Bewährungsprobe am Trolleck - Der Zug zum Trolleck 03

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Der Rittersteig im Ingerimm 1033 nach Bosparans Fall

Langsam sammelte sich die Vorhut wieder.
Einer der Reiter hatte sich geduckt bis zum Rand der Hügelkuppe vorgearbeitet, um in Erfahrung zu bringen, ob die Angreifer ihnen folgten. Zur allgemeinen Überraschung war von den Banditen aber schon nichts mehr zu sehen. Nur einige Tote beim Gasthof zeugten von ihrer Anwesenheit.
Reto begann nun seinen Gefangenen auszufragen. Nach ein paar wüsten Drohungen begann der Mann auch tatsächlich zu reden.
”Dann hör mir mal gut zu, du Bürschchen”, begann der Gefangene seine Geschichte. ”Ich war Söldner in der Wildermark, bis ich von diesen verdammten Finsterzwergen angeworben worden bin. Ich hatte ja von Anfang an ein schlechtes Gefühl dabei aus der Wildermark wegzugehen, aber unser Hauptmann hat gesagt, dass wir leichtes Spiel haben würden und auch ne Menge Gold verdienen würden. Wir sind auch ganz ungestört durch Greifenfurt marschiert. Die scheinen da nicht die Hellsten zu sein, aber bei diesem verdammten Feldzug sind wir dann vor dieser Burg Firntrutz von einem verdammten Entsatzheer überrascht worden.
Eh ich mich versehe, bin ich auf dem Weg zu einem Steinbruch. Soll angeblich dem Fürsten gehören. Heisenbinge heißt dieser Höllenort. Die haben uns behandelt, als wären wir Goblins, aber wir waren derart viele, dass wir einen Aufstand gewagt haben.”
Hier verzog der Mann hämisch sein Gesicht.
”Die sind gerannt wie die Hasen und wir sind alle raus. Wir wollten uns schon in alle Richtungen davonmachen, als ein gewisser Ulfried das Kommando übernahm. Der hat uns schon vor Firntrutz befehligt und ist wohl auch in Gefangenschaft geraten. Ich wusste gar nicht, dass er im Steinbruch ist. Das ist schon ein harter Hund sich einfach so unter der Nase der Fürstlichen zu verstecken. Die hätten ihn bestimmt aufgeknüpft, wenn sie gewusst hätten, das er da einsaß.
Naja, er sagt uns also, wir sollten zum Trolleck gehen. Dort gäbs einen dunklen Wald und ein paar wichtige Straßen, wo man gut Beute machen kann. Von den Burgen hat er uns aber nichts erzählt. Naja, in die Zwietrutz sind wir dann als Boronmönche verkleidet rein und haben die Burg übernommen. Das war ein Spaß.”
Wieder grinste der Mann. Er schien ganz in seinen Erinnerungen aufzugehen. Dann erblickte er jedoch Retos drohenden Blick und fand zu seiner Erzählung zurück.
”Viel mehr gibt’s auch nicht zu sagen. Wir haben gut Beute gemacht und wir waren derart viele, dass die anderen Burgen nicht gewagt haben, etwas gegen uns zu unternehmen. Diesen lächerlichen Haufen aus Bärenfang haben wir schlichtweg gefangen genommen. Was kommt der auch mit zehn Leuten um gegen hundert zu kämpfen.”
”Hundert?” echote Reto
”Na was glaubst du denn, Bürschchen?” erwiderte der Bandit hämisch ”Da kann euer kleiner Graf ruhig kommen. Wir machen euch schon fertig.”

Es brauchte einige Zeit, bis Robans Hände nicht mehr zitterten und das schier unerträgliche Brennen in seinen Augen auf ein erträgliches Maß zurück gegangen war. Die Hälfte seines Pfeifenkrautes hatte er daneben gekrümelt, aber das war ihm jetzt gleich. Die Pfeife brannte, und mit jedem Zug wurde sein Kopf wieder klarer.
”Zum Trauern wirst du später noch genügend Zeit haben”, hatte Answein gesagt. ”Richte deine Augen auf die Gegenwart, nicht die Vergangenheit!”
Und so miserabel er sich jetzt auch fühlen mochte, Answein hatte Recht mit diesen Worten. Der Kampf war nicht vorbei, er hatte eben erst begonnen, und der Gehörnte sollte ihn holen, wenn er jetzt kniff!
Irgendwann stand er auf, berührte vorsichtig seine aufgerissene Kopfhaut.
