Ankunft in Weidleth - Hungersteg

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Texte der Hauptreihe:
K1. Ankunft in Weidleth
Bor 1031 BF
Ankunft in Weidleth

Kapitel 1

Begrüßung
Autor: Corvinius
1031 BF, Nordmarken

Kaiserlich Weidleth:

Wie so oft im Boronmond lagen über dem Tal des Großen Flusses die morgendlichen Nebelschleier, die an manchen Tagen die mächtige Höhenburg zu Weidleth beständig in gespenstiges Zwielicht tauchte. In der Ferne glitten schwarze Raben im aufsteigenden Talwind vom Eisenwald hinab zu der kaiserlichen Feste. Mit der Zeit ließen sich immer mehr der Boronvögel auf den dunklen Mauern nieder und starrten mit unergründlichen Augen auf die Menschen im Burghof nieder.
In der Ferne glitten die kleinen Segelboote und Treidelkähne auf ihrem Handelswehen gemächlich über den Großen Fluss, und die kleine Anlegestelle von Hungersteg hatte sich gefüllt. Ankommende Gäste, die eine komfortable Flussreise dem Ritt zu Pferde vor zogen, begleitet von Dienerschaft und Bedeckung, Mägde und Knechte, die den frischen Fang der Fischer für die Burgküche begutachtete, wie auch ein großer Teil des Dorfvolks, dass einen raschen Blick auf die betriebsame Szenerie werfen wollten.
Nicht weit von Hungersteg entfernt erhob sich auf halber Strecke zur Burg Weidleth das Turnierfeld, das von einer hölzernen Tribüne flankiert, und von Ritterzelten umgeben war. Einige der Wappenpfähle trugen bereits die Farben ihrer Besitzer und auch die Banner und Wimpel der verschiedenen Adelshäuser flatterten bereits stolz im Wind. Gegenüber der Zuschauempore hatte sich bereits der Turnierherold, Wieland von Trauerbrück, eingerichtet und brütete über gewaltigen Wappenrollen. Umringt von zwei Lakaien mühte sich der rüstige Verwalter die Ahnenreihen der Ritter zu prüfen. Als ein klappriger Ochsenkarren den Weg zur Burg nahm, sah der Kastellan von seinen Unterlagen auf.
Schlingernd folgte der offene Planwagen dem geschlungenen Pfad den Weg hinauf zur Burg Weidleth. Der stämmige Kutscher hatte schwer damit zu kämpfen, den störrischen Ochsen zu bändigen und gleichzeitig nicht mit den Rädern über den Abgrund zu geraten. Das beständige Schaukeln brachte die schweren Eichenfässer, die sich aufeinander gestapelt auf der Ladefläche erhoben, gerieten heftig ins Schwanken und drohten ein ums andere Mal in die Tiefe zu stürzen.
Dicke Schweißtropfen hatten sich derweil auf der fliehenden Stirn des Händlers ausgebreitet und drohten ihm in die Augen zu laufen. Mit einem verzweifelten Hieb seiner dünnen Peitsche gelang es ihm schließlich unter Anstrengungen den Ochsen die letzten Schritte hoch vor das Tor der Vorburg zu zwingen.
Erschöpft, aber auch froh, den nicht ungefährlichen Weg hinter sich zu haben, sprang Grindal steif vom Bock und schob einen schweren Holzkeil hinter das linke Rad, um ein Zurückrollen zu vermeiden. Mit einem grauen Lumpen wischte er das feuchte Nass beiseite, ehe er sich dem Mannloch zu wandte und zaghaft mit der Faust gegen das dunkle Steineichenholz pochte.
Er machte eine Bewegung über sich aus und streckte den Kopf in den Nacken. Doch noch bevor er ausmachen konnte, was dort oben im umkränzten Wachturm vor sich ging, öffnete sich vor ihm auch schon das breite Flügeltor, um dem Weinhändler den Weg, vorbei an zwei Wachgardisten, in die Vorbug freizugeben, wo sich neben dem Gesindehaus auch die Stallungen befanden, auf das Grindal so gleich zu hielt.
Schnell hatte er seine Ware abgeladen und war gerade damit beschäftigt den Ochsen in den Stall zu führen, als sich ein blonder Knabe von etwa 12 Sommern aus der Dunkelheit schälte. Er war aus einer der Boxen getreten und blickte fragend zu Grindal hinauf.
"Kann ich etwas für Euch tun, Herr?"
Der Blick des Jungen wanderte unsicher umher nd er versuchte das Heu, dass er noch im Haar an seinem Leinenhemd hing los zu werden.
"Ich bin Grindel, der Weinhändler und habe hier eine Ladung feinsten Yaquirtalers."
