vorbeugte, dass die Enden ihrer dicken blonden Zöpfe auf dem Tisch lagen. Was würde sie wohl dazu sagen, dass sie plötzlich einen Menschen vor die Nase gesetzt bekam nach so langer Zeit, die sie alleine in Mistelstein geherrscht hatte?

Nachdem Muroscha Apfelbach beide Dokumente aufmerksam gelesen hatte, nickte sie kurz mit einem letzten Blick auf die Schriftstücke wie zu einer abschließenden Bestätigung, dann sah sie Boronar an strahlte bis über beide Ohren. "Endlich ist der Tag gekommen! Ich habe lange auf Euch gewartet... über Hundert Götterläufe." Boronar war völlig überrascht ob dieser Reaktion. Muroschas Amtsantritt war in etwa zu der Zeit geschehen, als sein Urgroßvater seine schrecklichen Alpträume hatte. Dem Versprechen, dass sein Urahn damals gegeben hatte, um sie zu vertreiben, verdankte Boronar seinen Namen. Doch nun genug gegrübelt, er musste etwas sagen!

"Ich danke Euch, Muroscha Apfelbach, für diesen freundlichen Empfang. In meiner ersten Amtshandlung als neuer Edler von Mistelstein möchte ich Euch als Vögtin behalten. Es wird sicherlich einige Zeit dauern, bis ich mich hier eingelebt habe, und ich werde guten Ratschlag sicher brauchen." "Oh, das ist ja wunderbar! Habt Dank, Euer Wohlgeboren! Ich werde Euer Vertrauen nicht enttäuschen. Gerne zeige ich Euch später die ganze Siedlung und mache Euch mit den Einwohnern vertraut. Es sind zwar einige etwas grobe Kerle dabei, aber Anghild hat sie gut im Griff! Auf sie könnt Ihr ebenso zählen wie auf mich." "Gut, dann stellt sich nur noch die Frage, wo ich unterkomme. Ihr werdet die Räumlichkeiten für Eure Maße hergerichtet haben. Ich gehe davon aus, dass Ihr nicht allzu oft Besucher unterbringen müsst." "Macht Euch darum keine Sorgen! Entweder wir bauen hier wieder um oder Euch gleich ein neues Haus! In der Zwischenzeit werden wir Euch schon unterbringen." "Das freut mich zu hören. Ich werde wohl noch einige Male bis nach Kargen reisen, um einige Dinge von meinen Eltern mitzubringen..:" Ob sie den Wink wohl verstanden hatte? Aber sie reagierte nicht. Also fuhr er fort. "Mein Vater hat ja einige gute Kontakte zu den Hügelzwergen in Rohalssteg und Umgebung. Vielleicht kann er mir noch ein paar Leckereien mitgeben." "Euer Vater, soso. Verratet Ihr mir seinen Namen?" Eine Hügelzwergin, die nicht seinen Vater kannte! Dass er das noch erleben durfte! "Er heißt Boronwyn vom Kargen Land." Die Vögtin lachte ein wenig. "Dann seid Ihr Boronar Sohn des Boronwyn. Damit könntet Ihr einem Ambosszwerg zur Ehre gereichen!" Nun stimmten auch Baltram und Boronar in das Lachen ein. Der neue Edle von Mistelstein sah zum ersten Mal seit langer Zeit zuversichtlich in die Zukunft. Hügelzwerge, die seinen Vater nicht kennen und für die er nicht in erster Linie "Boronwyns Sohn" war... alles in allem gar nicht so schlecht für den Anfang.