Ogermist!” fluchte er leise, als ein stechendes Brennen bis in die Haarspitzen fuhr, und stapfte zurück zu den anderen.
Reto verhörte gerade ihren Gefangenen, doch irgendwas schien nicht so zu laufen, wie es sollte. Der gefesselte Kerl grinste regelrecht unverschämt, und Reto stand dort mit einem Blick, als wolle er seinen Ohren nicht trauen.
”Hundert”, konnte Roban seinen Freund sagen hören, und hörte die unverschämte Antwort des Gefangenen. Er stieß eine Qualmwolke aus, marschierte zwischen den anderen hindurch, und noch ehe jemand ihn daran hindern konnte, packte er den Gefangenen mit der Rechten am Hals, schob ihn wie einen Sack Mehl vor sich her, bis er mit dem Rücken gegen einen Baum schlug.
”Ob ihr Hundert seid oder Tausend”, knurrte Roban und blies ihm eine beissende Rauchwolke ins Gesicht, ”wir werden euch kriegen, jeden einzelnen, und werden ihm am nächsten Ast den Hals langziehen, bis er keine Lust mehr am Atmen hat! Und dem Bastard, der Answein erschossen hat, werde ich persönlich die Klötze abschneiden und sie ihm ins Maul stopfen!”
Der Gefangene zappelte in dem Würgegriff, und die mit jedem Satz ausgestoßenen Rauchwolken machten seine Luftnot nicht besser. Noch einmal verstärkte Roban für eine Sekunde seinen Griff, dann ließ er den Mann achtlos fallen und wandte sich mit finsterer Miene zu anderen um.
”Einer der Leichtverwundeten sollte zum Hauptkontingent reiten und dem Grafen berichten. Gesehen haben wir mindestens fünfzig Streiter, der Großteil davon gut ausgebildetet, ausgerüstet, straff organisiert und geführt. Nach Aussage von unserem röchelnden Freund hier”, er stieß den nach Luft ringenden Mann mit dem Fuß an, ”sind es insgesamt hundert, von denen zumindest ein Teil in Burg Zwietrutz hockt, vermutlich mit den Bewohnern der Burg sowie der Bergbanner-Rotte als Gefangenen. Außerdem soll er von den eigenen Verlusten berichten, damit der Graf weiß, wie es um unsere Schlagkraft bestellt ist.”
Roban blickte kurz zu Boden, als müsse er sich sammeln.
”Ich gehe noch einmal über den Bach. Vielleicht hat diese Saubande noch was in diesem Gasthof oder was das war zurück gelassen, was uns weiterhilft.”
Ohne eine Reaktion abzuwarten, stapfte Roban los, nicht den Pfad entlang, sondern zum Waldrand, um querfeldein über den Bach zum Ort des Hinterhaltes zu gelangen.

Nachdem Etilian sich von Roban und dem sterbenden Rondrageweihten zurückgezogen hatte, begann er damit, die verbliebenen Kämpfer der Vorhut medizinisch zu versorgen.
Das meiste waren keine sonderlich beunruhigende Verletzungen. Auch Reto von Tarnelfurt, würde sicherlich mit einigen blutstillenden und heilungsfördernden Kräutern sowie einem guten Verband schnell zu helfen sein. Und so wand er sich zuerst einem älteren Kämpen zu, in dessen Oberschenkel sich einer der feindlichen Bolzen gebohrt hatte. Während der Heiler die Wunde versorgte, musste er immer wieder an all Jene denken, denen er nicht hatte helfen können: Answein, den Reitern der Vorhut, die nicht von der überstürzten Verfolgung zurückgekehrt waren, so Vielen in Darpatien...
Mehr um sich abzulenken, begann er den Worten des Gefangenen zu lauschen und war von der Anzahl ihrer Gegner und deren Organisationstalent ebenso überrascht, wie die meisten der Umstehenden es zu sein schienen.
Dem Grafen stand hier keine einfache Prüfung bevor.
Etilian konnte nur erahnen, wie groß der Druck auf den jungen Mann lasten musste, sobald ihm dies berichtet wurde. Wenn er hier versagte, konnte er das Vertrauen mancher seiner Vasallen vielleicht nie wieder zurückgewinnen.