Die Augen des Knaben weiteten sich in Argwohn, als ihm auch schon ein: "Das seid ihr nicht, ich kenne doch", entschlüpfte. Im nächsten Moment verfluchte er sich und seine flinke Zunge bereits bitterlich, als Grindel die Türe hinter sich ins Schloss zu warf.
Die Höhenburg war weithin gerühmt für ihren säulenlosen Rittersaal, der auf 20 mal 30 Schritt erstreckte und schon dem halben Reich als prächtiger Festsaal gedient hat. Hier befand sich die Burgherrin Yolande von Mersingen ä.H. und sah abschätzend zu ihren Vetter Welfert hinüber, der sich entspannt in auf einem gepolsterten Sessel zurücklehnt hatte und verträumt an einem silbernen Weinkelch nippte.
Seine Aufmerksamkeit galt dem kunstvollen Wandteppich, der einen geraumen Teil der Wandvertäfelung überdeckte. Auf freiem Feld sah der Betrachter ein Einhorn, das vor einem Ritter ehrerbietig die Hufe beugte.
"Die ersten Gäste treffen bereits ein."
Dunkle Augen fixierten ihren ehemaligen Knappen, der ihrer Verstimmung mit einem unverbindlichen Nicken begegnete.
"Du bist dir anscheinend sehr sicher, dass ich gut von dir beraten war, Pervalsstieg als Preis auszuschreiben?"
Der schwarzgewandete Baron zu Aschenfeld grinste breit.
"Ihr könnt Euch wie immer auf mich verlassen. Euch fällt die ehrenvolle Aufgabe zu, unser Haus zu führen. Mir obliegt es selbiges zu schützen, solange es Euch gefallen mag."
Er schaute stolz und siegessicher zu seiner ehemaligen Schwertmutter hinüber, die ihm seit Kindheitstagen engste Bezugsperson war und ihm gar näher stand als sein erlauchter Bruder. Sie war neben seiner Gattin, die er allerdings auch ob ihrer weit reichenden Beziehungen ehelichte, und seinem wohlwollenden Bruder wohl der einzige Mensch, dem der selbstverliebte Mersinger Spross ernsthafte und aufrichtige Zuneigung entgegenbrachte.
Ein amüsierter Seufzer war jedoch alles, was er von seiner strengen Base erntete.
"Wir wünschen keinen Eklat, Welfert."
Die Stimme der Pfalzgräfin hatte etwas Endgültiges als sie ihn fixierte, und der elegante Baron wusste, dass es an der Zeit war Einsicht zur Schau zu tragen. Mit einem ergebenen Diener zog er sich zurück.
Kaum hatte sich die eisenbeschlagene Türe hinter dem Rabenmärker Heermeister geschlossen, als er sich aufrichtete, umwandte und den gemäldegeschmückten Gang entlang eilte.
An seine ihm still folgenden Knappen gerichtet sagte er: "Haltet euch mit euren Narreteien zurück. Ihr habt gehört, Ihro Hochwohlgeboren wünscht keinen Eklat."
Derweil sie sich mühten, dem davoneilenden Welfert zu folgen, blickten sich Niam und Dajin von Gor verständnislos an, waren die Worte Yolandes doch nicht an sie gerichtet gewesen. Zeitgleich breitete sich ein überhebliches Grinsen auf ihren Gesichtern aus.
"Und wischt euch das unschickliche Grinsen aus dem Gesicht, wenn ihr nicht wollt, dass andere euch bei diesem Grimassenschneidern ertappten", zischte Welfert, der den Palas mit schnellen Schritten verließ und dem Tor der Hauptburg entgegenstrebte, durch das sich soeben die ersten Gäste zwängten.
Im Hof der Hauptburg schwirrte das Gesinde durcheinander, als es sich mühte, Kost und Unterkunft für die hohen Gäste zu bereiten, die der Einladung zur Turney folgen würden. Während Welfert die von der jüngst bestallten Jagdmeisterin ausgelegte Jagdstrecke neugierig beschaute, trat eine geduckte Gestalt an den Baron heran und deutete eine Verbeugung an. Der in grüne Seidengewänder gehüllte Mann hatte einen gehetzten Blick und sprach viel zu schnell als er ansetzte.
"Es ist alles zu Seiner Hochgeboren Wohlgefallen vorbereitet."
"Das zu Entscheiden obliegt alleine mir, Ivano."
Erst jetzt bedachte der Mersinger seinen Sekretär mit seinem Blick. Gemächlich wanderten seine braunen Augen über dessen kostbares Gewand.
"Du solltest besser kein Grün tragen. Das bringt deine große Nase zum Vorschein."
Welfert gab vor, dass hasserfüllte Blitzen in den Augen seines Schreibers nicht zu sehen.
"Und nun entferne dich, Wir wollen Unsere Gäste begrüßen."
Mit einem einnehmenden Lächeln und vor Freude funkelnden Augen wandte er sich seinen Gästen zu, indes sich sein Schreiber enttäuscht zurück zog.

