Der Beginn einer wunderbaren Knappschaft

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Texte der Hauptreihe:
K1. Der Beginn einer wunderbaren Knappschaft
Pra 1037 BF
Der Beginn einer wunderbaren Knappschaft

Kapitel 1

Autor: Kordan

Burg Zweifelfels, Grafschaft Waldstein, Garetien, Anfang Praios 1037 BF

Baron Kordan von Geistmark nestelte ungeduldig am Zügel seines Pferdes, das schläfrig in der Hochsommersonne stand. Nach einer ganzen Woche Hochzeitsfeierlichkeiten (und den anschliessenden Namenlosen Tagen) drängte es ihn, baldmöglichst nach Hause in den Kosch zurückzukehren. Gewiss, auch die Garetier verstanden zu feiern, und er hatte viele alte Freunde aus der Familie Zweifelfels wiedergesehen und manche neue gefunden, nicht zuletzt den Bräutigam, Baron Debrek von Zweiflingen. Aber daheim warteten seine Familie und zahlreiche Aufgaben galt es anzupacken. Eine davon nahm er aus dem Waldstein mit nach Hause: Debreks Vetter Leomir von Zweifelfels vertraute ihm seine Tochter Adalinde als Knappin an. Yendar von Zweifelfels, sein alter Waffengefährte von den Silkwiesen, hatte das eingefädelt. «Diese Adalinde ist ein Wildfang, lieber Kordan», hatte er gesagt. «Sie braucht eine strenge Hand, die ihr den Pfad auf den Weg der Tugenden von Praios und Rondra weist.»
Ein Scheppern zog Kordans Aufmerksamkeit auf sich. Sein Waffenknecht Ontho hatte einen Teil der Gestechrüstung, die er auf das Packpferd laden sollte, fallen gelassen. Adalinde stand etwas abseits davon, mit ihrer Mutter. Alissa von Rathsamshausen legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Tochter. «Das wird bald deine Aufgabe sein, Adalinde. Schau genau zu, wie er die Rüstung verschnürt hat! Warum ist ihm die Knieschale runtergefallen? Was würdest du anders machen?» «Ich würde nicht am Tag zuvor bis Mitternacht Bier saufen», gab Adalinde schnippisch zurück.
Kordan trat zu den beiden. «Das wirst du allerdings nicht tun als meine Knappin», sagte er, mit mehr Strenge als beabsichtigt. Alissa seufzte. «Aber auch freche Widerworte solltest du dir schnell abgewöhnen. Ach, Hochgeboren, manchmal denke ich, wir hätten das Kind doch besser schon als Pagin an einen fremden Hof geschickt. Ich fürchte, wir haben unsere Tochter verzogen.» Der Baron schüttelte den Kopf. «Keine Bange, das Mädchen wird den Weg schon finden. Selbst aus meinem vorherigen Knappen, Enno von Rohalssteg, ist noch ein anständiger Ritter geworden, und der war vielleicht ein weinerliches Muttersöhnchen, als er zu mir als Page kam ...»

Die Rüstung war endlich sicher auf dem Rücken des Packpferds verstaut, Kordan, Adalinde und Ontho saßen bereits im Sattel. Leomir und Alissa standen beim Geistmärker Baron, dankten noch einmal für die Ehre, ihr Kind bei ihm in Knappschaft geben zu dürfen, und trugen ihm Grüße an Freunde im Kosch auf. Dann schritten sie zu Adalinde. «Leb wohl, meine Tochter, und mach deine Sache gut!», sagte Leomir, ein Zittern in der Stimme, das er nicht unterdrücken konnte. «Denk an alles, was du bei uns gelernt hast. Folge dem Herrn Kordan in allem mach dem Namen Zweifelfels Ehre in der Fremde ...» Seine Rede brach ab, als Adalinde sich zu ihm hinunterbeugte und die Arme um seinen Hals schlang. «Leb wohl, Vater», rief sie, «du sollst stolz auf mich sein können!» Sie richtete sich auf, wandte sich ihrer Mutter zu und grüßte stumm rondrianisch, was Alissa erwiderte. Dann blickte sie zu ihrem Knappvater, der nickte und sein Pferd zum Tor wendete.

(3 Tage später)
Auf der Reichsstraße herrschte brütende Hitze, die Pferde schwitzten, obwohl der Baron nur einen gemächlichen Gang eingeschlagen hatte. Die Straße war leer, kaum jemand war zu dieser Zeit unterwegs. Kordan erzählte vom Orkkrieg, von den Silkwiesen, als er mit der Goldenen Lanze in Gareth stationiert war. Er begann mit Belehrungen über die Kriegslisten der Orks und die Strategie im Reiterkampf gegen Plänklermeuten und Kriegshunde, doch der Ritt durch die sommerliche Landschaft Garetiens ließ ihn bald in persönlichere Erinnerungen abschweifen, die mehr zu seiner eigenen Erbauung dienten als zur Ausbildung Adalindes. Diese hörte ohnehin von Anfang an kaum zu, beobachtete lieber Vögel und andere Waldtiere am Wegesrand oder versuchte, die Fliegen zu fangen, die um den Kopf ihres Pferdes schwirrten.