Als der Edle von Lindholz-Hohenried hörte, wie Roban verkündete, den Gasthof durchsuchen zu wollen, richtete er sich auf, um die Aufmerksamkeit des ungestühmen Ritters zu gewinnen:
"Achtet auch darauf, ob es noch Überlebende gibt", bat er den Moorbrücker. Dann wand sich Etilian einem Kämpfer mit einer Schnittwunde am Unterarm zu.
Für einen Moment lag Roban eine bittere Antwort auf der Zunge. Wer war er denn, verwundete Kameraden zurück zu lassen?
Doch dann stellte er fest, dass er keinen Groll auf den Heiler empfand. Den trieb nur die Sorge um mögliche Verwundete, sogar solche des Feindes.
”Mach ich”, versprach er, ”ich schlepp zurück, was ich kann!”
Mit diesen Worten marschierte er durch das Unterholz davon. Die Wälder am Trolleck waren wirklich verfilzt wie die Haare eines Goblins, und es war nicht einfach, einen Weg zu finden, auf dem er vorankommen konnte, ohne wie ein Auerochse durch das Gestrüpp zu brechen.
In weitem Abstand zum Gasthof durchwatete er den Bach, schmierte sich auf der anderen Seite Lehm ins Gesicht, an den Hals, die Hände und die Ohrmuscheln, bis sein Antlitz so braun war wie das eines Waldmenschen. Dann ließ er den Wappenrock und das Kettenhemd zurück. Das dunkle Unterzeug tarnte erheblich besser als das strahlende Gelb der Grobhands.
In weitem Bogen näherte er sich dem Gasthof von hinten. Von dort würde der Feind wohl kaum einen Späher erwarten, doch schon von weitem erkannte er die Spuren zahlreicher Menschen und Pferde, die erst vor wenigen Minuten in großer Eile über den Pfad gezogen waren. Unter einem dichten Wacholderbusch verborgen beobachtete er gute zehn Minuten lang die Gebäude, doch dort rührte sich nichts. Entweder waren die Banditen wirklich schon weg, oder sie verhielten sich im Moment still.
Vorsichtig, von Deckung zu Deckung huschend oder kriechend, arbeitete er sich an eines der Gebäude heran, stieg durch ein offenes Fenster ein und durchsuchte es von oben bis unten, ohne brauchbares Ergebnis. Weiterhin vorsichtig filzte er dann auch das zweite, ehe er noch immer ohne Fund nach draußen trat, dieses Mal ganz offen.
Er ließ den Blick schweifen, noch immer darauf gefasst, dass jemand aus dem Hinterhalt auf ihn schoß. Der Gedanke, den Beschuss anlocken zu müssen, gefiel ihm nicht besonders, aber wenn wirklich noch ein Gegner in der Nähe war, würde er sich wohl kaum zeigen, wenn man ihm keinen Köder anbot.
Aber scheinbar war einfach keiner mehr in der Nähe, den er herauslocken konnte, also marschierte er zur Brücke hinüber, untersuchte die am Boden liegenden Leichen.
”Oger, Arsch und Zwirn!” fluchte er leise, als er einen der getöteten Edlen untersuchte. Man hatte ihm den Ringfinger der rechten Hand abgeschnitten, um den kostbaren Siegelring zu gewinnen. Er kannte den Mann nicht, aber man würde seiner Familie nicht nur eine traurige Nachricht zukommen lassen, sondern auch eine Warnung vor gefälschten Dokumenten mit ihrem Siegel.
An den toten Banditen fand er nichts, was ihm weiterhalf; auch deren Leichen hatte man wohl noch in aller Eile ausgeplündert. Minutenlang hockte er zwischen den Toten und dachte nach.
So viel Blut für einen so kleinen Grafen! War es das wert? Wollte er seinen verdammten Knüppeldamm mit so viel Blut bezahlen? Mit Answeins Blut? Oder war es nicht weiser, seine Klamotten zu packen und weiter in Hohentrutz Gräben zu schaufeln?
Ein Krächzen riss ihn aus seinen Gedanken. Er wandte den Kopf und sah zwei große Raben auf einem nahen Baum sitzen. Die Tiere betrachteten ihn wie einen Störenfried bei Tisch.
”Ja, ich bin ja schon weg!” seufzte er ergeben, zog dann den Körper des toten Edlen auf seine Schultern.
Heiliger Leomar! Hast du Wackersteine gefrühstückt?” fluchte er dann leise unter dem Gewicht und drehte sich noch mal nach den Raben um.
”Fresst die in den Zwietrutzer Farben zuerst!” rief er ihnen zu, dann stapfte er mit seiner traurigen Last davon.