Der Brücksgauer:

Der frischgebackene Pfalzgraf war lediglich mit zwei Begleitern angereist. Ihm erschien es reichlich unpassend, in diesen stürmischen Zeiten mit großem Gefolge und Gepränge zu einem Turnier anzureisen, ganz abgesehen davon, dass er von derlei Hoffärtigkeiten ohnehin nicht viel hielt. Lange hatte der junge Adlige überlegt, ob er überhaupt an dem Turnier teilnehmen sollte, zumal ihm die Pervalschen Regeln nicht sonderlich zusagten.
Den Ausschlag für sein Erscheinen gaben letztlich zwei Faktoren: Zum Einen hatte er ohnehin vor, nach Weidleth zum Reichstag zu reisen, schon allein um der Kaiserin den Lehenseid persönlich zu leisten, zum Anderen, da das Turnier direkt vor dieser großen Zusammenkunft des Adels des Raulschen Reiches stattfand und Ugdalf so seine Abreise einfach nur um einige wenige Tage vorverlegen musste.
Und zudem war dies eine gute Gelegenheit, erste Kontakte zu Adligen außerhalb der Wildermark zu knüpfen.
Kurz nach seiner Ankunft in Weidleth suchte der Pfalzgraf Baron Welfert als Gastgeber und Pfalzgräfin Yolande als Hausherrin auf, um ihnen nach alter Sitte seine Aufwartung zu machen. Sein Zelt ließ er an einer freien Stelle am Rande des Turnierplatzes errichten, flankiert von seinen Waffen und seinem Schild. Anschließend nutzte er einen Augenblick der Muße, um in Erfahrung zu bringen, welche Streiter außer ihm sonst noch dem Ruf des Barons aus der Rabenmark gefolgt waren.
Zunächst war er ein wenig enttäuscht, dass sowohl Zahl als auch Prominenz - zumindest für sein Empfinden - der Teilnehmer recht gering waren, sah man von dem weitgerühmten Baron zu Hirschfurten oder Ugdalfs Landsmann Riko Sterz ab, welchen er zumindest dem Namen nach kannte.
Aber schon einem Moment später schalt er sich einen Narren: Als ob es bei einer ritterlichen Turnei nur auf solche Äußerlichkeiten ankam!
Die verbleibende Zeit nutzte der junge Adlige, um sich mit den anderen Streitern bekanntzumachen und sich auf seinen ersten Kampf vorzubereiten.