Kordan war gerade dabei, den Bogen von den Silkwiesen zur orkischen Belagerung des Rhodensteins zu schlagen, da fiel ihm ein dunkler Haufen am Straßenrand etwa 50 Schritt voraus auf. Ein Kadaver sicherlich, auch ein leichter Aasgeruch lag in der Luft. Der Baron nahm die rechte Hand vom Zügel und hob sie, um Anhalten zu befehlen - da preschte Adalinde auch schon mit einem freudigen «Da ist was!» vor, sprang gewandt ab, als ihr Pferd wenige Schritte vor dem Kadaver scheute, und begann, mit ihrer Gerte in dem Aas herumzustochern. Kordan fluchte, befahl Ontho, ein Dutzend Schritte zurückzubleiben und die Augen offenzuhalten, und schloss dann zu seiner ungestümen neuen Knappin auf.
«Schaut, Hochgeboren, es ist eine Bracke!», rief ihm Adalinde entgegen. «Ich glaube, jemand hat sie totgeschlagen.» Dann wurde sie Kordans zorniger Blicke gewahr und verstummte.
«Hör gut zu, Kind!», zischte der Baron. «Du tust, was ich dir sage und nur was ich dir sage. Du reitest los, wenn ich den Befehl gebe. Sonst bleibst du hinter mir. Was denkst du dir eigentlich? Das hätte eine Falle sein können, ein Hinterhalt, oder der Hund noch am Leben, vielleicht sogar am Unleben!» Besorgt durch seinen eigenen Einfälle blickte Kordan ins Gebüsch neben der Straße. Dann stieg er ab und schaute sich den toten Jagdhund genauer an. «Armes Mädchen, wer hat dir das angetan?»
Adalinde hatte sich von der Standpauke schon wieder erholt. «Glaubt Ihr, sie liegt schon lange hier?»
«Seit gestern», antwortete Kordan geistesabwesend. Dann richtete er sich auf und fuhr schneidend fort: «Das ist kein Spiel, Adalinde. Eine verwilderte Bracke, wohl irgendwo weggelaufen. Eine Axt hat ihren Schädel gespalten. Davor hat sie jemanden gebissen. Ihr Gebiss ist voll Blut. Orkenblut, wenn ich je welches gesehen habe.»
Die Knappin schüttelte den Kopf. «Mit Verlaub, Hochgeboren», sagte sie keck, «wir sind ja nicht im Finsterkamm, wir sind in der Goldenen Au auf der Reichsstraße. Wo sollen da Orks herkommen? Könnte es nicht die Axt eines Holz sammelnden Bauern gewesen sein?»
Der Baron sog scharf die Luft ein und hob die Hand zu einer Ohrfeige. «Was hat dir deine Mutter über freche Widerworte gesagt -» Doch da war Adalinde schon aus seinem Blickfeld verschwunden, mit einem Satz ins Gebüsch getaucht. Jetzt auch noch fortlaufen, dachte der Baron zornerfüllt, da hab ich mir was aufgehalst! Aber Adalinde kam sogleich aus dem Unterholz zurück mit einem Stück Metall in der Hand. «Ihr hattet recht, Hochgeboren», rief sie begeistert. «Das habe ich in der Sonne aufblitzen sehen, ein zerbrochenes Axtblatt. Sieht nicht wie eine Bauernaxt aus.» Sie drückte es ihrem Knappvater in die Hand. Dem genügte ein kurzer Blick. «Ein Byakka! Zholochai vermutlich.» Adalinde sprang erregt auf und ab. «Da sind sicher noch Spuren! Verfolgen wir sie?» «Wo denkst du hin? Wir sind nur zwei Männer und ein Kind, und wo ein Zholochai sich rumtreibt, steckt garantiert eine ganze Bande. Nein, wir sitzen auf und reiten wei...» Der Baron brach ab, denn seine Knappin war bereits wieder auf ihr Pferd gesprungen und lenkte es um den Kadaver herum. «Adalinde! Hinter mich!» Kordans Tonfall hätte den Angbarer See auf einen Schlag gefrieren lassen können. «Entschuldigt», nuschelte das Mädchen und nahm seinen ordnungsgemäßen Platz ein. Kordan seufzte und gab das Zeichen zum Weiterreiten. Zum ersten Mal in seinem Leben schien ihm, als wäre der furchtsame Enno von Rohalssteg doch nicht der schlechteste Knappe gewesen.