Minuten später kehrte mit einigen Gemeinen zurück und holte die restlichen Gefallenen, die sie am anderen Ufer ins Gras betteten. Dorthin hatte er auch Answein getragen, denn er sollte mit Blick auf jenen Ort ruhen, wo er seine letzte Heldentat vollbracht hatte. Boronar schlug vor den aufgereihten Toten ein Boronrad. Er ging langsam vor ihnen entlang und überlegte. Was der gefangene Bandit zu erzählen hatte, klang beunruhigend.
Marodierende Söldner aus der Finstermark hier im Kosch, verbündet mit ausgebrochenen Sträflingen, gemeinsam einhundert Mann stark! Und sie hatten eine ganze Burg eingenommen und Geiseln.
Jedoch - und hier kam die hesindianische Tugend des Abwägens wieder hervor: Der Gauner hatte allzu bereitwillig geredet und war sich seiner Sache zu sicher. Hochmut kommt vor dem Fall!
Der Ritter vom Kargen Land sah, wie sich Roban Grobhand von Koschtal vor seinen toten Verwandten gestellt hatte. Er schien ruhig, doch seine geballte Faust zitterte. Boronar ging zu ihm hin und klopfte ihm auf die Schulter, um ihm Mut zuzusprechen.
"Er ist gestorben, weil er für die Sache des Grafen gekämpft hat. Wir können gemeinsam dafür sorgen, dass es nicht umsonst gewesen ist."

Eine halbe Stunde später, war schließlich der stampfende Schritt der Hauptmacht zu hören. Als die ersten Truppen den Hügel überquerten und sich der Brücke näherten, setzten sich die Hügelländer Spießgesellen, die die Spitze bildeten, ab, stürmten im Laufschritt über die Brücke und bezogen auf der gegenüberliegenden Seite Aufstellung.
Der Verschlag der gräflichen Kutsche öffnete sich und Wilbur stieg aus seinem Reisegefährt. Der junge Graf war sichtlich bleicher als noch vor wenigen Stunden. Der Bote hatte ihn bereits in die Vorkommnisse eingeweiht, doch die Gefallenen vor Augen zu haben bereitete dem Grafen sichtlich Schwierigkeiten. Langsam trat er an die Gefallenen heran und betrachtete jeden einzelnen.
Mit einem Mal griff sich der Graf mit der rechten Hand an den Mund, beugte sich vornüber und übergab sich. Der Tag war zu viel für den jungen Mann. Nicht genug damit, dass er die Verantwortung für ein Heer trug, nein, nun hatte eine seiner Entscheidungen einigen Männern und Frauen den Tod gebracht.
Betreten blickten die Bewaffneten des Heeres den Grafen an, bis Hernobert von Falkenhag eine ungehaltene Geste zu Dorinde von Cellastein, der Hauptfrau der gräflichen Leibgarde, machte und diese ihre Leute den Grafen abschirmen ließ.
Wilbur wankte auf Hernobert und Gero vom Kargen Land gestützt zurück in die Kutsche. Kurz darauf wurden die Unterführer zur Kutsche gerufen.
Graf Wilbur war noch immer bleich und saß sichtlich ermattet auf der Kutschbank. Ihm gegenüber saß Hernobert von Falkenhag. Der Vogt schien nun für den Grafen zu sprechen.
”Wir begraben unsere Toten, verbrennen die toten Schurken und rücken dann weiter vor. Die Vorhut bleibt näher am Hauptheer und geht ab sofort vorsichtiger vor. Es sollten nur noch etwa zwei Wegstunden bis zur Burg sein, also seid doppelt vorsichtig. Der Feind ist offensichtlich besser organisiert, als wir angenommen haben.”
Graf Wilbur selbst sagte kein Wort und nickte nur.
Nachdem sich die Unterführer zu ihren Truppenteilen begeben hatten, sagte er leise zu Hernobert und Gero: ”Wenn das alles vorbei ist, werde ich hier einen Schrein errichten. Alle Welt soll von der Tapferkeit Answeins erfahren.”
Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, sackte er zurück und begann unruhig zu schlafen. Vogt Hernobert verließ die Kutsche, um ein Auge auf die Truppen zu haben und ihnen Mut zuzusprechen. Gero vom Kargen Land wachte derweil über den schlafenden Grafen.

Der Kutscher ließ die Peitsche knallen und die Pferde setzten sich erneut in Gang. Langsam rumpelte die Kutsche über die alte Holzbrücke.
Es knarrte und knirschte. Die Brücke hatte heute viel mitgemacht. Erst waren zwei Reiterkavalakaden über sie hinweg gedonnert und dann waren die Hügelländer Spießgesellen im Gleichschritt über sie hinweg gestürmt. Die Kutsche des Grafen war nun der Tropfen der das Fass zum überlaufen brachte.
Als die Pferde und die erste Hälfte der Kutsche bereits auf der anderen Seite des Baches waren, gab die Brücke nach und riss die Kutsche zwei Schritt weit in den Abgrund. Die Hinterräder schlugen hart auf dem Bachbett auf und brachen.
Stumm vor Überraschung beobachtete das Heer den Fall der Kutsche. Die gräflichen Leibgardisten sprangen bereits in den Bach, um dem Grafen zu helfen, doch da öffnete sich die linke Tür der Kutsche und der Graf taumelte aus der Kutsche heraus.
Benommen versuchte er aus der Kutsche zu steigen, doch noch bevor seine ersten Leibwächter herbei waren, versuchte er es auf eigene Faust und stürzte der Länge nach in den Bach.
Sofort waren die ersten Wachen herbei und halfen dem benommen Graf wieder auf. Wilbur sah aus wie ein Häufchen Elend. Nass und bleich taumelte er aus dem Bach. Sofort eilten Diener mit warmen Decken herbei.
Der Kutscher versuchte derweil die aufgeregten Pferde wieder unter Kontrolle zu bringen. Vogt Hernobert herrschte einen Haufen Kämpfer aus Zwischenwasser an die Kutsche aus dem Bach zu schaffen, während er besorgt zum Grafen blickte. Wilbur hatte heute keine gute Figur gemacht und nun war auch noch die Kutsche kaputt.
Hernobert war sich nur allzu bewusst, dass sie nur ein Ersatzrad im Tross hatten. Wie sollte der Graf nun weiterreisen?
Es war allgemein bekannt, dass Wilbur panische Angst vor Pferden hatte. Zu Fuß wie das gemeine Fußvolk war für einen Grafen nicht angemessen, aber auch auf einem der Trosswagen würde Wilbur kaum eine gute Figur machen.

Nachdem er seinen Waffenrock vom Bachufer zurück geholt hatte, hockte Roban sich neben das Bachufer, starrte mit finsterer Miene zu Answeins Grab hinüber und ließ sich die Worte des Ritters vom Kargen Land noch einmal durch den Kopf gehen?
Answein war hauptsächlich gestorben, weil er nichts mehr gefürchtet hatte als den Tod als zittriger Greis im Bett. Er hätte sich wohl jedem legitimen Feldzug angeschlossen, um wie ein Krieger diese Welt zu verlassen, und genau das hatte er geschafft. Die Sache von Graf Wilbur war für den Geweihten eher nebensächlich gewesen, der Zug zum Trolleck einfach eine passende Gelegenheit. Roban hatte all das gewusst, trotzdem traf ihn der Abschied schwer.
Umsonst war sein Tod nicht, vermutlich hätte man die Vorhut noch ärger zerrupft, hätte er den Feind nicht an der Brücke aufgehalten.
Der Koschtaler blickte hinüber zu den Kämpen aus Zwischenwasser, die sich zwar redlich abmühten, die Kutsche zu bergen, doch bislang widersetzte sich das Gefährt allen Versuchen. Und selbst wenn man den Karren wieder an Land zerrte: die Hinterräder waren nicht mehr zu retten, dass sah sogar ein Laie wie er.
Jetzt würde Hochwohlgeboren sich entweder doch noch auf einen Gaul setzen oder den Rest den Weges mauken müssen. Aber wie er den schlotternden Grafen einschätze, würde man hier herum lungern, bis eine Ersatzkutsche anrückte.
Roban schüttelte den Kopf. Wenn das wirklich passierte, verlor man vermutlich eine ganze Woche, in welcher der Feind weitere Pläne fassen und Vorbereitungen treffen konnte. Man würde eine andere Lösung finden müssen, damit der Graf schnell aber trotzdem standesgemäß weiterreisen konnte, so ungern Roban sich das eingestand. Aber womit?
Er starrte durch die offene Kutschentür in das Innere auf die Polster. Wenn man die Sitzbank auf Rollen setzen konnte...oder sonstwie mobil machen...
Mit einem Ruck erhob er sich und stapfte in Richtung Reto von Tarnelfurt. Vielleicht ließ sich aus den Überresten der Kutsche und den paar Möbeln aus den Gebäuden so etwas wie eine Sänfte zimmern, vermutlich keine schöne, aber solide genug, dass Graf Wilbur auf ihr den Weg bis nach Zwietrutz bewältigen konnte. Und Reto schien im Umgang mit Holz etwas geübter zu sein als er selbst.

Gero vom Kargen Land war erleichtert, dass sich die zusammenbrechende Brücke nicht als "Grafenmacher" erwiesen hatte. Wilbur hatte den Unfall überlebt, wenn auch nicht unbeschadet.
Nun galt es jedoch das nächste Problem zu lösen: Die Kutsche war so schnell nicht wieder herzurichten. Die Tatkräftigkeit der Moorbrücker kam gerade recht.
Solange die Leute etwas zu tun hatten, fingen sie nicht das Grübeln an! Also gab Gero einigen der gräflichen Soldaten die Anweisung, mit anzupacken und die Gebäude nach brauchbarem Holz zu durchsuchen.
Sein Neffe Boronar jedoch blickte sinnierend auf die Kutsche. Dann stapfte er, einer Eingebung folgend, zum Bach hinunter und löste gemeinsam mit einigen Helfern die zerborstenen Räder vom Rumpf des Gefährts.
Anstatt jedoch das Holz achtlos wegzuwerfen, machte er den anderen Zeichen, die Einzelteile sorgsam zu behandeln und auf die Seite des Ufers zu bringen, von der sie ursprünglich gekommen waren. Als das geschehen war, nahm er eines der Stücke und legte es auf eines der Gräber.
Das zerbrochene Rad - das Zeichen Borons...
Einige der anderen legten das restliche Holz der Räder auf die anderen Gräber. Still betete Boronar zu dem Gott, nach dem er benannt worden war.

Es dauerte Stunden, bis die Kutsche geborgen war und das gesamte Heer auf der anderen Seite angekommen war.
Gemeine wie Ritter tuschelten über das Geschehene. Manch einer sprach von einem schlechten Omen, andere munkelten, dass der Graf kaum in der Lage sein würde den Feldzug fortzusetzen.
Roban Grobhand von Koschtal hatte die Arbeiten geleitet und nun einen etwas kurios wirkende Pferdesänfte zusammen gezimmert. Sie würde dem Grafen erlauben weiterzureisen, ohne allzu viel Ansehen zu verlieren.
Am heutigen Tag würde dies jedoch nicht mehr geschehen. Die Dämmerung war nicht mehr fern und niemand wollte bei hereinfallender Dunkelheit am Trolleck aufmarschieren. Vor allem nicht nach den heutigen Ereignissen.
Es war bereits spät am Abend und die Nachtwachen hatten ihre Positionen bezogen.
Die edlen Feldzugsteilnehmer waren im alten Gasthaus untergebracht worden, während die Gemeinen in Zelten, oder in der Scheune nächtigten. Graf Wilbur hatte das beste Zimmer im Wirtshaus bezogen und wurde von seiner Leibgarde abgeschirmt. Nicht einmal Gero vom Kargen Land, oder Hernobert von Falkenhag wurden zum Graf vorgelassen.
Schließlich wurden die Hauptleute zusammengerufen. Graf Wilbur saß auf einem Stuhl. Er war eingewickelt in eine dicke Decke und im Kamin prasselte ein munteres Feuer. Die Wärme im Raum verschlug einigen der Hauptleute den Atem. Besorgte Blicke trafen den Grafen, doch bevor jemand den Grafen nach seinem Befinden fragen konnte, begann Wilbur zu sprechen:
”Wir werden morgen in aller Frühe zum Trolleck aufbrechen. Sobald wir dort angekommen sind, werden wir die Burg Zwietrutz unter Belagerung stellen und im Morgengrauen des folgenden Tages erstürmen.”
Die ganze Zeit über hatte der Graf seinen Hauptleuten den Rücken zugekehrt und starrte ins Feuer. Irgendetwas in der Stimme des Grafen ließ jeden Widerspruch verstummen. Polter von Pirkensee war der erste der aus seiner Starre erwachte.
”Jawohl mein Graf.” rief er und donnerte die Faust zum Kriegergruß auf die Brust. Nach kurzem Zögern folgten ihm die anderen Anwesenden.